Torres del Paine.

27 02 2009

4 Tage und 50 Km sind es geworden. Bei den erhofften 10 Kg auf dem Rücken ist es nicht geblieben, es waren eher 15 Kg. 40 Km davon mit vollem Gepäck bei Regen, strahlender Sonne oder drückender Schwüle, bergauf und bergab, über Stock und Stein, durch Wald und über Felsen, über Bäche hinweg oder direkt im Flußbett entlang, bei Windgeschwindigkeiten bis 90 Km/h, wo eben der Wind und nicht die Motorik entscheidet, wohin man als nächstes seinen Fuß setzt. Anstrengend war’s und es hat ziemlich geschlaucht.

Als Stadtmenschen sind wir es eher gewohnt vier Tetrapak Milch aus dem Supermarkt um die Ecke zu holen, als tagelang teils recht anspruchsvolle Strecken mit gut Gepäck zu meistern. Trotz erstklassigen Schuhwerks knickt man im Geröll um, der gemietete Rucksack mit quasi nicht existenten Polstern schneidet einem die Schultern ein, die 1 mm dicke Isomatte beschert unerholsame Nächte, die Kondition läßt zu wünschen übrig. Willkommen im Tal der Tränen.

Erschöpfung und Schmerzen also. Und wofür? Dafür!

Bergseen in Farben von milchig-türkis über ultramarin bis zu tiefem Lapislazuli-blau, wie der Stein, den man vornehmlich in Afghanistan, Rußland oder eben hier in Chile findet. Flüsse die glasklares Wasser direkt von einem der vielen Gletscher führen, so dass es bedenkenlos trinkbar ist. Der 270.000 qm große Grey-Gletscher, ein Ausläufer des südpatagonischen Inlandeises, der so eisblau schimmert, wie man es aus der Reklame kennt, die für irgendwas mit „iced menthol“ wirbt. Der majestätische, schneebedeckte Cerro Paine Grande, der über dem Frances Gletscher thront. Dort wo man unter lautem Getöse lawinenartige Schneeabgänge nicht nur sehen, sondern auch hören und man durch das malerische Valle de Francés wandern kann. Das Tal, das spektakuläre Rundumsichten auf die schönsten Bergmassive des Nationalparks wie die Torres (=Türme) oder die Cuernos (=Hörner) bietet und Postkartenmotive am laufenden Band liefert. Dort wo man live erleben kann, wie sich aus aufsteigenden Wassertropfen Wolken bilden. Und meistens mit so gutem Wetter, wie man es selten im Torres del Paine hat.

Es war einfach großartig – trotz der Anstrengungen. Und nun, nach 4 Tagen in den selben Klamotten, umschmeichelt ein Odor aus frischen Brötchen und einer gerade gemähten Frühlingswiese unsere Körper.

Nach der Tour erholen wir uns noch 2 volle Tage bei Spaßvogel Alejandro im Hostal Dos Lagunas in Puerto Natales am „Fjord der letzten Hoffnung“. Es gibt wieder ein richtiges Bett, eine Dusche und vernünftiges Essen und nicht mehr nur Tütensuppe zum Frühstück oder zuckersüße Kalorienlieferanten und Instant-Futter. Das lokal gebraute Baguales-Bier schmeckt ganz hervorragend und auch ein frisch gepresster Mangosaft weiß zu munden. Am Samstag geht es dann weiter nach El Calafate auf argentinischem Boden, wo der riesige Perito Moreno Gletscher schon auf uns wartet und wir für 2 Nächte bleiben werden.

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Wind.

