Der Kuchenladen.

20 03 2009

Ort: Puerto Varas (CHL)
Zeitunterschied: MEZ -5 Std.
Wetter: durchwachsen aber überwiegend heiter

Mitte des 19. Jahrhundert standen sowohl Deutschland auch als Chile vor dem Scheideweg. Hefte raus, Geschichtsstunde.

Angesichts des Flickenteppiches aus zahlreichen König- und Fürstentümern sowie freien Städten konnte kaum die Rede von einem geeinten deutschen Nationalstaat sein. Die erste demokratische Revolution 1848 war gescheitert, das Bürgertum stand vor politischer Bedeutungslosigkeit. Durch Missernten bedingte Hungersnöte grassierten und die Arbeiterklasse lebte in elenden Verhältnissen. Sich einer politisch und wirtschaftlich aussichtslosen Lage gegenübersehend, entschieden sich zwischen 1849 und 1851 eine Million Deutsche für die Emigration in eine bessere Welt. Doch wohin?

Chile war zu dem Zeitpunkt eine junge Republik, die Landesgrenzen waren nicht klar gezogen, es gab Ärger mit der indigenen Bevölkerung, den Mapuches, die doch allen Ernstes ihr Land für sich beanspruchten, die weltweite, imperialistische Kolonisation war im vollem Gange und der kleine Süden Chiles noch fast unberührt. So bekam Bernhard Eunom Philippi, Seemann, Offizier und Abenteurer deutscher Herkunft, nach Verabschiedung des Kolonisationsgesetzes 1845, den Auftrag in Deutschland Familien zu rekrutieren, die bereit waren in das entlegene südamerikanische Land auszuwandern und es im Namen Chiles zu besiedeln. Verheiratete Familienväter bekamen Parzellen zugesprochen, die von der Zivilisation nahezu unberührt waren.

Klingt romantisch. War es aber nicht. So wurden z.B. die Familien mit nur ein paar Baumaterialien am Ufer des Llanquihue Sees, dem zweitgrößten Chiles, und vor der Kulisse des imposanten Osorno Vulkans abgesetzt, um sich unter schwersten Bedingungen eine neue Existenz aufzubauen. Containerschiffe brachten zwar Hab und Gut aus Deutschland aber das ursprüngliche, dicht bewaldete Land musste urbar gemacht werden. Einige scheiterten, einige hielten durch (zu Beginn des Ersten Weltkrieges lebten etwa 30.000 deutsche Immigranten in Chile) und die nachfolgenden Generationen leben noch heute in Valdivia, Osorno, Frutillar und Puerto Varas. Dank hier an das Deutsche Kolonialmuseum in Frutillar, das viel Wissenswertes zur Kolonisation vermitteln konnte. Ach und dann gibt es hier noch Nueva Braunau. Und Braunau, Braunau – da war doch mal was. Der Geburtstort eines schwarz bescheitelten, schmächtigen Mannes mit einem hässlichen, kleinen Bärtchen unter der Nase. Wenn man bedenkt, wieviele Nazis nach dem Krieg nach Südamerika (vor allem aber Argentinien) verschwunden sind, leben hier Verschwörungstheorien wieder auf.

