Sydney, Auckland und Rosarka.

26 11 2009

Ort: Sydney (AUS), Auckland (NZ)
Zeitunterschied: +10/+12 Std. MEZ
Wetter: 4 Jahreszeiten an einem Tag, jeden Tag

Nach der holden Schönheit Tasmaniens drehte es sich dann einmal nicht um blühende Wildblumen oder bekloppte Wombats, sondern vor allem um neue Bekannte, die Freunde wurden.

Sydney fanden wir bei unserem ersten Besuch ja nicht so spektakulär wie erwartet. Doch es gab schon mal den ersten Pluspunkt, was das Wetter angeht. Nach kalten tasmanischen Nächten waren wir froh mal wieder die kurzen Höschen rauszuholen und etwas Sonne zu tanken. Es war mal wieder Couchsurfing angesagt und so landeten wir bei Joe und Lucy im schönen Vorort Manly. Alles wirkte sehr aufgeräumt, es gab wieder shiny happy people, einen Strand in kurzer Laufdistanz und gutes Essen. Manly war ein Ort, wo man seine Kinder großziehen möchte. Joe war zudem ein absolut witziger Typ, der einiges zu erzählen hatte. Wenn man in seinem Lebenslauf aber stehen hat, dass man in Armenien geboren wurde, in Kairo aufgewachsen ist und heute professioneller Hypnotiseur und gleichzeitig Daytrader ist, dann sollte das nicht verwundern. Sydney zeigte sich durch Manly und Joe und Lucy von seiner angenehmen Seite, es gab eigentlich keinen Grund in die hektische Innenstadt zu fahren.

Einzig das Wiedersehen mit Anja und Pit ließ uns die Fähre zum Circular Quay an der Oper nehmen, um uns im ältesten Stadtteil Sydneys, The Rocks, ein paar Bier zu genehmigen. Es gab frisch Gezapftes auf der Dachterrasse eines Pubs mit Blick auf die Oper, danach noch sensationelles Essen bei einem Inder und zum Abschluß des entspannten Abends lecker Lokalbräu aus einer urigen Eckkneipe. Wieder ein gepflegter Abend.

Der Drops namens Australien war also gelutscht. Drei Monate sind ins Land gezogen und das Fazit fällt gemischt aus. Der Preis und Kulturschock saß nach der Ankunft aus Südamerika tief. Die Ostküste mit nachtaktiven Hostelgästen, saufenden Iren und simpel gestrickten 19-Jährigen tat ihr übriges. Die bisher größte Enttäuschung. Der Spaß fing bei uns erst an, als wir unabhängig von Transport und Unterkunft im Spaceship unterwegs waren. Vielleicht hätten wir die Ostküste so auch anders erlebt, wir wissen es nicht. Darwin, im heißen Norden Australiens, war eine furchtbare Stadt und wir hatten nicht die beste Zeit für einen Ausflug in den Kakadu-Nationalpark erwischt. Es war einfach zu trocken am Ende der 5-monatigen Trockenzeit. Melbourne gab uns wieder ein Hoch, allerdings müssen die sich nach noch etwas mit dem Wetter einfallen lassen, das geht so nicht. Die Grampiens und die Great Ocean Road blieben uns auch in guter Erinnerung. Sicher auch, weil wir wieder flexibel im Spaceship unterwegs waren. Das klare Highlight aber war Tasmanien. Einfach wunderschön.

Wir würden wiederkommen nach Australien. Wir würden die Westküste mit eigenem Allradwagen erkunden und wir würden das staubige Zentrum mit dem großen roten Felsen, der den Aborigines so heilig ist, besuchen. Doch jetzt werden wir erst mal für neun Wochen Neuseeland entdecken.

Nach den vier Nächten auf der Couch in Manly, Sydney, ging es direkt auf die nächste Couch nach Auckland. Zu Lozo und Lucy. Und was für ein Empfang. Das riesige Haus in Waitakere, West Auckland, platzte nur so aus allen Nähten vor anderen Couchsurfern und Familienmitgliedern. Damit hatten wir nicht gerechnet.

Doch eine der bemerkenswertesten Persönlichkeiten, die wir je kennengelernt haben war unser Gastgeber. Lozo, eigentlich Lorenzo Santamaria, ist gebürtiger Südafrikaner. Ein sogenannter „Cape Coloured“, also Mitglied eine farbigen Minderheit aus der Gegend um Kapstadt und unglückliches Opfer von Schwarz-Weiß-Denkens am südlichen Zipfel Afrikas. Zu Zeiten der Apartheid stand er in erster Linie bei den Demonstrationen gegen die rassistische Segregationspolitik. Er war gesuchter Staatsfeind, musste im Exil leben, mehrfach seine Identität wechseln und saß dann doch ein Jahr auf der berüchtigten Gefängnisinsel „Robben Island“ ein, wo auch schon Nelson Mandela 19 Jahre seines Lebens fristen musste. Dann nach Ende der weißen Apartheid, wurden Gesetze eingeführt, die die schwarze Bevölkerung wieder bevorteilen sollte. Doch Lozo war als Farbiger nicht Schwarz genug, obwohl er doch Seite an Seite gegen die Rassenpolitik der weißen Minderheit gekämpft hatte. Reverse Apartheid. Wie ungerecht muss man sich behandelt fühlen. Doch er ist keiner der jammert und schimpft. Ein Kämpfertyp, 100% Energie, ein Hurrikan. Er war 1992 Teilnehmer der Olympischen Spiele in Barcelona – als Triathlet. Und heute nach fast 20 Jahren ohne ernsthaftes Training steht er jeden Morgen um 5 Uhr auf, um ins Fitnessstudio zu gehen oder mal eben 280 Km mit dem Fahrrad zu fahren. Wenn mal gerade nicht trainieren angesagt ist, wird am Haus herumgewerkelt, jeden Tag scheint sich etwas zu verändern. Lozo scheint immer gut gelaunt zu sein und uns ist es ein Rätsel, wo er diese Energie hernimmt.

2005 ist der Familie auch noch das Haus abgebrannt und sie haben fast alles verloren. Heute ist alles wieder aufgebaut und die Einstellung zu materiellen Dingen hat sich geändert. Es sind andere Sachen wichtig. Das war vielleicht auch ein Grund, warum sie später mit Couchsurfing angefangen haben und in den letzten Monaten unfassbar viele Leute gehostet haben. Während der acht Tage, die wir in Gesellschaft dieser großartigen Familie verbracht haben, waren immer gleichzeitig um die 8-10 andere Couchsurfer da. Drei Amerikaner, zwei Deutsche, eine Französin, ein Italiener, zwei Argentinier, eine Schottin, zwei Spanier und die Monkeys aus Österreich. Wir haben wieder viele interessante Leute getroffen, alles Langzeitreisende. Doch hier jeden gebührend zu würdigen, würde den Rahmen sprengen.

Und was? Acht Tage couchsurfen? Ja, 8 Tage. Wenn man nach Neuseeland kommt, stellt sich schnell die Frage wie man am besten durch die Lande reist. Auto mieten oder kaufen und dann im Hostel schlafen oder doch einen kleinen Campervan mieten oder kaufen. Viele Möglichkeiten, viele Fragen. Aber nach Abwägen aller Optionen fiel die Wahl dann doch auf das Modell: kleinen Campervan kaufen. Für etwa 2000€ bekommt man dann einen alten ausrangierten Japaner, denn unsere Freunde von der Insel haben sehr strenge Auflagen vom Gesetzgeber, was den Zustand des Wagens angeht und auch die Entsorgung ist mit immensen Kosten verbunden. Daher lohnt der Export in alle Welt.

Lozo fuhr uns wie ganz selbstverständlich zum Wochenend-Automarkt, doch wir waren zu langsam bei der Kaufentscheidung und der Wagen fuhr vor unserer Nase vom Hof. Aber ein Auto kauft man mal nicht eben wie einen Kaffee, sondern man braucht etwas Bedenkzeit. Dumm nur, wenn die umgebauten Campervans mit Holzbett und allem was man so im Camperleben braucht, weggehen wie warme Semmeln.

Egal, zwei Tage später hatten wir Erfolg. Nachdem wir einige Hostels in Auckland abgeklappert hatten, trafen wir uns mit Martin, Pavla und Rosarka. Die ersten beiden stammen aus der tschechischen Bierstadt Pilsen und lebten ein Jahr lang in einem 1987er Toyota Hiace namens Rosarka. Da war sie also – Rosarka (bei der Aussprache die Stimme tief stellen und einen tschechischen Akzent immitieren, Anm. d. Red.). Von außen keine Schönheit, mit einigen Makeln aber innen tiptop. Der Motor läuft nach mindestens 230.000 Km noch wie eine Eins, obwohl offensichtlich am Tacho manipuliert wurde. Rosarka läuft nämlich mit Diesel, was zwar im Vergleich zu Europa um 35% billiger ist als Benzin, man aber gezwungen ist eine Phantasiesteuer von NZ$40 pro gefahrene 1000 Km zu zahlen. Und genau die kann man natürlich gut sparen, wenn den Tachometer abgeklemmt. Letztlich kommt es aber auf paar tausend Kilometer mehr oder weniger auch nicht an, wenn die Werkstatt sagt, dass alles in Ordnung sei. Und das war bei Rosarka der Fall.

