Jaime und Pablo.

11 08 2009

Ort: Santiago de Chile (COL)
Zeitunterschied: -6 Std. MEZ
Wetter: Winterlich, naja zumindest für südamerikanische Verhältnisse

Die Vorzeichen standen nicht gut, als die Tante am Check-In meinte unsere Tickets wären ungültig. Nach dem Theater mit der Buchung der Tickets bei unseren südlichen Nachbarn, hatte ich kurzfristig Schaum vorm Mund und war schon dabei den Einmarsch nach Österreich zu befehlen, als dann doch Entwarnung kam, dass alles okay sei. Erfreulich war allerdings, dass wir mit unseren Papiertickets noch ein Phantasiesteuer im Gegenwert von etwa 20€ pro Person erstattet bekommen haben. Doch wie gewonnen, so zerronnen, denn an der Sicherheitsschleuse hatte ich mich dann für den Titel „Obst der Woche“ qualifiziert, da ich noch mein geliebtes Schweizer Offiziersmesser in der Messertasche meiner Hose stecken hatte und die Security ja bekanntlich immer bei Hieb- und Stichwaffen im Flugzeug rumzickt. Da half auch kein Doofstellen, als sie immer wieder mit recht unverständlichen Englisch („knight, knight, knight, statt knife…“) auf den Rucksack deuteten, wo das Messer mittlerweile hin gewandert war. Trauer, es war nichts zu machen. Ich hatte ja insgeheim ein wenig auf das Chaos gehofft, denn das Computersystem des Zolls war ausgefallen und es gab eine Monsterschlange mit panischen Passagieren, die Angst hatten ihren Flug zu verpassen. Wir hatten noch eine Stunde Zeit und sind dann überraschend pünktlich in den kolumbianischen Nachthimmel gestartet.

Der Touchdown in Santiago konnte zu einem unsportlichen 5 Uhr morgens vermeldet werden. Die Nacht im Flieger war unerholsam, da halfen auch Bier und Wein nichts. Und wir hatten ein Problem. Denn wir würden das erste Mal eine Couch surfen, wurden von unserem Gastgeber erst 17 Uhr erwartet und waren ziemlich durch den Wind. Doch im März waren wir ja schon einmal Santiago und nach kurzer Rücksprache erklärte sich unser damaliges Hostel bereit, uns im TV Raum vagabundieren zu lassen, uns eine Mütze Schlaf zu genehmigen und danach noch eine Dusche. Superlieb.

Am Nachmittag trafen wir dann auf Jaime und Pablo, unser Hosts für die nächsten zwei Nächte. In einer kleinen 2-Raumwohnnung mitten im Zentrum nahe der Plaza de Armas machten wir also unsere erste Erfahrung mit wildfremden Menschen, die ihre Couch für widerum sie wildfremde Menschen zur Verfügung stellen. Und es hätte keine bessere erste Erfahrung mit dem Couchsurfing Projekt für uns sein können. Jaime und sein Partner Pablo waren zwei wirklich einzigartige Zeitgenossen. Sie erinnerten an ein altes Ehepaar, dass komisch war, ohne komisch sein zu wollen. Vor allem Jaime trug das Herz auf der Zunge und war sehr an anderen Kulturen und Menschen interessiert. Gleich am ersten Abend haben wir zusammen ein Öttinger-Weizen auf der Couch verköstigt und noch bis spät zusammen gesessen. Und auch am zweiten gab es viel Spaß mit Sushi, Kunstmann Bier und „Wir können die Peruaner nicht leiden“-Geschichten. Wobei man Peruaner auch beliebig durch Argentinier, Brasilianer und Bolivianer austauschen konnte. Herrlich. Alles natürlich mit einem Augenzwinkern.

So hatten wir doch noch eine gute Santiago-Erfahrung nachdem uns ja beim ersten Besuch das Portemonnaie geklaut worden war. Und schön war auch die Fast-Food-Fressmeile an der Plaza de Armas und so langsam dürfte auch klar sein, warum die Chilenen zu den dicksten Menschen unseres schönen Planeten zählen.

Und apropos Planet, auf dem Weg ins weite Australien ging es dann ein ganzes Stück gen Westen. Am 2. August sollte es losgehen und wir würden erst am 4. August landen. Verdammte Datumsgrenze. Unterm Strich würden uns 14 Stunden durch die Lappen gehen. Die Redaktion von Projekt 365 zeigt sich allerdings nicht gewillt den Namen in Projekt 364 ca. 1/3 umzubenennen.

Tschüß bis Down Under.

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Schlaflos in Santiago.

30 03 2009

Ort: Santiago de Chile (CHL)
Zeitunterschied: MEZ -5 Std.
Wetter: 30 Grad, Sonne, Smog

Den ersten den wir in der Hauptstadt Santiago de Chile getroffen haben, war Anna aus Buenos Aires. Ihre Antwort auf die Frage, was sie denn von der Stadt halte, war: „BsAs ist besser!“.

Santiago liegt eigentlich wunderschön, direkt entlang der Andenkordillere. Eigentlich! Denn spricht man in Deutschland vom sonnenverwöhnten Freiburg, kann man hier vom smogverwöhnten Santiago sprechen. Die Bergkette ist bei zarten 30°C und herrlichem Dunst nur zu erahnen, dieses Ozon scheint es hier nicht zu geben. Santa Lucia, einer der zahlreichen Hügel der Stadt und gleichzeitig Stadtgründungsort durch Pedro de Valdivia, oder auch der Cerro San Cristobal bieten einen schönen Blick auf das Monstrum Santiago mit seinen zahlreichen Smogkratzern, denn von Wolkenkratzern kann hier keine Rede sein.

Und trotzdem hat die spanische Herrschaft ihre Spuren hinterlassen. Wir sind aktuell im Hostel Bellavista im gleichnamigen Stadtviertel eingekehrt und ergötzen uns an der Kolonialarchitektur am Fuße des Cerro San Cristobal, wo auch Pablo Neruda, Chiles Volksschriftsteller, einen seiner Wohnsitze hatte. Heute ist Bellavista ein Partyviertel mit wirklich sehr stilvollen Bars, Kneipen, Diskotheken aber auch vielen Theatern. Der Nachteil an einem Ausgehviertel ist allerdings, dass es hier vor 6 Uhr morgens nicht ruhig wird und das fast die ganze Woche über. Doch nicht nur dieses vergnügungssüchtige Partyvolk hat uns schlaflose Nächte beschert, denn nun haben sie auch Dina erwischt. Bettwanzen in Santiago. Gegen Bettwanzen hilft leider nur Kammerjäger, Bett wechseln oder Atomkrieg, Linderung schaffen aber Salbe und Antiallergika.

Einen kurzen Fußmarsch von Bellavista über den reißenden Strom Mapoche, der eine braune Flüssigkeit durch die Stadt schwemmt, die unter Vorbehalt Wasser genannt werden kann und man erreicht den Parque Forestal, einen Stadtpark, wo sich Sonntags die Jugend mit all ihren Subkulturen trifft. Punks, Emos, Goths oder einfach nur die coolen Hippster der Hauptstadt.

Und was hier total cool ist, ist Heavy Metal. Santiago gehört sicher zu den Städten der Welt mit der höchsten pro Kopf Heavy Metal T-Shirt Dichte. Ob Kreator, Sodom, In Flames oder auch Megadeath, aus allen Metal Sparten ist etwas dabei. Und Iron Maiden. Was aber vor allem daran lag, dass hier am Sonntag ein Konzert war, das wohl regen Zuspruch gefunden hat. Und nein, wir waren nicht da.

Was zudem auffällt ist die latent schwelende Unsicherheit. Überall Polizei mit Einsatzwagen und Knastbussen. Egal ob im Park, im Kneipenviertel oder beim Fußballspiel. Hatte es schon in BsAs nicht mit einem Stadionbesuch mit Spiel geklappt, wurde schon vor Wochen das Derby des Tabellenführers Union Española gegen Serienmeister und Hauptstadtclub Colo Colo ins Auge gefasst. Und was ist passiert? Die Schweine haben kurzfristig das Spiel von Sonntag auf Samstag verlegt. Aber, die spielen ja hier nicht mit der Stadtwache und so wurde mit wachem Auge eine ungewöhnlich hohe Colo Colo Trikotpräsenz am Samstag wahrgenommen und schlau darauf geschlossen, dass das Spiel schon an diesem Tag sei. Wir also zum Stadion. Und schon wieder eine Enttäuschung, denn tatsächlich gab’s keine Karten mehr. Also wieder kein Livespiel und sieben Tore verpasst. Die absperrende Polizei zeigte noch nicht mal den Hauch der Bereitschaft für einen Bestechungsversuch, uns trotzdem einzulassen. Südamerika, was ist hier los?

Zugegeben ärgerlich, es gibt aber tatsächlich Schlimmeres. So sind wir doch allen Ernstes Opfer eines Taschendiebstahls von richtigen Profis geworden. Dinas Portemonnaie samt Kreditkarte und 1 Million Euro in kleinen Scheinen weg. Naja zum Glück nicht ganz so viel, aber trotzdem ärgerlich. Erfreulicherweise hat sich die Deutsche Botschaft in La Paz bereit erklärt, via Kurierdienst des Auswärtigen Amtes den Briefkasten zu spielen, wenn das zuständige deutsche Kreditinstitut die neue Kreditkarte uns zuschicken wird. Ohne festen Wohnsitz und immer on the road, ist es nicht so einfach Liebesbriefe oder ähnliche Postwurfsendungen zu empfangen. Zu allem Übel ist auch noch Dinas Lieblingspullover auf Reisen im Hostel abhanden gekommen, da die Putzfrau leider nur von der Wand bis zur Tapete nachgedacht hatte und den gefundenen Pullover nicht, wie jeder von gesundem Verstand gesegnete Mensch an der Rezeption abgegeben, sondern auf einem Feuerlöscher deponiert hat. Schön, dass die nächste gefundene Jacke dann an der Rezeption abgegeben worden ist. Dina was really not amused. Tja, haste Scheiße am Schuh, haste Scheiße am Schuh. Santiago hat uns die ersten schlechten Vibes gebracht. Anna hatte vielleicht doch recht.

Was uns trotzdem gut gefallen hat, war das lebendige Viertel Bellavista mit seinen großartigen Bars und Restaurants und das Präkolumbianische Museum. Für Dina war sicher die Weiterreise nach Mendoza, Argentinien, das Schönste an Santiago, denn da ging es als nächstes hin. Dort wo hoffentlich der Wein wieder bessere Stimmung zu verbreiten vermag. Wobei wir am letzten Tag doch noch einige andere schöne Ecken in Santiago entdecken durften. Providencia mit dem Pablo Neruda Haus seinen schönen Kolonialbauten oder auch den alten Büchereien sowie das ansehnliche Lastarria-Viertel.

Ach und noch etwas aus der Abteilung Lebensmittel. Zuerst mal Mote con Huesillo, dem Nationalgetränk der Chilenen, enthülster Weizen gemixt mit getrockneten Pfirsichen, die in Wasser wieder aufgeweicht wurden. Klingt nicht sonderlich einladend, ist aber recht erfrischend. Dann Lúcuma, einer Andenfrucht die zur Familie der Breiapfelgewächse gehört, die einen eher undefinierbaren Geschmack hat, der von einigen als irgendwas mit Ahorn und Süßkartoffel beschrieben wird. Oder auch Pastel de Jaiba, wortwörtlich übersetzt mit Krabbenkuchen, was aber eher irrführend ist, da es sich hier um einen köstlichen Auflauf mit Krabbe handelt.





Auf der Mauer, auf der Lauer…

24 03 2009

Ort: Chonchi, Insel Chiloé (CHL)
Zeitunterschied: MEZ -5 Std.
Wetter: feucht mit vereinzelt Sonne

2007 hat das Magazin „National Geographic Traveller“ mit Hilfe einer Jury aus Fachleuten ein Ranking von 111 Inselparadiesen gemacht. Chiloé, Chiles zweitgrößte Insel und südlich von Puerto Montt gelegen, erreichte dabei den dritten Platz. Bekannt ist die Insel vor allem durch die zahlreichen Holzkirchen, die mittlerweile UNESCO Kulturerbe sind. Darüberhinaus findet man auch immer wieder die Palafitos (Pfahlbauten, Anm. d. Red.) in tollen Tourismusbröschüren. Also erschien die kleine Inselwelt eine Reise wert.

Chiloé war lange ein isoliertes Eiland, dass es nicht am Wohlstand der Seenregion auf dem Festland weiter nördlich teilhaben ließ. Die Städte wie Ancud oder auch die Hauptstadt Castro sind ziemlich heruntergekommen und nicht weiter ansehnlich. Es gibt viel Arbeitslosigkeit, da sowohl Tourismus als auch die Fischerei Saisonarbeit sind.

Untergekommen sind wir in der Hospedaje Mirador in Chonchi, einem beschaulichen Küstendorf in der Landesmitte – natürlich mit Holzkirche. Und bisher hatten wir ja auch nicht viel Kontakt mit der Tierwelt Chiles, doch das sollte sich ändern. Hm, was für exotische Tierchen könnten uns wohl begegnet sein? Bettwanzen. Der Mensch zählt zu den Hauptwirtsgruppen dieser kleinen nachtaktiven Racker und das konnten wir am eigene Leibe erfahren. Etwa 20 Wanzenstiche zierten meinen geschundenen Körper, die sich in wunderbar juckende Quaddeln verwandelten und ein schönes Andenken an die Insel waren. Manchmal zahlt es sich aus getrennte Betten und ein glückliches Händchen bei der Wahl des selben zu haben, denn Dina war komplett verschont geblieben. Meine Theorie war eher, dass Dina einfach ungenießbar sei. Okay, zumindest für Wanzengeschmäcker.

Doch die eigentlich Schönheit Chiloés liegt nicht in der Fauna, sondern in der schönen Pflanzenwelt. Und das vor allem an der Westküste. Das extrem feuchte Pazifikküstenklima läßt die Insel immergrün erscheinen und hat eine einzigartige Vegetation entwickeln lassen. Im Nationalpark Chiloé konnten wir auf dem Tepual Lehrpfad wandeln und den Urwald der Insel kennenlernen sowie 20 Km Küste mit unzähligen Muscheln und Krabbenpanzern bestaunen. Kolibris laben sich an Fuchsien, es wächst vielerorts eine Art Riesenrhabarber und wir konnten uns an den Unmassen an Wildbrombeeren erquicken. Eine wahre Pracht.

Wenn wir nochmal auf die Insel gehen würden, dann direkt durch bis an die Westküste, wo kleine Orte wie Cucao oder das etwas weiter im Landesinneren an einem schönen See gelegene Huillinco eine gute Ausgangsbasis für Exkursionen in die Natur bieten. Im Parador Darwin, einem Hostal mit Restaurant in Chaquin bei Cucao, betrieben von Susi aus dem Schwabenland, die vor 16 Jahren auf die Insel kam, haben wir wertvolle Tipps bekommen und so ging es entlang der Küste in die einzigartige und gleichsam einsame Landschaft der Berge Rahues. Hat Hemingway von den grünen Hügel Afrikas geschwärmt, können wir das von den mindestens ebenso schönen Hügeln Chiloés tun. Auf dem Weg dorthin wurden wir von Goldwäschern mitgenommen, konnten Fossilien am Strand finden und die Einsamkeit genießen. Die Loberia, einem Küstenabschnitt, wo sich zahlreiche Robben tummeln, konnten wir aus Zeitgründen zwar nicht mehr aufsuchen, aber allein der halbe Weg dorthin war einmalig.

Ach und wir haben unsere ersten Reitversuche getätigt. Meine bisherige Erfahrungen beschränkte sich bisher auf Yul Brunner in „Die Glorreichen Sieben“ zu beobachten, Dina hatte zumindest schon mal ein Pferd gesehen. Naja, der Pferdebesitzer vertraute uns zwei Ahnungslosen zwei Gäule an, die mit viel Schmeichelei als Pferd durchgehen konnten, wohl aber eher die Bezeichnung Pony verdient hatten. Eigentlich hatten wir ja gedacht, dass man uns die zwei Vierbeiner nicht allein überlässt, sondern der Besitzer uns begleiten wird, was dann aber nicht der Fall war. Und Dinas Stute, die Princesa hieß und sich auch wie eine Prinzessin aufführte, war dann nicht sonderlich angetan, sich in irgendeiner Art fortzubewegen und wenn dann eher rück- als vorwärts oder direkt zum Fressen an die Seite. Da Princesa ihren eigenen Willen hatte und partout nicht zum Strand wollte, war die Tour schon nach 40 Minuten vorbei. Und da sagt nochmal jemand, das Leben sei kein Ponyhof.

Mit den Wanzenstichen im Gepäck ging es nun weiter mit dem Flieger von Puerto Montt in die Hauptstadt Chiles wo wir sechs Nächte verweilen werden. Aus der Natur in den Moloch Santiago mit seinen fünf Millionen Einwohnern.





Der Kuchenladen.

20 03 2009

Ort: Puerto Varas (CHL)
Zeitunterschied: MEZ -5 Std.
Wetter: durchwachsen aber überwiegend heiter

Mitte des 19. Jahrhundert standen sowohl Deutschland auch als Chile vor dem Scheideweg. Hefte raus, Geschichtsstunde.

Angesichts des Flickenteppiches aus zahlreichen König- und Fürstentümern sowie freien Städten konnte kaum die Rede von einem geeinten deutschen Nationalstaat sein. Die erste demokratische Revolution 1848 war gescheitert, das Bürgertum stand vor politischer Bedeutungslosigkeit. Durch Missernten bedingte Hungersnöte grassierten und die Arbeiterklasse lebte in elenden Verhältnissen. Sich einer politisch und wirtschaftlich aussichtslosen Lage gegenübersehend, entschieden sich zwischen 1849 und 1851 eine Million Deutsche für die Emigration in eine bessere Welt. Doch wohin?

Chile war zu dem Zeitpunkt eine junge Republik, die Landesgrenzen waren nicht klar gezogen, es gab Ärger mit der indigenen Bevölkerung, den Mapuches, die doch allen Ernstes ihr Land für sich beanspruchten, die weltweite, imperialistische Kolonisation war im vollem Gange und der kleine Süden Chiles noch fast unberührt. So bekam Bernhard Eunom Philippi, Seemann, Offizier und Abenteurer deutscher Herkunft, nach Verabschiedung des Kolonisationsgesetzes 1845, den Auftrag in Deutschland Familien zu rekrutieren, die bereit waren in das entlegene südamerikanische Land auszuwandern und es im Namen Chiles zu besiedeln. Verheiratete Familienväter bekamen Parzellen zugesprochen, die von der Zivilisation nahezu unberührt waren.

Klingt romantisch. War es aber nicht. So wurden z.B. die Familien mit nur ein paar Baumaterialien am Ufer des Llanquihue Sees, dem zweitgrößten Chiles, und vor der Kulisse des imposanten Osorno Vulkans abgesetzt, um sich unter schwersten Bedingungen eine neue Existenz aufzubauen. Containerschiffe brachten zwar Hab und Gut aus Deutschland aber das ursprüngliche, dicht bewaldete Land musste urbar gemacht werden. Einige scheiterten, einige hielten durch (zu Beginn des Ersten Weltkrieges lebten etwa 30.000 deutsche Immigranten in Chile) und die nachfolgenden Generationen leben noch heute in Valdivia, Osorno, Frutillar und Puerto Varas. Dank hier an das Deutsche Kolonialmuseum in Frutillar, das viel Wissenswertes zur Kolonisation vermitteln konnte. Ach und dann gibt es hier noch Nueva Braunau. Und Braunau, Braunau – da war doch mal was. Der Geburtstort eines schwarz bescheitelten, schmächtigen Mannes mit einem hässlichen, kleinen Bärtchen unter der Nase. Wenn man bedenkt, wieviele Nazis nach dem Krieg nach Südamerika (vor allem aber Argentinien) verschwunden sind, leben hier Verschwörungstheorien wieder auf.

Und an diesen Orten sind wir Zeuge deutscher Hinterlassenschaften geworden. Puerto Varas mit dem Club Alemán, den zahlreichen deutschen Cafes und dem deutschen Krankenhaus, deutsche Ärzte, einige deutsche Straßennamen, die Kirche der heiligen Herzen, die in ihrer Bauweise an eine Marienkirche im Schwarzwald angelehnt ist. Und trotzdem, fragt man, wieviel Deutsche denn heute noch in der Region leben, hört man immer wieder das Eine: Wir sind Chilenen, voll integrierte Deutsche. Nichtsdestotrotz werden vor allem in Frutillar deutsche Traditionen gepflegt, ohne sich der Deutschtümelei schuldig zu machen. Die Häuser des kleinen Dorfes sind holzverschalt, die Hotels heißen Frau Holle oder Haus am See und es gibt Kuchen. Und der Kuchen heißt hier wirklich Kuchen. Sin o con Streusel, also ohne oder mit Streusel, mit lecker Pudding oder mächtige Torten, die sicher fünfstellige Kalorienzahlen vorweisen können. Den besten Kuchen, den wir genießen konnten, gab es im Kuchenladen der Hosteria Winkler. Kuchen in der Erdbeer-Streusel-Kombi, Brom- und Heidelbeere mit Pudding und Apfelkuchen mit Murta. Murta, noch nie gehört? Murta oder auch Chilenische Guave wächst ungezüchtet einzig allein hier im Süden Chiles, sieht aus wie eine rote an Sträuchern wachsende Heidelbeere und schmeckt nach einer Mischung aus Walderdbeere und Quitte. Sensationell.

Und wie wild sie wächst. Ein Ausflug nach Petrohue am Fuße des Osorno Vulkans bescherte uns nicht nur ein paar Stunden vergnüglichen Wanderns vor der Kulisse des smaragdgrünen Sees Todos los Santos, sondern auch ein Vergnügen kulinarischer Art, da der gesamte Weg von reifen Murtas gesäumt wurde. Was für ein Fest. Und wo wir gerade über Nahrung sprechen. Curanto ist eine weitere lokale Spezialität. Das Photo sollte Bände sprechen.

Nach vier Nächten im charmanten Hostel Compass del Sur in Puerto Varas, mit den besten Betten seit Abreise, verlassen wir das Festland Richtung der Insel Chiloé, wo wir ebenfalls vier Nächte verbringen werden, bevor es am 19. März in die Hauptstadt Santiago geht.

Ach und die Racker haben hier die Zeit umgestellt. Auf Winterzeit. Man achte mal bitte darauf. Es waren ja bisher vier Stunden Zeitunterschied, jetzt sind es fünf und wenn Deutschland Ende März auf Sommerzeit umstellen wird, als wenn da schon an Sommer zu denken wäre, sind es dann sogar sechs Stunden. Bis Peru sollte das dann auch so bleiben, insofern Bolivien und eben Peru den Quatsch überhaupt mitmachen.





Deutsche Spuren am Pazifik.

13 03 2009

Ort: Valdivia (CHL)
Zeitunterschied: MEZ -4 Std.
Wetter: Sonne, Sonne, Sonne, 32 Grad

Schon die 7-stündige Fahrt nach Valdivia ließ erste deutsche Einflüße in der Seenregion Chile’s erkennen. Grundsätzlich werden auf jeder Busreise, die Spielfilmlänge überschreitet, die Lieblings-DVDs des Busfahrers gezeigt und es sind immer ein paar Schmankerl dabei, wie z.B. ein Jean-Claude van Damme Film. Doch dieses Mal gab’s einen besonderen Leckerbissen.
 
 

 
 
Der Busfahrer berichtete stolz, dass es seine Best-of-DVD sei. Nach 30 Minuten war der Spuk aber Gott sei Dank vorbei, denn nach anfänglicher Belustigung konnten nach einer Weile auch die fünf britischen Jungs das Grauen nicht mehr ertragen.

Valdivia selber ist ein nettes Städtchen, dass sehr schön zwischen zwei Flüssen gelegen ist und ein paar wenige aber feine Höhepunkte aufzuweisen hat. Der tägliche Fisch- und Gemüsemarkt am Fluß, wo eine Seelöwenfamilie ihre permanente Frischetheke gefunden hat, um die besten Fischstücke zu ergattern. Das Entrelagos, eine Schokoladenmanufaktur mit angrenzendem Café und traumhafter, wenn auch mächtiger, Sachertorte. Dann das charismatische Kneipenrestaurant La Ultima Frontera mit ausgezeichnetem, überregionalem Essen für den schmalen Taler und einer hohen Studentendichte, wo einen schwer tätowierte Jungs bedienen. Die Brauerei Kunstmann vor den Toren der Stadt, wo jedes Jahr im Januar das Bierfest gefeiert und den Chilenen ein wunderbar klischeehaftes Bild Deutschlands vermittelt wird.
 
 

 
 
Und unser Hostel selbst: Die Albergue Latino, eine alte deutsche Kolonialvilla unter Denkmalschutz, die früher mal ein Hurenhaus und später eine Schwulendisco war und sogar einen Hausgeist namens Camilo besitzt. Die 110-jährige Geschichte des Hauses hat ihr Spuren hinterlassen, man kann die Atmosphäre spüren. Jameson und Laura, zwei Amerikaner auf Durchreise, die hier sozusagen Hand gegen Logis wohnen, haben uns jeden Morgen ein hervorragendes Frühstück gezaubert und uns wertvolle Tipps für ein paar versteckte Juwelen in und um Valdivia gegeben.

Dazu gehörte vor allem der Strand des kleinen Küstendorfes Curiñanco. Nach etwa einstündiger Fahrt in einem klapprigen Bus entlang der Küstenlinie des Pazifiks, vorbei an den populären Stränden von Niebla und Las Molinas, erreicht man als letzter im Bus Verbliebener die Endhaltestelle, die nichts weiter als ein kleiner Kiosk ist, wo man am Nachbarhaus klopfen muss, wenn man etwas erstehen möchte. Und dann der Strand. 3,5 Km lang und einzig bevölkert von 1.000 Möwen und anderen Seevögeln, sechs Kühen und uns. Die Wellen, die neblige Gischt, das weiße Rauschen. Und das bei 32 Grad. Ein Traum.

Weiter geht es drei Stunden Richtung Süden nach Puerto Varas am Llanquihue See, dem zweitgrößten See Chiles und Zentrum des deutschen Einwanderungsprogrammes. Wir freuen uns auf 150 Jahre deutsche Geschichte in Chile und auf Kuchen. Lecker Kuchen.





Torres del Paine.

27 02 2009

4 Tage und 50 Km sind es geworden. Bei den erhofften 10 Kg auf dem Rücken ist es nicht geblieben, es waren eher 15 Kg. 40 Km davon mit vollem Gepäck bei Regen, strahlender Sonne oder drückender Schwüle, bergauf und bergab, über Stock und Stein, durch Wald und über Felsen, über Bäche hinweg oder direkt im Flußbett entlang, bei Windgeschwindigkeiten bis 90 Km/h, wo eben der Wind und nicht die Motorik entscheidet, wohin man als nächstes seinen Fuß setzt. Anstrengend war’s und es hat ziemlich geschlaucht.

Als Stadtmenschen sind wir es eher gewohnt vier Tetrapak Milch aus dem Supermarkt um die Ecke zu holen, als tagelang teils recht anspruchsvolle Strecken mit gut Gepäck zu meistern. Trotz erstklassigen Schuhwerks knickt man im Geröll um, der gemietete Rucksack mit quasi nicht existenten Polstern schneidet einem die Schultern ein, die 1 mm dicke Isomatte beschert unerholsame Nächte, die Kondition läßt zu wünschen übrig. Willkommen im Tal der Tränen.

Erschöpfung und Schmerzen also. Und wofür? Dafür!

Bergseen in Farben von milchig-türkis über ultramarin bis zu tiefem Lapislazuli-blau, wie der Stein, den man vornehmlich in Afghanistan, Rußland oder eben hier in Chile findet. Flüsse die glasklares Wasser direkt von einem der vielen Gletscher führen, so dass es bedenkenlos trinkbar ist. Der 270.000 qm große Grey-Gletscher, ein Ausläufer des südpatagonischen Inlandeises, der so eisblau schimmert, wie man es aus der Reklame kennt, die für irgendwas mit „iced menthol“ wirbt. Der majestätische, schneebedeckte Cerro Paine Grande, der über dem Frances Gletscher thront. Dort wo man unter lautem Getöse lawinenartige Schneeabgänge nicht nur sehen, sondern auch hören und man durch das malerische Valle de Francés wandern kann. Das Tal, das spektakuläre Rundumsichten auf die schönsten Bergmassive des Nationalparks wie die Torres (=Türme) oder die Cuernos (=Hörner) bietet und Postkartenmotive am laufenden Band liefert. Dort wo man live erleben kann, wie sich aus aufsteigenden Wassertropfen Wolken bilden. Und meistens mit so gutem Wetter, wie man es selten im Torres del Paine hat.

Es war einfach großartig – trotz der Anstrengungen. Und nun, nach 4 Tagen in den selben Klamotten, umschmeichelt ein Odor aus frischen Brötchen und einer gerade gemähten Frühlingswiese unsere Körper.

Nach der Tour erholen wir uns noch 2 volle Tage bei Spaßvogel Alejandro im Hostal Dos Lagunas in Puerto Natales am „Fjord der letzten Hoffnung“. Es gibt wieder ein richtiges Bett, eine Dusche und vernünftiges Essen und nicht mehr nur Tütensuppe zum Frühstück oder zuckersüße Kalorienlieferanten und Instant-Futter. Das lokal gebraute Baguales-Bier schmeckt ganz hervorragend und auch ein frisch gepresster Mangosaft weiß zu munden. Am Samstag geht es dann weiter nach El Calafate auf argentinischem Boden, wo der riesige Perito Moreno Gletscher schon auf uns wartet und wir für 2 Nächte bleiben werden.





Wind.

22 02 2009

Ort: Puerto Natales (CHL)
Zeitunterschied: MEZ -4 Std.
Wetter: wechselhaft mit Wind

Patagonien an der Magellanstraße ist noch sehr jung, gerade etwa 15.000 Jahre alt und hat eine sehr dünne Erdschicht. Im jetzigen Sommer fällt es der Sonne leicht diese schnell aufzuhitzen, was warme bodennahe Luft zur Folge hat. Der Humboldtstrom wiederum bringt kaltes Wasser aus dem antarktischen Meer und das ist nicht das einzige was kalt aus dem Süden kommt, nämlich kalter Wind. Trifft nun die kalte auf die warme Luft, wird die warme nach oben verdrängt und dort abgekühlt, was bewirkt, dass diese wieder in den Kreislauf eintritt. Und das bedeutet Wind. Verdammt viel Wind.

Warum die Gegend um Puerto Natales eine Wettervorhersage hat, weiß kein Mensch. Das Wetter ist so vorsehbar wie die Lottozahlen und so wechselhaft wie täglich Aprilwetter, da es sich wirklich alle 10 Minuten massiv ändern kann. Das einzige was hier beständig ist, ist eben der Wind. Verdammt viel Wind.

Doch der Reihe nach. Von Ushuaia ging es mit dem Bus nach Punta Arenas. Die selbsternannte Hauptstadt Südpatagoniens ist nicht wirklich eine Perle, nur das Museo Salesiano konnte Interessantes über die Ureinwohner und den Einfluß der ersten Missionare vermitteln. 2 Nächte waren genug. Die Türme riefen.

Und zwar die Torres del Paine, was soviel wie „Die blauen Türme“ heißt und ein bemerkenswertes Bergmassiv ist. Gleichzeitig standen sie Namenspate für den gleichnamigen Nationalpark in der Nähe der kleinen Stadt Puerto Natales, die quasi als Basecamp für Ausflüge in den Nationalpark dient. Und den werden wir ab Sonntag für 5 Tage bewandern.

Die Route, die wir zu gehen gedenken, nennt sich das „W“, da es in etwa die Form eines eben solchen hat. Und machen wir uns nichts vor, wir sind Amateure mit mehr Ausrüstung als Ahnung. Zum Glück gibt es jeden Tag den sogenannten „3 o’clock talk“ im Erratic Rock, einem Hostel in Puerto Natales, eine umfangreiche Frage- und Antwortstunde mit Rustyn einem passionierten Trekker und Herausgeber des Black Sheep, dem lokalen Traveller-Magazin. Nach 1,5 so unterhaltsamen wie informativen Stunden waren wir um einiges schlauer, um nicht zu sagen erleuchtet. Die Vielseitigkeit der 4 verschiedene Klimate im Nationalpark und das unkalkulierbare Wetter sind selbst für erfahrene Wanderer Neuland. Um es kurz zu machen, ohne diese Einweisung hätten wir alles falsch gemacht, was man hätte falsch machen können.

Nun haben uns nun mit Zelt, Isomatten, Kocher und Kochgeschirr, sowie reichlich Kalorien in Form von Müsli- und Schokoriegeln, Trockenobst, Nüssen, Instant-Nudeln und Tütensuppen eingedeckt, um am Sonntag für 5 Tage der Zivilisation den Rücken zu kehren. Also fast. Wir werden 2 Nächte für lau auf rustikalen Campingplätzen ohne alles campen und 2 Nächte auf privaten, organisierten Campingplätzen mit Duschen, Essmöglichkeiten, etc, unterkommen.

Insgesamt werden wir etwa 75 Km mit 10 Kg auf dem Rücken zurücklegen. Wir freuen uns auf unglaubliche Gletscher, Natur pur und viel Wind. Verdammt viel Wind.