Ein bunter Fiebertraum.

19 02 2010

Ort: Singapur (SG)
Zeitunterschied: +7 Std. MEZ
Wetter: Drückend heiß

Nach neun Wochen Natur und wenig Stadt in Neuseeland, empfängt uns mit der 4,2 Mio Metropole Singapur eine neue Welt. Singapur? Dat war doch die Stadt, wo man für Kaugummi kauen an den Galgen kommt. Eine Wattebauschdiktatur, die jegliche Kontrolle in den Händen hält, der Bevölkerung aber gleichzeitig einen hohen Lebensstandard ermöglicht. Die Stadt, wo alles schön steril ist, Asien light sozusagen, ohne den ganzen Dreck und das Chaos anderer Millionenstädte wie Bangkok, Shanghai oder Kuala Lumpur. Eigentlich sagen alle, die man trifft und die schon in Singapur gewesen sind, dass 2-3 Tage vollkommen ausreichen würden. Es gäbe nicht viel zu sehen, nur Shoppingsmalls und wenig Kultur. Wir hatten vier Tage Zeit, um uns ein eigenes Bild zu machen, bevor wir für 24 Tage nach Myanmar reisen würden, um uns mal eine waschechte Militärdiktatur anzuschauen.

Zuerst mal hatten wir das Glück, nicht in einem Hostel absteigen zu müssen, sondern bei meinem alten Studienkollegen Sebastian und Freundin Jessica unterzukommen. Das hieß dann statt 200 m hohem Appartmentkomplex, ein zweistöckiges Shophouse mitten im Zentrum der Stadt. Diese traditionellen Geschäfts- und Wohnhäuser haben im Erdgeschoß Platz für einen Krämerladen, wobei in den 1-2 Etagen darüber komfortables Wohnen angesagt ist. Das hat dann Charme und man fühlt sich nicht wie eine Ameise ohne Namen, wie in einem der Hochhäuser, die links und rechts in den Himmel ragen. Damals in Luang Prabang galt noch die Bauvorschrift, dass kein Gebäude höher als die größte Palme im näheren Umkreis sein darf. Das kann man für Singapur nicht sagen, denn wir haben kein Gewächs gesehen, dass als Benchmark für die maximale Bauhöhe von 280 m herhalten könnte. Aber klar, Boomtown, viele Menschen, wenig Platz, da wird halt nach oben gebaut. Singapur sieht aus wie ein riesiger Spielplatz für Architekten.

Na, das klingt ja nicht so prickelnd mag der geneigte Leser meinen. Doch auch Singapur hat seinen Charm. Die Stadt ist nämlich Schmelztiegel der Kulturen, wobei Chinesen die Mehrheit der Einwohner stellen. Es gibt dann logischerweise Chinatown, aber auch Little India und das arabische Viertel. Singapur ist ein Gebräu aus unzähligen Nationalitäten und bietet eine überraschend facettenreiche Palette an Kontrasten.

Gerade eben flaniert man noch über die kilometerlange Orchard Rd, auf der es recht wenig Orchideen aber dafür umso mehr Shoppingmalls gibt, doch geht man nur wenige Straßen weiter taucht man plötzlich in eine Welt ein, die in den Straßen von Mumbai spielen könnte. Fort ist die glitzernde Konsumwelt der gigantomanischen Einkaufszentren und man ist im Gewusel von Tausenden Menschen, wie auf einem indischen Straßenbasar. Der Sonntagabend ist der beste Tag der Woche, um sich von den Gerüchen, Klängen und Bildern des indischen Viertels betäuben zu lassen. Unter der Woche ist für die vielen Inder Maloche als billige Gastarbeiter auf einer der vielen Baustellen der Stadt angesagt, es entstehen ja immer neue Wolkenkratzer und auch über 250 Shoppingmalls scheinen nicht genug zu sein. Doch am Sonntagabend trifft man sich zum Plausch in den Straßen, es gibt frisch zubereitete Köstlichkeiten aus ganz Indien und auch die Wocheneinkäufe werden auf den Märkten getätigt. Und es sind zu 90% Männer, die uns wenige Europäer anstarren, vor allem, wenn man wie wir in einem billigen Straßenimbiss mit Plastikmöbeln und Pappgeschirr isst. Doch es herrschte eine freundliche Atmosphäre und wir bekamen oft eines der berühmten indischen Lächeln geschenkt. Wir sind heiß auf Indien, auch wenn es auf dieser Reise leider nicht klappen wird. Indien braucht Zeit, mindestens 3 Monate. Wenn Matze nicht schon einen Job ab März angenommen hätte, wären wir nach einem Monat in der Heimat wieder in den Flieger gestiegen und nach Mumbai geflogen. Irgendwo habe ich mal gelesen: „Loving India is like kissing a princess through inch deep shit“. Wir hätten feuchte Tücher mitgenommen. Beim nächsten Mal.