22 02 2009

Ort: Puerto Natales (CHL)
Zeitunterschied: MEZ -4 Std.
Wetter: wechselhaft mit Wind

Patagonien an der Magellanstraße ist noch sehr jung, gerade etwa 15.000 Jahre alt und hat eine sehr dünne Erdschicht. Im jetzigen Sommer fällt es der Sonne leicht diese schnell aufzuhitzen, was warme bodennahe Luft zur Folge hat. Der Humboldtstrom wiederum bringt kaltes Wasser aus dem antarktischen Meer und das ist nicht das einzige was kalt aus dem Süden kommt, nämlich kalter Wind. Trifft nun die kalte auf die warme Luft, wird die warme nach oben verdrängt und dort abgekühlt, was bewirkt, dass diese wieder in den Kreislauf eintritt. Und das bedeutet Wind. Verdammt viel Wind.

Warum die Gegend um Puerto Natales eine Wettervorhersage hat, weiß kein Mensch. Das Wetter ist so vorsehbar wie die Lottozahlen und so wechselhaft wie täglich Aprilwetter, da es sich wirklich alle 10 Minuten massiv ändern kann. Das einzige was hier beständig ist, ist eben der Wind. Verdammt viel Wind.

Doch der Reihe nach. Von Ushuaia ging es mit dem Bus nach Punta Arenas. Die selbsternannte Hauptstadt Südpatagoniens ist nicht wirklich eine Perle, nur das Museo Salesiano konnte Interessantes über die Ureinwohner und den Einfluß der ersten Missionare vermitteln. 2 Nächte waren genug. Die Türme riefen.

Und zwar die Torres del Paine, was soviel wie „Die blauen Türme“ heißt und ein bemerkenswertes Bergmassiv ist. Gleichzeitig standen sie Namenspate für den gleichnamigen Nationalpark in der Nähe der kleinen Stadt Puerto Natales, die quasi als Basecamp für Ausflüge in den Nationalpark dient. Und den werden wir ab Sonntag für 5 Tage bewandern.

Die Route, die wir zu gehen gedenken, nennt sich das „W“, da es in etwa die Form eines eben solchen hat. Und machen wir uns nichts vor, wir sind Amateure mit mehr Ausrüstung als Ahnung. Zum Glück gibt es jeden Tag den sogenannten „3 o’clock talk“ im Erratic Rock, einem Hostel in Puerto Natales, eine umfangreiche Frage- und Antwortstunde mit Rustyn einem passionierten Trekker und Herausgeber des Black Sheep, dem lokalen Traveller-Magazin. Nach 1,5 so unterhaltsamen wie informativen Stunden waren wir um einiges schlauer, um nicht zu sagen erleuchtet. Die Vielseitigkeit der 4 verschiedene Klimate im Nationalpark und das unkalkulierbare Wetter sind selbst für erfahrene Wanderer Neuland. Um es kurz zu machen, ohne diese Einweisung hätten wir alles falsch gemacht, was man hätte falsch machen können.

Nun haben uns nun mit Zelt, Isomatten, Kocher und Kochgeschirr, sowie reichlich Kalorien in Form von Müsli- und Schokoriegeln, Trockenobst, Nüssen, Instant-Nudeln und Tütensuppen eingedeckt, um am Sonntag für 5 Tage der Zivilisation den Rücken zu kehren. Also fast. Wir werden 2 Nächte für lau auf rustikalen Campingplätzen ohne alles campen und 2 Nächte auf privaten, organisierten Campingplätzen mit Duschen, Essmöglichkeiten, etc, unterkommen.

Insgesamt werden wir etwa 75 Km mit 10 Kg auf dem Rücken zurücklegen. Wir freuen uns auf unglaubliche Gletscher, Natur pur und viel Wind. Verdammt viel Wind.





Feuerland.

18 02 2009

Ort: Ushuaia (ARG)
Zeitunterschied: MEZ -4 Std.
Wetter: wolkig mit teilweise Regen, 13 Grad Celsius

Als in den 1870er Jahren die ersten europäischen Kolonialisten in den Süden des Kontinents kamen, sahen sie die großen Feuer der einheimischen Ethnien der Yámana und Selk’nam und tauften das in etwa dreieckige Stück Erde Feuerland. Heute sind die ehemals etwa 12.000 Ureinwohner durch systematischen Genozid und eingeschleppte Krankheiten praktisch ausgestorben. Ein weiteres Kapitel erfolgreicher Expansionsbestrebungen der alten Welt. Der Name Patagonien leitet sich vom Mythos der Patagons ab. Angeblich waren sie eine Rasse von gigantischer Größe, eine mögliche Namensherkunft könnte sich vom spanischen Patagón ableiten, was so viel heißt wie Großfüßer, da die Europäer von den großen Fußabdrücken der Eingeborenen beeindruckt waren.

