Menschen, Tiere, Sensationen.

21 10 2009

Ort: Melbourne, Grampians, Great Ocean Road (AUS)
Zeitunterschied: +8 Std. MEZ
Wetter: Eine Frechhheit!

Melbourne ist cool. Melbourne ist sogar ziemlich cool. Die bisher spannendste Stadt auf dem fünften Kontinent. Man sagt ja, man mag entweder Sydney oder Melbourne. Wir mögen Melbourne. Denn Melbourne ist seit langer Zeit mal wieder eine Stadt, die mondänes Flair verströmt, Weltstadt ist. Vier Millionen leben mittlerweile hier, vergleichbar also mit Berlin. Doch wer denkt Berlin ist riesig, dem sei gesagt Melbourne ist flächenmäßig etwa 8x größer. Die Stadt ist prall mit Kunst und Kultur, Kneipen und Bars, Sport und Parks. Und nur mal zum Vergleich: Sydney hat 23 Konzert-Locations, Melbourne hat 68. Es gibt also viel zu tun und wir haben in sieben Tagen einiges gesehen.

Den botanischen Garten, in dem man sich gut mal verlaufen kann, die Innenstadt um den Federation Square mit der nationalen Kunstgalerie, den Queen Victoria Markt, ein nachgebautes Flüchlingscamp von „Ärzte ohne Grenzen“ im Treasury Park, einen sonnigen Sonntag an der Strandpromenade von St Kilda, die Schicki-Micki-Läden auf der Chapel St oder das hippe Viertel Fitzroy. Melbourne ist nämlich auch die Modehauptstadt Australiens. Es gibt verdammt viele trendy Melburnians und das ist auch kein Wunder bei der Fülle an Fashion-Outlets, die es an jeder Ecke zu geben scheint. Trotzdem scheint bei der Jugend gerade mal wieder Retro angesagt zu sein. Aktuell: die 80er. Man trägt schwarz, grau und weiß, Leggings und Vacuum-Jeans dürfen nicht fehlen, die Frisur sitzt. In Melbourne ist man eben cool.

Und Melbourne ist auch das Babylon Australiens. Die Zahl der Einwanderer ist so groß, dass der Immigration sogar ein Museum gewidmet ist. Es scheint vor allem Chinesen, Italiener und Griechen zu geben. Man kann durch Chinatown wandern, in Little Italy Pizza essen und im griechischen Bezirk Souvlaki vom Holzkohle-Grill kredenzen gehen.

Melbourne war also eine Stadt, in der wir durchaus länger geblieben wären, wenn nicht wieder eine neue Mission mit einem Spaceship auf dem Programm gestanden hätte. Wir hatten fünf Tage Zeit, um die Grampians und die Great Ocean Road zu erkunden.

Von der bereits mehrfach erwähnten Stadt ging es zuerst durch die viktorianische Perle Ballarat, vorbei an blühenden Raps-Feldern und grünen, saftigen Wiesen direkt nach Halls Gap, dem Touri-Zentrum in den Grampians, einem Sandsteingebirge in einem Nationalpark. Und weil wir ja natürlich etwas vom wertvollen Westgeld sparen wollten, ging es wieder auf die Suche nach einem nicht ganz offiziellen Stellplatz für die Nacht. Meist gibt es ja an den Picknick-Spots Gasgrills und Toiletten für lau, man wird also nicht gerade abgehalten, dort zu campen. So waren wir dann ganz allein in Zumsteins. Naja, ganz allein wäre übertrieben, wenn man zwei Meter große Graue Känguruhs vor sich stehen hat, die sich in der Abenddämmerung den Bauch mit Gras voll schlugen. Die Zeit vom Abend bis zum Morgengrauen ist auch die unentspannteste zum Auto fahren, da immer wieder irgendwelche Beuteltiere am Sraßenrand rumstehen und unangemeldet vor den Kühler springen, was dann eine Riesensauerei hinterlassen würde.