Little India beherbergt auch das spannendste bzw kurioseste Shoppingcenter der Stadt. Das Mustafa Centre. 24 Stunden am Tag geöffnet, 365 Tage im Jahr. 14.000 qm und 1.200 Mitarbeiter. Auf sechs Etagen bekommt man alles. Wirklich alles! Von Mickey Mouse Bettwäsche über Holzkohle, von Lindt-Schokolade über billige Souvenirs, von Medikamenten über Kameraspeicherkarten. Allein in der dritten Etagen gibt es 61 Regalreihen. Man bekommt einfach alles, nur Autos verkaufen sie nicht mehr.

Und apropos Speicherkarten. In Myanmar wird die technologische Infrastruktur wohl noch auf dem Stand wie von 15 Jahren sein, was zwar auf den ersten Blick nicht allzu lang her erscheinen mag aber zu der Zeit war an WLAN noch nicht zu denken und ich hatte noch nicht mal eine Email-Adresse. Das bedeutet, dass wir unser Notebook nicht mit ins Land nehmen werden und wir keine Photos mehr herunterladen können. D.h. wir brauchen ausreichend Speichermedien. Wir also im Mustafa Centre und zu den Elektronikexperten. Es gab zwei verschiedene CF Kartenmodelle, wobei das teurere doppelt so viel kostete wie die andere Karte. Und wir wollten feilschen. Zu der teureren Karte hätte es eine Kameratasche dazugegeben. Doch wir wollten die billigere noch billiger. Aber wir hatten es hier nicht mit der Stadtwache zu tun, sondern mit Verhandlungsexperten, die man nicht verarschen kann. Auf die Frage, was er uns für die günstigere Karte für einen Deal anbieten könne, meinte er, dass er auch für diese eine Tasche oben drauf packen könne. Und zeigte mit einem süffisanten Lächeln auf die Plastiktüte des Fachgeschäfts. Wir waren sehr amused.

Im arabischen Viertel (Kampong Glam, Anm. d. Red.) kann man nicht nur hervoragend speisen, sondern abends auch in einem der vielen Cafés Shisha-Pfeifen rauchen. Im Mohd Razeen & Bros Café gibt es den vielleicht besten Teh Halia (eine Variantion des berühmten Teh Tarik, Anm. d. Red.) der Stadt, einem Tee aus Ingwer und Kondensmilch der kunstvoll ins Glas geschüttet wird. Aber in den Gassen rund um die Arab St gibt es auch einen Gegenpol zu den gigantischen Shoppingmalls. Es gibt viele kleine Boutiquen und Szeneläden mit ebenso kleinen Preisen, mit Modellen von lokalen Designern und Einflüssen aus ganz Asien.

