Panflötenterror.

13 04 2009

Ort: Tilcara (ARG)
Zeitunterschied: -5 Std. MEZ
Wetter: fein

Auf der nächsten Busfahrt musste erst Liam Neeson seine Tochter aus den Fängen albanischer Mädchenhändler in Paris und wenig später Bruce Willis in Stirb Langsam 4.0 wieder mal eine ganze Stadt vor Terroristen retten, bevor wir in Tilcara, einem beschaulichen kleinen Städtchen in den Bergen nördlich von Salta angekommen waren.

Jedes Jahr in der Karwoche vor Ostern treffen sich mehr als 1.500 Musiker aus der Region zu einer Wallfahrt zur Virgen de Copacabana del Abra de Punta Corral. Die Musiker der circa 70 Bands, die an einem Fanfarenzug nur mit Panflöte erinnern, starten mit Sack und Pack, Kind und Kegel zu einem 30 Km Fußmarsch auf einen Berg zum Sanktuarium der besagten Jungfrau. Immer montags vor Ostern beginnt die 7-stündige Wallfahrt und findet am Mittwoch ihren krönenden Abschluß beim gemeinsamen Abstieg. Die Bands holen sich vor Abmarsch den Segen in der lokalen Kirche und vertreiben sich die Wartezeit bis nach Mitternacht mit lustigem Spielen auf Pauke, Schellen und Panflöte. Vor allem letztere, bekannt aus der Fußgängerzone zur Weihnachtszeit, kann einen nervtötenden Klang erzeugen, in hundertfacher Ausführung unerträglich. Panflötenterror. Und wo waren jetzt Liam und Bruce als wir sie brauchten?

Doch wenn man bedenkt wie beschwerlich der Aufstieg mit schweren Gepäck und kleinen Kindern ist, muss man wirklich den Hut ziehen. Dazu kam noch der Regen am Mittwoch beim Abstieg. Der erste während der Wallfahrt in den letzten 50 Jahren. Die armen Schweine hatten echt Pech, was ihrer Spiellust allerdings keinen Abbruch getan hat. In Kürze wird hier ein Video folgen, wo man dem Geschehen nicht nur im Geiste beiwohnen kann.

Tilcara hatte aber neben der Osterprozession auch noch andere dauerhafte Attraktionen zu bieten. Eine 5 Km Wanderung zur Garganta del Diablo, also dem Teufelsschlund in ansehnlicher Szenerie, dann die Pucará, was in Quechua, der populärsten, indigenen Sprache, Festung bedeutet und mit aufgebauten Ruinen des Volkes der Tilcara aufwarten konnte, ein schöner und lehrreicher Botanischer Garten mit Pflanzen aus dem andinischen Hochland und das archäologische Museum an der Plaza. Vorzüglich gespeist werden konnte im „Nuevo Progreso“, was übersetzt „Neuer Fortschritt“ heißt und somit eher wie eine Gewerkschaftskantine auf Kuba klingt, uns aber mit nahezu dem besten Essen in den letzten Wochen verwöhnen konnte. Für Dina gab es die beste Pasta bisher auf dem Kontinent, so ganz leicht ist es ja nicht im Fleischland etwas vernünftiges Vegetarisches zu finden.

Und wo wir gerade bei Kulinaria sind. Was die nordargentinische Küche empfiehlt: Zuerst einmal Llama, was die Racker Jama, mit „Ja“ wie in Jaqueline aussprechen und das cholesterinfrei allerdings nicht so saftig wie ein schönes Bife de Chorizo (Filet Mignon, Anm. d. Red.) ist. Dann wäre da noch Quinoa, das Getreide der Incas, Cayote eine Art Hochlandmelone und Humitas sowie Tamales, in Maisblätter gewickelte Maispampe.

Und überall findet man Schilder, die sagen: „Hay Coca“ („Hier gibt’s Coca“, Anm. d. Red.). Hui, jetzt kommen wir der Sache mit dem Koks in Düsseldorf schon wieder näher. Es handelt sich nämlich tatsächlich um die Pflanze, die in chemischer Veredlung zum beliebten Nasenpulver wird. Im Naturzustand als getrocknete Blätter werden sie allerdings nicht zu berauschenden Zwecken eingesetzt, sondern erfreuen sich als Hausmittel gegen Höhenkrankheit, sie dämmen den Hunger ein oder werden als Digestivum eingesetzt.. Zudem hat das Coca-Blatt-Kauen eine lange Tradition in den Anden, findet man doch auf vielen präkolumbianischen Kunstwerken Gesichter mit den typischen ausgebeulten Backen, so als wenn man einen Tischtennisball im Mund hat. Auch viele Musiker der Prozession haben sich mit einer Ladung Coca auf den langen Weg gemacht, da es neben der Strecke auch noch einen Höhenunterschied von 1.400m zu bewältigen gab. Es handelt sich hierbei definitiv nicht um eine Droge, was das deutsche Rauschmittelgesetz zwar anders sieht, uns aber nicht davon abgehalten hat, Coca-Tee und eben die Blätter zu konsumieren. Neulich im Büdchen: „Schönen Guten Tag, eine Flasche Wasser und eine Tüte Coca-Blätter bitte“. Ein Beutel der Größe eines Standardgefrierbeutels kostet etwa 0,50€. Fetzt.

Eigentlich sollte es danach ins einsam gelegene Bergdorf Iruya gehen aber das Wetter und insbesondere der Regen hat uns einen Strich durch die Rechnung gemacht. Der Bus konnte beim besten Willen nicht das Flußbett passieren, das mittlerweile reißendes Wasser mit sich führte, eine Brücke gab es natürlich nicht. Auch hierzu demnächst noch Videomaterial. So haben wir uns nach vier Stunden vergeblichen Wartens auf schweres Gerät zur Flußüberquerung auf den Weg nach Bolivien gemacht. Aufgrund der späten Stunde mussten wir in La Quiaca direkt an der Grenze nächtigen, um dann am nächsten Morgen per Pedes die Grenze zum ärmsten Land Südamerikas zu überqueren. Nach 2,5 Stunden auf armseeligster Schotterpiste und nach einigen Haarnadeltunneln sind wir mittlerweile in Tupiza angekommen, um hier Ostern zu verbringen und von hier in den Salar de Uyuni aufzubrechen.

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