Bergfest.

12 08 2009

So. Das war’s nun also. Der Drops mit Geschmacksrichtung Südamerika ist gelutscht. Projekt 365 hat Halbzeit. Oder Bergfest, wie es ja auch gern genannt wird. Und vielleicht ist dieser Begriff ja auch der passendere, denn wie bei der Besteigung eines Berges haben wir mit Kolumbien, der letzten unser bisherigen Stationen, den Gipfel erreicht. Doch schöne Analogie hin oder her, es war nicht nur dieses Land, das uns unvergeßliche Momente, Erfahrungen und Erlebnisse bereitet hat.
 
Eine Liebeserklärung an einen Kontinent:

Argentinien (36 Tage)
Wir haben den Tango in den Straßen der pulsierenden Metropole Buenos Aires erlebt. Wir waren in Ushuaia am Ende der Welt und haben uns das raue Klima Feuerlands ins Gesicht peitschen lassen. Wir sind auf dem sich ständig verändernden Eisplaneten namens Perito Moreno Gletscher spaziert. Wir haben Wein in Mendoza genossen, das beste Fleisch gegessen (naja Dina hat mit zumindest gern dabei zugesehen) und haben die einzigartige Landschaft Nordargentiniens mit ihren bizarren Steinformationen und Kaktuswäldern durchquert.

Chile (28 Tage)

Der Torres del Paine Nationalpark wurde mit vollem Gepäck durchwandert und hat uns eine erste Grenzerfahrung beschert. Wir sind deutschen Spuren in der Seenregion gefolgt und haben sensationellen Kuchen gegessen, wilde Murtas am Fuße des Osorno Vulkans gepflückt, die einsame Küste des Pazifiks auf der Insel Chiloé zu schätzen gelernt und uns in Santiago beklauen lassen.

Bolivien (34 Tage)
Die ursprünglichsten Erlebnisse, die größte Vielfalt und das was man vielleicht als „das echte Südamerika“ bezeichnen möchte, gab es im ärmsten Land des Kontinents. Das teils surreal wirkende Altiplano, eine Landschaft aus Eis und Feuer, Wind und Salz; La Paz, das nicht nur die höchste, sondern auch die chaotischste Hauptstadt ist, die weiße Stadt Sucre, die üppig grünen Hügel im Cocaland und unsere unvergesslichen Ausflüge in Pampas und Dschungel im tropischen Norden.

Peru (20 Tage)
Mit den Nachfahren der Inka sind wir leider nicht warm geworden. Trotzdem haben sich mit Machu Picchu und den Nasca-Linien Jugendträume erfüllt. Ansonsten gingen uns die meisten ziemlich auf den Sack, die aggressiven Peruaner im touristischen Süden waren nach den eher distanzierten Bolivianern eher unangenehm.

Ecuador (17 Tage)
Nur 17 Tage und die Gegend, der wir gern noch mehr Aufmerksamkeit geschenkt hätten, da uns Land und Leute positiv in Erinnerung geblieben sind. Das entspannte Vilcabamba im Tal der Langlebigkeit, die originalen Märkte in den Andendörfern, die Äquatorüberquerung an der Mitte der Welt und eine Rasur bei der ältesten Frisierstube Quitos.

Kolumbien (40 Tage)
Die Tatsache, dass wir Kolumbien zuerst gar nicht auf dem Schirm hatten und dann doch die meiste Zeit in diesem wunderbaren Land verbrachten, sagt eigentlich schon alles. Es war das erste Land in dem wir nicht nur symbolisch mit einem Lächeln, sondern auch wortwörtlich mit einem herzlichen „Bienvenidos“ Willkommen geheißen wurden. Die Kolumbianer sind einfach ein schneidiges Völkchen, unfassbar hilfsbereit und schon teilweise ekelhaft freundlich. Hier hat die Mischung aus Land und Leuten einfach am besten gestimmt. Die Zeit verflog einfach wie im Flug. Denn auch wenn wir in den sechs Wochen vieles gesehen haben, haben wir auch auf einiges verzichten müssen. Im Tayrona konnten nicht so lang bleiben wie geplant, für eines der letzten Abenteuer in Südamerika, der Trek zur Ciudad Perdida, waren wir zu schwach, für einige versteckte Juwelen wie Mompox oder die pazifische Ostküste fehlte uns einfach die Zeit, den Besuch der Salzkathedrale Zipaquira haben wir deshalb gleich auf’s nächste Mal vertagt. Wir kommen nämlich wieder.
 
