Im Land der Riesenarsch-Ameisen.

30 07 2009

Ort: Bucaramanga, San Gil, Barichara (COL)
Zeitunterschied: -7 Std. MEZ
Wetter: angenehm

Eigentlich wollten wir von Taganga über Santa Marta direkt nach San Gil durchfahren. Nach 10 Stunden Fahrt war es aber schon spät und in Bucaramanga wurde Zwischenstop gemacht. Das Industriezentrum hat nicht wirklich viel zu bieten, was Industriezentren wohl so an sich haben. Highlight für uns waren die nächtlichen Temperaturen um die 17 Grad und ein Ausflug ins koloniale Girón, das einen ersten Vorgeschmack auf die kommenden Dörfer sein sollte. Dort war mal wieder eine Rasur fällig. Nicht ganz so stilvoll und old school wie in Quito aber Hauptsache Bart kurz. Der Nachteil an einer Elektrorasur ist allerdings, dass man Strom braucht (wenn man nicht gerade so ein neumodisches Ding mit Akku hat). Und genau der fiel in der Mitte, sprich nachdem die rechte Gesichtshälfte gerade geschoren war, aus. Auf unbestimmte Zeit. Super. Naja, alles halb so schlimm, nach 15 Minuten brummte der Rasierer wieder.

Nach zwei unspektakulären Tagen ging es weiter ins Abenteuersport-Mekka San Gil. Hier gibt es unzählige Möglichkeiten sich einen Adrenalinschub zu verschaffen, wie z.B. Rafting, Abseiling (das heißt wirklich so) oder auch Rapelling, wo man sich in einem Wasserfall abseilen lassen kann. Und uns stand nach den kräfteraubenden Tagen in der Karibik genau danach der Sinn. So wurde das Aufregendste was wir in den folgenden drei Tagen angestellt haben, ein Ausflug in den botanischen Garten, der aber wirklich eine Oase der Erholung war.

Der Garten war liebevoll mit blühenden Helikonien bepflanzt, riesige Ceibabäume spendeten den ersehnten Schatten und an ihren Ästen wuchsen lamettaartige Tillandsien, die wie Bärte alter Männer herunter hingen. Man konnte gemütlich einen Tinto (schwarzer Kaffee, Anm. d. Red.) trinken oder geröstete Riesenarsch-Ameisen essen. Was? Riesenarsch-Ameisen? Ja, richtig gelesen. „Hormigas Culonas“ sind Ameisen mit einem stark vergrößerten Wanst, eine kulinarische Spezialität aus der Region und geröstet, gesalzen und wie Nüsse als Snack zu einem kalten Bier gegessen. Geschmacklich erinnerten sie mich doch an die ebenso gerösteten Heuschrecken (Chapulines, Anm. d. Red.), die ich schon aus meiner Zeit aus Mexiko kannte. Dina ist nach Meerschweichen und Froschschenkeln weiterhin sehr nachsichtig mit mir, wenn auch angewidert.

Und nur 45 Minuten von San Gil, in Barichara, sollte eine noch größere Offenbarung auf mich warten. Im Restaurant „Color de Hormiga“ wird nämlich mit den Riesenarsch-Ameisen gekocht. Vornehmlich in Soßen, zu Rind oder Huhn. Doch Schockschwerenot, die Ameisen wanderten nur am Wochenende in den Topf, unter der Woche ist geschlossen und wir an einem Dienstag im Dorf.

Nichtsdestotrotz war Barichara eine Reise wert. Es wurde wiederholt zum schönsten Dorf Kolumbiens gewählt. So richtig Bilderbuch mit gepflasterten Straßen, 300 Jahre alten Häusern mit vorbildlichen kolonialem Weißanstrich, in allen Rottönen schimmernde Dachziegel aus Ton, einer Kirche am Marktplatz und alles muy tranquilo.