Ushuaia, „Die zum Sonnenuntergang hin gewandte Bucht“, ist heutzutage mit ca. 60.000 Einwohnern die größte Stadt in Feuerland und für 3 Nächte unser Zuhause. Wir sind bei Alejandro und Frances im Galeazzi & Basily untergekommen. Und wenn sich das wie bei Familie oder Freunden anhört, dann ist das auch in etwa so. Unser Zimmer muss früher mal ein Kinderzimmer gewesen sein, wir haben im großen Esszimmer gespeist und teilten uns die Küche. Ein wenig wie bei Muddern. Hannah und Christian, zwei Bald-Freiburger, waren unsere Zimmernachbarn.

Doch das Kapitel Feuerland begann 3 Uhr morgens in BsAs. Die Hauptstadt verabschiedete uns mit 27 Grad in der Nacht und argentinischer Behäbigkeit am internationalen Flughafen. Nachdem die gefühlt 5 Km lange Schlange am Check-in nicht kürzer wurde und unser Abflugtermin immer näher rückte, sahen die Flughafenangestellten auf Nachfrage vorerst keinen Grund in Panik auszubrechen. Das änderte sich schnell. Also zumindest kurz. Ein extra Check-in Schalter wurde aufgemacht und wir konnte uns in die abermals ewig lange Wartereihe an der Security-Schleuse einreihen, wo wiederum kein Sicherheitspersonal in Sichtweite war. Viel Freude bereiteten dann die lokalen Sicherheitsstandards, als dann bei jedem Passagier, der durch die Schleuse ging, der Alarm losging und der zuständige Beamte mit Bauchgefühl entschied, wen er kurz nach Feuerwaffen und ähnlichem kontrollieren könnte. Nie waren die Chancen besser, 5 Kg TNT oder eine große Koksladung unbemerkt ins Flugzeug zu schmuggeln. Die 3.000 Km waren in 3,5 Stunden bewältigt und so sahen wir uns nun kaum 2.000 Km von der Antarktis entfernt.

Die Temperaturen sind im patagonischen Sommer mit tagsüber 13 Grad aber noch überschaubar, der Wind hält sich jenseits der Andenkette in Grenzen und die Umgebung ist schwer beeindruckend. Die Ausläufer der Anden flankieren den Stadtrand im Norden, der Beagle Kanal im Süden und das dünn besiedelte Eiland bietet viel Natur. Die argentinische Skinationalmannschaft fährt hier regelmäßig ins Trainingslager, da es auf geringer Höhe schneebedeckte Höhen gibt, die im Winter top Pulverschnee versprechen. Wir konnten die erste Trekkingtour durch den Nationalpark „Tierra del Fuego“ erfolgreich absolvieren und wilde, exotische Tiere wie Enten und Hasen beobachten. So sieht also das Ende der Welt aus.

Argentinien ist etwa eintausend Mal so groß wie das Saarland, wobei das Saarland ja immer als Vergleich herhalten muss, wenn in Australien mal wieder der Busch brennt oder im Amazonas Regenwald abgeholzt wurde, hat aber nur 37 Mio Einwohner. Hätte Argentinien die gleiche Einwohnerdichte wie das Saarland, würden über eine Milliarde Menschen in der Pampa wohnen. Tun sie aber nicht. Und daher gibt es viel unbesiedeltes Land und viele Estancias. Eine Estancia ist eine Farm, die auf Vieh- und Weidewirtschaft spezialisiert ist und heute ein wichtiger Teil der argentinischen Identität ist. Und Harberton war die erste Estancia auf Feuerland. Mit Hannah und Christian ging es also im gemieteten Chevrolet Corsa 85 Km nach Osten, wobei 45 Km über unbefestigte Straße und durch das wilde, ursprüngliche Feuerland führten. Dichte, grüne Wälder mit ungewöhnlichen Baumfriedhöfen, wo die Bäume aufgrund des Klimas 400 Jahre zum verrotten brauchen oder auch windschief gewachsenen Fahnenbäume, halbwilde Pferde und rauhe Küste. Bilder wie man sie von Postkarten aus Kanada oder Neuseeland kennt.

