Hitze, Fliegen und eine verlorene Kultur

13 10 2009

Ort: Darwin, Kakadu NP, Kathrine, Litchfield NP (AUS)
Zeitunterschied: +7,5 Std. MEZ
Wetter: Kind, setzt einen Hut auf und nimm mindestens LSF 30!

Ende September im nördlichen zentralen Zipfel Australiens heißt Ende der Trockenzeit. Es ist alles verdorrt, das Gras gelb und viele Flußläufe ausgetrocknet, die Waldbrandgefahr hoch. Die nasse Monsunsaison steht vor der Tür und zu den ohnehin schon heißen Temperaturen kommt dann eine Luftfeuchtigkeit von 100%.

Darwin, die größte Stadt im Northern Territory oder auch Top End genannt, empfang uns mit der Cartagena-Faust. Was für eine Hitze. Tagsüber 38 Grad, nachts zarte 25. Wirklich toll, 24/7 schwitzen. Wir ächzten unter den Temperaturen, Aktivitäten wurden auf ein Minimum beschränkt. Doch Pflichtprogramm war der Besuch des Mindil Beach Sunset Marktes, der zur Trockenzeit jeden Donnerstag und Sonntag stattfindet. Auf dem wohl besten Markt Australiens gab es neben einer sensationellen Auswahl an kulinarischen Leckerbissen (vornehmlich aus Asien), auch eine interessante Auswahl an Kunsthandwerk und Live-Performances. Wer kennt nicht die Didgeridoo-Hippies aus der Fußgängerzone, die mit einschläfernden, brummenden Tönen ein bißchen Australien nach Bottrop bringen wollen. Die Performance von Em Dee war erfreulicherweise anders. Contemporary Didgeridoo nennen die zwei Künstler ihren Stil und mit 140 BPM blasen einem die Bässe aus dem Rohr und dem Schlagzeug die Sweet-Chili-Soße von den Tintenfischringen. Hauruckdiewaschfraumitjuchhe, das ging schon ganz gut ab. So ließ es sich dann aushalten mit lecker Essen, guter Musik und der untergehenden Sonne.

Ein überraschendes Wiedersehen gab es dann mit Dina’s Mama und Jürgen sowie Michaela und Ulrich. Wir kamen gerade mit den frischen Känguruh-Steaks unterm Arm an einem Irish Pub vorbei, als unter großem Hallo die erneute Zusammenkunft gefeiert wurde. Und weil es so schön war, ging es am nächsten Abend erneut zum Mindil Beach, der dieses Mal fast komplett leer war und wir wieder einmal die öffentliche Grillstation nutzen konnten.

Darwin selber ist so interessant wie Wolfsburg bei 2 Grad und Schneeregen und hat ebengleich nicht mal einen Stadtkern. Einziges Highlight neben dem Sunset Market war das Museum bzw. die Art Gallery des Northern Territory, ansonsten Unattraktivität pur. Der eigentliche Grund warum man nach Darwin kommt, ist ein Ausflug in den nahe gelegenen Kakadu Nationalpark.

Wir hatten dieses Mal nach eingehender Recherche eine geführte Camping-Tour mit Wilderness 4WD Adventures gebucht. Fünf Tage im Allradfahrzeug unterwegs, davon drei im Kakadu, einen Tag in der Kathrine Gorge und einen im Litchfield Nationalpark. Unsere Gruppe bestand aus zwei deutschen Mädels, zwei älteren Damen aus der Gegend um Sydney, einer fünfköpfigen Familie aus Melbourne und einem irischen Paar. Der 29-jährigen Guide Adam war ein richtiger australischer Typ, der in seiner freien Zeit gern mal einen trinken geht und dazu schön auf Barramundi angelt. Ein richtiges Draußenkind, dass von diesem neumodischen Kram wie iPod und Co. keine Ahnung haben wollte.