Aber es gibt auch deutsche Spuren in der Region. Geo von Lengerke, Großgrundbesitzer und gebürtig aus dem Königreich Hannover, gilt trotz vieler Schweinereien heute noch als Volksheld. Er hatte im 19. Jahrhundert u.A. einen Weg mit Naturstein angelegt, der Barichara mit dem kleinen Kaff Guane verbindet und für die lokale Bevölkerung somit die Anbindung zur Außenwelt erleichtert hatte. Und genau dieser Weg führte uns 1,5 Stunden durch fast menschenleeres Gelände, bevor wir auf dem Marktplatz von Guane mit dem 10 Häusern ankamen. Bekannt ist die Region für Sabajón, einem Zimteierlikör, die Guane Kultur und die zahlreichen Fossilien, vornehmlich Ammoniten, eine Art Kopffüßer. Wir also vorbildlich Likör gekauft, Kultur bewundert und Museum besucht. Das ganze Programm locker in 50 Minuten absolviert.

Und wenn nicht alle Riesenarsch-Ameisen gegessen worden sind, dann leben sie noch heute.

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Urlaubsreif.

28 07 2009

Ort: Taganga & Tayrona Nationalpark (COL)
Zeitunterschied: -7 Std. MEZ
Wetter: 39° C, 1000% Luftfeuchtigkeit, 5 Liter Körpersaft

Taganga ist ein richtiges Backpacker-Nest, nur 5 Km von Santa Marta entfernt. Das erste Mal seit Bolivien trafen wir wieder mal auf Horden von Israelis, denn Taganga hat den Ruf die günstigsten Tauchkurse Südamerikas anzubieten. Und Party. Es war Wochenende, in der Casa Holanda unserer ersten Unterkunft, war Cocktail Happy Hour, es gab Live Musik nebenan, der Sangria wurde mit frischen Früchten gemixt und das alternative Volk wusste mit Jonglage zu unterhalten. Und Krach bis 5 Uhr morgens. Zudem kam dass der superliebe Holländer sich Hochsaisonpreise ausgedacht hatte und daher wechselten wir schon nach einer Nacht ins Hostel Techos Azules, mit einem sensationellen Blick auf die Bucht, wobei der Strand von den einheimischen Wochenendausflüglern nicht sonderlich sauber gehalten wurde.

Das kleine Fischerdorf gilt zudem auch als ein Startpunkt für den 5-tägigen Trek zur Ciudad Perdida (Die verlorene Stadt, Anm. d. Red.), einem der letzten großen Abenteuer in Südamerika oder auch für Ausflüge in den Tayrona Nationalpark, gleich nebenan. Der Park ist nach der alten Tayrona Kultur benannt, war lange Jahre das Schlachtfeld zwischen Guerilla und Paramilitärs und war blieb somit für den Tourismus relativ unerschlossen. Dadurch hat sich eine der schönsten Ecken des Kontinents erhalten und erst seit 2003 wird der Nationalpark als Touristenparadies vermarktet. Und doch, so ein bißchen wie im Garten Eden durften wir uns fühlen.

Mit dem Kleinbus ging es zunächst zum Parkeingang. Unverhofft war da auch ein Guide an Bord, denn wir hatten eigentlich nur den Transport nach Tayrona erworben. Frankie, el Abuelito (das Opachen, Anm. d. Red.), der wohl seit Jahren bei deutschen Touristen als „die graue Eminenz“ bekannt ist und den Ciudad Perdida Trek schon über 500x gemacht hat, fährt heute jeden Tag mit einer Handvoll Touris in den Park, verbringt dort ein paar Stunden am Strand und geht am gleich Tag wieder zurück. Doch die Anreise nach Cabo San Juan ist mühsam. Der Weg führte uns durch den tropischen Regenwald, bei mindestens 39 Grad im Schatten, die Luftfeuchtigkeit schien einen zu erschlagen und man schwitzte gefühlte fünf Liter Körpersaft aus. Zuerst ging es 45 Minuten nach Arrecifes, einer traumhaften Regenwaldkulisse direkt am Strand, wo allerdings die Meereströmung so stark ist, dass es immer wieder Leute schaffen trotz Badeverbot zu ertrinken. Daher ging es weitere 45 Minuten über riesige weiße Felsen, durch Palmenhaine hindurch nach Cabo San Juan. Wir hatten mindestens drei Übernachtungen geplant und uns ein Zelt mit zwei versifften Matratzen gemietet. Es gab frischen Fisch am Strand, der von Kokospalmen gesäumt war und man konnte sich im Wasser relativ gefahrenlos erfrischen – das war schon großes Tennis. Optisch ganz weit vorn. Und Dina hatte schon nach wenigen Minuten die sonnengebräunte Farbe eines Goldbroilers angenommen. Mmmmh, hier also ein paar Tage Pigmente haschen und dem süßen Nichtstun frönen.