Auto kaufen ist in Neuseeland so einfach wie mal kurz Brötchen beim Bäcker holen. Nur mit Formular eben. Es war eine Sache von fünf Minuten. Hübsch unbürokratisch. Nachdem das Kaufgeschäft abgewickelt war, haben uns die schlitzohrigen Tschechen dann auch noch ganz beiläufig gestanden, dass eigentlich 10.000 Km mehr auf der Uhr stehen müssten. Schlitzohritsch eben.

Top war aber die Ausstattung unserer Rosarka. Trotzdem wurde aber wegen dem Wohlbefinden (man gewöhnt sich an allem, auch am Dativ, Anm. d. gut aufgelegten Red.) neues Bettzeug gekauft und ein zweiter Gaskocher angeschafft. Und Vorhänge mussten her. Denn dunkel muss es innen sein, wenn draußen die Straßenlaternen scheinen und der Nachtschlaf gesichert werden soll. Wir hatten also einen schönen großen Wohnzimmervorhang im Räumungsverkauf erstanden, der genau das Blau unserer Innenausstattung traf und sonnendicht ist. Es musste jetzt nur noch zugeschnitten und geschneidert werden. Lozo hatte eine gute alte Genomi Nähmaschine aus den 60er Jahren, deren Handhabung nach 1-stündiger Begutachtung und unter großer Mithilfe unseres österreichischen Freundes Josef auch endlich verstanden wurde und wir wie in einer philipinischen Kinderwerkstatt wieselflink die Vorhänge umnähten. Mutter du kannst stolz sein auf deinen Sohn . Ich habe genäht, an einer Nähmaschine. Und so haben wir nun Vorhänge, die den Marktwert des Wagens nochmals in astronomische Höhen treiben.

So vergingen die Tage bei den Vereinten Nationen in Auckland. Acht Tage waren wir zu Gast in Lozos Haus. Wir kamen als Couchsurfer und gingen als Freunde. Aber wir mussten endlich los. Endlich on the road. Auf nach Norden, nach Nordland, bis hoch ans Cape Reinga, den für die Maoris heiligsten Ort Aotearoas, dem Land der langen weißen Wolke.





Camperleben auf Tasmanien.

15 11 2009

Ort: Tasmanien (AUS)
Zeitunterschied: +9 Std. MEZ
Wetter: Konstant wechselhaft

Tasmanien war für uns die Sahneschnitte in der australischen Kuchenauslage. Die Creme de la Creme sozusagen. Obwohl, schwer im Magen liegt einem die Insel südlich der australischen Kontinentalmasse nun wirklich nicht. Denn eigentlich müsste Tasmanien ein Stück Streuselkuchen mit wilden Waldbeeren sein. Natürlich, abwechslungsreich und mit einigen Erhebungen.

Wenn man nach Tasmanien kommt, wird einem vor allem Natur geboten. Es leben nur eine halbe Million Menschen auf der Insel und die gehören sicher nicht zu den coolsten und trendigsten auf der Welt. Aber Mutter Natur hat sich für Tassie wirklich etwas einfallen lassen. So gehören heute 20% der Insel zum UNESCO Welterbe, ein Nationalpark reiht sich an den anderen. In Tasmanien wurde in den 50er Jahren auch die erste Grünen-Partei gegründet. Die ist auch heute noch recht aktiv und erfolgreich, was hier und da aber auch auf Unverständnis stoßen kann. Die Minenstadt Queenstown z.B., deren Umgebung völlig abgeholzt und für den Bergbau urbar gemacht wurde, gleicht heute einer Mondlandschaft. Das finden einige lokale Inselbewohner so toll, dass sie den nachwachsenden Baumbestand vergiften wollten. Die Begründung: „Bäume gibt es überall, diese tote Landschaft nur bei uns!“. Bonjour Tristesse.

Um Tassie wirklich kennenzulernen, muss man mobil und flexibel sein. Und das geht am besten in einem Campervan. Spaceships gibt es keine auf der Insel, also haben wir alle Autoverleiher abgeklappert und in guter deutscher Schnäppchen-Manier bei Bargain Campervan Rentals zugeschlagen. Wir waren nur also richtige Camper. Zwei Wochen in einem Toyota Hiace Hitop Umbau mit kleiner Spüle, Kühlschrank, Gasherd und großem ausklappbaren Bett. Unser Leben on-the-road konnte weitergehen.

Zuerst ging es nach Port Arthur, um etwas von der neueren australischen Geschichte zu schnuppern. Port Arthur war eine der harten Sträflingskolonien für Wiederholungstäter, die zu Schwerstarbeit verurteilt wurden. Wer zuviel Blödsinn im Kopf hatte, wurde mit ordentlich Peitschenhieben gezüchtigt. Mitte des 19. Jahrhunderts war das die gängige Form von kleiner Bestrafung. Irgendwann kam man aber auf den revolutionären Gedanken, dass statt körperlicher Züchtigung, doch besser eine psychische Bestrafung angewandt werden sollte. Heute kann man die Überreste des Einzelgefängnisses besichtigen, in dem Totenstille herrschte und die Insassen absolut isoliert wurden, um ihren Weg zu einem gottesfürchtigen Leben zu finden. Es gab Redeverbot, die Delinquenten waren 23 Stunden am Tag in der Zelle eingesperrt. Wenn sie raus durften, dann nur mit Gesichtsmaske, um keinen visuellen Kontakt aufzunehmen, die Wärter schlichen mit lautlosen Slippern über die Gänge und wenn es in die knasteigene Kapelle ging, dann standen die Häftlinge in aufrechten Särgen. Wirklich gruselig. Und auch gruseliger als die geführte Geistertour, die wir am späten Abend durch die kleine Ruinenstadt gemacht haben. Da wurde uns dann von wissenschaftlich bewiesenen paranormalen Aktivitäten berichtet und ab und zu mal auf irgendeinen Tisch gehauen, damit wir uns auch ja schön erschrecken.

Weiter ging es nach Richmond, einem gregorianischen Vorzeigedörfchen, im Hintergrund immer blühende Landschaften wie auf einer Modelleisenbahnplatte. Tasmanien, das nach dem holländischen Entdecker Abel Tasman benannt ist, erinnert immer an eine Mischung aus schottischem Hochmoor, kanadischer Wildnis und den grasenden Schafen und Kühen, die man aus der Kerrygold-Werbung kennt. Oktober bedeutet auf der Insel Frühling und wir wurden nahezu erschlagen von der Blütenpracht der Sträucher und Wildblumen. Das eher kühle, feuchte Klima hatte große Teile der hügeligen Insel in einen riesigen Wald verwandelt und auch am Firmament schiebt sich immer eine Wolke ins Panorama. Tasmanien lebt von der Dramatik.

Wir fanden also immer wieder ein schönes Plätzchen, um unseren Camper abzustellen, an der Picknickstelle den Grill anzuschmeißen und lecker Bulettchen (ostdeutsch für kleine Frikadellen, Anm. d. Red.), Känguruh oder auch frisches Gemüse zu brutzeln. Wer gedacht hat, die kulinarische Vielfalt im Camperleben heißt die Entscheidung zwischen 3- und 5-Minuten-Terrine, der hat sich schwer getäuscht. Es wurde jeden Abend frisch gekocht und morgens Nutellabrot mit Meerblick gefrühstückt.

Die Route führte uns weiter entlang der Ostküste, vorbei an Walnussplantagen und Weingütern, nach Coles Bay am Freycinet Nationalpark, wo wir neben kurzen Ausflügen zu Sleepy Bay und dem Leuchtturm von Cape Tourville auch eine gepflegte 11 Km Runde hingelegt haben. Die Weinglas-Bucht war ein absoluter Traum, wir waren allein an Hazards Beach und während des Wanderweges entlang der Küstenlinie, der immer wieder durchs Gehölz führte, wurden wir argwöhnisch von Wallabies beobachtet.

Mehr Natur zu erlaufen gab es dann im Nordosten der Insel bei St Helens. Vor allem die Wanderung im Winifred Curtis Reserve war really beautiful. Entlang einer pittoresken Lagune ging es durch Wildblumenfelder, die in allen erdenklichen Farben schillerten. Frühling fetzt.

Wir bestaunten die kilometerlange Bay of Fires, die zu den schönsten Stränden der Welt zählen soll. Dort wurde dann auch direkt am Strand abgeparkt und genächtigt. Fast so schön wie am Rheinufer in Düsseldorf.