Und an diesen Orten sind wir Zeuge deutscher Hinterlassenschaften geworden. Puerto Varas mit dem Club Alemán, den zahlreichen deutschen Cafes und dem deutschen Krankenhaus, deutsche Ärzte, einige deutsche Straßennamen, die Kirche der heiligen Herzen, die in ihrer Bauweise an eine Marienkirche im Schwarzwald angelehnt ist. Und trotzdem, fragt man, wieviel Deutsche denn heute noch in der Region leben, hört man immer wieder das Eine: Wir sind Chilenen, voll integrierte Deutsche. Nichtsdestotrotz werden vor allem in Frutillar deutsche Traditionen gepflegt, ohne sich der Deutschtümelei schuldig zu machen. Die Häuser des kleinen Dorfes sind holzverschalt, die Hotels heißen Frau Holle oder Haus am See und es gibt Kuchen. Und der Kuchen heißt hier wirklich Kuchen. Sin o con Streusel, also ohne oder mit Streusel, mit lecker Pudding oder mächtige Torten, die sicher fünfstellige Kalorienzahlen vorweisen können. Den besten Kuchen, den wir genießen konnten, gab es im Kuchenladen der Hosteria Winkler. Kuchen in der Erdbeer-Streusel-Kombi, Brom- und Heidelbeere mit Pudding und Apfelkuchen mit Murta. Murta, noch nie gehört? Murta oder auch Chilenische Guave wächst ungezüchtet einzig allein hier im Süden Chiles, sieht aus wie eine rote an Sträuchern wachsende Heidelbeere und schmeckt nach einer Mischung aus Walderdbeere und Quitte. Sensationell.

Und wie wild sie wächst. Ein Ausflug nach Petrohue am Fuße des Osorno Vulkans bescherte uns nicht nur ein paar Stunden vergnüglichen Wanderns vor der Kulisse des smaragdgrünen Sees Todos los Santos, sondern auch ein Vergnügen kulinarischer Art, da der gesamte Weg von reifen Murtas gesäumt wurde. Was für ein Fest. Und wo wir gerade über Nahrung sprechen. Curanto ist eine weitere lokale Spezialität. Das Photo sollte Bände sprechen.

Nach vier Nächten im charmanten Hostel Compass del Sur in Puerto Varas, mit den besten Betten seit Abreise, verlassen wir das Festland Richtung der Insel Chiloé, wo wir ebenfalls vier Nächte verbringen werden, bevor es am 19. März in die Hauptstadt Santiago geht.

Ach und die Racker haben hier die Zeit umgestellt. Auf Winterzeit. Man achte mal bitte darauf. Es waren ja bisher vier Stunden Zeitunterschied, jetzt sind es fünf und wenn Deutschland Ende März auf Sommerzeit umstellen wird, als wenn da schon an Sommer zu denken wäre, sind es dann sogar sechs Stunden. Bis Peru sollte das dann auch so bleiben, insofern Bolivien und eben Peru den Quatsch überhaupt mitmachen.

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5 responses

20 03 2009
Michael Kern

Tach Herr Höppner ^^
schicke Bilder und geniale Berichte, aber was ist das bitte auf deinem Teller ? Es sieht so, naja wie sag ichs, unappetitlich aus. Ist das überhaupt was zu essen ? Ok, das rote sieht aus wie eine alte fettige Knacker aus der Fleischerei Dubau *lol*. Also dann macht mal weiter schöne Fotos und lasst es euch gut gehn.

„Gute Reise! – Gute Besserung!“

20 03 2009
Basti

Also dieses Curanto scheint ja ein Fest für Vegetarier zu sein… Toll!! Zudem scheinst Du was an oder auf der Schulter zu haben…. Wohl auch eine chilenische Spezialität!? Oder hast Du Dir das in Argentinien eingefangen??

Viele Späße auf der Insel und Vorsicht vor den Anderen!

21 03 2009
Lennart

mmh, das sieht aus wie `all you can eat´ bei willi´s. fehlt nur noch der duftreis und das wokgemüse. pangrasius wäre ebenfalls ein fest!
das erinnert mich an meine letzte magen-darm-grippe… mmh, darmstädter braune soß´ ; )

21 03 2009
matzepeng

Die rote Wurst war super, hatte noch bis zum nächsten Tag was vom dezenten Knoblauchgeschmack. Hatte es auch fast aufgegessen. Am Morgen danach ging’s mir erwartungsgemäß richtig schlecht. Aber einer muss es ja essen. Ansonsten hält sich der Brech-Durchfall aber sehr in Grenzen. Superschön.

22 03 2009
basti

War aber auch geschickt bestellt von Dir – da musstest Du jedenfalls nicht mit Dina teilen! Gab es da überhaupt Nahrung für sie?

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