Doch es kam alles anders. Am Abend haben wir uns nach dem Dinner eine kleine Süßspeise gegönnt. Kekse mit Creme. Kühl und trocken lagern stand da wohl drauf. Doch irgendwie wurde das wohl falsch verstanden, denn im kleinen Büdchen war es heiß und feucht. Und so haben uns genau diese Kekse eine schlaflose Nacht mit Brechdurchfall (übrigens ein sehr schönes Wort) beschert. Ich bin sicher, dass Adam und Eva oder auch ein islamischer Märtyrer, so weder das Paradies noch die 70 Jungfrauen genießen konnten. So entschieden wir uns schweren Herzens schon nach einer Nacht den Heimweg anzutreten und uns voller Elan, ohne Schlaf und Mahlzeiten, auf den schon beschriebenen leichten Spaziergang zurück zum Parkeingang zu machen. Die Option wäre eine 1-stündige Bootsfahrt in einer Nussschale mit ordentlich Seegang gewesen. Doch wer Dina kennt, weiß, dass das keine wirkliche Option war. Schon gar nicht in diesem Zustand. Also wieder 39 Grad, brachiale Luftfeuchtigkeit und fünf Liter Körpersaft. Ächz.

Vollkommen fertig mit dieser verdammten Karibik ging es zurück nach Taganga und am nächsten Tag gen Süden ins kühlere Landesinnere. Der Trek zur Ciudad Perdida hätte uns in der aktuellen Kondition mit Sicherheit das Genick gebrochen. Die Hitze macht einen fertig. Selbst Dinas südeuropäischen Gene vermochten den Temperaturen nicht standzuhalten, mir als gestandenen Mitteleuropäer entzog sich Schritt für Schritt die Energie. Wir sind urlaubsreif.





Hot in the city.

25 07 2009

Ort: Cartagena de Indias (COL)
Zeitunterschied: -7 Std. MEZ
Wetter: Hot in the city

Als wir in Cartagena aus dem Bus stiegen, sprang uns erst mal das Wetter mit vollem Anlauf ins Gesicht. 8:30 Uhr war es schon so unfassbar heiß und drückend, dass wir nach der kühlschrankkalten Nachtfahrt erst mal mit einem Temperaturunterschied von gefühlten 50 Grad klarkommen mussten. Puh, diese Karibik. Tagsüber 35 Grad, die sich nachts auf angenehme 27 abkühlen. Positiver Nebeneffekt des heißen Wetters ist allerdings, dass man auch gern mal ein oder zwei Knöpfe am Hemd mehr offen tragen kann, ohne komisch angeguckt zu werden.

Aufgrund der unolympischen Temperaturen waren leichte Aktivitäten angesagt. Aber wo kann man besser als in Cartagena durch eine außerordentlich gut erhaltene koloniale Altstadt flanieren und die stummen Zeugen der fast 500-jährigen Geschichte besichtigen. Cartagena de Indias, wie es ja eigentlich heißt, da die Spanier sich doch in einem anderen Teil der Welt wähnten, war ein Zentrum des Sklavenhandels und auch wichtiger Umschlagplatz für Waren (nicht nur des täglichen Bedarfs) für den europäischen Mutterkontinent. Sowas hat sich freilich auch bei Piraten wie Sir Francis Drake und Konsorten rumgesprochen und Cartagena war ein beliebtes Ziel für Angriffe und Plünderungen schätzesuchender Freibeuter. Natürlich ließen die Bewohner das nicht auf sich sitzen und es wurde um den Stadtkern ein mächtiger Schutzwall und mehrere Forts errichtet. Und genau innerhalb dieses Walls liegt eine wahre koloniale Perle Südamerikas.

