Das einzige Risiko ist, bleiben zu wollen.

10 07 2009

Ort: Popayán, San Augustín, Tierradentro (COL)
Zeitunterschied: -7 Std. MEZ
Wetter: Warm mit Regenschauern

So, nun also Kolumbien, was wir zunächst nicht auf dem Plan hatten, da der Ruf Land und Leuten voraus eilte. Die politisch motivierten Entführungen durch die FARC (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia, Bewaffnete Revolutionäre Kräfte Kolumbiens, Anm. d. Red.), außer Kontrolle geratene Paramilitärs, Pablo Escobar und das Koks sowie eine unruhige neuere Geschichte haben Kolumbien nicht unbedingt zu einer dicken Empfehlung von der Reisebürotante gemacht. Doch wie das ja immer so ist mit den Medien, wird sensationsträchtigen Nachrichten eine bedeutend höhere Aufmerksamkeit geschenkt als langweiliger, guter Kunde von Friede, Freude, Eierkuchen. Denn Kolumbien hat sich als Reiseland gemacht. In den letzten fünf Jahren ist es bedeutend ruhiger und sicherer geworden, was selbst das Auswärtige Amt anerkennen konnte. Und auch der einheimische Tourismusverband hat reagiert und eine Kampagne lanciert, die über Risiken und Nebenwirkungen eines Aufenthalts im Land informiert.

Ein Plädoyer für Kolumbien in 2:33 Minuten.

Was nach der Grenze auffällt, sind Salsa-Beats im Bus, Fahrradfahrer auf den Straßen, Kaffee löst Bier als großen Werbetreibenden ab und man kleidet sich moderner, luftiger, den Temperaturen entsprechend.

Pasto, unser erster Stop im Land, bleibt nur eine Zwischenstation und wir schlagen unsere sprichwörtlichen Zelte bei Tony und Kim, den Gründern der Hosteltrail.com Plattform, in Popayán auf. Wieder eine sogenannte weiße Stadt. Nach Sucre in Bolivien und Arequipa in Peru hat auch die Universitätsstadt Popayán einen andalusischen Anstrich verpasst bekommen, der in der menschenleeren Nacht von Laternen angestrahlt eine ureigene Ruhe ausstrahlt. Und es war so ruhig, weil mal wieder Feiertag war. Kolumbien hat wohl die meisten in Südamerika und dazu werden alle arbeitsfreien Tage, die auf einen Termin unter der Woche fallen auf den folgenden Montag gelegt, um ein langes Wochenende, „Puente“ (Brücke, Anm. d. Red.) genannt, zu garantieren.Und davon gab es gerade drei am Stück. Herr Guttenberg und Herr Steinmeier fänden das sicher auch für unsere blühende Volkswirtschaft toll.

In Popoyán die großen Rucksäcke stehen lassend, sind wir dann für fünf Tage auf eine gemütliche Rundfahrt in die Provinz. Zuerst ging es sechs holprige Stunden nach San Augustín. Und hier mal ein paar Worte zum Thema Busfahren in Kolumbien. In Ecuador haben wir ja schon einen interessanten Fahrstil kennengelernt, der hier aber noch getoppt wird. Überholen bei freier Sicht und warten auf ein entspanntes Überholmaneuver scheint bei den lokalen Busfahrern als unprofessionell oder Mädchenkram zu gelten. Hupe. Gas. Hupe. Gas. Es werden nicht umsonst regelmäßig Kotztüten verteilt. Doch um zu kotzen, muss man in der Regel vorher etwas gegessen haben. Um das zu gewährleisten, wird während der Busreise an einem Imbiss oder Restaurant, das sicher dem Schwager des Fahrers gehört, angehalten. Das geschieht aber meist ohne Vorankündigung, da wird dann einfach gestoppt, wenn der Fahrer Hunger hat. In Deutschland würde so etwas sicher einen Lynchmord nach sich ziehen. Doch wir sind ja hier in Kolumbien und genauer in San Augustín.

Die Vegetation in der Gegend kann man nur mit üppig grün bezeichnen. Gigantische Bananenbäume, die Kaffeesträuchern Schatten spenden, Zuckerrohrfelder, Bambus, der das Dutzend an Metern vollmacht und überhaupt überall Blumen und Pflanzen. Der Boden scheint so nährstoffreich, dass sich die Bäume Parasiten in Form von Orchideen leisten können. So verwundert es kaum, dass Kolumbien das an Orchideen und Palmen reichste Land der Welt und einer der größten Blumenexporteure ist.

Unser Garten in der Casa de Nelly ist ein blühender Beweis dafür, vor allem die Helikonien waren sehr beeindruckend. Doch auch die Leute vor Ort waren etwas speziell. Die Französin Nelly, die Kette raucht und immer drei Kippen im BH stecken hat, Julio, der leckeres Essen zauberte und Harry, der eigentlich Harrinson mit Vornamen heißt und uns mit in das älteste Haus des kleinen Dorfes genommen hat. Seit fast 130 Jahren scheint in „El Batan“ die Zeit stehen geblieben zu sein und die alte amerikanische Besitzerin versucht nicht weiter an der Uhr zu drehen.

San Augustín hat aber neben schöner Umgebung auch noch einige präkolumbianische Stätten zu bieten. Allerdings mutmaßt man hier nur und hat eigentlich keine Ahnung über die untergegangene Kultur, die skurrile, anthropomorphe Steinsäulen hinterlassen hat.

Nach drei Tagen bei Nelly ging’s dann weiter nach Tierradentro bzw. eigentlich ins klitzekleine Dörfchen San Andrés de Pisimbalá. In Sammeltaxi, Kleinbus und heruntergekommenen Jeep. Hupe. Gas. Hupe. Gas. Und zum Schluß durften wir sogar noch in einer Chiva mitfahren. Das sind jahrzehntealte Monsterbusse mit alten amerikanischen Dodge-Zugmaschinen, angemalt wie Zirkuswagen und oft brechend voll. Und da saß nun Dina mit gefühlten 20 Leuten auf der Bankreihe im Bus und ich oben zwischen Hühnern, Bierkästen und 25 Einheimischen auf dem Dach. Großartig. Tierradentro, „das Land tief drinnen“, wie es von den Spaniern genannt wurde, kann ebenfalls alte archäologische Stätten anbieten und vor allem einzigartige unterirdische Grabkammern. Ein wirklicher schöner Ausflug ins Grüne.

Und dann kam die Rückfahrt nach Popayán. Es war Sonntag und das ganze Wochenende wurde im größeren Nachbardorf gesoffen und getanzt. Montag war natürlich Feiertag. Wir hofften also auf einen nüchternen Fahrer und hatten für die 5 Uhr morgens anstehende 3-Stunden Fahrt einen Platz im geschlossenen Jeep reservieren lassen. Naja, geschlossen hieß hier undichte Plane und kalter Wind. Im Bus hätte es fünf Stunden gedauert, wir wollten es schnell hinter uns bringen. Also wieder Gas. Hupe. Gas. Hupe. Auf Buckelpiste. Nach 30 Minuten brach die Sitzbank, auf der mein Nachbar und ich saßen, aus der Verankerung im Boden. Hätte jemand hinter uns gesessen, wären die Beine gebrochen gewesen. Der Fahrer wollte aber allen Ernstes noch mehr Leute mitnehmen und auf die kaputte Sitzbank setzen. Um das zu verhindern, mussten wir den Ton etwas verschärfen. Allerdings hatte ich für den Rest der Fahrt einen volltrunkenen Partygast neben mir, der so zu war, dass sein Kopf dauernd aus dem Fenster hing und ich ihn am Schlawittchen packen musste, um Schlimmeres zu verhindern. Immerhin hat er nicht gekotzt.

Also wie man merken kann, Kolumbien schickt sich ganz fantastisch an und wir freuen uns auf neue Episoden, nächstes Mal aus der Kaffeeregion bei Salento. Tschüß.

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One response

13 07 2009
leaclow

Euer Blog gefällt mir wirklich sehr gut! Der Schreibstil macht Spaß=)…War nun schön öfters hier. Gestattet mir ein, zwei Fragen. Wie macht ihr das mit der Verständigung? In Südamerika wird wahrscheinlich hauptsächlich Spanisch gesprochen. Sprecht ihr beide Spanisch? Warum habt ihr euch ausgerechnet Südamerika für eine solch groß angelegte Reise ausgesucht?

Viele Grüße,
leaclow

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