Das Bild änderte sich, als es nach 3 Tagen am Arsch der Welt, gen Norden via Rio Grande auf einer 12-stündigen Busfahrt nach Punta Arenas auf chilenischem Territorium gehen sollte. Goldgelbe Pampa, die patagonischen Grassteppe, Wolken wie Zuckerwatte auf bilderbuchblauem Himmel, frisch geschorene Schafe, hier und da ein Guanako, Nandus. Und ein erster Vorgeschmack, wer demnächst unser ständiger Begleiter sein wird. Wind.





Colonia liegt in Uruguay oder Keine Südfrüchte in Ushuaia.

13 02 2009

Bevor es mit dem Schnellboot über die braune Brühe namens Rio de la Plata gen Colonia (Achtung nicht zu verwechseln mit der Stadt in der Nähe der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt) in Uruguay gehen sollte, fiel mir in der Wartehalle von Buquebus, die Lokalzeitung „Argentinisches Tageblatt“ in die Hände. Die mittlerweile nur noch wöchentlich erscheinende Speerspitze des investigativen Journalismus glänzt durch eine hohe Fehlerquote bei Orthographie und Grammatik, macht keinen Hehl daraus parteilich zu sein und ist nicht nur bei der Wahl der Worte antiquiert. So wurde zum einen die Entscheidung der Regierung Carlos Nemen’s aus dem Jahre 1990 gelobt in das Telefonwesen zu investieren, da dieses Telefonieren wirklich zukunftsträchtig zu sein scheint. Zum anderen wurde eine neue Errungenschaft der modernen Informatik gepriesen – das sogenannte Internet. Auch die deutschsprachige Minderheit findet hier ihr Sprachrohr. So läd der Schwäbische Sport- und Turnverein zum 78. Stiftungsfest mit Hühnerfilet und Kartoffelsalat und lockt mit Versprechen wie: „Das Vergnügen beginnt schon mit den ersten Muskelstreckungen im Liegestuhl.“

Und zum Vergnügen gab’s auch den Abstecher ins verschlafene Kolonialstädtchen Colonia de Sacramento auf der von BsAs gegenüberliegenden Seite des Rio de la Plata. Es gilt zwar bei den Porteños als beliebtes Ausflugsziel, hatte aber neben dem Titel der ältesten Stadt Uruguay’s, ein paar alten Autowracks und einigen alten Bauten aus Zeiten der portugiesischen Conquista nicht viel zu bieten. So wird die wohl beständigste Erinnerung an Uruguay der Stempel im Pass bleiben.

Was uns von BsAs in Erinnerung bleiben wird, sind das europäische Flair bei südamerikanischen Temperaturen, die langen Sommernächte, die Lebensfreude aber auch Mürrischkeit der Porteños, die Lust an Musik und Tanz in der Welthauptstadt des Tango, der Cortado in den unzähligen stilvollen Cafés, der gute Wein, die Unmengen an Fleisch- und Wurstwaren der Parrillas und die Altstadt San Telmo, wo wir 9 Nächte im lebensfrohen Sandanzas verbringen konnten. Auf Reisen lernt man ja auch nicht nur die Umgebung selber kennen, sondern trifft auch immer wieder interessante Menschen. Die erst 20jährige, angehende Comiczeichnerin, Cécile, die allein 7 Monate durch Argentinien reisen wird und statt Photos zu machen ein selbstgezeichnetes Reisetagebuch führt. Oder auch Vandson und Ignaldo, die 2 Brasilianer aus Sao Paulo, die es sich hier richtig gut gehen lassen haben und viel aus Brasilien berichten konnten.