Und die Grampians waren schon sehr fein. Bizarre Felsformationen, weite Täler mit dichtem Baumbewuchs, obwohl das große Feuer von 2006 seine Spuren hinterlassen hat, und eine umfangreiche Fauna. Im Gebiet um das Brambuk Cultural Centre, wo wir uns in die abermals traurige Aborigine-Historie einführen lassen konnten, gab es Unmassen an freilebenden Känguruhs, Emus, Wallabies, Kookaburras oder auch Kakadus. Immer schön vor vorbildlicher Naturkulisse mit den gerade blühenden Wildblumen, es ist nämlich Frühling. Und Frühling ist auch die Zeit des Nachwuchses. Bei Mutter Känguruh schaut ein kleiner Racker aus dem Beutel, Vater Emu hat zwei Küken an der Seite und kommt man einem Elsternnest zu nahe, sollte man besser flüchten. Diese verdammte Psychoelster hat einen schweren Angriffskrieg geflogen und hat uns mehrere 100 Meter verfolgt. Das erinnerte doch stark an Hitchcocks Vögel.

Und noch eine schöne Episode aus Brehms Tierleben. Wir haben ein Känguruh pissen gesehen. Und nein, dieses hat nicht Pipi gemacht, oder klein, das hier hat gepisst. Zwei Meter Känguruh in aufrechter Position mit einem Strahl, der einen erwachsenen Mann hätte töten können und das unkontrolliert in alle Richtungen. Die Menge hätte ausgereicht, um einen flächendeckenden Buschbrand zu löschen. Wir waren schwer beeindruckt. Doch nicht genug der Attraktionen. Im Hintergrund führten zwei graue Riesen einen zünftigen Boxkampf auf, der an eine Kirmesprügelei erinnerte. Die zwei Opponenten standen im Infight auf ihren Schwänzen und traten mit den Hinterkeulen, dass die Schwarte nur so krachte. Da wurde was für’s Auge geboten. Und weil es so schön war, sind wir gleich in dem Wildpark namens Tower Hill kurz vor Warnambool über Nacht geblieben. Unser Spaceship, in finsterster Nacht, umzingelt von Kaninchen, Roos (liebevoll für Känguruh, Anm. d. Red.), Wallabies, Koalas und Emus. Der letzte Stop, bevor es auf die Great Ocean Road gehen sollte.

Great Ocean Road heißt dann zwischen Peterborough und Torquay hauptsächlich an der Küste Victorias entlang, Felsformationen und Szenerie bestaunen. Am bekanntesten sind ja die „12 Apostel“, acht steil aufragende Felsen direkt vor der Küstenlinie. Angeblich sieht man drei Apostel nicht und einer ist vor ein paar Jahren eingestürzt, aber wenn man uns fragt, ist das mal wieder ein typisches Beispiel für touristische Vermarktung. In Australien wird ja jede Parkbank als „Must-Do“ Attraktion umjubelt und daher wundert es auch nicht, dass man bei den angeblich 12 Apostel, gleich mal drei Augen zugedrückt hat. Es gibt halt nichts cooles mit der Zahl 9. Die Gloreichen waren sieben, die Musketiere zu dritt und auch die Fantastischen Vier waren nicht zu neunt. Ach ja, und eine der „Drei Schwestern“ ist kürzlich erst zusammengefallen, jetzt sind es nur noch zwei. Eine traurige Familiengeschichte.

Nun ja, wir also alle paar Meter angehalten, um Felsformationen, wie „The London Bridge“ oder auch „The Arch“ zu bestaunen. Jacke und Mütze lohnten sich nicht auszuziehen, so nah beieinander hatten die Australier die Felsen gebaut. Denn das Wetter war eine Frechheit. Nix mit Sonne und so. Regen, Wind und nachts 4 Grad. Da schaut man im Vorfeld auf Voxtours Reiseberichte, man sieht Palmen und Riffe aber keiner sagt einem wie schattig es hier werden kann. Da hätten wir auch im herbstlichen Deutschland bleiben können. Nee, nee, also das Wetter war echt ne Frechheit.

Überraschend und gelungen war dann aber dann das Zusammentreffen mit Anja und Pit, zwei ebenfalls Langzeitreisenden, die seit April unterwegs sind und wir hier und da in losem E-Mail-Kontakt standen. Wir wussten, dass wir in etwa zur selben Zeit die Great Ocean Road befahren würden, aber die ist ja nicht nur 2 Km lang. Umso größer also die Überraschung. „Mensch, das gibt’s ja nicht, die Welt ist klein oder ein Dorf“ usw. Zur Feier des Tages gab es auf dem Campingplatz Marengo in Apollo Bay reichlich VB (Victoria Bitter, lokale, trinkbare Biersorte, Anm. der Red.) und Plausch im Camp Kitchen. Danke nochmal für’s abfüllen.