 
Doch auch für Statistikfreunde mal ein paar harte Fakten:

8 offizielle Länder wurden mit Stempel im Pass verbrieft plus ein mysteriöses Land namens Machu Picchu. Wir haben 175 Tage auf dem südamerikanischen Kontinent verbracht und dabei in über 50 verschiedenen Hostels, Hütten oder Zeltplätzen genächtigt. Um dorthin zu kommen haben wir etwa 15.000 Km in und auf Bussen, Jeeps und Taxis verbracht. Das hieß 350 teils nervenaufreibende und stressige Stunden in besagten Fortbewegungsmitteln zu Land (Projekt365 hat somit netto 14 Tage fahrend verbracht), bei einer durchschnittlichen Reisegeschwindigkeit von ca. 43 Km/h. Doch auch in der Luft wurde gereist: 19.000 Km im Flugzeug, bei nur 25 Stunden in der Holzklasse und somit marginal schneller als zu Land. Wir mussten 2x ins Krankenhaus, beide Male im fortschrittlichen Industriestaat Bolivien. Über 9.000 Photos wurden geschossen. Und nicht zu vergessen die unzähligen Wanzenbisse.
 
 
Auch kulinarisch war Südamerika eine Offenbarung:
 
Auf den zahlreichen Märkten, Restaurants und Saftläden fiel uns immer wieder mal etwas Neues vor die Füße und wir haben versucht soviel zu probieren, wie es Neugier, Ekelgrenze und Moral zuließen. Den frischen Frosch-Shake aus dem Mixer auf dem Markt in Cusco (Peru) hätte selbst ich nicht herunterbekommen. Obwohl für mich natürlich gerade die exotischen Schmankerl die kulinarischen Höhepunkte waren. Angefangen mit Königskrabbe aus patagonischen Gewässern, über Lama- und Alpakafleisch im Andenhochland, den krokanten Meerschweinchen in Peru, frittierten Schenkeln von Amazonasfröschen in Ecuador bis hin zu den gerösteten Riesenarsch-Ameisen aus Kolumbien. Das war schon was feines.

Na gut, für Dina war es schon oft ein hartes Brot etwas vernünftiges Vegetarisches zu essen zu finden. Die lokale Küche war in der Regel sehr fleischlastig, aber es gab auch viele pflanzliche Neuentdeckungen, wie Quinoa, Amaranth oder Yucca, oder solche, die maximal über leckeres Fruchtfleisch verfügten.

Hier mal ein Liste an probierten Früchten zum angeben:

Chirimoya (Zimtapfel), Babaco (Berg-Papaya), Papaya Arequipeña, Platano Manzana, Lulo (Naranjilla), Guave (Guayaba), Zapote, Níspero (Japanische Wollmispel), Feijoa (Brasilianische Guave), Guanabana (Stachelannone), Achotillo (Rambutan), Tomate de Arbol (Baumtomate), Tumbo (Curuba), Lucuma, Maracuyá (Passionsfrucht), Murta (Chilenische Guave), Pepino (Melonenbirne), Grenadilla.

Ich durfte zudem über 35 neue Biersorten kennenlernen und habe dabei vor allem das kolumbianische Club Colombia (aus der Brauerei Bavaria, die wie der Name vermuten lässt, von einem Deutschen gegründet wurde, Anm. d. Red.)), das chilenische Baguales und das argentinische Bier der argentinischen Kleinstbrauer in El Bolson schätzen gelernt. Aber die heimatlichste Begegnung gab es sicherlich in der Brauerei Kunstmann in Chile, da der alte Kunstmann aus einem Nachbardorf meiner Kindheit kam.
 