Ein Meer aus kleinen Gassen mit farbigem Anstrich, der Parque Bolivar und das angrenzende Museum über die Inquisition mit ein paar schönen Folterinstrumenten und einem Galgen im Hinterhof, die „Plaza de Coches“, traditioneller Parkplatz für die Pferdekutschen, das „Portal de las Dulces“, wo auch heute noch süße, handgemachte Leckereien unters Volk gebracht werden und „Las Bovedas“, riesige Gewölbe in der Stadtmauer, die für militärische Zwecke und als Kerker genutzt wurden.

Doch besonders werden lässt die Stadt erst die Mischung ihrer Bewohner – eine Melange aus karibischen Ureinwohnern, schwarzen Sklaven aus Afrika und den spanischen Konquistadoren. Heute sieht man farbige Straßenverkäuferinnen, oft in prächtig gefärbte Textilien gehüllt, frisches Obst feilbieten; vor der Stadtmauer wird frischer Fisch eingeholt, die gediegeneren Damen der Stadt tragen weiße Leinen auf sonnengebräunter Haut, die Herren bevorzugen kurze Sommerhemden, mit bereits erwähnter offener Knopfleiste und sprießender Brustkatze; und wir sind unverkenntlich als Touristen in Shorts mit einem frisch gemixten Obstshake in der Hand zu erkennen. Wobei Obstshake wahlweise auch mit Eis oder Kuchen ausgetauscht werden kann.

Viel Müßiggang, gutes Essen und 3x Nachtisch am Tag sind ja bekanntlich sehr förderlich für die Bikinifigur, denn nicht vergessen, wir sind ja hier in der Karibik. Wobei die Strände um Cartagena nicht unbedingt auf Postkarten zu finden sind, da diese oft überfüllt und dreckig sind.

Die wahre Karibik mit Kokospalmen und weißen Sandstränden liegt dann doch etwas weiter östlich. Tja und deswegen geht es nach drei klimaanlagengekühlten Nächten hinter der Mauer ins kleine Fischerdorf Taganga. Bis dahin schwitzen wir uns die Bikinifigur auch wieder an.





Drogen-Nilpferde suchen ein neues Zuhause.

20 07 2009

Ort: Medellin (COL)
Zeitunterschied: -7 Std. MEZ
Wetter: Warm mit Regenschauern

Die 80er Jahre waren hart für Medellin. Drogenhändler Pablo Escobar war einer der mächtigsten und reichsten Männer Kolumbiens. Das süchtige Amerika sorgte für Taschen voller Geld, womit er sich ein formidables Luxusleben finanzieren konnte. Auf seiner Hacienda Nápoles hielt er den exotischsten Zoo Südamerikas, mit Löwen, Elefanten und Nilpferden. Aber er unterstützte auch die arme Bevölkerung, was ihm bei ihnen einen Heiligenstatus einbrachte und es der Armee nicht unbedingt leichter machte, ihn dingfest zu machen. Doch Pablo führte Krieg gegen den Staat, Hunderte starben. Dann, 1993 wurde Pablo auf der Flucht auf einem Ziegeldach von seinen Häschern gestellt und erschossen. Don Pablo war tot und 20.000 Menschen nahmen an seiner Beerdigung in Medellin teil.

Seitdem befindet sich die Stadt in einem Transformationsprozeß, der Medellin zu einer der modernsten Metropolen auf dem südamerikanischen Kontinent werden ließ. Es wurde umfangreich in Infrastruktur, Kultur und Sport investiert. Und heute gibt es sehr viel Erste Welt mit Nobel-Supermärkten nach amerikanischem Vorbild, der Parque Explora, ein Experimentierspielplatz, der Wissenschaft vor allem für Kinder anfassbar macht, große Sportstätten, in denen Medellin die Südamerikanischen Spiele 2010 ausrichten wird, das Ausgehviertel Zona Rosa mit dem Park Lleras, das auch Klein-Miami genannt wird und das Zuhause von Reich und Schön ist.