Wie gesagt, es war Trockenzeit im Kakadu NP, dessen Name sich nicht vom gleichnamigen Vogel ableitet, sondern wohl vom deutschen Entdeckungsreisenden Ludwig Leichhardt stammt, der den Namen des lokalen Aborigine-Volkes Gagadju verhohnepiepelte. Die Eukalyptuswälder und die Paperbarkbäume warteten auf den bald kommenden Monsun, der in vier Monaten etwa 1,5 Meter Wasser bringen wird. Es sah eigentlich überall ähnlich aus, obwohl der Nationalpark riesige Ausmaße hat. Die Landschaft erinnerte stark an den afrikanischen Busch, außer dass eben keine großen Säugetiere zu sehen waren. Vögel und Reptilien bestimmen die Fauna, je nach Saison verändert sich aber auch das Tieraufkommen. Kein Wunder, dass die Ureinwohner keine festen Behausungen hatten und wie Nomaden umhergezogen sind, wenn sich die Landschaft unter dem Einfluß des Monsunklimas so drastisch verändern kann.

Zuerst ging es zu einem Billabong namens Corroborree. Ein Billabong ist ein Wasserloch, dass zur Trockenzeit an einen See erinnert, in der grünen Saison mit viel Regen an ein Flußlaufsystem angeschlossen ist. Auf diesem Wege verbreiten sich dann auch Krokodile. Sowohl die kleinen Süßwasser- als auch die massigen Salzwasserkrokodile lassen diese Wasserlöcher dann meist ganzjährig zu einer Nichtschwimmerzone werden. Auf unserem Cruise auf dem Billabong konnten wir dann auch Crocs am Ufer und im Wasser beobachten, der große Zeh blieb schön im Trockenen.

Danach ging es nach Ubirr einem der 15.000 Felsen mit Jahrtausende alten Malereien der Aborigine-Völker. Genau lassen sich diese stummen Zeugen der Geschichten nicht datieren aber anhand der Motive lassen sich Rückschlüsse ziehen. So war einer der gezeichneten Schildkröten seit 20.000 Jahren ausgestorben und auch Tasmanische Tiger gibt es schon seit mehreren Hunderten Jahren nicht mehr auf der australischen Hauptinsel.

Irgendwann vor etwa 40.000 Jahren kamen die ersten Ureinwohner (Aborigines, aus dem lateinischen ab origine, ungefähr: jemand der zuerst da war, Anm. d. Red.) nach Australien und sind damit die längste noch existierende Kultur auf diesem Planeten. Aus dem Loose Travel Handbuch zitiert: „Sie waren seminomadisierende Jäger und Sammler, deren materiall-technologische Kultur auf das Nötigste beschränkt war. Sie hatten jedoch ein äußerst komplexes soziales und spirituell-religiöses System entwickelt, das den Menschen als einen natürlichen Bestandteil der Welt betrachtet.“ Jeder Stein, jeder Baum, jedes Tier hatte eine konkrete Bedeutung und bildeten zusammen mit ihren menschlichen Bewohnern ein organisches Ganzes. Die Aborigines hatten kein eigenes Schriftsystem entwickelt und so wurde anhand von Felsmalereien für die nachkommenden Generationen alles Wichtige weitergegeben, in etwa wie auf einer Tafel in der Schule.

Eine Geschichte aus dem nördlichen Australien besagt z.B. folgendes: Wenn eine werdende Mutter den ersten Tritt ihres Kindes verspürt, geht sie zu einem Ältesten, der für das Kind ein Totem bestimmt. Das Totem war zumeist ein Tier oder ein anderes Objekt aus der Natur. Sein Leben lang durfte man dann sein Totem nicht töten oder verspeisen. Eine Zeichnung in Ubirr zeigte, wie ein Mädchen sein Totem, einen Barramundi, verspeist hatte und dabei erwischt wurde. Darauhin wurde sie von den Ältesten bestraft, was einen Krieg zur Folge hatte, weil einige meinten die Strafe wäre zu hart gewesen. Und die Moral von der Geschicht, esse dein Totem nicht. Das ist nur eins von vielen Lehrbeispielen, welche Kindern erzählt werden, um die Traditionen und ungeschriebenen Gesetze zu vermitteln.

Überraschend für uns war aber auch, dass die Idee von dem Totem für die australische Familie vollkommen neu war. Die hatten wirklich keine Ahnung. In der Schule wird auch heute noch kaum etwas über die Aborigine-Kultur gelehrt. Man hat den Eindruck, dass die kollektive Schuld über die Verbrechen an Australiens Ureinwohnern noch im Unterbewusstein festsitz und bewußt totgeschwiegen oder verdrängt wird. Das Thema Aboriginie scheint noch nicht gesellschaftsfähig zu sein. Viele sehen auch heute noch die verschiedenen Aboriginie-Clans als Nachfahren primitiver Wilder.