Und Tasmanien ist zwar ein relativ kleines Eiland und wenn man sich die Distanzen auf dem Papier anschaut, denkt man, dass die Insel an einem Nachmittag umfahren ist. Doch der Grand Prix de Tasmania führte uns durch unzählige Serpentinen und Haarnadelkurven mit immer neuen Schlaglochüberraschungen. Es waren oft nicht mehr als 60Km/h drin und so schaukelten wir uns eher gemächlich durch die Lande.

Trotzdem überall Roadkill. Tasmanien ist bekannt für sein reiches Tierleben, das am einfachsten tot am Straßenrand zu beobachten ist. Doch am schönsten ist so ein Tier ja doch lebendig und daher ging es – mit kurzen Abstechern in die recht tote Stadt Launceston und das Tamar Weintal – in den Narawntapu NP. Der Park ist bekannt für Pademelons, Wallabies und Forester Känguruhs, die es dann mit Anbruch der Dämmerung auch alle in Hülle und Fülle zu sehen gab. Man hat dann wirklich das ganze Gelände voll mit Gras fressenden Beuteltieren und wir freuten uns über diese Gesellschaft, da außer uns kein Mensch auf dem Springlawn Campingplatz seine nicht nur sprichwörtlichen Zelte aufgeschlagen hatte.

Ein wirklich seltsames Tier ist aber das Wombat. Es sieht aus, wie ein Hamster mit Bärenmaske, den man auf 20 L Bierfass-Größe aufgepumpt hat. Schon optisch wirkt die fette Fellwurst etwas plump, etwas tollpatschig und man merkt sofort: „Nääääää, der kann keine Integralrechnung“. Man verteilt ja gerne menschliche Attribute auf Tiere. Der listige Fuchs, die diebische Elster und jetzt eben das dümmliche Wombat. Nähert man sich einer Wiese mit grasfressenden Beuteltieren, machen sich sofort alle hakenschlagend aus dem Staub. Gesunder Fluchtinstinkt eben. Bis natürlich auf das Wombat, das solange nichts mitbekommt, bis man relativ kurz davor steht. Dann heißt es kurz Schreckstarre bis es den Tunnelblick einschaltet und sich schnurstracks in Richtung nächstes Gebüsch verdrückt, egal von welcher Richtung der potentielle Angreifer kommt. Auch als Mutter Wombat einmal mit Nachwuchs vor uns die Straße überqueren wollte, flüchteten sie nicht in den rettenden Straßengraben, sondern das Kleine versteckte sich mitten auf der Fahrbahn unter Muttern. „Survival of the fattest“ und nicht „Survival of the fittest“. Die Redaktion hat sich festgelegt, Gewinner in der Kategorie „Dümmstes Tier auf Wald und Wiese“: das Wombat. Ach und Wombat-Kot ist quaderförmig. Dieses Tier kann einfach nichts richtig machen.

Und dann Cradle Mountain. Das Highlight des Highlights Tasmanien. Irgendwie schien uns die Gegend an den Torres del Paine Nationalpark im patagonischen Chile zu erinnern. Es gab zahlreiche Seen in unfassbaren Blautönen, weiße Schneefelder, herrliche Wanderwege und wir hatten Glück mit dem Wetter. Der Cradle Mountain ist nämlich bekannt für eher ruppige klimatische Bedingungen. 260 Regentage im Jahr und 75% der Zeit wolkenverhangende Berggipfel. Wir dagegen hatten strahlenden Sonnenschein, angenehme Temperaturen und freie Sicht in einem Radius von mehreren Kilometern. So wanderte es sich doch gleich viel entspannter auch wenn es einige schwierige Passagen gab. Am Fuße des Cradle Mountains, entlang des Face Tracks, gab es Schnee in Hanglage zu überqueren. Und wir reden hier über mindestens 45% Steigung und der Schnee lag recht brüchig auf darunterliegendem Gesträuch. Wir mussten wie auf einem Drahtseil immer schön den einen vor den anderen Fuß setzen, denn der leicht ausgetretene Weg war gerade wanderschuhbreit. Das war dann schon etwas aufregender, vor allem wenn man mit dem kompletten rechten Bein im Schnee einbricht oder man mal eben etwas ausrutscht. Die 6-Stunden-Wanderung wurde aber ohne Verluste gemeistert und wir konnten uns auf dem nahe gelegenen Campingplatz beim abendlichen Kaminfeuer in der Küche aufwärmen. Nachts hatten wir vor allem auf dem westlichen Teil der Insel nur 2°C, da ist man gern auch mal drinnen.

Der Cradle Mountain NP hat ja eigentlich noch die Ergänzung Lake St Clair, denn der liegt an der südlichen Spitze des Parks. Wer irgendwann mal auf Tasmanien weilt und Langeweile hat, der kann die 70 Km in sechs Tagen von Nord nach Süd auf dem sogenannten Overland Track wandern. Die Strecke ist nicht wahnsinnig anspruchsvoll, nur das Wetter spielt nicht immer so mit.

Wir hatten leider keine Zeit und daher ging es mit dem Camper via Strahan nach Lake St Clair. Doch der Zwischenstop in Strahan hatte für projekt365 eine große Bedeutung. Wenige Tage vorher hatten wir uns entschlossen, die letzten Etappe des Projekts umzuändern. Während meiner Studienzeit lief auf Euronews immer ein Trailer des malayischen Tourismusministeriums in dem eine mandeläugige Asiatin immer sang: „Malaysia – Truly Asia“. Doch es kamen immer mehr Zweifel auf, ob das das wirkliche Asien sei. Was dagegen schon seit geraumer Zeit auf der Liste der noch zu besuchenden Länder nach Indien ganz oben stand, war Myanmar. Buuuuuuuuuuuuh, Militärdiktatur. Das darf man doch nicht unterstützen, vor allem nachdem der Hausarrest der bekanntesten Oppositionellen und eigentlichen Gewinnerin der Parlamentswahlen von 1990 Suu Kyi wieder verlängert wurde. Sie hatte zudem 2x zu einem Tourismusboykott ins Land aufgerufen, da man die Militärjunta nicht unterstützen dürfe. Doch die selbe Suu Kyi hat erst vor ein paar Monaten ihren Boykottaufruf widerrufen, da auch sie einsehen musste, dass die Tourismuseinnahmen der Regierung deutlich unter dem Drogengeld liegen, dass auf dem Weg nach China erwirtschaftet wird und vor allem kleine Familienunternehmen Schaden aus dem Boykott nahmen. Doch natürlich war nicht Suu Kyi der ausschlaggebende Grund, sondern das Land selbst und das gute Zureden von Anja und Pit. Die Visumsfrage ist auch geklärt und so geht es nun für 25 Tage ins Land der 1.000 Pagoden. Und das auch nur, weil wir zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren. In Strahan konnten wir zufällig WLAN anzapfen und mal kurz Emails checken. Die Flüge hatten wir drei Tage vorher gebucht, doch zahlen mussten wir sie bis Tag X 11:00 Uhr Singapur Zeit. Es war gerade Tag X und 10:34 Uhr. Hektische Minuten folgten, es mussten Kopien von Pass und Kreditkarte online verschickt werden, diverse Buchungsvorgänge bestätigt und mit dem Reisebüro in Singapur telefoniert werden. Doch alles gut, Vollzug. Just in time.

Just in time war unser Auftritt am Lake St Clair dann allerdings nicht, denn es wartete trübes Regenwetter. So wurde aus einer geplanten Tageswanderung nur ein kurzer Ausflug und wir flüchteten weiter Richtung nächsten Nationalpark. Dieses mal Mt Field mit den Russell Wasserfällen. Die wurden dann natürlich auch besichtigt und noch ein zweites Mal bei einer Nachtwanderung durch gemäßigten Regenwald. Es war stockduster, nur hier und da ein Knacken und ein reflektierendes Augenpaar, was aber meist nur ein aufgescheuchtes Opossum war.

Tasmanien hat auch keine Jaguar, keine Tiger und auch keine Löwen. Obwohl, früher gab es auch einen Tiger, der die Gestalt eines Wolfes und die Zeichnung eines Tigers hatte. Der wurde aber schon erfolgreich ausgerottet, die letzte Photoaufnahme stammt aus den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts. Was es aber noch gibt, ist ein Teufel. Den Tasmanischen Teufel, den man vor allem aus ACME Cartoons, als gefräßigen Wirbelwind kennt. In echt sind die Teufel nicht größer als ein Dackel aber kleine aggressive Räuber, die gern nach allem schnappen, was in Reichweite ist. Doch sie sind schwer zu sichten, da sie hauptsächlich nachtaktiv sind. Doch kein Tasmanien-Besuch, ohne nicht mal einen Blick auf das Wahrzeichen geworfen zu haben. Und im „Something Wild“ Zoo war es dann soweit, der Teufel in Tiergestalt. Aber in freier Wildbahn wären uns die Racker dann doch lieber gewesen.