Bevor es dann wieder zurück nach Melbourne ging, habe ich mich noch auf den Otway Fly Treetop Walk getraut. Ich bin ja eher so der Höhenschisser und daher möchte hier nochmal meine Wagemutigkeit und Kühnheit heraustellen. Man wandert auf einem 600m langen Weg in den Baumkronen, 25m über dem Boden. Naja, nicht gerade von Ast zu Ast, eher auf einer Stahlkonstruktion. Der Blick von oben auf Baumfarne und keine Ahnung was noch für Gewächs im gemäßigten Regenwald Australiens war dann aber doch beeindruckend. Mit etwas Pipi in den Augen, war der Matze dann aber wieder froh auf matschigem Waldboden angekommen zu sein.

In Kenneth River gab es dann noch reichlich Koalas zu begaffen. Viele Bäume hatten dort einen Plastikring um den Stamm als Schutz und wir dachten natürlich, dass die Katzen nicht auf die Bäume sollen, um die Grünen Papageien und Crimson Rosellas platt zu machen. Doch der Schutz war für die Bäume gedacht und sollte die gefräßigen Koalas davon abhalten, die Bäume kahl zu fressen. Was aber wenig gebracht hatte, denn die fetten Koala-Bären hingen in jedem zweiten Baum, was doch recht außergewöhnlich war, denn bisher hatten wir in den ganzen 8,5 Wochen erst vier zu Gesicht bekommen.

Und so vergingen die fünf Tage viel zu schnell. Doch zurück in der großen Stadt wurde gerade das Melbourne Festival eröffnet und die französische Performancegruppe Transe-Express hatte eine sensationelle Vorstellungen namens „Mischievous Bells“ in den Abendhimmel produziert. Am besten mal bei Youtube suchen.

Nun heißt es ab auf die australische Hauptinsel, denn die Tasmanier bezeichnen das große Eiland nur als die nördliche Insel Australiens. Symphatisch finden wir. Zwei Wochen Road-Trp stehen auf dem Programm. Spaceships gibt es keine in Tassie, daher werden wir uns nach einer bezahlbaren Alternative umschauen. Bis dahin und tschüß Nordinsel.

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Hitze, Fliegen und eine verlorene Kultur

13 10 2009

Ort: Darwin, Kakadu NP, Kathrine, Litchfield NP (AUS)
Zeitunterschied: +7,5 Std. MEZ
Wetter: Kind, setzt einen Hut auf und nimm mindestens LSF 30!

Ende September im nördlichen zentralen Zipfel Australiens heißt Ende der Trockenzeit. Es ist alles verdorrt, das Gras gelb und viele Flußläufe ausgetrocknet, die Waldbrandgefahr hoch. Die nasse Monsunsaison steht vor der Tür und zu den ohnehin schon heißen Temperaturen kommt dann eine Luftfeuchtigkeit von 100%.

Darwin, die größte Stadt im Northern Territory oder auch Top End genannt, empfang uns mit der Cartagena-Faust. Was für eine Hitze. Tagsüber 38 Grad, nachts zarte 25. Wirklich toll, 24/7 schwitzen. Wir ächzten unter den Temperaturen, Aktivitäten wurden auf ein Minimum beschränkt. Doch Pflichtprogramm war der Besuch des Mindil Beach Sunset Marktes, der zur Trockenzeit jeden Donnerstag und Sonntag stattfindet. Auf dem wohl besten Markt Australiens gab es neben einer sensationellen Auswahl an kulinarischen Leckerbissen (vornehmlich aus Asien), auch eine interessante Auswahl an Kunsthandwerk und Live-Performances. Wer kennt nicht die Didgeridoo-Hippies aus der Fußgängerzone, die mit einschläfernden, brummenden Tönen ein bißchen Australien nach Bottrop bringen wollen. Die Performance von Em Dee war erfreulicherweise anders. Contemporary Didgeridoo nennen die zwei Künstler ihren Stil und mit 140 BPM blasen einem die Bässe aus dem Rohr und dem Schlagzeug die Sweet-Chili-Soße von den Tintenfischringen. Hauruckdiewaschfraumitjuchhe, das ging schon ganz gut ab. So ließ es sich dann aushalten mit lecker Essen, guter Musik und der untergehenden Sonne.