Bis 1964 hatten die Ureinwohner noch nicht einmal vollwertigen Status als australische Staatsbürger. Doch mit der Erlangung dieses Rechtes ging auch der uneingeschränkten Zugang zu Alkohol einher, der wie in Nordamerika verheerende Folgen auf die entwurzelte Bevölkerung hatte. Schwerer Alkoholismus führte zu noch schwerer Gewalt, Kindesmißbrauch und Tod. Die Region Cape York wurde zur Region mit der höchsten Gewaltrate außerhalb eines Kriegsgebietes. Heute heißt es in der Stadt Kathrine, südlich des Kakadu NPs, nicht „Kein Bier vor 4“, sondern aufgrund des Mißbrauchs „No grog before 2 o’clock“ und dann auch nur unter Registrierung der Identität des Käufers, damit man nicht auf die Idee kommt Alkohol an die Aborigines zu verkaufen. Ein wirklich trauriges Kapitel im „Gute-Laune-no-worries“ Land. Und auch die Zukunft verspricht nicht viel Rosiges, der Punkt der Umunkehrbarkeit scheint überschritten. Ein Leben, wie es viele Jahrtausende gegeben hat, wird es so nicht mehr geben können. Viele zeigen sich desillusioniert, was das Fortbestehen dieser alten Kultur angeht…

Eine kleine Einführung in den Aborigine-Alltag gab es für uns Besucher dann aber im Kakadu Culture Camp und wir lernten mit Speeren zu werfen, auf dem Didgeridoo zu versagen und wie man einer Seeschlange mit den Zähnen das Genick bricht. Letzteres glücklicherweise nur in der Theorie.

Ansonsten bewegten wir uns von einer Badestelle zur anderen. Die Sonne prügelte unentwegt auf uns ein, doch die größte Plage waren die Fliegen. Und wir reden hier nicht über die langweilige Hausfliege, die sich am Grillabend mal hier und da auf Mutti’s Kartoffelsalat setzt, nein, diese Art verfolgt einen auf Schritt und Tritt und versucht mit Vorliebe in Augen, Nase, Mund oder Ohren zu fliegen. Der pure Hass! Man schlug ständig um sich, hatte tagsüber keine Ruhe, der reinste Psychoterror. Die einzige Methode ihnen zu entkommen, hieß ins kühle Nass zu springen. Dann doch lieber einen Arm von einem Süßwasserkrokodil abbeißen lassen.

Die angesteuerten Wasserfälle machten ihren Namen zwar kaum alle Ehre, doch eigentlich war jede natürliche Badestelle ein optischer Augenschmaus, der zum verweilen einlud. Und so planschten wir dann auch vergnügt in der Barramundi Gorge, im Moline Rockhole oder auch im Gonlum Top Rockhole, dass direkt in einen Wasserfall mündete und einen sensationellen Blick über das Tal eröffnete. Im Kathrine-Gorge-Flußsystem durften wir dann eine schöne Kanutour in der ersten der 13 Gorges machen, vorbei an Felsmalereien und Krokodil-Nistgebieten. Am letzten Tag ging es dann in den Litchfield NP. Zuerst zu den riesigen Hügeln der Kathedralen- und Magnetentermiten, dann zu weiteren Badestellen mit Wasserfall und vielen Menschen, denn die Frühlingsferein hatten gerade angefangen.

Alles in allem eine gelungene Tour, obwohl es die bisher kostenintensivste Aktivität in den letzten acht Monaten war. Australien ist kein günstiges Reiseland. Spenden von großzügigen Gönnern mit einem Spendenbetrag von mindestens 1 Million Euro werden mit einer exotischen Postkarte belohnt. Spendenquittungen für die Steuer können nur gegen eine unverschämt hohe Portogebühr erteilt werden.

Und bevor hier der schwüle Wahnsinn losgeht, verschwinden wir nach Melbourne, was ca. 25 Grad Temperaturunterschied bedeuten wird. Herbstlich. Wir freuen uns.

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