In Chinatown gibt es neben den üblichen Kitsch-Lampions und Seidenhemden aber auch etwas für Leib und Seele geboten. Reflexzonenmassage. Das ist dann allerdings nicht so ein Entspannungsding mit Lavendelöl und Cafe del Mar CD im Hintergrund, sondern handfeste Arbeit. Der personifizierte Alptraum eines jeden, der eine Massage bekommen möchte, ist ja oft der folgende Typ Masseuse: eine 130 Kg schwere ehemalige bulgarische Gewichtheberin mit Warze am Kinn und leichtem Bartansatz. Dem 70-jährigen Chinesen, der eher in der Kategorie „Fliegengewicht“ einzuordnen gewesen wäre und einen halben Kopf kleiner war als ich, hätte ich mit Sicherheit nicht so viel Kraft zugetraut. Doch die Unterarme waren stahlhart und es war nicht gesagt, dass der schmächtige Greis nicht auch die Fünf-Finger-Pressur-Herz-Explosionstechnik aus Kill Bill beherrscht. Hui, hat das geknackt und geschmerzt. Leider konnte ich ihm auch nicht wirklich mitteilen, wo denn der Schuh drückt, da seine Englisch-Kenntnisse eher rudimentärer Art waren und das einzige Wort, was er wirklich konnte „Pain“ – also Schmerz – war.

So gibt es eben die verschiedensten Ecken in der Stadt, die auch ein Lehrbeispiel für Toleranz sein könnte. Denn es gibt in Singapur auch 140 Kirchen, Tempel und Moscheen, die manchmal sogar in relativ kurzer Distanz koexistieren, ohne dass Pogrome den Frieden der Stadt überschatten. Respekt.

Doch trotz vermeintlich hoher Lebensqualität ist Singapur erschöpfend. Das Klima zehrt. Das ganze Jahr über ist es konstant heiß und schwül, wobei der Mai der feuchteste und drückendste Monat sein soll. Tropische Hitze muss man mögen. Ohne Klimaanlage ist es kaum auszuhalten.

Und übrigens, Kaugummi kauen ist nicht verboten, nur wirklich kaufen kann man ihn nicht in S’pore. Heute kann man nur gegen Vorlage eines Rezeptes und seines Personalausweises „therapeutische“ Kaugummis in der Apotheke kaufen. Aber wenn man erwischt wird, wie man ihn nonchalant auf die Straße spuckt, drohen einem 8 Jahre Kerkerhaft. Mindestens.

Nach vier wohlbehüteten Tagen ging es dann weiter nach Myanmar. Reise in eine verlorene Zeit. Erwachen aus dem bunten Fiebertraum namens Singapur. Unsere letzte Etappe.

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Geschmolzene Weihnachtsgefühle.

18 02 2010

Ort: Christchurch (NZ)
Zeitunterschied: +12 Std. MEZ
Wetter: Weihnachtliche 27°

„It’s a mess, it’s a mess“ („Es ist ein Chaos, es ist ein Chaos“; Anm. d. Red.) waren die Worte, die unser Couchsurf-Gastgeber Brandon immer wieder entschuldigend wiederholte. Und ja, in der Tat, das war nicht übertrieben, denn der Anblick, der sich uns auf dem großen Grundstück vor den Toren Christchurchs bot, war wirklich erbärmlich. Da standen zwei große Häuser nebeneinander, die darauf warteten verheiratet zu werden, doch die Liebesmüh schien keine Früchte tragen zu wollen. Der 57-jährige IT-Admin der Uni von Christchurch versuchte nun schon seit über 20 (in Worten: zwanzig) Jahren einzuziehen und Ordnung in die zwei Bruchbuden zu bekommen. Das totale Chaos, die beiden Gebäude schienen nichts anderes zu tun, als auf die Abrißbirne zu warten.

Doch wir waren nicht wegen schöner Landhausidylle und gebügelten Stoffservietten in die Stadt gekommen, sondern um Weihnachten zu feiern. Und zwar mit Freunden. Die Monkeys, Michi und Josef, waren nämlich auch „in da house“. Naja, eigentlich ja „in front of da house“, denn wir hatten bei Brandon die Möglichkeit auf dem Grundstück zu parken, unser Zigeunerlager aufzuschlagen und nach guter alter westeuropäischer Sitte ein Weihnachten bei 27°C zu feiern. Brandon hatte sich selber Freunde eingeladen und war somit vollkommen beschäftigt. So konnten wir ein eigenes Festmahl auffahren und uns gemütlich den ganzen Tag lang im Campingstuhl betrinken. Ach wat schön.

