Das Geräusch der Stille.

30 01 2010

Ort: Fjordland (NZ)
Zeitunterschied: +12 Std. MEZ
Wetter: Regenwahrscheinlichkeit 100%

Als Tu-te-raki-whanoa die Aufgabe gegeben wurde, die Küste des südwestlichen Neuseelands zu formen, sprach die göttliche Figur kraftvolle Beschwörungen und nahm sein mächtiges Beil, um die heute bestehende Fjordlandschaft aus den Felsen zu hauen. Er wollte sich schlängelnde Meeresarme modellieren, die Schutz vor der rauhen See und den stürmischen Winden des Westens bieten. Nach der alten Maori Legende begann er im Süden und wuchs quasi mit der Aufgabe, da er mit dem berühmten Milford Sound ganz im Norden Fjordlands Perfektion erlangte.

Heute zieht es bis zu 5.000 Besucher pro Tag in den berühmtesten Fjord Neuseelands und mindestens genauso großer Beliebtheit erfreut sich der 53,5 Km lange Milford Track, einer der großen Wanderwege NZ’s. Der war allerdings im November schon bis April ausgebucht, da die Übernachtungsplätze in den Hütten vor allem im neuseeländischen Sommer schwer gefragt sind. Das hörte sich aber auf jeden Fall ziemlich hektisch und zu gut besucht an und daher beschlossen wir, in den zweitgrößten Fjord, nach dem Dusky Sound – den Doubtful Sound – zu fahren.

Doch hier muss gleich mal etwas richtig gestellt werden. Zuerst mal ist der Doubtful Sound kein Sound (Sund oder Meerenge, Anm. d. Red.), sondern ein Fjord. Zumindest in der europäischen Bedeutung. Denn bei uns wird eine enge Meerestraße als Sund bezeichnet, hingegen ein Fjord ein überschwemmtes Tal beschreibt, dass durch Gletscheraktivität entstanden ist. So, da habt ihr es. Der Name Doubtful, also zweifelhaft, stammt von olle James Cook, der nicht in den Fjord segeln wollte, da er gerechtfertigte Bedenken hatte, dass der Wind ihn nicht wieder aus dem „Doubtful Sound“ heraustragen wird. Naja, eigentlich hat er es nur „zweifelhaften Hafen genannt“, er konnte ja nicht wissen, wie es weiter innen aussieht, aber wir wollen hier mal nicht zu sehr ins Detail gehen.

Selber fahren kann man dann im Gegensatz zum Milford Sound auch nicht bis direkt vor die Haustür, so dass man eine Tour buchen muss, um sich die spektakuläre Szenerie anzuschauen. Wir also mal wieder etwas Organisiertes gebucht, obwohl wir das ja so weit wie möglich vermeiden wollten. Doch für die 24-stündige Übernacht-Kreuzfahrt von Real Journeys gab es gerade ein Special und wir hatten zugeschlagen. Ein echter Schnapper.

Die Reise zum Fjord begann an einem Sonntag zu mittäglicher Stunde und führte uns zuerst über den Manapouri-See, der idyllisch vor den Kepler Bergen gelegen ist. Dann hieß es in einen Bus umsteigen und über den Wilmot Pass zur Deep Cove, dem Tor zum Doubtful Sound-Fjord-Ding. Verrückt, ein See, ein Pass und dann noch ein Fjord.

Nachdem uns das Wetter auf der Südinsel bisher ja eher eingenässt hatte, hatten wir uns auch für den Fjord keine großen Hoffnungen gemacht. Und wir wurden nicht enttäuscht. Begann die Fahrt auf dem Manapouri-See noch recht sonnig, ging es nach dem Pass schön in die dunstige Waschküche. Alles grau in grau, Regen und Hagel, Rheumawetter. Hört sich ja erst mal wieder ziemlich entmutigend an, war es aber nicht.

Es gab nämlich unzählige Wasserfälle. In diesen 24 Stunden an Bord der Navigator haben wir auf jeden Fall mehr gesehen als in unserem gesamten Leben bisher. Wasserfälle in allen Größen, bis zu 365 m hoch, Wasserfälle in versteckten Tälern, Wasserfälle, die wie aus blutenden Bergen rannen. Wasserfälle wohin man nur schaute. Voll fett, wie es in der Jugendsprache heißt.

Das Fjordland gehört zu den regenreichsten Regionen der Welt. Wer dachte Freiburg, unser Lieblingsbenchmark, hat mit 954 mm mittlerer jährlicher Niederschlagsmenge ordentlich Regen, dem sei gesagt, dass der Doubtfull Sound 6.000 mm hat. Das sind sechs Meter! Die Wahrscheinlichkeit Regen zu haben, war also von vornherein nicht die geringste.

Es hatte aber nicht nur geregnet und das war auch ganz fein, denn wir wollten doch auch mit dem Kayak den Fjord erkunden. Auf die Frage, wie nass man in der Regel beim kayaken wird, meinte Crewmitglied Warren, dass man normalerweise etwas Spritzwasser von den Paddeln auf die Oberschenkel bekommt und man durchaus überlegen könnte Schwimmshorts anzuziehen. Das stimmte dann auch, allerdings nur so lange wie es auch von oben trocken bleibt. Das tat es dann natürlich nicht lang. Aber auch im strömenden Regen war die Fahrt ein Erlebnis und wir konnten die Stille Jahrtausende alter Landschaften genießen, die zum größten Teil noch nie von Menschen betreten wurden. Dramatische Berglandschaften mit Wäldern die auf hartem Gestein nur eine dünne Schicht aus nährstoffreichem Humus haben und auf der vor allem Rot- und Silberbuchen, Baumfarne, Moose und Flechten wachsen. Eine Zeitreise in die Vegetation nach der letzten Eiszeit.