Unsere letzte Station war dann der südlichste Punkt Australiens. Das Südkap bei Cockle Creek, das man in einem leichten 2-Stunden-Fußmarsch erreichen kann. So waren wir für eine ganze Weile die südlichsten Menschen auf dem australischen Kontinent. Wir konnten die angeblich sauberste Luft der Welt einatmen, denn der Wind bläst kontinuierlich aus Süden, wo in 2.500 Km die Antarktis zu finden ist, oder aus Westen, wo man 19.000 Km überqueren müsste, um nach Südamerika zu kommen.

Ach wat schön war das Camperleben auf Tasmanien. Das beste von Australien kam zum Schluß.





Menschen, Tiere, Sensationen.

21 10 2009

Ort: Melbourne, Grampians, Great Ocean Road (AUS)
Zeitunterschied: +8 Std. MEZ
Wetter: Eine Frechhheit!

Melbourne ist cool. Melbourne ist sogar ziemlich cool. Die bisher spannendste Stadt auf dem fünften Kontinent. Man sagt ja, man mag entweder Sydney oder Melbourne. Wir mögen Melbourne. Denn Melbourne ist seit langer Zeit mal wieder eine Stadt, die mondänes Flair verströmt, Weltstadt ist. Vier Millionen leben mittlerweile hier, vergleichbar also mit Berlin. Doch wer denkt Berlin ist riesig, dem sei gesagt Melbourne ist flächenmäßig etwa 8x größer. Die Stadt ist prall mit Kunst und Kultur, Kneipen und Bars, Sport und Parks. Und nur mal zum Vergleich: Sydney hat 23 Konzert-Locations, Melbourne hat 68. Es gibt also viel zu tun und wir haben in sieben Tagen einiges gesehen.

Den botanischen Garten, in dem man sich gut mal verlaufen kann, die Innenstadt um den Federation Square mit der nationalen Kunstgalerie, den Queen Victoria Markt, ein nachgebautes Flüchlingscamp von „Ärzte ohne Grenzen“ im Treasury Park, einen sonnigen Sonntag an der Strandpromenade von St Kilda, die Schicki-Micki-Läden auf der Chapel St oder das hippe Viertel Fitzroy. Melbourne ist nämlich auch die Modehauptstadt Australiens. Es gibt verdammt viele trendy Melburnians und das ist auch kein Wunder bei der Fülle an Fashion-Outlets, die es an jeder Ecke zu geben scheint. Trotzdem scheint bei der Jugend gerade mal wieder Retro angesagt zu sein. Aktuell: die 80er. Man trägt schwarz, grau und weiß, Leggings und Vacuum-Jeans dürfen nicht fehlen, die Frisur sitzt. In Melbourne ist man eben cool.

Und Melbourne ist auch das Babylon Australiens. Die Zahl der Einwanderer ist so groß, dass der Immigration sogar ein Museum gewidmet ist. Es scheint vor allem Chinesen, Italiener und Griechen zu geben. Man kann durch Chinatown wandern, in Little Italy Pizza essen und im griechischen Bezirk Souvlaki vom Holzkohle-Grill kredenzen gehen.

Melbourne war also eine Stadt, in der wir durchaus länger geblieben wären, wenn nicht wieder eine neue Mission mit einem Spaceship auf dem Programm gestanden hätte. Wir hatten fünf Tage Zeit, um die Grampians und die Great Ocean Road zu erkunden.

Von der bereits mehrfach erwähnten Stadt ging es zuerst durch die viktorianische Perle Ballarat, vorbei an blühenden Raps-Feldern und grünen, saftigen Wiesen direkt nach Halls Gap, dem Touri-Zentrum in den Grampians, einem Sandsteingebirge in einem Nationalpark. Und weil wir ja natürlich etwas vom wertvollen Westgeld sparen wollten, ging es wieder auf die Suche nach einem nicht ganz offiziellen Stellplatz für die Nacht. Meist gibt es ja an den Picknick-Spots Gasgrills und Toiletten für lau, man wird also nicht gerade abgehalten, dort zu campen. So waren wir dann ganz allein in Zumsteins. Naja, ganz allein wäre übertrieben, wenn man zwei Meter große Graue Känguruhs vor sich stehen hat, die sich in der Abenddämmerung den Bauch mit Gras voll schlugen. Die Zeit vom Abend bis zum Morgengrauen ist auch die unentspannteste zum Auto fahren, da immer wieder irgendwelche Beuteltiere am Sraßenrand rumstehen und unangemeldet vor den Kühler springen, was dann eine Riesensauerei hinterlassen würde.

Und die Grampians waren schon sehr fein. Bizarre Felsformationen, weite Täler mit dichtem Baumbewuchs, obwohl das große Feuer von 2006 seine Spuren hinterlassen hat, und eine umfangreiche Fauna. Im Gebiet um das Brambuk Cultural Centre, wo wir uns in die abermals traurige Aborigine-Historie einführen lassen konnten, gab es Unmassen an freilebenden Känguruhs, Emus, Wallabies, Kookaburras oder auch Kakadus. Immer schön vor vorbildlicher Naturkulisse mit den gerade blühenden Wildblumen, es ist nämlich Frühling. Und Frühling ist auch die Zeit des Nachwuchses. Bei Mutter Känguruh schaut ein kleiner Racker aus dem Beutel, Vater Emu hat zwei Küken an der Seite und kommt man einem Elsternnest zu nahe, sollte man besser flüchten. Diese verdammte Psychoelster hat einen schweren Angriffskrieg geflogen und hat uns mehrere 100 Meter verfolgt. Das erinnerte doch stark an Hitchcocks Vögel.

Und noch eine schöne Episode aus Brehms Tierleben. Wir haben ein Känguruh pissen gesehen. Und nein, dieses hat nicht Pipi gemacht, oder klein, das hier hat gepisst. Zwei Meter Känguruh in aufrechter Position mit einem Strahl, der einen erwachsenen Mann hätte töten können und das unkontrolliert in alle Richtungen. Die Menge hätte ausgereicht, um einen flächendeckenden Buschbrand zu löschen. Wir waren schwer beeindruckt. Doch nicht genug der Attraktionen. Im Hintergrund führten zwei graue Riesen einen zünftigen Boxkampf auf, der an eine Kirmesprügelei erinnerte. Die zwei Opponenten standen im Infight auf ihren Schwänzen und traten mit den Hinterkeulen, dass die Schwarte nur so krachte. Da wurde was für’s Auge geboten. Und weil es so schön war, sind wir gleich in dem Wildpark namens Tower Hill kurz vor Warnambool über Nacht geblieben. Unser Spaceship, in finsterster Nacht, umzingelt von Kaninchen, Roos (liebevoll für Känguruh, Anm. d. Red.), Wallabies, Koalas und Emus. Der letzte Stop, bevor es auf die Great Ocean Road gehen sollte.

Great Ocean Road heißt dann zwischen Peterborough und Torquay hauptsächlich an der Küste Victorias entlang, Felsformationen und Szenerie bestaunen. Am bekanntesten sind ja die „12 Apostel“, acht steil aufragende Felsen direkt vor der Küstenlinie. Angeblich sieht man drei Apostel nicht und einer ist vor ein paar Jahren eingestürzt, aber wenn man uns fragt, ist das mal wieder ein typisches Beispiel für touristische Vermarktung. In Australien wird ja jede Parkbank als „Must-Do“ Attraktion umjubelt und daher wundert es auch nicht, dass man bei den angeblich 12 Apostel, gleich mal drei Augen zugedrückt hat. Es gibt halt nichts cooles mit der Zahl 9. Die Gloreichen waren sieben, die Musketiere zu dritt und auch die Fantastischen Vier waren nicht zu neunt. Ach ja, und eine der „Drei Schwestern“ ist kürzlich erst zusammengefallen, jetzt sind es nur noch zwei. Eine traurige Familiengeschichte.

Nun ja, wir also alle paar Meter angehalten, um Felsformationen, wie „The London Bridge“ oder auch „The Arch“ zu bestaunen. Jacke und Mütze lohnten sich nicht auszuziehen, so nah beieinander hatten die Australier die Felsen gebaut. Denn das Wetter war eine Frechheit. Nix mit Sonne und so. Regen, Wind und nachts 4 Grad. Da schaut man im Vorfeld auf Voxtours Reiseberichte, man sieht Palmen und Riffe aber keiner sagt einem wie schattig es hier werden kann. Da hätten wir auch im herbstlichen Deutschland bleiben können. Nee, nee, also das Wetter war echt ne Frechheit.

Überraschend und gelungen war dann aber dann das Zusammentreffen mit Anja und Pit, zwei ebenfalls Langzeitreisenden, die seit April unterwegs sind und wir hier und da in losem E-Mail-Kontakt standen. Wir wussten, dass wir in etwa zur selben Zeit die Great Ocean Road befahren würden, aber die ist ja nicht nur 2 Km lang. Umso größer also die Überraschung. „Mensch, das gibt’s ja nicht, die Welt ist klein oder ein Dorf“ usw. Zur Feier des Tages gab es auf dem Campingplatz Marengo in Apollo Bay reichlich VB (Victoria Bitter, lokale, trinkbare Biersorte, Anm. der Red.) und Plausch im Camp Kitchen. Danke nochmal für’s abfüllen.

