Schockzustand.

16 08 2009

Ort: Sydney (AUS)
Zeitunterschied: +8 Std. MEZ
Wetter: Frühlingshaft

Nach 22 Stunden Reisezeit mit Zwischenstop in Auckland waren wir also Down Under. Der Zoll stand überall mit erhobenen Zeigefinger und so machten wir auf der Einreisekarte brav unsere Kreuzchen bei Holzprodukten, Lebensmittel und Insekten. Denn ich hatte noch eine Charge Riesenarsch-Ameisen dabei, die überraschenderweise nicht eingeführt werden durften. Viele Länder sind mittlerweile recht paranoid, was die Einfuhrbestimmungen bei Lebensmitteln oder Getier angeht. Aber es sind nun mal die klassischen Krankheitswirte oder Träger von Samen, die die lokale Vegetation oder Fauna systematisch fertig machen. Australien hat sich ja schon mit der Ansiedlung von Füchsen und Kaninchen keinen Gefallen getan und jetzt schafft es nicht mal mehr ein harmloser Apfel über die Grenze. Denn den haben nämlich immer die Deutschen dabei, sagte der Zoll.

Eva’s Backpackers
wurde unser erstes Zuhause für drei Nächte in Sydney und hatte uns einen kostenlosen Transfer vom Flughafen zum Hostel offeriert. Wir checkten also in unser Doppelzimmer ohne Bad ein, das teurer war als jedes Hostel zuvor in Südamerika. Da mussten wir schon erst mal schlucken. So richtig heftig wurde es aber dann beim ersten Besuch im „günstigen“ Woolworths Supermarkt. OMFG („Oh my fucking godness“, informaler Ausdruck des bestürzt seins, Anm. d. Red.), irgendwie schien alles mindestens das Doppelte, wenn nicht sogar das Zehnfache, wie in den letzten Monaten zu kosten. Schockzustand. Selbst wenn wir immer selber kochen würden, würden wir noch teurer kommen, als in Südamerika, wo es paradoxerweise oft günstiger war essen zu gehen, als selber zu kochen. Die Meßlatte liegt nun mal nicht mehr auf europäischer bzw. deutscher Höhe, sondern auf der von Kolumbien oder den anderen südamerikanischen Ländern. Das Angebot widerum ist sehr europäisch, nach langer Zeit gibt es mal wieder eine große Auswahl an Brot, Wurst und Käse.

Australien hat aber ja bekanntlich in erster Linie britische Wurzeln. Gefangenkolonie usw. Die Geschichten kennt man ja. Schön weit weg, an den Arsch der Welt. Das hieß aber auch für folgende Generationen, das alles, was nicht vor Ort ausreichend produziert und angebaut werden kann, importiert werden muss. Und Australien hat nicht viel fruchtbares Land. Im Südwesten gibt’s den Weizengürtel, Wein ist ein Exportschlager und durch die Abermillionen Schafe gibt es auch genug Wolle. Doch darüberhinaus hat es der Kontinent schwer, aus eigener Hand die 20 Millionen mit allen Annehmlichkeiten der Ersten Welt zu versorgen. Und natürlich sind auch australische Produkte nicht günstig. Die Lohnkosten sind hoch, denn es wollen ja Horden deutscher Abiturienten und Studenten, die sich in den Obstminen die Finger wund pflücken, bezahlt werden, Wasser ist ein kostbares Gut, der relativ unfruchtbare Boden verlangt nach einem kostpieligen Düngemitteleinsatz und die australischen Viehwirte ruinieren sich mit Überweidung weiterhin ihren Boden, der so oder so schon durch Versalzung, Verwüstung und die Folgen jahrelanger subventionierter Waldabholzung gezeichnet ist. Australien ist nicht das blühende Paradies, wie man es sich vorstellen möchte.

Was aber wirklich auffällt, sind die geleckten Straßen. Es ist wirklich alles unfassbar sauber, geordnet, durchgestylt. Aber Lifestyle wird ja hier ganz groß geschrieben. Die Australier wären wohl in jeder Mediastudie sogenannte LOHAs (LOHA = Lifestyle of Health and Sustainability, Anm. d. Red.), denn man hat den Eindruck, dass einem rund um die Uhr Jogger begegnen, von Postern in der Innenstadt wird man zum Müllvermeiden angehalten und ein gesunder Lebensstil scheint als Volkssport zu gelten. Was fällt noch auf? Wir können wieder das Klopapier in die Schüssel werfen, da nicht sofort Verstopfungsgefahr besteht, wie auf dem ganzen südamerikanischen Kontinent. Okay der Linksverkehr hätte uns auch erwischt, wenn wir direkt aus Deutschland angereist wären. Aber auf den ersten Blick und nach den ersten Tagen fehlt uns irgendwie das charmante Chaos, die hektische Geschäftigkeit auf den Straßen und Märkten, die rasanten Busfahrten, ein anderes Reisevolk.