 
Doch was uns sicherlich auch mehr als verblüfft hat, war das gehobene Interesse am Projektblog. Mittlerweile gibt es über 45.000 Klicks auf der Seite, über 100 Newsletterabonnenten oder die mehr als 120 Kommentare zu den etwa 70 Artikeln. Die Redaktion möchte hiermit ihr Wohlwollen ausdrücken und sich auch bei der Firma Google bedanken, die ihre Kunden immer wieder mit tollen Suchanfragen auf unsere Seite leitet. „Kokain besorgen Düsseldorf“, „heiter Erlebnisse mit Meerschweinchen“ oder auch „Frauen kacken Wald“ waren dabei nur einige wenige Highlights.
 
 
Danke für euer Interesse. Bleibt uns gewogen.

Dina & Matze. In 365 Tagen um die Welt.
 
 
horst sepp

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Ein wichtiger Sieg.

18 06 2009

Ort: Cuenca (ECU)
Zeitunterschied: -7 Std. MEZ
Wetter: verregnet

Nach Vilcabamba nun also Cuenca und es gab auf der Fahrt mal wieder ein besonderes Schmankerl aus der Busvideothek: Rocky II, III und IV. Herrlich schlecht synchronisiert und dann lief auch noch die Tonspur hinterher.

Cuenca liegt im andinischen Hochlandbecken und hat so einiges an kolonialer Bausubstanz herumstehen. Das bedeutendste Gebäude ist allerdings noch recht frisch, die 1885 begonnene Neue Kathedrale, die 11.000 Gläubigen Platz bietet und somit eine ordentliche Hausnummer ist. Und dann war da noch Fronleichnam oder Corpus Christi, wie es hier ja heißt. Mit großem einwöchigem Tamtam, Schauspiel und Feuerwerk sowie zahlreichen Ständen mit süßem Naschwerk. Allerdings hatten wir seit Beginn der Reise das erste Mal durchgehend mieses Regenwetter, so dass viele Fronleichnamsfestivitäten gecancelt wurden mussten und man lieber drinnen als draußen war.

Cuenca ist als Zentrum der Hutflechterei bekannt und vor allem für den sogenannten Panamahut, den auch schon der Generalsekretär des Zentralkomitees der SED und Staatsratsvorsitzender der DDR Erich Honecker zu schätzen wusste. Lehrreiches gab es dann im Hutmuseum zur Tradition und Herstellung des Hutes, der trotz seines Namens in Ecuador hergestellt wird. Auch hier mal wieder viele Theorien, warum der Hut aus feinem Toquilla-Stroh eine so irreführende Bezeichnung hat. Bei Kurt Dorfzaun wurde zugeschlagen.

Doch das schlechte Wetter hatte nicht nur Schlechtes, denn bei Sonnenschein kümmert man sich nicht so gern um die nervigen Dinge wie ein kaputtes Notebook. Im Computerladen schauten wir zunächst in ratlose und besorgte Gesichter, was die Rettung unserer Photos, Emails, persönlichen Dokumente wie Bewerbungsunterlagen usw. anging. Nach einigem Hin und Her wurde aber versprochen, dass wenn Ecuador in der WM Quali gegen Argentinien gewinnen sollte, auch unsere Daten gerettet werden würden. Es hieß also Daumen drücken. In ganz Cuenca und wahrscheinlich ganz Ecuador gab es an diesem Nachmittag nichts anderes als Fußball in der Glotze. In jedem Cafe, in jedem kleinen Büdchen, jedem Friseur oder Hutladen, es lief Fußball. Die Stimmung war so, wie im schwarz-rot-goldenen Sommer 2006. Und wir sahen schon schwarz, als Tevez zum Elfmeter für Argentinien antrat, doch der gebürtige argentinische und eingeecuadorianerte Torhüter konnte den Strafstoß vereiteln und Ecuador in der Folgezeit zwei Treffer zum verdienten Sieg erzielen. Unsere Daten und vor allem Photos waren gerettet und konnten auf einer externen Festplatte gesichert werden. Naja fast zumindest, denn Schockschwerenot, alle Outlook-Daten sind hinfort. 2.000 Emails, alle Kontakte mit Post- und Emailadressen, Geburtstage etc. Wer sich also in Zunkunft eine Karte aus fernen Ländern oder Geburtstagswünsche erschleichen möchte, der schicke doch seine Daten an bekannte Email oder via Kontaktform .

Nächste Ausfahrt wird dann Latacunga sein.





Live und in Farbe.

18 04 2009

Hier der angedrohte Videonachtrag. Viel Spass mit den lieblichen Panflötenklängen.


 
 
Und manchmal ist man eben auch gezwungen, seine Reisepläne zu ändern. Nicht viele Wege führen nach Iruya…





Panflötenterror.

13 04 2009

Ort: Tilcara (ARG)
Zeitunterschied: -5 Std. MEZ
Wetter: fein

Auf der nächsten Busfahrt musste erst Liam Neeson seine Tochter aus den Fängen albanischer Mädchenhändler in Paris und wenig später Bruce Willis in Stirb Langsam 4.0 wieder mal eine ganze Stadt vor Terroristen retten, bevor wir in Tilcara, einem beschaulichen kleinen Städtchen in den Bergen nördlich von Salta angekommen waren.

Jedes Jahr in der Karwoche vor Ostern treffen sich mehr als 1.500 Musiker aus der Region zu einer Wallfahrt zur Virgen de Copacabana del Abra de Punta Corral. Die Musiker der circa 70 Bands, die an einem Fanfarenzug nur mit Panflöte erinnern, starten mit Sack und Pack, Kind und Kegel zu einem 30 Km Fußmarsch auf einen Berg zum Sanktuarium der besagten Jungfrau. Immer montags vor Ostern beginnt die 7-stündige Wallfahrt und findet am Mittwoch ihren krönenden Abschluß beim gemeinsamen Abstieg. Die Bands holen sich vor Abmarsch den Segen in der lokalen Kirche und vertreiben sich die Wartezeit bis nach Mitternacht mit lustigem Spielen auf Pauke, Schellen und Panflöte. Vor allem letztere, bekannt aus der Fußgängerzone zur Weihnachtszeit, kann einen nervtötenden Klang erzeugen, in hundertfacher Ausführung unerträglich. Panflötenterror. Und wo waren jetzt Liam und Bruce als wir sie brauchten?

Doch wenn man bedenkt wie beschwerlich der Aufstieg mit schweren Gepäck und kleinen Kindern ist, muss man wirklich den Hut ziehen. Dazu kam noch der Regen am Mittwoch beim Abstieg. Der erste während der Wallfahrt in den letzten 50 Jahren. Die armen Schweine hatten echt Pech, was ihrer Spiellust allerdings keinen Abbruch getan hat. In Kürze wird hier ein Video folgen, wo man dem Geschehen nicht nur im Geiste beiwohnen kann.

Tilcara hatte aber neben der Osterprozession auch noch andere dauerhafte Attraktionen zu bieten. Eine 5 Km Wanderung zur Garganta del Diablo, also dem Teufelsschlund in ansehnlicher Szenerie, dann die Pucará, was in Quechua, der populärsten, indigenen Sprache, Festung bedeutet und mit aufgebauten Ruinen des Volkes der Tilcara aufwarten konnte, ein schöner und lehrreicher Botanischer Garten mit Pflanzen aus dem andinischen Hochland und das archäologische Museum an der Plaza. Vorzüglich gespeist werden konnte im „Nuevo Progreso“, was übersetzt „Neuer Fortschritt“ heißt und somit eher wie eine Gewerkschaftskantine auf Kuba klingt, uns aber mit nahezu dem besten Essen in den letzten Wochen verwöhnen konnte. Für Dina gab es die beste Pasta bisher auf dem Kontinent, so ganz leicht ist es ja nicht im Fleischland etwas vernünftiges Vegetarisches zu finden.

Und wo wir gerade bei Kulinaria sind. Was die nordargentinische Küche empfiehlt: Zuerst einmal Llama, was die Racker Jama, mit „Ja“ wie in Jaqueline aussprechen und das cholesterinfrei allerdings nicht so saftig wie ein schönes Bife de Chorizo (Filet Mignon, Anm. d. Red.) ist. Dann wäre da noch Quinoa, das Getreide der Incas, Cayote eine Art Hochlandmelone und Humitas sowie Tamales, in Maisblätter gewickelte Maispampe.

Und überall findet man Schilder, die sagen: „Hay Coca“ („Hier gibt’s Coca“, Anm. d. Red.). Hui, jetzt kommen wir der Sache mit dem Koks in Düsseldorf schon wieder näher. Es handelt sich nämlich tatsächlich um die Pflanze, die in chemischer Veredlung zum beliebten Nasenpulver wird. Im Naturzustand als getrocknete Blätter werden sie allerdings nicht zu berauschenden Zwecken eingesetzt, sondern erfreuen sich als Hausmittel gegen Höhenkrankheit, sie dämmen den Hunger ein oder werden als Digestivum eingesetzt.. Zudem hat das Coca-Blatt-Kauen eine lange Tradition in den Anden, findet man doch auf vielen präkolumbianischen Kunstwerken Gesichter mit den typischen ausgebeulten Backen, so als wenn man einen Tischtennisball im Mund hat. Auch viele Musiker der Prozession haben sich mit einer Ladung Coca auf den langen Weg gemacht, da es neben der Strecke auch noch einen Höhenunterschied von 1.400m zu bewältigen gab. Es handelt sich hierbei definitiv nicht um eine Droge, was das deutsche Rauschmittelgesetz zwar anders sieht, uns aber nicht davon abgehalten hat, Coca-Tee und eben die Blätter zu konsumieren. Neulich im Büdchen: „Schönen Guten Tag, eine Flasche Wasser und eine Tüte Coca-Blätter bitte“. Ein Beutel der Größe eines Standardgefrierbeutels kostet etwa 0,50€. Fetzt.

Eigentlich sollte es danach ins einsam gelegene Bergdorf Iruya gehen aber das Wetter und insbesondere der Regen hat uns einen Strich durch die Rechnung gemacht. Der Bus konnte beim besten Willen nicht das Flußbett passieren, das mittlerweile reißendes Wasser mit sich führte, eine Brücke gab es natürlich nicht. Auch hierzu demnächst noch Videomaterial. So haben wir uns nach vier Stunden vergeblichen Wartens auf schweres Gerät zur Flußüberquerung auf den Weg nach Bolivien gemacht. Aufgrund der späten Stunde mussten wir in La Quiaca direkt an der Grenze nächtigen, um dann am nächsten Morgen per Pedes die Grenze zum ärmsten Land Südamerikas zu überqueren. Nach 2,5 Stunden auf armseeligster Schotterpiste und nach einigen Haarnadeltunneln sind wir mittlerweile in Tupiza angekommen, um hier Ostern zu verbringen und von hier in den Salar de Uyuni aufzubrechen.





Grüzi und Prost.

12 03 2009

Bariloche – Wintersportzentrum am Fuße der Anden und Hauptstadt der argentinischen Schokolade. Die 130.000 Einwohner zählende Stadt erinnert, zumindest im touristischen Teil, irgendwie an einen stereotypen Schweizer Skiort. Viele Häuser haben Spitzdächer, eine akkurate Holzverkleidung und bepflanzte Blumenkästen, die Hotels haben Namen wie Gstaad oder Chamonix, auf den Speisekarten in den Restaurants stehen Forelle und Wildschwein mit Sauerkraut. Aber trotzdem fehlt die Authentizität. Bariloche erscheint wie eine Blaupause der alten Welt, die Schweiz aus der Retorte. Oder wie Emma, unsere schottische Raumteilerin in unserem Dorm des Hostel Inn Bariloche, treffend meinte: „It’s rather a doing place than a seeing place“, also eher ein Ort, wo man etwas machen kann, anstatt sich ihn nur anzusehen. Daher haben wir auch eine schöne Mountainbike Tour, den sogenannten Circuito Chico, über 25 Km gemacht, denn die Gründungsväter haben sich hier im patagonischen Norden eine wirklich sehr schöne Gegend ausgesucht. Vom Aussichtspunkt Campanario hat man einen sensationellen Blick auf die Lärchenwälder, die blauen Seen und die Berge der Kordillerenkette.