Auffällig ist auch der hohe Anteil an hellhäutiger Bevölkerung. Richtige Latinos, Nachfahren der Spanier. Man oder besser Frau folgt dem amerikanischen Schönheitsideal, nirgends scheint mehr Silicon verbaut zu sein wie hier und die Damenwelt presst ihre Hintern in enge taschenlose Jeans, egal ob sie es sich leisten können oder nicht. Dina spielt mit dem Gedanken der Einführung einer 5-Pocket-Jeans, um eine mögliche Nische zu schließen.

Was aus Don Pablos Vermächtnis geworden ist, mag man sich fragen. Die Nilpferde sind aus der Hacienda entkommen und haben es sich in den kolumbianischen Flußlandschaften gemütlich gemacht. Und die Kolumbianer machen sich in die Hose vor „den großen Schweinen“ und haben nun gerade Spezialisten aus Südafrika kommen lassen, nachdem sie schon eins erschossen und damit eine Welle der Empörung ausgelöst haben. Herrlich, das Thema ist wirklich jeden Tag in der Presse. Hoffentlich findet sich bald ein passender Zoo mit einem Herz für die Drogen-Hippos.

Naja die Stadt haben wir uns auch angeguckt und pflichtgemäß die dicken Menschenabbilder von Botero, Kolumbiens populärsten Kunstexport, im Museo de Antioquia bestaunt, im botanischen Garten einen fast leeren Schmetterlingskäfig vorgefunden, weil die Vollpfosten (Substantiv, m, bezeichnet einen intellektuell desinteressierten, das kognitive Potential des Durchschnittsmenschen unterschreitenden Zeitgenossen.) bei Bauarbeiten die Tür offen gelassen haben, im Hostel Casa del Sol vergnügt Tischtennis gespielt und jeden Tag lecker Eis bei Crepes & Waffles essen gegangen.

Ja, so war das damals in Medellin.





Kaffee mit Clint Eastwood.

17 07 2009

Ort: Salento (COL)
Zeitunterschied: -7 Std. MEZ
Wetter: Sonne mit Regen

Von Popayán ging es zunächst über kurvige Straßen ins Valle de Cauca mit dessen größter Stadt Cali, die neben dem berüchtigten Drogenkartell auch noch für Salsa bekannt ist. Doch Cali blieb nur eine Randnotiz, denn es sollte auf geradem Wege nach Armenia und dann nach Salento in der Eje Cafetera (Kaffeeachse, Anm. d Red.) gehen. Ähm, Armenia? Ja, bemerkenswert sind hier immer wieder exotische Städtenamen. Exotisch zumindest für Kolumbien, wie eben Armenia, das zum Gedenken an die Armenier, die dem türkischen Genozid zum Opfer gefallen sind, benannt wurde. Oder Städte wie Palestina, Nazareth, Montenegro…

Salento ist ein wichtiges Tourismuszentrum, am Wochenende strömen die Kolumbianer aus den umliegenden Städten in das sonst so verschlafene Dörfchen. Kein Wunder bei wieder einmal traumhafter grüner Kulisse im andinischen Tropenwald, dazu in angenehmem Klima. Es gibt viele farbige Häuser im Kolonialstil, die über 100 Jahre Billiardbar „Rio Danube“ (Fluß Donau, Anm. d. Red.) und Kaffee spielt die große Hauptrolle in der Region. Und filmreif war auch Lily, Hostelmutter und Besitzerin der Casona de Lily. Sie ist die personifizierte kolumbianische Lebensfreude und Hilfsbereitschaft, die Dina gerne mit einem herzlichen „Dina Baby, come on!“ zum Frühstück einlud und mich nach dem Genuß des lokalen Leitungswassers mit parasitenvernichtenden Medikamenten versorgte.

Doch kein Salento-Aufenthalt ohne Kaffeefinca. Wir waren also zu Besuch bei Don Elias, der Clint Eastwood unter den Kaffeefarmern. Er sieht aus, wie man sich einen Kaffeebauern vorstellt: Faltendurchzogenes Gesicht, der typische Hut auf schlohweißem Schopf, den für die Gegend üblichen Schnörres, Hände, die von seinem lebenslangen Dasein als Kaffeefarmer zeugen, dreckige Jeans, blaues Flanellhemd und natürlich Gummistiefel. Ein wirklich charismatischer Typ, der jedem Besucher eine andere Altersangabe gibt, er wohl aber irgendwas über 70 sein muss. Er zeigte uns seine organische Kaffeefarm mit einer Jahresernte von etwa 4.000 Kg Bohnen, gigantischen Bananenbäumen und allerlei anderen tropischen Nutzpflanzen, die als Schattenspender fungieren und deren Pflanzenreste als natürlicher Dünger dienen. Und natürlich gab es auch eine Vorführung zur Wertschöpfungskette des Produktes Kaffee. Es wird zuerst geerntet und die rote oder gelbe Schale entfernt, dann in Gewächshausähnlichen Zelten die Bohnen getrocknet, die dann durch waschen von der zweiten, feineren Schale getrennt werden. Entweder hat man nun das schwarze Gold exportfertig oder es folgt die Röstung, die der letzte Schritt vor der Mahlung ist und den bekannten Tchiboduft erzeugt. Wenn das Wetter mitspielt, dauert es von der Ernte bis zur Kaffeetasse nur ganze neun Tage. Und natürlich gab es zum Schluß noch einen frischen Kaffee, der traditionell im Topf mit einem Textilfilter aufgebrüht wird. Eine wirklich schöne Begegnung.

Neben Kaffee, spielen aber Forellen und ihr Ursprungsort, das Valle de Cocora weitere Nebenrollen. In jedem Restaurant Salentos gibt es fangfrische Forellen und das jeden Tag des Jahres. Sie stammen aus dem nahegelegenen Valle de Cocora, das Heimat der bis zu 60 Meter hohen Wachspalmen, dem Nationalbaum Kolumbiens, ist. In der bergigen Landschaft gibt es Kühe auf grünen Wiesen und Bäche plätschern hindurch, nur die Wachspalmen halten das Gefühl zurück, jeden Moment Heidi und den Geißenpeter um die Ecke kommen zu sehen. Ein feines Stück Natur.

Doch von den Auswirkungen des Leitungswasserkonsums gezeichnet und die vielen Wanderkilometer der letzten Monate in den Knochen, haben wir es so langsam satt – dieses Laufen. Wir sind ja auch nicht gerade ausgewiesene Wanderfreunde, haben aber doch viel Spaß an der Erkundung zu Fuß gefunden. Doch so langsam ist die Luft etwas raus und es ruft die Karibik, süßes Nichtstun unter Palmen. Da geht es nämlich mit einem Zwischenstopp in Medellin als übernächstes hin.





Das einzige Risiko ist, bleiben zu wollen.

10 07 2009

Ort: Popayán, San Augustín, Tierradentro (COL)
Zeitunterschied: -7 Std. MEZ
Wetter: Warm mit Regenschauern

So, nun also Kolumbien, was wir zunächst nicht auf dem Plan hatten, da der Ruf Land und Leuten voraus eilte. Die politisch motivierten Entführungen durch die FARC (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia, Bewaffnete Revolutionäre Kräfte Kolumbiens, Anm. d. Red.), außer Kontrolle geratene Paramilitärs, Pablo Escobar und das Koks sowie eine unruhige neuere Geschichte haben Kolumbien nicht unbedingt zu einer dicken Empfehlung von der Reisebürotante gemacht. Doch wie das ja immer so ist mit den Medien, wird sensationsträchtigen Nachrichten eine bedeutend höhere Aufmerksamkeit geschenkt als langweiliger, guter Kunde von Friede, Freude, Eierkuchen. Denn Kolumbien hat sich als Reiseland gemacht. In den letzten fünf Jahren ist es bedeutend ruhiger und sicherer geworden, was selbst das Auswärtige Amt anerkennen konnte. Und auch der einheimische Tourismusverband hat reagiert und eine Kampagne lanciert, die über Risiken und Nebenwirkungen eines Aufenthalts im Land informiert.