Mit diesem Kontinent müssen wir erst noch warm werden, was nicht nur bedeutet, dass wir gen Norden fahren werden, dem warmen Wetter entgegen. Denn auch bei unserem nächsten Stop Byron Bay, einem Surfermekka, ist es noch recht schattig, weil der Sommer erst im Anmarsch ist und noch eine frische Brise weht. Wir haben uns einen Greyhound Buspass für die Ostküste zugelegt, mit dem wir die knapp 3.800 Km zwischen Sydney und Cairns recht flexibel bereisen können.

Ach so ja, Sydney. Die Oper steht immer noch und die billigste Besichtigungstour kostet 35AU$. Für umme gibt’s den abwechslungsreichen Königlichen Botanischen Garten mit krächzenden Gelbhaubenkakadus, krummschnabeligen Ibissen und Papageien. Die NSW Art Gallery wurde auch bestaunt, sowie das gekünstelte Chinatown. Überhaupt verdammt viele Asiaten. Naja wir kommen ja nochmal wieder und dann hoffentlich mit ein paar guten Empfehlungen im Gepäck.

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Im Land der Riesenarsch-Ameisen.

30 07 2009

Ort: Bucaramanga, San Gil, Barichara (COL)
Zeitunterschied: -7 Std. MEZ
Wetter: angenehm

Eigentlich wollten wir von Taganga über Santa Marta direkt nach San Gil durchfahren. Nach 10 Stunden Fahrt war es aber schon spät und in Bucaramanga wurde Zwischenstop gemacht. Das Industriezentrum hat nicht wirklich viel zu bieten, was Industriezentren wohl so an sich haben. Highlight für uns waren die nächtlichen Temperaturen um die 17 Grad und ein Ausflug ins koloniale Girón, das einen ersten Vorgeschmack auf die kommenden Dörfer sein sollte. Dort war mal wieder eine Rasur fällig. Nicht ganz so stilvoll und old school wie in Quito aber Hauptsache Bart kurz. Der Nachteil an einer Elektrorasur ist allerdings, dass man Strom braucht (wenn man nicht gerade so ein neumodisches Ding mit Akku hat). Und genau der fiel in der Mitte, sprich nachdem die rechte Gesichtshälfte gerade geschoren war, aus. Auf unbestimmte Zeit. Super. Naja, alles halb so schlimm, nach 15 Minuten brummte der Rasierer wieder.

Nach zwei unspektakulären Tagen ging es weiter ins Abenteuersport-Mekka San Gil. Hier gibt es unzählige Möglichkeiten sich einen Adrenalinschub zu verschaffen, wie z.B. Rafting, Abseiling (das heißt wirklich so) oder auch Rapelling, wo man sich in einem Wasserfall abseilen lassen kann. Und uns stand nach den kräfteraubenden Tagen in der Karibik genau danach der Sinn. So wurde das Aufregendste was wir in den folgenden drei Tagen angestellt haben, ein Ausflug in den botanischen Garten, der aber wirklich eine Oase der Erholung war.

Der Garten war liebevoll mit blühenden Helikonien bepflanzt, riesige Ceibabäume spendeten den ersehnten Schatten und an ihren Ästen wuchsen lamettaartige Tillandsien, die wie Bärte alter Männer herunter hingen. Man konnte gemütlich einen Tinto (schwarzer Kaffee, Anm. d. Red.) trinken oder geröstete Riesenarsch-Ameisen essen. Was? Riesenarsch-Ameisen? Ja, richtig gelesen. „Hormigas Culonas“ sind Ameisen mit einem stark vergrößerten Wanst, eine kulinarische Spezialität aus der Region und geröstet, gesalzen und wie Nüsse als Snack zu einem kalten Bier gegessen. Geschmacklich erinnerten sie mich doch an die ebenso gerösteten Heuschrecken (Chapulines, Anm. d. Red.), die ich schon aus meiner Zeit aus Mexiko kannte. Dina ist nach Meerschweichen und Froschschenkeln weiterhin sehr nachsichtig mit mir, wenn auch angewidert.

Und nur 45 Minuten von San Gil, in Barichara, sollte eine noch größere Offenbarung auf mich warten. Im Restaurant „Color de Hormiga“ wird nämlich mit den Riesenarsch-Ameisen gekocht. Vornehmlich in Soßen, zu Rind oder Huhn. Doch Schockschwerenot, die Ameisen wanderten nur am Wochenende in den Topf, unter der Woche ist geschlossen und wir an einem Dienstag im Dorf.

Nichtsdestotrotz war Barichara eine Reise wert. Es wurde wiederholt zum schönsten Dorf Kolumbiens gewählt. So richtig Bilderbuch mit gepflasterten Straßen, 300 Jahre alten Häusern mit vorbildlichen kolonialem Weißanstrich, in allen Rottönen schimmernde Dachziegel aus Ton, einer Kirche am Marktplatz und alles muy tranquilo.