Bevor es dann wieder zurück nach Melbourne ging, habe ich mich noch auf den Otway Fly Treetop Walk getraut. Ich bin ja eher so der Höhenschisser und daher möchte hier nochmal meine Wagemutigkeit und Kühnheit heraustellen. Man wandert auf einem 600m langen Weg in den Baumkronen, 25m über dem Boden. Naja, nicht gerade von Ast zu Ast, eher auf einer Stahlkonstruktion. Der Blick von oben auf Baumfarne und keine Ahnung was noch für Gewächs im gemäßigten Regenwald Australiens war dann aber doch beeindruckend. Mit etwas Pipi in den Augen, war der Matze dann aber wieder froh auf matschigem Waldboden angekommen zu sein.

In Kenneth River gab es dann noch reichlich Koalas zu begaffen. Viele Bäume hatten dort einen Plastikring um den Stamm als Schutz und wir dachten natürlich, dass die Katzen nicht auf die Bäume sollen, um die Grünen Papageien und Crimson Rosellas platt zu machen. Doch der Schutz war für die Bäume gedacht und sollte die gefräßigen Koalas davon abhalten, die Bäume kahl zu fressen. Was aber wenig gebracht hatte, denn die fetten Koala-Bären hingen in jedem zweiten Baum, was doch recht außergewöhnlich war, denn bisher hatten wir in den ganzen 8,5 Wochen erst vier zu Gesicht bekommen.

Und so vergingen die fünf Tage viel zu schnell. Doch zurück in der großen Stadt wurde gerade das Melbourne Festival eröffnet und die französische Performancegruppe Transe-Express hatte eine sensationelle Vorstellungen namens „Mischievous Bells“ in den Abendhimmel produziert. Am besten mal bei Youtube suchen.

Nun heißt es ab auf die australische Hauptinsel, denn die Tasmanier bezeichnen das große Eiland nur als die nördliche Insel Australiens. Symphatisch finden wir. Zwei Wochen Road-Trp stehen auf dem Programm. Spaceships gibt es keine in Tassie, daher werden wir uns nach einer bezahlbaren Alternative umschauen. Bis dahin und tschüß Nordinsel.





Hitze, Fliegen und eine verlorene Kultur

13 10 2009

Ort: Darwin, Kakadu NP, Kathrine, Litchfield NP (AUS)
Zeitunterschied: +7,5 Std. MEZ
Wetter: Kind, setzt einen Hut auf und nimm mindestens LSF 30!

Ende September im nördlichen zentralen Zipfel Australiens heißt Ende der Trockenzeit. Es ist alles verdorrt, das Gras gelb und viele Flußläufe ausgetrocknet, die Waldbrandgefahr hoch. Die nasse Monsunsaison steht vor der Tür und zu den ohnehin schon heißen Temperaturen kommt dann eine Luftfeuchtigkeit von 100%.

Darwin, die größte Stadt im Northern Territory oder auch Top End genannt, empfang uns mit der Cartagena-Faust. Was für eine Hitze. Tagsüber 38 Grad, nachts zarte 25. Wirklich toll, 24/7 schwitzen. Wir ächzten unter den Temperaturen, Aktivitäten wurden auf ein Minimum beschränkt. Doch Pflichtprogramm war der Besuch des Mindil Beach Sunset Marktes, der zur Trockenzeit jeden Donnerstag und Sonntag stattfindet. Auf dem wohl besten Markt Australiens gab es neben einer sensationellen Auswahl an kulinarischen Leckerbissen (vornehmlich aus Asien), auch eine interessante Auswahl an Kunsthandwerk und Live-Performances. Wer kennt nicht die Didgeridoo-Hippies aus der Fußgängerzone, die mit einschläfernden, brummenden Tönen ein bißchen Australien nach Bottrop bringen wollen. Die Performance von Em Dee war erfreulicherweise anders. Contemporary Didgeridoo nennen die zwei Künstler ihren Stil und mit 140 BPM blasen einem die Bässe aus dem Rohr und dem Schlagzeug die Sweet-Chili-Soße von den Tintenfischringen. Hauruckdiewaschfraumitjuchhe, das ging schon ganz gut ab. So ließ es sich dann aushalten mit lecker Essen, guter Musik und der untergehenden Sonne.

Ein überraschendes Wiedersehen gab es dann mit Dina’s Mama und Jürgen sowie Michaela und Ulrich. Wir kamen gerade mit den frischen Känguruh-Steaks unterm Arm an einem Irish Pub vorbei, als unter großem Hallo die erneute Zusammenkunft gefeiert wurde. Und weil es so schön war, ging es am nächsten Abend erneut zum Mindil Beach, der dieses Mal fast komplett leer war und wir wieder einmal die öffentliche Grillstation nutzen konnten.

Darwin selber ist so interessant wie Wolfsburg bei 2 Grad und Schneeregen und hat ebengleich nicht mal einen Stadtkern. Einziges Highlight neben dem Sunset Market war das Museum bzw. die Art Gallery des Northern Territory, ansonsten Unattraktivität pur. Der eigentliche Grund warum man nach Darwin kommt, ist ein Ausflug in den nahe gelegenen Kakadu Nationalpark.

Wir hatten dieses Mal nach eingehender Recherche eine geführte Camping-Tour mit Wilderness 4WD Adventures gebucht. Fünf Tage im Allradfahrzeug unterwegs, davon drei im Kakadu, einen Tag in der Kathrine Gorge und einen im Litchfield Nationalpark. Unsere Gruppe bestand aus zwei deutschen Mädels, zwei älteren Damen aus der Gegend um Sydney, einer fünfköpfigen Familie aus Melbourne und einem irischen Paar. Der 29-jährigen Guide Adam war ein richtiger australischer Typ, der in seiner freien Zeit gern mal einen trinken geht und dazu schön auf Barramundi angelt. Ein richtiges Draußenkind, dass von diesem neumodischen Kram wie iPod und Co. keine Ahnung haben wollte.

Wie gesagt, es war Trockenzeit im Kakadu NP, dessen Name sich nicht vom gleichnamigen Vogel ableitet, sondern wohl vom deutschen Entdeckungsreisenden Ludwig Leichhardt stammt, der den Namen des lokalen Aborigine-Volkes Gagadju verhohnepiepelte. Die Eukalyptuswälder und die Paperbarkbäume warteten auf den bald kommenden Monsun, der in vier Monaten etwa 1,5 Meter Wasser bringen wird. Es sah eigentlich überall ähnlich aus, obwohl der Nationalpark riesige Ausmaße hat. Die Landschaft erinnerte stark an den afrikanischen Busch, außer dass eben keine großen Säugetiere zu sehen waren. Vögel und Reptilien bestimmen die Fauna, je nach Saison verändert sich aber auch das Tieraufkommen. Kein Wunder, dass die Ureinwohner keine festen Behausungen hatten und wie Nomaden umhergezogen sind, wenn sich die Landschaft unter dem Einfluß des Monsunklimas so drastisch verändern kann.

Zuerst ging es zu einem Billabong namens Corroborree. Ein Billabong ist ein Wasserloch, dass zur Trockenzeit an einen See erinnert, in der grünen Saison mit viel Regen an ein Flußlaufsystem angeschlossen ist. Auf diesem Wege verbreiten sich dann auch Krokodile. Sowohl die kleinen Süßwasser- als auch die massigen Salzwasserkrokodile lassen diese Wasserlöcher dann meist ganzjährig zu einer Nichtschwimmerzone werden. Auf unserem Cruise auf dem Billabong konnten wir dann auch Crocs am Ufer und im Wasser beobachten, der große Zeh blieb schön im Trockenen.

Danach ging es nach Ubirr einem der 15.000 Felsen mit Jahrtausende alten Malereien der Aborigine-Völker. Genau lassen sich diese stummen Zeugen der Geschichten nicht datieren aber anhand der Motive lassen sich Rückschlüsse ziehen. So war einer der gezeichneten Schildkröten seit 20.000 Jahren ausgestorben und auch Tasmanische Tiger gibt es schon seit mehreren Hunderten Jahren nicht mehr auf der australischen Hauptinsel.

Irgendwann vor etwa 40.000 Jahren kamen die ersten Ureinwohner (Aborigines, aus dem lateinischen ab origine, ungefähr: jemand der zuerst da war, Anm. d. Red.) nach Australien und sind damit die längste noch existierende Kultur auf diesem Planeten. Aus dem Loose Travel Handbuch zitiert: „Sie waren seminomadisierende Jäger und Sammler, deren materiall-technologische Kultur auf das Nötigste beschränkt war. Sie hatten jedoch ein äußerst komplexes soziales und spirituell-religiöses System entwickelt, das den Menschen als einen natürlichen Bestandteil der Welt betrachtet.“ Jeder Stein, jeder Baum, jedes Tier hatte eine konkrete Bedeutung und bildeten zusammen mit ihren menschlichen Bewohnern ein organisches Ganzes. Die Aborigines hatten kein eigenes Schriftsystem entwickelt und so wurde anhand von Felsmalereien für die nachkommenden Generationen alles Wichtige weitergegeben, in etwa wie auf einer Tafel in der Schule.