Wir werden am Samstag gen Süden nach Ushuaia aufbrechen. Doch heißt der Gang nach Süden in Europa Richtung mildes Äquatorialklima, bewegen wir uns auf der südlichen Hemisphäre gen Antarktis. Das verspricht wieder eine etwas schattigere Wetterlage, denn die zweitsüdlichste Stadt der Welt liegt an der unteren Spitze Feuerlands und gilt als das Tor zum Südpol. Die Flip-Flops werden wieder eingepackt und wir berichten demnächst vom Ende der Welt.





Tango, Ché und Boca Juniors.

9 02 2009

Impressionen vom sonntäglichen Spektakel in San Telmo, von La Bombonera, dem Stadion der Boca Juniors und vom ruppigen Stadviertel La Boca.





Buenos Aires: Heiter bis wolkig

8 02 2009

Ort: Buenos Aires
Zeitunterschied: MEZ -3 Std.
Wetter: heiter bis wolkig
Stimmung: ausnahmslos heiter
 
 
Wir sind nun also da. Buenos Aires. Wie das schon klingt. Benannt nach der Heiligen Maria des Guten Windes, um sich bei der Anfahrt auf dem Seeweg für das günstige Wetter zu bedanken. Und in diesem feierlichen Rahmen möchte ich das auch gleich noch einmal tun. War der Empfang doch etwas feucht mit leichtem Nieselregen, strahlt die Sonne bis in die späten Abendstunden und verwöhnt mit sommerlichen Temperaturen. Die 27°C heißen hier auch wirklich 27°C und nicht 9°C jeweils früh, morgens und abends. Danke Maria. Die Kehrseite des guten Wetters heißt natürlich auch: es gibt Mosquitos und die Tauben scheißen von den Bäumen. Und wer durch die direkte Übersetzungen auf einen Luftkurort schließen möchte, wird bitterlich enttäuscht werden. Die EU Abgasnorm ist hier genauso bekannt, wie das Ansinnen Hundescheiße von der Straße zu räumen.

Wir sind im Sandanzas, einem kleinen Hostel in San Telmo abgestiegen. San Telmo ist der älteste Stadtteil von BsAs und einst Heimat der begüterten Bevölkerung, die aber nach einer Gelbfieber-Epidemie in den 1870er Jahren von ihnen verlassen wurde und so Platz für mittel- und ahnungslose Immigranten schuf. Heute ist dieser Stadtteil das was man Altstadt nennt und ebenso Heimat für Antiquitätenläden und geschichtsträchtige Restaurants wie für uns im Moment.

Darüber hinaus wussten zu gefallen: Palermo, der bürgerliche Viertel mit vielen Mode- und Designorientierten Läden, sensationellen Restaurants, wie dem Lelé de Troya oder der Boutique Del Libro, Recoleta, die elegante Upper Class Nachbarschaft, mit dem berühmten Friedhof, wo unter anderem auch Evita Peron begraben liegt und das Stadtzentrum, das natürlich ein Touristenmagnet aber auch Shopping- und Businesszentrale ist.

Doch neben der hauptberuflichen Tätigkeit als argentinische Hauptstadt, kann die Stadt einige Eigenheiten bzw. Ansonderlichkeiten aufbieten. Das benutzte Klopapier geht, wie auch in den meisten anderen Ländern Lateinamerikas, nicht in die Schüssel, sondern wird in einem separaten Eimer entsorgt. Hintergrund hier sind ganz trivial die zu engen Rohrsysteme bzw. die nicht dafür ausgelegte Kanalisation. Es war wohl zu keinem Zeitpunkt vorhersehbar, dass das mal von Nöten sein könnte. Man kann maximal 320AR$ am Automaten ziehen, was bedeutet, dass man zumindest ein nerviges Problem hat, wenn man mehr als den Wahnsinnsbetrag von 70€ auf einmal benötigt. Die Zebrastreifen dienen in erster Linie dazu, dass man darauf aufmerksam gemacht wird, dass es keine Ampel gibt.