Und apropos Berg. 125 Km von Bariloche gibt es einen ganz besonderen Berg. Der Piltriquitron ist angeblich ein Energiezentrum und Grund genug, dass sich ab der 60er Jahre Hippies aus der Kategorie „Lange Haare, Holzgitarre“ ansiedelten und für uns Grund genug, der kleinen Stadt El Bolsón einen Besuch abzustatten. Heute gibt es im entspannten Örtchen zudem 3x die Woche einen großen Markt mit Straßenzirkus, Musikanten und allerlei Handgemachtem: Schmuck mit magischen Steinen aus der Umgebung, Ohrringe aus Baumblättern, Schachteln aus Apfelsinenschalen und viele Produkte aus organischem Anbau. Das angebotene Gemüse hat riesige Ausmaße, was ganz klar auf den Energieberg zurückzuführen sein muss. Und es gibt auch eine Menge lokal gebrautes Bier und zufällig wurde auch an diesem Samstag eine Prozession zum Hopfenfest, inklusive Hopfenkönigin, abgehalten.

Wo wir beim Stichwort wären. Nicht das Gebräu der großen Brauerein wusste bisher zu überzeugen, sondern die lokalen Microbrews, wie Baguales in Puerto Natales, El Trébol in Bariloche und eben viele kleine Biere aus El Bolsón, wie z.B. Piltry, Ilegales oder auch Parapapoto.

Und nun wartet Valdivia, ein Zentrum deutscher Auswanderer, mit dem angeblich besten Bier Chiles namens Kunstmann auf uns. Allerdings gibt’s hier unten nur Warsteiner als Benchmark und daher wissen die armen Teufel es einfach nicht besser.





On the Rocks.

2 03 2009

Ort: El Calafate (ARG)
Zeitunterschied: MEZ -4 Std.
Wetter: heiter mit wenig Wind

Farbtöne in violett bestimmten die Szenerie bevor die Morgensonne El Calafate mit dem Lago Argentino und den vielen Zypressen in ein goldenes Licht tünchte. Geo Saison würde wohl „Magisches Argentinien“ titeln oder andere blumige Adjektive wie verzaubernd oder atemberaubend verwenden. Wobei ich noch nie erlebt habe, dass jemand beim Anblick „Atem beraubender“ Landschaften an Atemnot gestorben ist. Das Elfmeterschießen im Viertelfinale der WM 2006 in Berlin – Deutschland gegen Argentinien – war atemberaubend. Lohmi und ich im Olympiastadion und Jens holt den Zettel raus.

Aber ach ja, dieses Argentinien. Da sind wir jetzt nämlich wieder. Und zwar im nicht gerade beschaulichen Städtchen El Calafate, was übersetzt soviel wie buchsblättrige Berberitze heißt, ein Symbol für Patagonien ist und gern an gestörten Standorten wächst. Wegweisend. Das Tourismuszentrum besteht aus gefühlten 80% Hotels oder ähnlichen Unterkünften, der Rest sind Souvenirshops, Restaurants und das übliche Casino. Rundherum nur trockene Steppe. Und in 80 Km Entfernung der Perito Moreno, ein riesiger Gletscher des südlichen Eisfeldes. Nicht fälschlicherweise mit „braunes Hündchen“ zu übersetzen, sondern der Name eines argentinischen Geographen, Anthropologen und Entdecker, wie Wikipedia zu berichten weiß. Und eben nach ihm wurde der Gletscher benannt, obwohl der alte Name „Bismarck-Gletscher“ eigentlich viel schneidiger klingt.

Wie auch immer, deswegen waren wir hier. Hielo y Aventura (Eis und Abenteuer, Anm. d. Red.) hält hier das Monopol für Exkursionen zum Gletscher und wir hatten uns für eine Tour namens Big Ice entschieden, die 4 Stunden Gletscherwanderung im Kreis von maximal 20 Personen versprach, inklusive Verzehr selbstmitgebrachter Lunchpakete auf dem Eisfeld. Man setzt mit dem Boot über den Brazo Rico, wandert etwa 45 Minuten, bevor man sich die Steigeisen anlegt und wie am Bindfaden aufgereiht über das Eis spaziert. Und so richtig beschreiben läßt sich gar nicht, was wir dort erleben durften. Die Bilder können zwar einen Eindruck vermitteln aber wie es sich anfühlt auf dieser eisigen Mondlandschaft zu wandern, läßt sich schwer in Worte fassen. Versuchen wir es mal: Über Gletscherspalten und Eisbäche springen, vom Guide Stufen ins Eis geschlagen bekommen, das Krachen sich abspaltender Gletscherstücke zu hören bevor man es sieht, zu wissen, dass man auf bis zu 700 m dickem Eis läuft, einfach für ein paar Stunden ein Teil dieser sich täglich verändernden Eismasse sein. Einmalig. Und zum Abschluß gabs noch Whisky „on the Rocks“, standesgemäß mit 300-400 Jahre altem Gletschereis. Salud.

Am Vorabend gab es im Hostel America del Sur, unserem temporären Zuhause, das allabendliche Grillfest und es wurde gut auf den Rost gelegt. Wurst und Steaks, die ob des Gargrades Hannibal Lector ein Fest gewesen wären und Dina beim Anblick der blutigen aber durchaus leckeren Rindfleischstücke fast die Linsen im Hals steckengeblieben sind. Das wäre dann wirklich atemberaubend gewesen.

Und weil hier sonst nicht viel mehr zu holen ist, sind wir auch gleich nach 2 Nächten wieder auf dem Weg gen Norden. Es geht ins 1.400 Km entfernte San Carlos de Bariloche. Wir freuen uns auf 36 Stunden Busfahrt und hoffen, dass ein paar schöne Truck Stop Kassetten den Weg ins Radio finden werden.





Feuerland.

18 02 2009

Ort: Ushuaia (ARG)
Zeitunterschied: MEZ -4 Std.
Wetter: wolkig mit teilweise Regen, 13 Grad Celsius

Als in den 1870er Jahren die ersten europäischen Kolonialisten in den Süden des Kontinents kamen, sahen sie die großen Feuer der einheimischen Ethnien der Yámana und Selk’nam und tauften das in etwa dreieckige Stück Erde Feuerland. Heute sind die ehemals etwa 12.000 Ureinwohner durch systematischen Genozid und eingeschleppte Krankheiten praktisch ausgestorben. Ein weiteres Kapitel erfolgreicher Expansionsbestrebungen der alten Welt. Der Name Patagonien leitet sich vom Mythos der Patagons ab. Angeblich waren sie eine Rasse von gigantischer Größe, eine mögliche Namensherkunft könnte sich vom spanischen Patagón ableiten, was so viel heißt wie Großfüßer, da die Europäer von den großen Fußabdrücken der Eingeborenen beeindruckt waren.

Ushuaia, „Die zum Sonnenuntergang hin gewandte Bucht“, ist heutzutage mit ca. 60.000 Einwohnern die größte Stadt in Feuerland und für 3 Nächte unser Zuhause. Wir sind bei Alejandro und Frances im Galeazzi & Basily untergekommen. Und wenn sich das wie bei Familie oder Freunden anhört, dann ist das auch in etwa so. Unser Zimmer muss früher mal ein Kinderzimmer gewesen sein, wir haben im großen Esszimmer gespeist und teilten uns die Küche. Ein wenig wie bei Muddern. Hannah und Christian, zwei Bald-Freiburger, waren unsere Zimmernachbarn.

Doch das Kapitel Feuerland begann 3 Uhr morgens in BsAs. Die Hauptstadt verabschiedete uns mit 27 Grad in der Nacht und argentinischer Behäbigkeit am internationalen Flughafen. Nachdem die gefühlt 5 Km lange Schlange am Check-in nicht kürzer wurde und unser Abflugtermin immer näher rückte, sahen die Flughafenangestellten auf Nachfrage vorerst keinen Grund in Panik auszubrechen. Das änderte sich schnell. Also zumindest kurz. Ein extra Check-in Schalter wurde aufgemacht und wir konnte uns in die abermals ewig lange Wartereihe an der Security-Schleuse einreihen, wo wiederum kein Sicherheitspersonal in Sichtweite war. Viel Freude bereiteten dann die lokalen Sicherheitsstandards, als dann bei jedem Passagier, der durch die Schleuse ging, der Alarm losging und der zuständige Beamte mit Bauchgefühl entschied, wen er kurz nach Feuerwaffen und ähnlichem kontrollieren könnte. Nie waren die Chancen besser, 5 Kg TNT oder eine große Koksladung unbemerkt ins Flugzeug zu schmuggeln. Die 3.000 Km waren in 3,5 Stunden bewältigt und so sahen wir uns nun kaum 2.000 Km von der Antarktis entfernt.

Die Temperaturen sind im patagonischen Sommer mit tagsüber 13 Grad aber noch überschaubar, der Wind hält sich jenseits der Andenkette in Grenzen und die Umgebung ist schwer beeindruckend. Die Ausläufer der Anden flankieren den Stadtrand im Norden, der Beagle Kanal im Süden und das dünn besiedelte Eiland bietet viel Natur. Die argentinische Skinationalmannschaft fährt hier regelmäßig ins Trainingslager, da es auf geringer Höhe schneebedeckte Höhen gibt, die im Winter top Pulverschnee versprechen. Wir konnten die erste Trekkingtour durch den Nationalpark „Tierra del Fuego“ erfolgreich absolvieren und wilde, exotische Tiere wie Enten und Hasen beobachten. So sieht also das Ende der Welt aus.

Argentinien ist etwa eintausend Mal so groß wie das Saarland, wobei das Saarland ja immer als Vergleich herhalten muss, wenn in Australien mal wieder der Busch brennt oder im Amazonas Regenwald abgeholzt wurde, hat aber nur 37 Mio Einwohner. Hätte Argentinien die gleiche Einwohnerdichte wie das Saarland, würden über eine Milliarde Menschen in der Pampa wohnen. Tun sie aber nicht. Und daher gibt es viel unbesiedeltes Land und viele Estancias. Eine Estancia ist eine Farm, die auf Vieh- und Weidewirtschaft spezialisiert ist und heute ein wichtiger Teil der argentinischen Identität ist. Und Harberton war die erste Estancia auf Feuerland. Mit Hannah und Christian ging es also im gemieteten Chevrolet Corsa 85 Km nach Osten, wobei 45 Km über unbefestigte Straße und durch das wilde, ursprüngliche Feuerland führten. Dichte, grüne Wälder mit ungewöhnlichen Baumfriedhöfen, wo die Bäume aufgrund des Klimas 400 Jahre zum verrotten brauchen oder auch windschief gewachsenen Fahnenbäume, halbwilde Pferde und rauhe Küste. Bilder wie man sie von Postkarten aus Kanada oder Neuseeland kennt.

Das Bild änderte sich, als es nach 3 Tagen am Arsch der Welt, gen Norden via Rio Grande auf einer 12-stündigen Busfahrt nach Punta Arenas auf chilenischem Territorium gehen sollte. Goldgelbe Pampa, die patagonischen Grassteppe, Wolken wie Zuckerwatte auf bilderbuchblauem Himmel, frisch geschorene Schafe, hier und da ein Guanako, Nandus. Und ein erster Vorgeschmack, wer demnächst unser ständiger Begleiter sein wird. Wind.