Eine Geschichte aus dem nördlichen Australien besagt z.B. folgendes: Wenn eine werdende Mutter den ersten Tritt ihres Kindes verspürt, geht sie zu einem Ältesten, der für das Kind ein Totem bestimmt. Das Totem war zumeist ein Tier oder ein anderes Objekt aus der Natur. Sein Leben lang durfte man dann sein Totem nicht töten oder verspeisen. Eine Zeichnung in Ubirr zeigte, wie ein Mädchen sein Totem, einen Barramundi, verspeist hatte und dabei erwischt wurde. Darauhin wurde sie von den Ältesten bestraft, was einen Krieg zur Folge hatte, weil einige meinten die Strafe wäre zu hart gewesen. Und die Moral von der Geschicht, esse dein Totem nicht. Das ist nur eins von vielen Lehrbeispielen, welche Kindern erzählt werden, um die Traditionen und ungeschriebenen Gesetze zu vermitteln.

Überraschend für uns war aber auch, dass die Idee von dem Totem für die australische Familie vollkommen neu war. Die hatten wirklich keine Ahnung. In der Schule wird auch heute noch kaum etwas über die Aborigine-Kultur gelehrt. Man hat den Eindruck, dass die kollektive Schuld über die Verbrechen an Australiens Ureinwohnern noch im Unterbewusstein festsitz und bewußt totgeschwiegen oder verdrängt wird. Das Thema Aboriginie scheint noch nicht gesellschaftsfähig zu sein. Viele sehen auch heute noch die verschiedenen Aboriginie-Clans als Nachfahren primitiver Wilder.

Bis 1964 hatten die Ureinwohner noch nicht einmal vollwertigen Status als australische Staatsbürger. Doch mit der Erlangung dieses Rechtes ging auch der uneingeschränkten Zugang zu Alkohol einher, der wie in Nordamerika verheerende Folgen auf die entwurzelte Bevölkerung hatte. Schwerer Alkoholismus führte zu noch schwerer Gewalt, Kindesmißbrauch und Tod. Die Region Cape York wurde zur Region mit der höchsten Gewaltrate außerhalb eines Kriegsgebietes. Heute heißt es in der Stadt Kathrine, südlich des Kakadu NPs, nicht „Kein Bier vor 4“, sondern aufgrund des Mißbrauchs „No grog before 2 o’clock“ und dann auch nur unter Registrierung der Identität des Käufers, damit man nicht auf die Idee kommt Alkohol an die Aborigines zu verkaufen. Ein wirklich trauriges Kapitel im „Gute-Laune-no-worries“ Land. Und auch die Zukunft verspricht nicht viel Rosiges, der Punkt der Umunkehrbarkeit scheint überschritten. Ein Leben, wie es viele Jahrtausende gegeben hat, wird es so nicht mehr geben können. Viele zeigen sich desillusioniert, was das Fortbestehen dieser alten Kultur angeht…

Eine kleine Einführung in den Aborigine-Alltag gab es für uns Besucher dann aber im Kakadu Culture Camp und wir lernten mit Speeren zu werfen, auf dem Didgeridoo zu versagen und wie man einer Seeschlange mit den Zähnen das Genick bricht. Letzteres glücklicherweise nur in der Theorie.

Ansonsten bewegten wir uns von einer Badestelle zur anderen. Die Sonne prügelte unentwegt auf uns ein, doch die größte Plage waren die Fliegen. Und wir reden hier nicht über die langweilige Hausfliege, die sich am Grillabend mal hier und da auf Mutti’s Kartoffelsalat setzt, nein, diese Art verfolgt einen auf Schritt und Tritt und versucht mit Vorliebe in Augen, Nase, Mund oder Ohren zu fliegen. Der pure Hass! Man schlug ständig um sich, hatte tagsüber keine Ruhe, der reinste Psychoterror. Die einzige Methode ihnen zu entkommen, hieß ins kühle Nass zu springen. Dann doch lieber einen Arm von einem Süßwasserkrokodil abbeißen lassen.

Die angesteuerten Wasserfälle machten ihren Namen zwar kaum alle Ehre, doch eigentlich war jede natürliche Badestelle ein optischer Augenschmaus, der zum verweilen einlud. Und so planschten wir dann auch vergnügt in der Barramundi Gorge, im Moline Rockhole oder auch im Gonlum Top Rockhole, dass direkt in einen Wasserfall mündete und einen sensationellen Blick über das Tal eröffnete. Im Kathrine-Gorge-Flußsystem durften wir dann eine schöne Kanutour in der ersten der 13 Gorges machen, vorbei an Felsmalereien und Krokodil-Nistgebieten. Am letzten Tag ging es dann in den Litchfield NP. Zuerst zu den riesigen Hügeln der Kathedralen- und Magnetentermiten, dann zu weiteren Badestellen mit Wasserfall und vielen Menschen, denn die Frühlingsferein hatten gerade angefangen.

Alles in allem eine gelungene Tour, obwohl es die bisher kostenintensivste Aktivität in den letzten acht Monaten war. Australien ist kein günstiges Reiseland. Spenden von großzügigen Gönnern mit einem Spendenbetrag von mindestens 1 Million Euro werden mit einer exotischen Postkarte belohnt. Spendenquittungen für die Steuer können nur gegen eine unverschämt hohe Portogebühr erteilt werden.

Und bevor hier der schwüle Wahnsinn losgeht, verschwinden wir nach Melbourne, was ca. 25 Grad Temperaturunterschied bedeuten wird. Herbstlich. Wir freuen uns.





Ein Spaceship in den Tropen.

4 10 2009

Ort: Cairns > Port Douglas > Daintree NP > Cooktown > Atherton Tableland > Cairns (AUS)
Zeitunterschied: +8 Std. MEZ
Wetter: Open-air duschtauglich

Australien. Endliche Weiten. Wir melden uns von der Kommandobrücke von Spaceship BELKA unserem Zuhause für sechs Tage im nördlichen Queensland. In Cairns hatten wir uns einen Toyota Estima aus der Camper Van Flotte des Verleihers Spaceship gemietet. 2007er Baujahr, 25cm Bildschirm mit DVD Player und zeltähnlichem Heckanbau für noch mehr Platz und bessere Belüftung zum schlafen. Also eigentlich überhaupt nicht raumschiff-like aber sehr fein und hochwertiger als der Schrott, der hier sonst so durch die Gegend fährt.

Doch der Reihe nach. Am besten einen Kaffee holen oder noch schnell einen Toast mit Vegemite machen, heut wird es etwas länger.

Nach Mission Beach ging es in die beschauliche Großstadt Cairns. Dort sollen ja angeblich 300.000 Leute wohnen, wovon allerdings nichts zu merken war. Auf dem Rusty Markt gab es lecker Frischobst und Gemüse günstig zu erstehen, an der Strandpromenade wurde der öffentliche und zudem auch kostenfreie Pool probiert und einem Sonntagskonzert gelauscht. Aber alles, sehr gemächlich.

Doch in Cairns gab es auch ein großes Hallo mit Dina’s Mama und Jürgen, sowie den zwei Reisebegleitern Michaela und Ullrich. Nach über sieben Monaten das erste persönliche Treffen, das dann auch mit ordentlich Schmaus und Kaltgetränken gefeiert wurde. Unser erster Restaurantbesuch in Australien! Doch das Wiedersehen währte nur von kurzer Freude, denn nicht nur sie, sondern auch wir hatten Reisepläne.

Und so ging es dann an einem Montag im September los. Unser Spaceship abgeholt, dann erst mal an Linksverkehr und Automatik-Schaltung gewöhnen, einen Tramper aufgesammelt und ab nach Port Douglas. Port hatte schon ordentlich Vorschußlorbeeren einsammeln können und konnte diese auch bestätigen. Zwar ist das kleine Kaff recht touristisch, aber optisch ganz weit vorn dabei. Auf der Hafenmole konnte man den Angler im Schein der untergehenden Sonne zuschauen, am 4 Mile Beach abhängen oder im ANZAC-Park einen der öffentlichen Grillplätze nutzen. Wir waren ja erst seit 60 Minuten Camper und hatten daher aus Bequemlichkeit schon mal vorsorglich einen Riesenpott Curry vorgekocht, der dann nur noch warm gemacht werden musste. Auch hier nochmal Anerkennung für die Instandhaltung der öffentlichen BBQs und Toiletten. Sauber, keine stumpfen Graffiti-Tags und nicht verwüstet, wie man es zuhause ja gern mal vorfindet.