Leider mussten die Monkeys schon am 1. Weihnachtsfeiertag abreisen, da es für sie zum Jahreswechsel nach Sydney gehen sollte. Doch auch wir hatten noch so einiges auf dem Zettel stehen und haben uns nicht gerade gelangweilt.

So langsam aber sicher konnten wir den Countdown bis zur Abreise aus NZ immer lauter ticken hören und wir mussten doch noch Rosarka an den Mann oder die Frau bringen. Wir also schön Flyer gebastelt und von Hosteltür zu Hosteltür gefahren und Rosarka am Schwarzen Brett zum Verkauf angeprangert.

Die Resonanz war dürftig und so beschlossen wir für einen Tag nach Kaikoura zu fahren, was aber bei bedecktem Himmel nicht so zu überzeugen wusste.

Wieder zurück in ChCh und noch immer ohne wirklichen Kaufinteressenten ging uns so langsam die Muffe und wir kreuzten beim Backpacker Car Market auf, um mal die Lage abzuklopfen. Der eigentlich gar nicht so unsymphatische Vermittlertyp hatte dann eine gute und eine schlechte Nachricht für uns. Die gute war, dass wir mit Rosarka wirklich eine tschechische Prinzessin im Gepäck hatten, die deutlich über dem durchschnittlichen Niveau der gängigen fahrbaren Untersätze lag. So weit so gut. Freude. Die schlechte war dann aber, dass die Woche zwischen Weihnachten und Sylvester die denkbar schlechteste Woche des ganzen Jahres wäre, wann man sein Auto verkaufen möchte. Entweder sitzen die potentiellen Käufer noch zuhause bei Mutti und müssen den ganzen Tag Weihnachtsgans und Lebkuchen essen oder sie lassen es noch ordentlich über den Jahreswechsel in Sydney krachen. Das war also als würde man einen Halal-Imbiss mitten im Ramadan eröffnen. Scheiß-Timing.

Also Planänderung. Anstatt Rosarka schon ein paar Tage vor Abflug nach Singapur zu verschachern, beschlossen wir bis zum letzten Tag im Van zu übernachten und ihn dann zum Backpacker Car Market zu bringen, NZ$250 auf den Tresen zu legen und dann einfach abzuwarten bis sich der Wagen quasi von selbst verkauft.

Wir hatten uns also von der Sorge befreit und ab ging es auf die Banks Peninsula gleich umme Ecke. Da gabs ein schönes Tourikaff namens Akaroa, wo man mit allem Französischen eine schnelle Mark machen wollte und man schön den Eingeborenen beim Eis essen zuschauen konnte. Doch spektakulär war schon die Anfahrt. Rosarka ächzte auf ihrer letzten großen Tour für uns nochmal die Hügelkuppen hoch und runter und wir konnten die Aussicht auf die vielen Buchten der Halbinsel genießen. Fein, fein.

Zum Jahreswechsel erhofften wir uns etwas menschlichen Anschluß und so ging es ins Vagabond Hostel, wo wir für einen schmalen Taler nicht nur im Hof parken und auch schlafen, sondern auch die Küche und das Töpfchen nutzen konnten. Und ach, welch Überraschung. 90% der Hostelgäste waren der deutschen Sprache mächtig. Wir hatten ja vorher noch kein Hostel in NZ von innen gesehen, kannten den Spaß ja aber schon aus Australien. Jaja, in diese zivilisierten Länder lässt man die Kleinen gern auch mal alleine ziehen, um sich nach dem Abi die Hörner abzustoßen.

Dort lernten wir dann aber auch zwei nette Landsleute, Julie und Sebastian, kennen, mit denen wir dann auch beschwingt den Jahreswechsel feierten. Bei uns hieß die Devise wieder mal „Martini statt Böller“ und so ging es recht fein angehübscht in die Innenstadt, wo allerdings die Stadt ChCh ein großes Alkohol- und Rauchfreies Neujahrsfest auf die Beine gestellt hatte. Laaaaaaangweilig. Wir kamen gerade pünktlich zum Feuerwerk und dann nach spektakulären 30 Sekunden war dieses auch schon beendet. Ach, diese Wirtschaftskrise. Zum Glück fanden wir noch durch Zufall das „Le Petit Croix“, ein kleines französisches Bistro, das auch als Champagner-Cafe bekannt ist, wo wir noch gut versacken konnten.

Und Peng! 2009 war vorbei. Scheiße! Wir waren fast das ganze Jahr unterwegs, 11 Monate schon. Das sind 11/12 oder auch 92% von projekt365. Wir hatten Schweißperlen, die uns auf der Stirn standen. Sollte es denn fast schon vorbei sein? Wir waren doch noch gar nicht müde, noch gar nicht satt. Immer noch begierig nach neuen, aufregenden Abenteuern und Erlebnissen.

Aber wat willste machen. Fehlfarben sangen „Keine Atempause, Geschichte wird gemacht, es geht voran“ und Steppi sachte ja auch immer „Lebbe geht weider“. So also auch für uns.

Am 2. Januar war nun also auch das Kapitel Neuseeland Geschichte, wir brachten Rosarka schweren Herzens zum Car Market und es ging weiter nach Singapuritanien. Bis gleich also.





Alpenglühen.

9 02 2010

Ort: The Catlins, Dunedin, Otago Peninsula, Mt Cook (NZ)
Zeitunterschied: +12 Std. MEZ
Wetter: Wie immer in NZ

Nach dem imposanten Fjordland ging es über die südliche „Szenische Route“ (in Neuseeland scheint es mehr szenische Routen zu geben, als normale Straßen, Anm. d. Red.) nach Invercargill. Doch die rasterförmig angelegte Stadt strotzte nur so vor Langeweile und war daher nur ein logistischer Zwischenstopp, wo es günstige Vorräte aufzustocken galt. Das schönste an Invercargill war dann die Straße nach Osten, in die sogenannten Catlins, denn da sollte es als nächstes hingehen.

Die Catlins beschreiben das malerisch schöne Gebiet östlich von Invercargill bis nach Balclutha. Die Region kann Küstenlandschaft, kann Regenwald und kann wilde Tiere. Wir haben also an Waipapa faule Seelöwen im Sand liegend entdeckt, am südlichsten Punkt der Südinsel – am Slope Point – das obligatorische „Wir waren hier“-Photo gemacht, haben in der Curio Bay Gelbaugenpinguine beim abendlichen Bad inmitten eines 160 Mio Jahre alten versteinerten Waldes zugesehen (Gondwana live!, Anm. d. Red.) und immer wieder betont, wie putzig sie doch sind, haben die McLean Wasserfälle besucht und den Wilkie See, bis wir uns schließlich via staubigen Schotterstraßen über Cannibal Bay bis zum Nugget Point gearbeitet hatten, wo wir Pelzrobben bei der abendlichen Jagd beobachten konnten. Fein, fein.

Doch es gab auf der Strecke nicht nur rauhe Küste und viel Tierleben zu bestaunen, sondern auch ein ausgefallenes Kuriositätenkabinett. „The Lost Gypsy Gallery“ in Papatowai war voll mit kleinen mechanischen und elektronischen Gerätschaften, die wohl in die Kategorie „Dingsbums, Diverses und Verschiedenes“ fallen. Es war wie auf einem Spielplatz für Erwachsene. Ein Fahrrad auf dem man treten musste, um eine Simpsons-Folge in Gang zu setzen, raffinierte Apparaturen aus recycletem Material oder Müll, deren Einzelteile geschickt miteinander verzahnt worden waren und mit dem Dominoeffekt funktionierten oder das spektakuläre Klavier, wo jede Taste an ein neues sagenhaftes Instrument oder sonstige Geräuscherzeuger gekoppelt war. Unsere Augen leuchteten, wie die kleiner Kinder zu Weihnachten. Nur dass wir immateriellen Spaß geschenkt bekommen hatten.