Ein überraschendes Wiedersehen gab es dann mit Dina’s Mama und Jürgen sowie Michaela und Ulrich. Wir kamen gerade mit den frischen Känguruh-Steaks unterm Arm an einem Irish Pub vorbei, als unter großem Hallo die erneute Zusammenkunft gefeiert wurde. Und weil es so schön war, ging es am nächsten Abend erneut zum Mindil Beach, der dieses Mal fast komplett leer war und wir wieder einmal die öffentliche Grillstation nutzen konnten.

Darwin selber ist so interessant wie Wolfsburg bei 2 Grad und Schneeregen und hat ebengleich nicht mal einen Stadtkern. Einziges Highlight neben dem Sunset Market war das Museum bzw. die Art Gallery des Northern Territory, ansonsten Unattraktivität pur. Der eigentliche Grund warum man nach Darwin kommt, ist ein Ausflug in den nahe gelegenen Kakadu Nationalpark.

Wir hatten dieses Mal nach eingehender Recherche eine geführte Camping-Tour mit Wilderness 4WD Adventures gebucht. Fünf Tage im Allradfahrzeug unterwegs, davon drei im Kakadu, einen Tag in der Kathrine Gorge und einen im Litchfield Nationalpark. Unsere Gruppe bestand aus zwei deutschen Mädels, zwei älteren Damen aus der Gegend um Sydney, einer fünfköpfigen Familie aus Melbourne und einem irischen Paar. Der 29-jährigen Guide Adam war ein richtiger australischer Typ, der in seiner freien Zeit gern mal einen trinken geht und dazu schön auf Barramundi angelt. Ein richtiges Draußenkind, dass von diesem neumodischen Kram wie iPod und Co. keine Ahnung haben wollte.

Wie gesagt, es war Trockenzeit im Kakadu NP, dessen Name sich nicht vom gleichnamigen Vogel ableitet, sondern wohl vom deutschen Entdeckungsreisenden Ludwig Leichhardt stammt, der den Namen des lokalen Aborigine-Volkes Gagadju verhohnepiepelte. Die Eukalyptuswälder und die Paperbarkbäume warteten auf den bald kommenden Monsun, der in vier Monaten etwa 1,5 Meter Wasser bringen wird. Es sah eigentlich überall ähnlich aus, obwohl der Nationalpark riesige Ausmaße hat. Die Landschaft erinnerte stark an den afrikanischen Busch, außer dass eben keine großen Säugetiere zu sehen waren. Vögel und Reptilien bestimmen die Fauna, je nach Saison verändert sich aber auch das Tieraufkommen. Kein Wunder, dass die Ureinwohner keine festen Behausungen hatten und wie Nomaden umhergezogen sind, wenn sich die Landschaft unter dem Einfluß des Monsunklimas so drastisch verändern kann.

Zuerst ging es zu einem Billabong namens Corroborree. Ein Billabong ist ein Wasserloch, dass zur Trockenzeit an einen See erinnert, in der grünen Saison mit viel Regen an ein Flußlaufsystem angeschlossen ist. Auf diesem Wege verbreiten sich dann auch Krokodile. Sowohl die kleinen Süßwasser- als auch die massigen Salzwasserkrokodile lassen diese Wasserlöcher dann meist ganzjährig zu einer Nichtschwimmerzone werden. Auf unserem Cruise auf dem Billabong konnten wir dann auch Crocs am Ufer und im Wasser beobachten, der große Zeh blieb schön im Trockenen.

Danach ging es nach Ubirr einem der 15.000 Felsen mit Jahrtausende alten Malereien der Aborigine-Völker. Genau lassen sich diese stummen Zeugen der Geschichten nicht datieren aber anhand der Motive lassen sich Rückschlüsse ziehen. So war einer der gezeichneten Schildkröten seit 20.000 Jahren ausgestorben und auch Tasmanische Tiger gibt es schon seit mehreren Hunderten Jahren nicht mehr auf der australischen Hauptinsel.

Irgendwann vor etwa 40.000 Jahren kamen die ersten Ureinwohner (Aborigines, aus dem lateinischen ab origine, ungefähr: jemand der zuerst da war, Anm. d. Red.) nach Australien und sind damit die längste noch existierende Kultur auf diesem Planeten. Aus dem Loose Travel Handbuch zitiert: „Sie waren seminomadisierende Jäger und Sammler, deren materiall-technologische Kultur auf das Nötigste beschränkt war. Sie hatten jedoch ein äußerst komplexes soziales und spirituell-religiöses System entwickelt, das den Menschen als einen natürlichen Bestandteil der Welt betrachtet.“ Jeder Stein, jeder Baum, jedes Tier hatte eine konkrete Bedeutung und bildeten zusammen mit ihren menschlichen Bewohnern ein organisches Ganzes. Die Aborigines hatten kein eigenes Schriftsystem entwickelt und so wurde anhand von Felsmalereien für die nachkommenden Generationen alles Wichtige weitergegeben, in etwa wie auf einer Tafel in der Schule.

Eine Geschichte aus dem nördlichen Australien besagt z.B. folgendes: Wenn eine werdende Mutter den ersten Tritt ihres Kindes verspürt, geht sie zu einem Ältesten, der für das Kind ein Totem bestimmt. Das Totem war zumeist ein Tier oder ein anderes Objekt aus der Natur. Sein Leben lang durfte man dann sein Totem nicht töten oder verspeisen. Eine Zeichnung in Ubirr zeigte, wie ein Mädchen sein Totem, einen Barramundi, verspeist hatte und dabei erwischt wurde. Darauhin wurde sie von den Ältesten bestraft, was einen Krieg zur Folge hatte, weil einige meinten die Strafe wäre zu hart gewesen. Und die Moral von der Geschicht, esse dein Totem nicht. Das ist nur eins von vielen Lehrbeispielen, welche Kindern erzählt werden, um die Traditionen und ungeschriebenen Gesetze zu vermitteln.

Überraschend für uns war aber auch, dass die Idee von dem Totem für die australische Familie vollkommen neu war. Die hatten wirklich keine Ahnung. In der Schule wird auch heute noch kaum etwas über die Aborigine-Kultur gelehrt. Man hat den Eindruck, dass die kollektive Schuld über die Verbrechen an Australiens Ureinwohnern noch im Unterbewusstein festsitz und bewußt totgeschwiegen oder verdrängt wird. Das Thema Aboriginie scheint noch nicht gesellschaftsfähig zu sein. Viele sehen auch heute noch die verschiedenen Aboriginie-Clans als Nachfahren primitiver Wilder.

Bis 1964 hatten die Ureinwohner noch nicht einmal vollwertigen Status als australische Staatsbürger. Doch mit der Erlangung dieses Rechtes ging auch der uneingeschränkten Zugang zu Alkohol einher, der wie in Nordamerika verheerende Folgen auf die entwurzelte Bevölkerung hatte. Schwerer Alkoholismus führte zu noch schwerer Gewalt, Kindesmißbrauch und Tod. Die Region Cape York wurde zur Region mit der höchsten Gewaltrate außerhalb eines Kriegsgebietes. Heute heißt es in der Stadt Kathrine, südlich des Kakadu NPs, nicht „Kein Bier vor 4“, sondern aufgrund des Mißbrauchs „No grog before 2 o’clock“ und dann auch nur unter Registrierung der Identität des Käufers, damit man nicht auf die Idee kommt Alkohol an die Aborigines zu verkaufen. Ein wirklich trauriges Kapitel im „Gute-Laune-no-worries“ Land. Und auch die Zukunft verspricht nicht viel Rosiges, der Punkt der Umunkehrbarkeit scheint überschritten. Ein Leben, wie es viele Jahrtausende gegeben hat, wird es so nicht mehr geben können. Viele zeigen sich desillusioniert, was das Fortbestehen dieser alten Kultur angeht…

Eine kleine Einführung in den Aborigine-Alltag gab es für uns Besucher dann aber im Kakadu Culture Camp und wir lernten mit Speeren zu werfen, auf dem Didgeridoo zu versagen und wie man einer Seeschlange mit den Zähnen das Genick bricht. Letzteres glücklicherweise nur in der Theorie.

Ansonsten bewegten wir uns von einer Badestelle zur anderen. Die Sonne prügelte unentwegt auf uns ein, doch die größte Plage waren die Fliegen. Und wir reden hier nicht über die langweilige Hausfliege, die sich am Grillabend mal hier und da auf Mutti’s Kartoffelsalat setzt, nein, diese Art verfolgt einen auf Schritt und Tritt und versucht mit Vorliebe in Augen, Nase, Mund oder Ohren zu fliegen. Der pure Hass! Man schlug ständig um sich, hatte tagsüber keine Ruhe, der reinste Psychoterror. Die einzige Methode ihnen zu entkommen, hieß ins kühle Nass zu springen. Dann doch lieber einen Arm von einem Süßwasserkrokodil abbeißen lassen.