Wir hatten dann auch den Tipp von Ben, den von uns in Cairns aufgegabelten englischen Tramper, bekommen, es am rechten Ende des 4 Mile Beach mit wild campen zu probieren. Ein ruhiger Platz, wo keine Pozilei vorbeikommt, denn auf „für lau pennen am Straßenrand“ stehen zwar nicht drei Jahre Kinderbergwerk aber immerhin AU$150 Strafe. Erst am nächsten Morgen bei Tageslicht wurde uns klar, was für ein wunderschönes Plätzchen wir uns da empfehlen lassen hatten. Direkt am Strand. Jaja, schon wieder Strand wird der regelmäßige Leser bemerken, da wurde doch die letzten Male häufig mal gelangweilt gemeckert. Aber dieses Mal anders. Hier oben sind wir nämlich in den Wet Tropics, den feuchten Tropen also, und das heißt Regenwald, der widerum direkt bis an den Strand reicht. Amazing. Awesome. Wonderful. Nachdem uns dann die schwärmerischen Adjektive ausgegangen waren, um diesen feinen Ort zu beschreiben, ging es dann weiter gen Norden. In den Daintree Nationalpark, der für sich den Titel des ältesten Regenwaldes der Welt beansprucht.

Das Gebiet gehört zu einem der touristisch erschlossensten Gegenden in ganz Australien. Daher war es nicht verwunderlich, dass sich die Pfade nicht etwa wild mitten durch den Dschungel bahnten, wie wir das aus Bolivien kannten, sondern schön ordentlich als Wanderweg auf Holzplanken angelegt waren. Also schön für den Massentourismus gemacht, dass auch Oma mit dem Hackenporsche mitkommen kann. Das soll aber gar nicht so negativ klingen, denn die drei Boardwalks (Jindalba, Marrdja und Dubuji) waren wirklich gut gemacht und mit Infotafeln bestückt, so dass man nicht unbedingt dümmer aus dem Busch kam.

Zu den bemerkenswertesten Entdeckungen zählte mit Sicherheit die Würgefeige, die teilweise gigantische Ausmaße annehmen konnte. Es beginnt immer mit einem kleinen Samen, der sich in mehreren Metern Höhe auf einem Ast irgendeines Baumes absetzt. Mit der Zeit wachsen die Wurzeln der Feige nach unten und nehmen im Verlauf den ganzen Baum in Beschlag, was soweit führen kann, dass der Baum, der zuerst da war, wortwörtlich von der Würgefeige stranguliert wird und abstirbt. Faszinierend, was sich die Natur da wieder ausgedacht hat. Auch Mangroven mit ihren Kabel- und Schnorchelwurzeln sind ein erstaunlicher Lebensraum, der bestaunt werden konnte.

Zum berühmten Cape Tribulation ging es dann natürlich auch. Auf dem Weg dahin gab’s einen Stopp im Bat House. Dort werden flugunfähige Flughunde aufgepäppelt und gepflegt. Und wir haben mal wieder etwas für’s Klugscheißen am Frühstückstisch gelernt. Flughunde haben nämlich im Gegensatz zu Fledermäusen kein Sonar und fressen auch keine Insekten, sondern sind Vegetarier. Das gab gab schon mal Sympathiepunkte bei Dina. Ihre nächsten Verwandten sind die aus Madagaskar bekannten Lemuren und gelten hier mittlerweile auch als bedrohte Tierart. Sie haben schon auch einen kleinen Vampirstatus und werden als Überträger von Krankheiten angeprangert, wo es nur geht, obwohl das nicht ganz stimmt. Naja, Old Boy hing auf jeden Fall ganz gemütlich in seinem Netz im Bat House und nachdem er einem Apfelstück den Saft und das Fruchtfleisch entzogen und den Rest ausgespuckt hatte, präsentierte uns der kleine Racker sein überraschend großes Gemächt. In menschlichen Relationen gesprochen, würden wir hier eher von einem Oberschenkel, als von einem Unterarm reden. Jaja, wer lang hat, der kann auch lang hängen lassen. Ein putziges Kerlchen.

Doch genug der Angeberei, es ging wieder zurück in die Zivilisation, nach Port Douglas um genauer zu sein. Am nächsten Tag stand dann der für australische Verhältnisse lächerlich kurze (250 Km) Road Trip nach Cooktown an. Es hatte seit Ende Mai nicht mehr geregnet, alles war trocken und die Klimaanlage im Spaceship bewahrte uns vor dem Hitzetod. So war es auch kein Wunder, als auf einmal ein Buschbrand in nahe Ferne rückte und sich die Rauchschwaden über die Fahrbahn zogen. „Licht an und schön sachte durch die schwarzen Schwaden“ war die Ansage der Brandschutzbeauftragten und es ging weiter nach Norden. Thematisch passend passierten wir dann die Black Mountains, die wie ein überdimensionierter Holzkohlehaufen aussahen. Und jetzt kommt gleich nochmal eine Netzer-Delling-Überleitung, denn das passende Grillgut gab es auch noch dazu. Auf den letzten 50 Km vor Cooktown gab es den Todestreifen, denn alle paar Meter hatte sich ein vormals lebendes Känguruh in Roadkill verwandelt. Überall lagen tote Tiere herum, an den widerum die Raben nagten.

Und so etwas tot kam uns dann auch Cooktown vor, denn aus der einst zweitgrößten Stadt Queenslands, deren Bevölkerungsboom der Goldrausch in den 50er Jahren hervorgerufen hatte, ist heute nicht viel übrig geblieben. Nur noch 3.000 Einwohner wohnen in der Stadt, in der man nur leben kann, wenn man entweder verrückt ist oder bereit ist verrückt zu werden. So jedenfalls erklärte uns das Gernot Jander, ein 72-jähriger pensionierter Aussteiger, den wir über das Couchsurfing Netzwerk gefunden hatten. Und was er für Geschichten erzählen konnte, ganz zu schweigen von seinem selbstgebrauten Bier und der italienischen Torteletta, die er uns am Abend auf den Tisch zauberte. Schade, dass wir nur so wenig Zeit mit Gernot verbringen konnten, denn wir hatten am nächsten Morgen die preisgekrönte Rainbow Serpent Tour von Guurrbi-Tours gebucht. Der 5-stündige Ausflug unter der Führung von Elder Willie Gordon gab uns einen mehr als interessanten Einblick in die Spiritualität und Philosophie der Aboriginies. Wir wurden zur Geburtstätte seines Vaters in den Bergen um Hopevale geführt und haben uns in die darum gewobenen Geburtsriten entführen lassen. Das hier widerzugeben scheint unmöglich, wer mal in der Gegend ist, sollte es sich auf keinen Fall entgehen lassen.

Dank Gernot ging es am nächsten Tag zielgerichtet zur Granite Gorge bei Mareeba im Atherton Tableland. Dort gab es einen entspannten Campingplatz in der Nähe von riesigen Granitfelsen, der das zuhause von handzahmen Rock Wallabies war. Die kleinen Scheißer sehen aus wie eine Zwergenversion eines Känguruhs und springen mit Leichtigkeit von Fels zu Fels, während sie nur darauf warten von Touristen mit speziellen Pellets gefüttert zu werden. 100 Punkte auf der Niedlichkeitsskala, obwohl wilde Tiere füttern eigentlich nicht so unser Ding ist.

Zum Abschluß gab es noch ein paar Abstecher zu Curtain und Cathedral Fig Tree (Vorhangs- und Kathedralen-Würgefeigen, Anm. d. Red.), deren Wurzeln bizarre Ausmaße angenommen hatten, wir haben den kurzen Wanderweg um den Kratersee Lake Eecham gemeistert und beim anderen Maar namens Lake Barrine stopp gemacht. Es wurde natürlich alles angemessen bewundert.

Ja und dann waren die sechs ereignisreichen Tage auch schon vorbei und mit dem Spaceship wurde wieder der Heimathafen namens Cairns angeflogen.

Unsere bisher mit Abstand beste Zeit in Australien. Endlich haben wir das Australien erlebt, dass man in tollen Reisereportagen bewundern kann, das Australien, das mehr als nur shiny-happy people und no worries ist, das erste Mal, dass uns Australien wirklich etwas gegeben hat.





Relaxed.

30 09 2009

Ort: Mission Beach – Wongaling (AUS)
Zeitunterschied: +8 Std. MEZ
Wetter: Heiter bis irisch

Die Beschreibung vom Absolute Backpackers Hostel in Mission Beach las sich eigentlich ganz entspannt. Kein Partyhostel, chill-out, einfach ein paar Tage abschimmeln (Jugendsprache, etwa: sich ausruhen, dem süßen Nichtstun frönen, Anm. d. Red.). Das hatten die 15 Iren aber wohl übersehen und erfreuten uns mit schlaflosen Nächten, da bis 5 Uhr morgens irische Volkslieder zum besten gegeben wurden. Das ganze quasi direkt vor unserer Tür, an Schlaf war nicht zu denken. Nebenbei hatte sich der Pöbel auch schön einen reingetan und unter Alkoholeinfluß kann es ja bekanntlich schon mal zu einem etwas erhöhten Geräuschpegel kommen. Am schlimmsten aber waren die anwesenden irischen Damen. Billiges Outfit, billiges Make-up und scheinbar bei Amy Winehouse in der Benimmschule gewesen. Nett. Aber vielleicht ist es ja in Irland gute Sitte, sich kontinuierlich anzuschreien und sämtliche unangenehme Stimmlagen des Kehlkopfes zur Kommunikation zu nutzen. Ach, was waren wir relaxed und chilled out!