Ein Plädoyer für Kolumbien in 2:33 Minuten.

Was nach der Grenze auffällt, sind Salsa-Beats im Bus, Fahrradfahrer auf den Straßen, Kaffee löst Bier als großen Werbetreibenden ab und man kleidet sich moderner, luftiger, den Temperaturen entsprechend.

Pasto, unser erster Stop im Land, bleibt nur eine Zwischenstation und wir schlagen unsere sprichwörtlichen Zelte bei Tony und Kim, den Gründern der Hosteltrail.com Plattform, in Popayán auf. Wieder eine sogenannte weiße Stadt. Nach Sucre in Bolivien und Arequipa in Peru hat auch die Universitätsstadt Popayán einen andalusischen Anstrich verpasst bekommen, der in der menschenleeren Nacht von Laternen angestrahlt eine ureigene Ruhe ausstrahlt. Und es war so ruhig, weil mal wieder Feiertag war. Kolumbien hat wohl die meisten in Südamerika und dazu werden alle arbeitsfreien Tage, die auf einen Termin unter der Woche fallen auf den folgenden Montag gelegt, um ein langes Wochenende, „Puente“ (Brücke, Anm. d. Red.) genannt, zu garantieren.Und davon gab es gerade drei am Stück. Herr Guttenberg und Herr Steinmeier fänden das sicher auch für unsere blühende Volkswirtschaft toll.

In Popoyán die großen Rucksäcke stehen lassend, sind wir dann für fünf Tage auf eine gemütliche Rundfahrt in die Provinz. Zuerst ging es sechs holprige Stunden nach San Augustín. Und hier mal ein paar Worte zum Thema Busfahren in Kolumbien. In Ecuador haben wir ja schon einen interessanten Fahrstil kennengelernt, der hier aber noch getoppt wird. Überholen bei freier Sicht und warten auf ein entspanntes Überholmaneuver scheint bei den lokalen Busfahrern als unprofessionell oder Mädchenkram zu gelten. Hupe. Gas. Hupe. Gas. Es werden nicht umsonst regelmäßig Kotztüten verteilt. Doch um zu kotzen, muss man in der Regel vorher etwas gegessen haben. Um das zu gewährleisten, wird während der Busreise an einem Imbiss oder Restaurant, das sicher dem Schwager des Fahrers gehört, angehalten. Das geschieht aber meist ohne Vorankündigung, da wird dann einfach gestoppt, wenn der Fahrer Hunger hat. In Deutschland würde so etwas sicher einen Lynchmord nach sich ziehen. Doch wir sind ja hier in Kolumbien und genauer in San Augustín.

Die Vegetation in der Gegend kann man nur mit üppig grün bezeichnen. Gigantische Bananenbäume, die Kaffeesträuchern Schatten spenden, Zuckerrohrfelder, Bambus, der das Dutzend an Metern vollmacht und überhaupt überall Blumen und Pflanzen. Der Boden scheint so nährstoffreich, dass sich die Bäume Parasiten in Form von Orchideen leisten können. So verwundert es kaum, dass Kolumbien das an Orchideen und Palmen reichste Land der Welt und einer der größten Blumenexporteure ist.

Unser Garten in der Casa de Nelly ist ein blühender Beweis dafür, vor allem die Helikonien waren sehr beeindruckend. Doch auch die Leute vor Ort waren etwas speziell. Die Französin Nelly, die Kette raucht und immer drei Kippen im BH stecken hat, Julio, der leckeres Essen zauberte und Harry, der eigentlich Harrinson mit Vornamen heißt und uns mit in das älteste Haus des kleinen Dorfes genommen hat. Seit fast 130 Jahren scheint in „El Batan“ die Zeit stehen geblieben zu sein und die alte amerikanische Besitzerin versucht nicht weiter an der Uhr zu drehen.