Und Fußball. Fanatische Fußballverehrung. Und das heißt in erster Linie El Diego und in zweiter Linie Boca Juniors. Es gibt zwar noch über 20 weitere Clubs aber blau-gelb vom Arbeiterclub Boca dominiert die Stadt. Der andere große Club heißt River Plate und den werden wir uns aufgrund der aktuellen Spielansetzung am Sonntag im Spiel gegen Santa Fe anschauen. Fußball ist Glaube. Fußball ist Religion. Fußball ist hier der reine Wahnsinn.

Das könnte auch der Grund sein, warum die Stadt der Porteños, wie die Einwohner der 13 Mio Metropole heißen, auch die höchste Psychoanalytikerdichte der Welt noch vor New York hat. Nach der nahezu durchgängigen Freundlichkeit der Londoner schlägt uns hier in den ersten Tagen eine Mürrischkeit entgegen, die trotz des guten Wetters, einer überlebten Rezession und unseren harten Devisen auf tiefgreifendere Probleme hinweist. Wir werden das beobachten.

Der Argentinier per se gehört ja auch nicht unbedingt zu den beliebtesten Bevölkerungsgruppen Lateinamerikas, da er doch sehr gern und vielleicht etwas übertrieben auf seine europäischen Wurzeln bzw. den großen Einfluß vor allem italienischer Einwanderer auf die eigene Kultur und sein Bewußtsein aufmerksam macht und so seine elaborierte Position gegenüber den anderen Mercosur-Staaten betonen möchte. So verabschiedet man sich eben auch nicht mit „Adios“ sondern mit „Ciao“.

Und trotzdem können die meisten Restaurants keine Pasta. Dafür aber Fleisch. Und zwar gegrillt in allen Variationen, von allen möglichen Tieren, von allen möglichen Körperteilen. Das ganze nennt sich dann Parrilla und erfreut sich breiter Beliebtheit. Die Essenszeiten varriieren hier auch leicht. Viele Restaurant schließen 17 Uhr und öffnen nicht vor 21 Uhr für das Abendmahl und das obwohl der Magen doch schon 18 Uhr schließt. Nach 3 Tagen setzt so langsam eine Fleischsättigung ein, da man ja auch nicht Häppchen vorgesetzt bekommt, sondern Portionen, die Kabel.1 eine XXL Reportage wert wäre und die feurige Salsa auf Dauer nicht sonderlich magenfreundlich ist.

Apropos Salsa (ein sensationeller Delling-Netzer-Übergang übrigens). Neben der besagten Würzsauce gibt es ja noch den gleichnamigen Tanz und wir kamen in unserem Hostel in den Genuss von Tanzstunden für lau. Oder sagen wir mal so, für jeden Außenstehenden war es sicher amüsant einen gestandenen Mitteleuropäer wie mich beim Versuch lateinamerikanische Rhythmen in anmutige Tanzschritte zu übersetzen, zuzusehen. Adriana, unserer Tanzlehrerin aus Kolumbien, konnte man sofort anmerken, dass sie den Salsa im Blut hat. Grazil, geschmeidig, rassig, so dass man sich sofort einen Caipirinha bestellen möchte. Dina ist ja mit südländischen Wurzeln gesegnet, was der Sache nicht unbedingt hinderlich war. Was mir blieb, war die Erkenntnis, das ich den besten Eindruck mache, wenn ich mit besagtem Caipirinha und meinem neuen Panama-Hut an der Bar stehe und unseren lateinamerikanischen Freunden freudig zuproste.