In zwei Tagen hatten wir die Catlins dann abgefrühstückt und es ging weiter nördlich nach Dunedin (ausgesprochen wie Du-ní-dn, Anm. d. Red.). Dort wollten wir wieder Gelbaugenpinguine glotzen und auch mal einen Blick auf die mächtigen Königs-Albatrosse werfen. Aber leider musste man für beide Aktivitäten zahlen und auch nicht zu knapp, so dass wir uns einen Besuch der Tierkolonien auf der Otago Peninsula schenkten. Was es dann aber doch für lau gab, waren die 70 Zwergpinguine an der Pilot’s Bay beim Albatross Centre, die am Abend von der Arbeit nach Hause kamen. Den ganzen Tag wurde gefischt, denn im heimischen Nest wartete der Nachwuchs. Und der machte sich auch lautstark bemerkbar, als die Rückkehr von Mutter und Vater vernommen wurde. Es klang wie eine Riesenparty mit Pinguingezwitscher. Witzigerweise trafen wir noch Richie und Chris wieder, die wir beim Couchsurfen in Auckland kennengelernt hatten und uns einen Besuch bei Mt Cook nahelegten.

Aber vorher erst mal die Universitätsstadt Dunedin. Eine richtige Stadt, mit richtigen Menschen und Infrastruktur – die erste seit Wochen. Neuseeland ist nun wirklich nicht für seine urbanen Zentren berühmt und so verwunderte es auch kaum, dass eine der städtischen Hauptattraktionen die steilste Straße der Welt ist. Verrückt. Diese Neuseeländer haben es echt mit den Superlativen. Wir also hin und wir müssen gestehen, die Steigung sieht bedrohlich aus. Da Dina in der Nacht davor geträumt hatte, dass wir uns mit der alten Rosarka überschlagen würden, verzichteten wir eine Befahrung und stiegen zu Fuß auf. Allerdings kann ich heute auch nicht mehr genau sagen, ob die gute alte Dame die Steigung auch geschafft hätte.

Mit einem Zwischenstopp am windverwitterten Shag Point ging es weiter gen Norden. Flach und ziemlich gerade aus, an der Küste entlang. Wir passierten die mit blitzweißen Sandsteinbauten geschmückten Kleinstadt Oamaru und arbeiteten uns weiter Inland. Mt Cook entgegen. Auf der sonnigen Seite der Südalpen, mit einem Panorama der schneebedeckten Bergen im Hintergrund.

Am Fuße des größten Berges Australasiens bewanderten wir das Hooker Valley und es gab Schwarzbier von Monteiths (bestes Bier in Neuseeland, Anm. d. Red.) am Gletschersee, wo auch die allseits beliebte Weihnachts-Photosession abgehalten wurde. Was für ein feines Panorama. Am spektakulärsten war dann aber das Alpenglühen. Der majestätische Aoraki (Mt Cook in Maori, Anm. d. Red.), leuchtete in Rosa- und Purpurtönen, die man eigentlich für Photoshop-Fake halten müsste, ein Farbspektakel allererster Güte. Mit dem glimmenden Rücken des Drachen der Südalpen verließen wir dann das Mt Cook Dorf. Das klingt in erster Linie sehr stimmungsvoll aber die verrückten Kaninchen, die in 30-Sekunden-Intervallen kreuz und quer und vor allem scharenweise über die Straße in der Abenddämmerung rennen, machten unsere Rückfahrt zu einem sportlichen Slalomparcour.

Ja und dann war es plötzlich Weihnachten. Unsere letzten Tag in Neuseeland waren angebrochen. Unsere letzten Tage mit Rosarka. Und überhaupt ging es dann bedrohlich dem Ende von projekt365 entgegen.