Innerhalb des Fjords war das Wasser meist spiegelglatt, doch je näher es gen offene See ging, umso rauher wurde es. Doch genau das wilde Wasser, dass die Felsen der Nee Insel umspült, finden die Pelzrobben super und haben sich dort niedergelassen. Und es gab auch putzige Dickschnabelpinguine zu sehen, die zu den seltensten der Welt gehören.

Doch es gab nicht nur wildes, weißes Wasser zu sehen. Im Doubtful Sound ist das Wasser nämlich nahezu schwarz. Auf dem Salzwasser liegt ein bis zu 3 m hoher Süßwasserfilm, der sich aus Regen und Schmelzwasser speist und durch die ausgewaschenen Tannine des Waldes so dunkel ist, dass das Wasser kaum Licht durchlässt. Dadurch können auch auch Tiefseearten im relativ flachen Fjord wachsen und gedeihen.

Des Nachts wurde ein ruhiger Seitenarm des Fjords aufgesucht und wir schliefen den Schlaf des Gerechten. Wenn wir nicht schliefen, wurden wir von der Crew verhätschelt, wo es nur ging. Aber man konnte auch merken, dass sie auch ordentlich Spaß hatten. Aber es gibt auch sicher schlimmere Arbeitsplätze als einen der schönsten Fjorde Neuseelands. Besser auf jeden Fall als der Beruf des Eimer-Entleerers im Cholera-Camp.

Der nächste Morgen brachte dann nochmals Dickschnabelpinguine, Sonne und natürlich Regen. Aber gerade diese Kombi bringt ja bekanntlich einen Regenbogen. Und dieses Mal gab es nicht so ein unprofessionelles Ding, sondern einen vollständigen Halbkreis. Ein kompletter Bogen. Very beautiful.

Mit dem Overnight-Cruise hatten wir nicht ins Klo gegriffen und den spektakulären Fjord in allen Zügen genießen können. Vor allem auch, weil wir das einzige Boot im riesigen Fjord waren. Natur exklusiv. Wir waren sehr amused.

Trotzdem wollten wir auch dem anderen Fjord einen Besuch abstatten. Wir also schön mit Rosarka einen Tagesausflug gemacht. Doch nicht nur der Milford Sound selber, sondern vor allem auch die Fahrt dorthin ist recht spektakulär. Man passiert riesige Lupinenfelder, die in allen Lila-, Violett- und Pinktönen blühen, vorbei an den Mirror Lakes, die so heißen, weil sie oft ein perfektes Spiegelbild der dahinter liegenden Bergkette namens Earl Mountains werfen. Man staunt über das grün und blau des Hollyford Flusses und über die alpinen Schneefelder am Homer Tunnel, der strichgerade für 1270 m in den Berg gehauen wurde.

Doch den größten Spaß hatten wir noch mit ein paar spitzbübischen und dreisten Keas. Ein Kea ist ein alpiner Papagei oder auch ein Bergpapagei. Das Federkleid ist eher langweilig grünlich-braun mit nur wenigen Farbtupfern. Doch öffnen sie ihre Schwingen, kann man die darunter verborgene Farbenpracht sehen. Der Schnabel ist nicht nur lang, sondern die Klappe ist auch groß, denn sie sind alles andere als scheu. Steht man also am Homer Tunnel, um auf das Grün der Ampel zu warten, wird man regelrecht überfallen und die Keas setzen sich auf Spiegel oder Dach und fangen an einem die Fensterdichtung anzuknabbern. Und nicht, dass man die frechen Federviecher so einfach los wird. Selbst wenn man Vollgas im Kreis fährt, lassen sie sich nicht vom Dach abschütteln und ihr lautes Krächzen klingt wie höhnisches Lachen.

Doch konnten wir im „zweifelhaften Fjord“ noch das Geräusch der Stille hören, war es im Milford Sound vor allem der Lärm der Hubschrauber, Bootsmotoren oder Flugzeuge. Die Atmosphäre, die der Doubtful Sound verströmte, wollte hier einfach nicht aufkommen, es war einfach zu busy. Natürlich wurden auf dem Uferland-Weg noch die obligatorischen Bilder vom spitz aufragenden Mitre Peak gemacht, bevor es dann wieder zurück nach Manapouri ging.

Wir hatten ein paar wirklich unvergeßliche Tage im Fjordland Neuseelands.

Advertisements

Aktionen

Information

One response

2 02 2010
Anne-Kathrin

Hallöchen ihr zwei,

nun ist die schöne, interessante und bewegende Zeit für euch vorbei. Ihr sitzt nun bald im Flieger heimwärts, wo ihr sehnsüchtig erwartet werdet, es wird schneien und wenn man sich die letzten Bilder anschaut und den Artikel liest, glaubt man es kaum das ein Jahr rum ist. Noch eine Frage von Annchen, es steht an der Tür “ Höppner x2″, kann man grarulieren oder lacht ihr euch gerade nen Ast? Würde mich freuen für euch !!!
Also, kommt gesund zu Hause bei euren Lieben an und ich wünsche euch einen geruhsamen Schlaf, in euren eigenen Betten.
Tschüssi euer Annchen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s




%d Bloggern gefällt das: