Die zwei Seiten der Medaille.

27 08 2009

Ort: Gold Coast, Brisbane (AUS)
Zeitunterschied: +8 Std. MEZ
Wetter: Sonnig

Ach, welch vielversprechende Namen: Gold Coast, Surfers Paradise! Und ach, welch herbe Enttäuschung. Surfers Paradise an der Gold Coast südlich von Brisbane wurde im letzten Jahr zu Australiens #1 Urlaubsdestination gewählt. Man kann hier wunderschöne Hotels und Apartmenthäuser bewundern, die wie Betonklötze in den Himmel ragen, endlich mal wieder richtig viel Asche in den teuren Restaurants oder Shoppingmalls verbrennen oder den Jahreslohn eines indischen Teppichknüpfers an einem Abend versaufen. Warum waren wir also da?

Naja, wir hatten sowieso nur zwei Nächte eingeplant und die für umme auf der Couch zweier Lesbierinnen in einem Vorort namens Coombabah. Wir hatten ja schon gute Erfahrung mit Jaime und Pablo in Santiago machen können und dachten, dass wir der Goldküste mit lokalem Insiderwissen eine Chance geben könnten. Doch wir hätten eigentlich schon stutzig werden müssen, da das einzige Bild im Couchsurfing-Profil der beiden Mädels ein Bild des Eingangs des Movieworld Themenparks war. Naja, wir wurden herzlich empfangen und sogar vom Busbahnhof abgeholt, doch im schnuckeligen Haus mussten wir erst mal schlucken. Delphinpuzzle, herzförmige Spiegel mit rotem Plüschrahmen, karierte Kissen mit Teddybärbildern und ein Malteser-Hund mit Pullover. So ganz die selbe Wellenlänge war das dann wohl doch nicht. Ziemlich trashig. Für Nikki und Stacee war es das erste Mal, dass sie eine Couch oder bzw. ein Zimmer mit eigenem Bad zur Verfügung stellen würden, doch irgendwie fühlten wir uns wie Lückenfüller eines recht langweiligen Lebens zwischen Glotze und Putzjob. Es soll nicht heißen, dass die beiden nicht nett und hilfsbereit gewesen wären, doch irgendwie hatten die zwei nicht wirklich was zu erzählen.

So kannten die beiden auch nicht den Currumbins Wildpark, der inmitten dieser hässlichen Betonwüste ein grünes Refugium ist und einen schönen Querschnitt durch Australiens endemische Tierwelt beherbergt. Wir konnten faule Koalas beim Nichtstun beobachten, da die Racker um die 20 Stunden am Tag schlafen, es gab eine gut gemachte Vogelshow, bizarre Echidnas, monsterhamster-ähnliche Wombats und putzige Känguruhs natürlich. Volle Punktzahl auf der Niedlichkeitsskala gab es für ein vier Monate altes Jungtier, dass noch bei Muddern im Beutel wohnte, sich aber immer wieder für erste Sprungversuche nach draußen wagte.

Auf dem Rückweg fiel uns dann ein, dass wir uns gar nicht die Adresse unserer Gastgeber haben geben lassen und uns auch beim besten Willen nicht mehr an die Bushaltestelle erinnern konnten, an der wir am Morgen den Bus genommen hatten. Wir, zwei erwachsene Mitteleuropäer mit höherer Schulbildung, im Bus, irrend durchs Dunkel der Nacht im Dschungel der Vororte der Gold Coast. Jedes Mal die selben Fragen der sehr hilfsbereiten Busfahrer und Passagiere. Jedes Mal unsere gleiche peinliche Erklärung: Wir waren „lost“. Totale Erniedrigung. Was wir in sechs Monaten Südamerika nicht geschafft haben, passierte uns hier schon nach zwei Wochen. Doch dank Google Maps auf einem Rechner im Medical Center eines großen Einkaufszentrums konnten wir uns wieder orientieren und ein verständnisvoller Herr fuhr uns dann wieder zu den karierten Kissen mit den Teddybären, wo Nikki und Stacee schon drauf und dran waren eine Vermisstenmeldung rauszuschicken.

Und verlaufen hatten wir uns dann am nächsten Tag schon fast wieder, denn wir waren mit den beiden im Nationalpark direkt hinter dem Haus unterwegs, den die beiden bisher nicht weiter als 500m betreten hatten, obwohl sie schon fast ein Jahr in der Gegend wohnten. Aber das Areal war wirklich sehr schön, mit freilebenden Känguruhs, Koalas in Eukalyptushainen und Mangrovensümpfen. Nach zwei Stunden unaufgeregten Spaziergangs meinten die beiden nur noch, dass sie am Abend gut schlafen werden würden. Na dann.

Danach ging es nach Brisbane, das eigentlich den Ruf einer langweiligen, gewöhnlichen Großstadt ohne Sehenswürdigkeiten hat. Doch selbst die vermeintlich uninteressanteste Stadt kann ganz spannend werden, wenn man die richtigen lokalen Kontakte hat.

Wir hatten mal wieder Asyl auf einer Couch eingereicht und fanden uns in einem 130 Jahre alten Holzhaus im viktorianischen Stil mitten im coolen West End wieder. Das Haus und seine Bewohner hatten durch und durch Charakter, im Wohnzimmer stapelten sich tausende von Schallplatten, die Couch und zwei Sessel waren aus den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts und der Stil ließe sich wohl am besten mit „charmantes Chaos“ beschreiben. Andrew, der Freund von Lysandra, war leider nicht da, dafür aber Patricia, ein in der Schweiz lebendes Mädel mit spanisch-brasilianischen Wurzeln, die genau wie wir Couchsurf-Gast des Hauses war. Zusammen ging es am Freitag Abend auf ein Konzert von drei australischen Bands im Troubadour, das wir wohl so einfach nicht selber gefunden hätten. Samstag vormittag ging es auf Empfehlung zum bunt gemixten Markt im West End, wo wir doch tatsächlich Clara wieder getroffen haben, die wir im Tayrona Nationalpark in Kolumbien kennengelernt hatten. Am Nachmittag gab es dann wieder ordentlich was auf die Ohren, denn der lokale Radiosender 4ZzZ hatte zum Livegig im Innenhof des Senders geladen. Das hieß Garagenrock zum Nulltarif, billiges Essen und Bier aus dem Schnapsladen nebenan. Sonntag dann noch etwas Brisbane mit Sciencentre und Art Gallery. Alles in allem ein ziemlich gutes Wochenende mit einer guten Gastgeberin, die so ganz anders war als unsere zwei Schnuckis an der Gold Coast.

Wir haben sie gesehen, die zwei verschiedenen Seiten der Couchsurfing-Medaille und eine wichtige Lektion gelernt. Nie die Katze im Sack kaufen und bei jemanden die Couch surfen, der kein Photo von sich im Profil hat. Auch wenn man sich natürlich nicht ein 100%iges Bild machen kann, sagen Photos doch oft mehr als 1000 Worte.

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5 responses

28 08 2009
Lennart

klingt doch trotzdem nach „reapply“, couchsurfen in australien, oder?

28 08 2009
matzepeng

Yipp, absolut reapply! Demnaechst in Townsville uebers Wochenende…

30 08 2009
Anne-Kathrin Kern

Oh lala, ich glaube das war ne echt gute Erfahrung mit den beiden “ Super-Mädels „, aber euch hätte dieser rote Plüschspiegel auf alle Fälle gefallen wenn ihr dem selben Ufer angehören würdet und da wäre es hundertprozentig ein Mitbringsel geworden, hahaha. Die Kängerus liegen da als wenn sie zum Streicheln und Anfassen gezähmt wurden, aber wie sieht es mit dem Schmecken derselbigen aus.
Liebe Grüße von Annchen an die beiden Couchsurfer, passt auf euch auf und denkt immer an den Rückweg ! Tschüssi

1 09 2009
der B-)

das ist doch toll das ihr den beiden plüschdamen etwas von ihrer schönen Umgebung zeigen konntet. Da habt ihr euch doch euren couch surfing Aufenthalt redlich verdient.
Das Foto vom brisbane Haus bekommt übrigens erst durch den weissen Astra seinen ganz besonderen touch. Der opel als zeichen der internationalen Weltgemeinschaft ;)) toll. Gruß aus Bo

21 11 2009

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