Nicht unbedingt förderlich war natürlich der Schnapsladen auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Obwohl der recht bemerkenswert war. Man konnte nämlich mit dem Auto in den Bottleshop namens „Thirsty Camel“ (Das durstige Kamel, Anm. d. Red.) auf der einen Seite reinfahren und auf der anderen wieder raus, ein Drive-Through also. Eigentlich ganz cool. Direkt mit dem Auto rein, aus dem Fenster ordern und ab geht’s mit der Kiste Bier. Diese Australier haben es echt raus.

Ja und sonst so? Wir haben unsere erste Begegnung mit einem Kasuaren gehabt. Klingt zwar vielleicht nach einem schwertschwingenden Mongolenkrieger, ist aber ein großer vom Aussterben bedrohter Laufvogel, der mit einem helmartigen Horn auf dem Kopf, blauem Hals und roten Halslappen ausgestattet ist. Leider war die Begegnung nur kurz auf dem Weg zu einem der schönsten Wanderungen in der Gegend. Wir konnten schön entspannt auf dem Edmund Kennedy Walk entlang der Küste wandern, während die Iren ihren Rausch ausschliefen oder sich mit Restrausch beim Skydiving aus dem Flugzeug stürzten. Einsame Strände mit Mangroven, wilde Wallabies und ein schönes Wattleben gab es zu bestaunen. Zumindest das war ziemlich relaxed.

Nächste Station Cairns.





Warum Australier kein Känguruh essen.

23 09 2009

Ort: Townsville (AUS)
Zeitunterschied: +8 Std. MEZ
Wetter: Feucht-fröhlich

In Townsville angekommen hieß es mal wieder Couchsurfen. Mittlerweile haben wir in den ersten fünf Wochen schon immerhin fünf Tage für umme auf diversen Sofas (der inoffizielle Plural von Couch) genächtigt. Und hier sollten es zwei weitere Tage werden. Der routinierte Couchsurf-Papa holte uns vom Greyhound-Busstop ab und es ging in einen Vorort von Townsville. Andy wohnt dort mit seiner phillipinischen Frau Nanie und der 3-jährigen Tochter Asha, für die die wechselnden Couchsurfer eine willkommene Abwechslung und viele Spielkameraden bedeuteten. Sympathisch war auch das T-Shirt der Kleinen, das da sagte: „HELP! These are not my real parents“ („HILFE! Das sind nicht meine richtigen Eltern“, Anm. d. Red.). Doch nicht nur die Familie selber, auch das Haus war sehenswert

Ein altes Queenslander Haus, das traditionell auf Stelzen steht, um eine gute Durchlüftung im feuchtwarmen Klima des australischen Nordens zu gewährleisten, Pool im Garten und natürlich ein Bierkühlschrank auf der großzügigen Holzveranda. Das konnte schon was. Es wurde natürlich bei der Ankunft am frühen Nachmittag eine Pilsette aufgemacht und mit dem Hausherren der gesellige Abend eingeleitet. Er war stolzer Besitzer einer Jim-Beam-Uhr, die er für den Kauf von Jim-Coke im Wert von AU$49,90 bekommen hatte. Mit der Zeit kamen noch ein paar mehr trinkfreudige Mittvierziger und Freunde des Hauses, um am BBQ teilzunehmen. Und es wurde ganz klassisch gegrillt, mit schön fettiger Wurst und Rind auf dem Rost. Ein typischer Aussie-Abend.

Wo wir gerade beim Kulinarischen sind, mal eine kleine Einführung in die Australische Küche. Zuerst mal darf man ja nicht vergessen, dass sich der nationale Speisezettel aus dem Englischen ableitet. Und was soll man da schon erwarten? Richtig, Langeweile und Kopfschütteln, hier und da ein leichtes Würgen. Fangen wir mit dem Übelsten an: Vegemite. Der Brotaufstrich einer jeden australischen Kindheit, vergleichlich mit Nutella in Deutschland oder Dulce de Leche in Argentinien. Nur eben ziemlich ekelhaft. Das Zeug ist nämlich nicht süß, sondern salzig und schmeckt wie eingedickte Soyasoße. Oder man stelle sich Maggi-Brühwürfel als streichbare Masse auf dem morgentlichen Toast vor. Uaaaargh, disgusting. Und das sage ich, jemand, der zum Frühstück auch gern mal Ölsardinien mit Haut und Gräten auf den Toast drapiert.

Fisch und Chips sind ein weiteres kulinarisch eher fragwürdigeres Erbe, hier und da aber gar nicht so schlecht gemacht. Ein schmackhafter Fisch-Klassiker ist Barramundi, den es fast überall entlang der nördlichen Ostküste gibt. Als Australier mag man seine Nahrung also gern paniert oder frittiert. Oder in Blätterteig, dann heißt es Pie und man muss sich handtellergroße Blätterteig-Küchlein vorstellen, die mit Rind oder Huhn oder sonst allen möglichen Kombinationen – zu Pampe verarbeitet – gefüllt sind. Macht so pappsatt, wie drei große Löffel Fensterkitt, schmeckt nur nicht so gut. Im krokodilreichen Norden um Darwin gibt es dann auch Krokodil zu essen, was allerdings eher wie ertrunkenes Huhn schmeckt und nicht das Prädikat zart verdient.

Was aber wirklich ganz gut zu essen ist, ist Känguruh. Fett- und Cholesterinfrei und mit einer einladenden Textur gesegnet, erfreut es sich aber überraschenderweise keiner großen Beliebtheit. Der Geschmack ist schon speziell aber nicht unangenehm, sehr zart und saftig, wenn es sachte gebrutzelt wurde. Aber warum mag der gemeine Australier sein Wappentier nicht essen? Moralische Bedenken können es kaum sein. Känguruhs werden jedes Jahr innerhalb einer Quotenregelung zu Tausenden abgeknallt, um die armen Farmer vor den gefräßigen Beuteltieren zu schützen. Ignoranz durch alte britische Gepflogenheiten? Schmeckt Minzsoße nicht dazu? Kann man es nicht panieren? Wir wissen es nicht. Doch eine weitere Theorie besagt, dass das Fleisch einfach minderwertig ist. Ein Supermarktmitarbeiter erzählte uns, dass in seiner Kindheit Känguruhs abgeknallt und den Hunden zum Fraß vorgeworfen wurden. Hundefutter also. Und ein Blick ins Kühlregal im Coles-Supermarkt sprach dann auch Bände. Neben dem Känguruh-Fleisch fand sich was? Oh mein Gott, Hundefutter.

In den letzten Jahren hat sich aber eine, vor allem durch Einwanderer geprägte, neue „australische“ Küche entwickelt. Die ist allerdings dann oft so teuer, dass die zwei armen Reisenden meist nur ihre Nasen an den feinen Restaurantscheiben platt drücken, um dann doch selber zu kochen.

Was es noch nicht auf die Speisekarte geschafft hat, ist die allgemein unbeliebte Aga-Kröte. Sie ist eine der größten Froschlurche der Welt und wieder mal ein Beispiel für unprofessionellen Tierimport auf einem fernen Kontinent mit isoliertem Ökosystem. 1935 wurden die Racker auf dem australischen Kontinent eingeführt, um die Schadinsekten auf den Zuckerrohrplantagen an der Ostküste platt zu machen. Bis das Übel seinen Lauf nahm. Heute ist die fette Kröte eine unaufhaltbare Plage, der man kaum Herr zu werden scheint. Allerdings findet man auf den lokalen Märkten hier und da ein paar einfallsreiche Verwertungsmöglichkeiten. Wer freut sich nicht über ein schönes Kröten-Portemonnaie zu Weihnachten? Oder eine schmückende Bereicherung für die heimische Schrankwand in Form einer aufgeblasenen Kröte im Rambo-Outfit. Bestellungen werden gern aufgenommen.

Ansonsten gab es einen entspannten Sonntagnachmittag an der Strandpromenade. Eines muss man den Australiern ja lassen, Freizeitmöglichkeiten stehen recht umfangreich und oft auch kostenlos zur Verfügung. So gab’s für die Kids ein schönes Spaßbad, für das man in Deutschland mindestens 6€ abdrücken müsste. Selbst öffentliche Toiletten, deren Besuch für viele ja auch eine spaßige Freizeitgestaltung ist, sind grundsätzlich für umme und dafür recht gepflegt. Überhaupt wirken die Städte entlang der Ostküste bisher wie frisch durchgefegt und in Townsville standen sogar ein paar gut erhaltene traditionelle Gebäude herum, darunter Hotels und Pubs aus dem vorletzten Jahrhundert.

Ein schönes Wochenende in Townsville.