Aber es gibt auch deutsche Spuren in der Region. Geo von Lengerke, Großgrundbesitzer und gebürtig aus dem Königreich Hannover, gilt trotz vieler Schweinereien heute noch als Volksheld. Er hatte im 19. Jahrhundert u.A. einen Weg mit Naturstein angelegt, der Barichara mit dem kleinen Kaff Guane verbindet und für die lokale Bevölkerung somit die Anbindung zur Außenwelt erleichtert hatte. Und genau dieser Weg führte uns 1,5 Stunden durch fast menschenleeres Gelände, bevor wir auf dem Marktplatz von Guane mit dem 10 Häusern ankamen. Bekannt ist die Region für Sabajón, einem Zimteierlikör, die Guane Kultur und die zahlreichen Fossilien, vornehmlich Ammoniten, eine Art Kopffüßer. Wir also vorbildlich Likör gekauft, Kultur bewundert und Museum besucht. Das ganze Programm locker in 50 Minuten absolviert.

Und wenn nicht alle Riesenarsch-Ameisen gegessen worden sind, dann leben sie noch heute.





Drogen-Nilpferde suchen ein neues Zuhause.

20 07 2009

Ort: Medellin (COL)
Zeitunterschied: -7 Std. MEZ
Wetter: Warm mit Regenschauern

Die 80er Jahre waren hart für Medellin. Drogenhändler Pablo Escobar war einer der mächtigsten und reichsten Männer Kolumbiens. Das süchtige Amerika sorgte für Taschen voller Geld, womit er sich ein formidables Luxusleben finanzieren konnte. Auf seiner Hacienda Nápoles hielt er den exotischsten Zoo Südamerikas, mit Löwen, Elefanten und Nilpferden. Aber er unterstützte auch die arme Bevölkerung, was ihm bei ihnen einen Heiligenstatus einbrachte und es der Armee nicht unbedingt leichter machte, ihn dingfest zu machen. Doch Pablo führte Krieg gegen den Staat, Hunderte starben. Dann, 1993 wurde Pablo auf der Flucht auf einem Ziegeldach von seinen Häschern gestellt und erschossen. Don Pablo war tot und 20.000 Menschen nahmen an seiner Beerdigung in Medellin teil.

Seitdem befindet sich die Stadt in einem Transformationsprozeß, der Medellin zu einer der modernsten Metropolen auf dem südamerikanischen Kontinent werden ließ. Es wurde umfangreich in Infrastruktur, Kultur und Sport investiert. Und heute gibt es sehr viel Erste Welt mit Nobel-Supermärkten nach amerikanischem Vorbild, der Parque Explora, ein Experimentierspielplatz, der Wissenschaft vor allem für Kinder anfassbar macht, große Sportstätten, in denen Medellin die Südamerikanischen Spiele 2010 ausrichten wird, das Ausgehviertel Zona Rosa mit dem Park Lleras, das auch Klein-Miami genannt wird und das Zuhause von Reich und Schön ist.

Auffällig ist auch der hohe Anteil an hellhäutiger Bevölkerung. Richtige Latinos, Nachfahren der Spanier. Man oder besser Frau folgt dem amerikanischen Schönheitsideal, nirgends scheint mehr Silicon verbaut zu sein wie hier und die Damenwelt presst ihre Hintern in enge taschenlose Jeans, egal ob sie es sich leisten können oder nicht. Dina spielt mit dem Gedanken der Einführung einer 5-Pocket-Jeans, um eine mögliche Nische zu schließen.

Was aus Don Pablos Vermächtnis geworden ist, mag man sich fragen. Die Nilpferde sind aus der Hacienda entkommen und haben es sich in den kolumbianischen Flußlandschaften gemütlich gemacht. Und die Kolumbianer machen sich in die Hose vor „den großen Schweinen“ und haben nun gerade Spezialisten aus Südafrika kommen lassen, nachdem sie schon eins erschossen und damit eine Welle der Empörung ausgelöst haben. Herrlich, das Thema ist wirklich jeden Tag in der Presse. Hoffentlich findet sich bald ein passender Zoo mit einem Herz für die Drogen-Hippos.

Naja die Stadt haben wir uns auch angeguckt und pflichtgemäß die dicken Menschenabbilder von Botero, Kolumbiens populärsten Kunstexport, im Museo de Antioquia bestaunt, im botanischen Garten einen fast leeren Schmetterlingskäfig vorgefunden, weil die Vollpfosten (Substantiv, m, bezeichnet einen intellektuell desinteressierten, das kognitive Potential des Durchschnittsmenschen unterschreitenden Zeitgenossen.) bei Bauarbeiten die Tür offen gelassen haben, im Hostel Casa del Sol vergnügt Tischtennis gespielt und jeden Tag lecker Eis bei Crepes & Waffles essen gegangen.

Ja, so war das damals in Medellin.