Und wo wir gerade bei rhythmischen Bewegungen sind. Am Samstag ging hier überraschend der Carnaval los. Eine größere Straße gleich bei uns um die Ecke wurde gesperrt, die Karnevalsvereine mit Mitgliedern aus allen Altersklassen wurden mit Schulbussen rangekarrt und es gab einen kleinen Umzug mit ausgelassenem Tanz und Musik. Sensationell. Zudem artete das ganze in eine Schaumschlacht aus, da es wohl zu den größten Vergnügen gehört sich mit dem Schaumschnee anzusprühen und dabei auch keine Passanten zu verschonen. Was für eine Sauerei.

Bis zum nächsten Mal. Ein Update aus BsAs wird es sicher noch geben, bevor es nächsten Samstag nach Feuerland ans Ende der Welt gehen wird.
 
 





London whiteout.

3 02 2009

Okay, Wetter! Soviel Schnee wie seit 18 Jahren nicht mehr ausgerechnet an dem Tag an dem wir nach BsAs wollten. Die Flip Flops schon im Handgepäck und dann Kommando zurück.

Also eingeschneit in London, kaum ÖPNV, mittlerweile 15cm Schnee – was tun?

Auf nach Camden. Während die Innenstadt durch fancy Geschäfte glänzen kann, hat Camden und speziell die Chalk Farm Road vor allem Punkrock zu bieten. In dem lebendigen Viertel finden sich der Electric Ballroom, viele Szeneläden und viel Flair. Und an diesem beschaulichen Wintertag konnte die einheimische Bevölkerung freudig ihre Gummistiefel aus dem Schrank kramen oder auf topmodische Ugg-Boots ausweichen, südeuropäische Punks staunten über den Schnee ihres Lebens und bauten lustige Schneemänner, fast alle Geschäfte schlossen zeitig und bei einigen Bürgern führte der Ausnahmezustand zu Ausnahmehandlungen, was die Verhaftung des jungen Mannes erklären könnte. Zudem kommt mit der verschneiten Fahrbahn ein erhöhtes Verkehrsrisiko hinzu, da man als Vertreter eines Landes mit Rechtsverkehr nicht mehr durch die Aufschrift auf der Straße („Look right“ oder „Look left“) gewarnt werden konnte, nicht blind in den Verkehr zu laufen. Auch hilft da kein CCTV mehr, das in der ganzen Stadt omnipräsent ist.

Doch auch wie nach einer ordentlichen Sauftour gab es auch nach dem Schneechaos den Tag danach. Und der war gar nicht so übel. Sonnenschein und ein in weiß getünchtes London wussten durchaus zu begeistern. Schneemänner wohin das Auge sehen konnte und fleißige Aufräumtrupps, die die Straßen von Schnee und Eis befreiten. Doch nicht nur Gutes hatten die Londoner Bürger mit dem Schnee im Sinn. Vor der RBS Filiale im Bankenviertel hatten sich ca. 20 militante Schneeballwerfer versammelt, um den bösen profitgierigen Bankern in Zeiten der Rezession so richtig schön die Mittagspause zu versauen. Jeder Anzugträger, der die Drehtür passieren wollte, wurde mit großem Hurra unter Beschuß genommen. Die Polizei stand brav daneben und hat die Füße still gehalten. Dazu ein paar schöne Bilder weiter unten. Nach diesem feisten Spektakel ging es nach Soho, ein wirklich schniekes Viertel mit dem hippen Londoner Völkchen, wie man es aus Film, Funk und Fernsehen kennt.

Ach schön, da hat sich dieses London ja wirklich mal wieder was tolles für uns einfallen lassen. Nichtsdestotrotz werden wir Mittwoch abend nochmal einen Versuch Richtung Buenos Aires unternehmen.

Also bis gleich in Argentinien. Doch vorher hoffen wir auf eine eisfreie Startbahn, freuen uns auf ein tolles Entertainment Programm an Bord und 15 1/2 Stunden Bruttoreisezeit, da wir noch in Sao Paulo zwischenlanden, sicher um das brasilianische Bikiniteam aufzutanken.