Die angesteuerten Wasserfälle machten ihren Namen zwar kaum alle Ehre, doch eigentlich war jede natürliche Badestelle ein optischer Augenschmaus, der zum verweilen einlud. Und so planschten wir dann auch vergnügt in der Barramundi Gorge, im Moline Rockhole oder auch im Gonlum Top Rockhole, dass direkt in einen Wasserfall mündete und einen sensationellen Blick über das Tal eröffnete. Im Kathrine-Gorge-Flußsystem durften wir dann eine schöne Kanutour in der ersten der 13 Gorges machen, vorbei an Felsmalereien und Krokodil-Nistgebieten. Am letzten Tag ging es dann in den Litchfield NP. Zuerst zu den riesigen Hügeln der Kathedralen- und Magnetentermiten, dann zu weiteren Badestellen mit Wasserfall und vielen Menschen, denn die Frühlingsferein hatten gerade angefangen.

Alles in allem eine gelungene Tour, obwohl es die bisher kostenintensivste Aktivität in den letzten acht Monaten war. Australien ist kein günstiges Reiseland. Spenden von großzügigen Gönnern mit einem Spendenbetrag von mindestens 1 Million Euro werden mit einer exotischen Postkarte belohnt. Spendenquittungen für die Steuer können nur gegen eine unverschämt hohe Portogebühr erteilt werden.

Und bevor hier der schwüle Wahnsinn losgeht, verschwinden wir nach Melbourne, was ca. 25 Grad Temperaturunterschied bedeuten wird. Herbstlich. Wir freuen uns.





Ein Spaceship in den Tropen.

4 10 2009

Ort: Cairns > Port Douglas > Daintree NP > Cooktown > Atherton Tableland > Cairns (AUS)
Zeitunterschied: +8 Std. MEZ
Wetter: Open-air duschtauglich

Australien. Endliche Weiten. Wir melden uns von der Kommandobrücke von Spaceship BELKA unserem Zuhause für sechs Tage im nördlichen Queensland. In Cairns hatten wir uns einen Toyota Estima aus der Camper Van Flotte des Verleihers Spaceship gemietet. 2007er Baujahr, 25cm Bildschirm mit DVD Player und zeltähnlichem Heckanbau für noch mehr Platz und bessere Belüftung zum schlafen. Also eigentlich überhaupt nicht raumschiff-like aber sehr fein und hochwertiger als der Schrott, der hier sonst so durch die Gegend fährt.

Doch der Reihe nach. Am besten einen Kaffee holen oder noch schnell einen Toast mit Vegemite machen, heut wird es etwas länger.

Nach Mission Beach ging es in die beschauliche Großstadt Cairns. Dort sollen ja angeblich 300.000 Leute wohnen, wovon allerdings nichts zu merken war. Auf dem Rusty Markt gab es lecker Frischobst und Gemüse günstig zu erstehen, an der Strandpromenade wurde der öffentliche und zudem auch kostenfreie Pool probiert und einem Sonntagskonzert gelauscht. Aber alles, sehr gemächlich.

Doch in Cairns gab es auch ein großes Hallo mit Dina’s Mama und Jürgen, sowie den zwei Reisebegleitern Michaela und Ullrich. Nach über sieben Monaten das erste persönliche Treffen, das dann auch mit ordentlich Schmaus und Kaltgetränken gefeiert wurde. Unser erster Restaurantbesuch in Australien! Doch das Wiedersehen währte nur von kurzer Freude, denn nicht nur sie, sondern auch wir hatten Reisepläne.

Und so ging es dann an einem Montag im September los. Unser Spaceship abgeholt, dann erst mal an Linksverkehr und Automatik-Schaltung gewöhnen, einen Tramper aufgesammelt und ab nach Port Douglas. Port hatte schon ordentlich Vorschußlorbeeren einsammeln können und konnte diese auch bestätigen. Zwar ist das kleine Kaff recht touristisch, aber optisch ganz weit vorn dabei. Auf der Hafenmole konnte man den Angler im Schein der untergehenden Sonne zuschauen, am 4 Mile Beach abhängen oder im ANZAC-Park einen der öffentlichen Grillplätze nutzen. Wir waren ja erst seit 60 Minuten Camper und hatten daher aus Bequemlichkeit schon mal vorsorglich einen Riesenpott Curry vorgekocht, der dann nur noch warm gemacht werden musste. Auch hier nochmal Anerkennung für die Instandhaltung der öffentlichen BBQs und Toiletten. Sauber, keine stumpfen Graffiti-Tags und nicht verwüstet, wie man es zuhause ja gern mal vorfindet.

Wir hatten dann auch den Tipp von Ben, den von uns in Cairns aufgegabelten englischen Tramper, bekommen, es am rechten Ende des 4 Mile Beach mit wild campen zu probieren. Ein ruhiger Platz, wo keine Pozilei vorbeikommt, denn auf „für lau pennen am Straßenrand“ stehen zwar nicht drei Jahre Kinderbergwerk aber immerhin AU$150 Strafe. Erst am nächsten Morgen bei Tageslicht wurde uns klar, was für ein wunderschönes Plätzchen wir uns da empfehlen lassen hatten. Direkt am Strand. Jaja, schon wieder Strand wird der regelmäßige Leser bemerken, da wurde doch die letzten Male häufig mal gelangweilt gemeckert. Aber dieses Mal anders. Hier oben sind wir nämlich in den Wet Tropics, den feuchten Tropen also, und das heißt Regenwald, der widerum direkt bis an den Strand reicht. Amazing. Awesome. Wonderful. Nachdem uns dann die schwärmerischen Adjektive ausgegangen waren, um diesen feinen Ort zu beschreiben, ging es dann weiter gen Norden. In den Daintree Nationalpark, der für sich den Titel des ältesten Regenwaldes der Welt beansprucht.

Das Gebiet gehört zu einem der touristisch erschlossensten Gegenden in ganz Australien. Daher war es nicht verwunderlich, dass sich die Pfade nicht etwa wild mitten durch den Dschungel bahnten, wie wir das aus Bolivien kannten, sondern schön ordentlich als Wanderweg auf Holzplanken angelegt waren. Also schön für den Massentourismus gemacht, dass auch Oma mit dem Hackenporsche mitkommen kann. Das soll aber gar nicht so negativ klingen, denn die drei Boardwalks (Jindalba, Marrdja und Dubuji) waren wirklich gut gemacht und mit Infotafeln bestückt, so dass man nicht unbedingt dümmer aus dem Busch kam.

Zu den bemerkenswertesten Entdeckungen zählte mit Sicherheit die Würgefeige, die teilweise gigantische Ausmaße annehmen konnte. Es beginnt immer mit einem kleinen Samen, der sich in mehreren Metern Höhe auf einem Ast irgendeines Baumes absetzt. Mit der Zeit wachsen die Wurzeln der Feige nach unten und nehmen im Verlauf den ganzen Baum in Beschlag, was soweit führen kann, dass der Baum, der zuerst da war, wortwörtlich von der Würgefeige stranguliert wird und abstirbt. Faszinierend, was sich die Natur da wieder ausgedacht hat. Auch Mangroven mit ihren Kabel- und Schnorchelwurzeln sind ein erstaunlicher Lebensraum, der bestaunt werden konnte.

Zum berühmten Cape Tribulation ging es dann natürlich auch. Auf dem Weg dahin gab’s einen Stopp im Bat House. Dort werden flugunfähige Flughunde aufgepäppelt und gepflegt. Und wir haben mal wieder etwas für’s Klugscheißen am Frühstückstisch gelernt. Flughunde haben nämlich im Gegensatz zu Fledermäusen kein Sonar und fressen auch keine Insekten, sondern sind Vegetarier. Das gab gab schon mal Sympathiepunkte bei Dina. Ihre nächsten Verwandten sind die aus Madagaskar bekannten Lemuren und gelten hier mittlerweile auch als bedrohte Tierart. Sie haben schon auch einen kleinen Vampirstatus und werden als Überträger von Krankheiten angeprangert, wo es nur geht, obwohl das nicht ganz stimmt. Naja, Old Boy hing auf jeden Fall ganz gemütlich in seinem Netz im Bat House und nachdem er einem Apfelstück den Saft und das Fruchtfleisch entzogen und den Rest ausgespuckt hatte, präsentierte uns der kleine Racker sein überraschend großes Gemächt. In menschlichen Relationen gesprochen, würden wir hier eher von einem Oberschenkel, als von einem Unterarm reden. Jaja, wer lang hat, der kann auch lang hängen lassen. Ein putziges Kerlchen.

Doch genug der Angeberei, es ging wieder zurück in die Zivilisation, nach Port Douglas um genauer zu sein. Am nächsten Tag stand dann der für australische Verhältnisse lächerlich kurze (250 Km) Road Trip nach Cooktown an. Es hatte seit Ende Mai nicht mehr geregnet, alles war trocken und die Klimaanlage im Spaceship bewahrte uns vor dem Hitzetod. So war es auch kein Wunder, als auf einmal ein Buschbrand in nahe Ferne rückte und sich die Rauchschwaden über die Fahrbahn zogen. „Licht an und schön sachte durch die schwarzen Schwaden“ war die Ansage der Brandschutzbeauftragten und es ging weiter nach Norden. Thematisch passend passierten wir dann die Black Mountains, die wie ein überdimensionierter Holzkohlehaufen aussahen. Und jetzt kommt gleich nochmal eine Netzer-Delling-Überleitung, denn das passende Grillgut gab es auch noch dazu. Auf den letzten 50 Km vor Cooktown gab es den Todestreifen, denn alle paar Meter hatte sich ein vormals lebendes Känguruh in Roadkill verwandelt. Überall lagen tote Tiere herum, an den widerum die Raben nagten.

Und so etwas tot kam uns dann auch Cooktown vor, denn aus der einst zweitgrößten Stadt Queenslands, deren Bevölkerungsboom der Goldrausch in den 50er Jahren hervorgerufen hatte, ist heute nicht viel übrig geblieben. Nur noch 3.000 Einwohner wohnen in der Stadt, in der man nur leben kann, wenn man entweder verrückt ist oder bereit ist verrückt zu werden. So jedenfalls erklärte uns das Gernot Jander, ein 72-jähriger pensionierter Aussteiger, den wir über das Couchsurfing Netzwerk gefunden hatten. Und was er für Geschichten erzählen konnte, ganz zu schweigen von seinem selbstgebrauten Bier und der italienischen Torteletta, die er uns am Abend auf den Tisch zauberte. Schade, dass wir nur so wenig Zeit mit Gernot verbringen konnten, denn wir hatten am nächsten Morgen die preisgekrönte Rainbow Serpent Tour von Guurrbi-Tours gebucht. Der 5-stündige Ausflug unter der Führung von Elder Willie Gordon gab uns einen mehr als interessanten Einblick in die Spiritualität und Philosophie der Aboriginies. Wir wurden zur Geburtstätte seines Vaters in den Bergen um Hopevale geführt und haben uns in die darum gewobenen Geburtsriten entführen lassen. Das hier widerzugeben scheint unmöglich, wer mal in der Gegend ist, sollte es sich auf keinen Fall entgehen lassen.

Dank Gernot ging es am nächsten Tag zielgerichtet zur Granite Gorge bei Mareeba im Atherton Tableland. Dort gab es einen entspannten Campingplatz in der Nähe von riesigen Granitfelsen, der das zuhause von handzahmen Rock Wallabies war. Die kleinen Scheißer sehen aus wie eine Zwergenversion eines Känguruhs und springen mit Leichtigkeit von Fels zu Fels, während sie nur darauf warten von Touristen mit speziellen Pellets gefüttert zu werden. 100 Punkte auf der Niedlichkeitsskala, obwohl wilde Tiere füttern eigentlich nicht so unser Ding ist.

Zum Abschluß gab es noch ein paar Abstecher zu Curtain und Cathedral Fig Tree (Vorhangs- und Kathedralen-Würgefeigen, Anm. d. Red.), deren Wurzeln bizarre Ausmaße angenommen hatten, wir haben den kurzen Wanderweg um den Kratersee Lake Eecham gemeistert und beim anderen Maar namens Lake Barrine stopp gemacht. Es wurde natürlich alles angemessen bewundert.

Ja und dann waren die sechs ereignisreichen Tage auch schon vorbei und mit dem Spaceship wurde wieder der Heimathafen namens Cairns angeflogen.

Unsere bisher mit Abstand beste Zeit in Australien. Endlich haben wir das Australien erlebt, dass man in tollen Reisereportagen bewundern kann, das Australien, das mehr als nur shiny-happy people und no worries ist, das erste Mal, dass uns Australien wirklich etwas gegeben hat.