San Augustín hat aber neben schöner Umgebung auch noch einige präkolumbianische Stätten zu bieten. Allerdings mutmaßt man hier nur und hat eigentlich keine Ahnung über die untergegangene Kultur, die skurrile, anthropomorphe Steinsäulen hinterlassen hat.

Nach drei Tagen bei Nelly ging’s dann weiter nach Tierradentro bzw. eigentlich ins klitzekleine Dörfchen San Andrés de Pisimbalá. In Sammeltaxi, Kleinbus und heruntergekommenen Jeep. Hupe. Gas. Hupe. Gas. Und zum Schluß durften wir sogar noch in einer Chiva mitfahren. Das sind jahrzehntealte Monsterbusse mit alten amerikanischen Dodge-Zugmaschinen, angemalt wie Zirkuswagen und oft brechend voll. Und da saß nun Dina mit gefühlten 20 Leuten auf der Bankreihe im Bus und ich oben zwischen Hühnern, Bierkästen und 25 Einheimischen auf dem Dach. Großartig. Tierradentro, „das Land tief drinnen“, wie es von den Spaniern genannt wurde, kann ebenfalls alte archäologische Stätten anbieten und vor allem einzigartige unterirdische Grabkammern. Ein wirklicher schöner Ausflug ins Grüne.

Und dann kam die Rückfahrt nach Popayán. Es war Sonntag und das ganze Wochenende wurde im größeren Nachbardorf gesoffen und getanzt. Montag war natürlich Feiertag. Wir hofften also auf einen nüchternen Fahrer und hatten für die 5 Uhr morgens anstehende 3-Stunden Fahrt einen Platz im geschlossenen Jeep reservieren lassen. Naja, geschlossen hieß hier undichte Plane und kalter Wind. Im Bus hätte es fünf Stunden gedauert, wir wollten es schnell hinter uns bringen. Also wieder Gas. Hupe. Gas. Hupe. Auf Buckelpiste. Nach 30 Minuten brach die Sitzbank, auf der mein Nachbar und ich saßen, aus der Verankerung im Boden. Hätte jemand hinter uns gesessen, wären die Beine gebrochen gewesen. Der Fahrer wollte aber allen Ernstes noch mehr Leute mitnehmen und auf die kaputte Sitzbank setzen. Um das zu verhindern, mussten wir den Ton etwas verschärfen. Allerdings hatte ich für den Rest der Fahrt einen volltrunkenen Partygast neben mir, der so zu war, dass sein Kopf dauernd aus dem Fenster hing und ich ihn am Schlawittchen packen musste, um Schlimmeres zu verhindern. Immerhin hat er nicht gekotzt.

Also wie man merken kann, Kolumbien schickt sich ganz fantastisch an und wir freuen uns auf neue Episoden, nächstes Mal aus der Kaffeeregion bei Salento. Tschüß.





Samstag ist Markttag.

3 07 2009

Ort: Otavalo (ECU)
Zeitunterschied: -7 Std. MEZ
Wetter: Sonntagswetter am Samstag

Otavalo gilt als der wirtschaftlich größte Markt Südamerikas. Bekannt ist vor allem der Samstagsmarkt, wo neben Handwerkskunst aus Ecuador, Peru und Bolivien auch Tiere aller Art, Obst und Gemüse sowie Waren des täglichen Bedarfs den Besitzer wechseln. Es gibt eine Straße mit Wolle-Petry-Freundschaftsbändern, ein ausgewachsenes Meerschwein kostet 12 US$ (natürlich nur zu Verzehrzwecken gedacht, denn mit Essen spielt man ja bekanntlich nicht) und man kann sich an ganzen gegrillten Schweinen laben. Ein Spaß für die ganze Familie.