Colonia liegt in Uruguay oder Keine Südfrüchte in Ushuaia.

13 02 2009

Bevor es mit dem Schnellboot über die braune Brühe namens Rio de la Plata gen Colonia (Achtung nicht zu verwechseln mit der Stadt in der Nähe der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt) in Uruguay gehen sollte, fiel mir in der Wartehalle von Buquebus, die Lokalzeitung „Argentinisches Tageblatt“ in die Hände. Die mittlerweile nur noch wöchentlich erscheinende Speerspitze des investigativen Journalismus glänzt durch eine hohe Fehlerquote bei Orthographie und Grammatik, macht keinen Hehl daraus parteilich zu sein und ist nicht nur bei der Wahl der Worte antiquiert. So wurde zum einen die Entscheidung der Regierung Carlos Nemen’s aus dem Jahre 1990 gelobt in das Telefonwesen zu investieren, da dieses Telefonieren wirklich zukunftsträchtig zu sein scheint. Zum anderen wurde eine neue Errungenschaft der modernen Informatik gepriesen – das sogenannte Internet. Auch die deutschsprachige Minderheit findet hier ihr Sprachrohr. So läd der Schwäbische Sport- und Turnverein zum 78. Stiftungsfest mit Hühnerfilet und Kartoffelsalat und lockt mit Versprechen wie: „Das Vergnügen beginnt schon mit den ersten Muskelstreckungen im Liegestuhl.“

Und zum Vergnügen gab’s auch den Abstecher ins verschlafene Kolonialstädtchen Colonia de Sacramento auf der von BsAs gegenüberliegenden Seite des Rio de la Plata. Es gilt zwar bei den Porteños als beliebtes Ausflugsziel, hatte aber neben dem Titel der ältesten Stadt Uruguay’s, ein paar alten Autowracks und einigen alten Bauten aus Zeiten der portugiesischen Conquista nicht viel zu bieten. So wird die wohl beständigste Erinnerung an Uruguay der Stempel im Pass bleiben.

Was uns von BsAs in Erinnerung bleiben wird, sind das europäische Flair bei südamerikanischen Temperaturen, die langen Sommernächte, die Lebensfreude aber auch Mürrischkeit der Porteños, die Lust an Musik und Tanz in der Welthauptstadt des Tango, der Cortado in den unzähligen stilvollen Cafés, der gute Wein, die Unmengen an Fleisch- und Wurstwaren der Parrillas und die Altstadt San Telmo, wo wir 9 Nächte im lebensfrohen Sandanzas verbringen konnten. Auf Reisen lernt man ja auch nicht nur die Umgebung selber kennen, sondern trifft auch immer wieder interessante Menschen. Die erst 20jährige, angehende Comiczeichnerin, Cécile, die allein 7 Monate durch Argentinien reisen wird und statt Photos zu machen ein selbstgezeichnetes Reisetagebuch führt. Oder auch Vandson und Ignaldo, die 2 Brasilianer aus Sao Paulo, die es sich hier richtig gut gehen lassen haben und viel aus Brasilien berichten konnten.

Wir werden am Samstag gen Süden nach Ushuaia aufbrechen. Doch heißt der Gang nach Süden in Europa Richtung mildes Äquatorialklima, bewegen wir uns auf der südlichen Hemisphäre gen Antarktis. Das verspricht wieder eine etwas schattigere Wetterlage, denn die zweitsüdlichste Stadt der Welt liegt an der unteren Spitze Feuerlands und gilt als das Tor zum Südpol. Die Flip-Flops werden wieder eingepackt und wir berichten demnächst vom Ende der Welt.

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Buenos Aires: Heiter bis wolkig

8 02 2009

Ort: Buenos Aires
Zeitunterschied: MEZ -3 Std.
Wetter: heiter bis wolkig
Stimmung: ausnahmslos heiter
 
 
Wir sind nun also da. Buenos Aires. Wie das schon klingt. Benannt nach der Heiligen Maria des Guten Windes, um sich bei der Anfahrt auf dem Seeweg für das günstige Wetter zu bedanken. Und in diesem feierlichen Rahmen möchte ich das auch gleich noch einmal tun. War der Empfang doch etwas feucht mit leichtem Nieselregen, strahlt die Sonne bis in die späten Abendstunden und verwöhnt mit sommerlichen Temperaturen. Die 27°C heißen hier auch wirklich 27°C und nicht 9°C jeweils früh, morgens und abends. Danke Maria. Die Kehrseite des guten Wetters heißt natürlich auch: es gibt Mosquitos und die Tauben scheißen von den Bäumen. Und wer durch die direkte Übersetzungen auf einen Luftkurort schließen möchte, wird bitterlich enttäuscht werden. Die EU Abgasnorm ist hier genauso bekannt, wie das Ansinnen Hundescheiße von der Straße zu räumen.

Wir sind im Sandanzas, einem kleinen Hostel in San Telmo abgestiegen. San Telmo ist der älteste Stadtteil von BsAs und einst Heimat der begüterten Bevölkerung, die aber nach einer Gelbfieber-Epidemie in den 1870er Jahren von ihnen verlassen wurde und so Platz für mittel- und ahnungslose Immigranten schuf. Heute ist dieser Stadtteil das was man Altstadt nennt und ebenso Heimat für Antiquitätenläden und geschichtsträchtige Restaurants wie für uns im Moment.

Darüber hinaus wussten zu gefallen: Palermo, der bürgerliche Viertel mit vielen Mode- und Designorientierten Läden, sensationellen Restaurants, wie dem Lelé de Troya oder der Boutique Del Libro, Recoleta, die elegante Upper Class Nachbarschaft, mit dem berühmten Friedhof, wo unter anderem auch Evita Peron begraben liegt und das Stadtzentrum, das natürlich ein Touristenmagnet aber auch Shopping- und Businesszentrale ist.

Doch neben der hauptberuflichen Tätigkeit als argentinische Hauptstadt, kann die Stadt einige Eigenheiten bzw. Ansonderlichkeiten aufbieten. Das benutzte Klopapier geht, wie auch in den meisten anderen Ländern Lateinamerikas, nicht in die Schüssel, sondern wird in einem separaten Eimer entsorgt. Hintergrund hier sind ganz trivial die zu engen Rohrsysteme bzw. die nicht dafür ausgelegte Kanalisation. Es war wohl zu keinem Zeitpunkt vorhersehbar, dass das mal von Nöten sein könnte. Man kann maximal 320AR$ am Automaten ziehen, was bedeutet, dass man zumindest ein nerviges Problem hat, wenn man mehr als den Wahnsinnsbetrag von 70€ auf einmal benötigt. Die Zebrastreifen dienen in erster Linie dazu, dass man darauf aufmerksam gemacht wird, dass es keine Ampel gibt.

Und Fußball. Fanatische Fußballverehrung. Und das heißt in erster Linie El Diego und in zweiter Linie Boca Juniors. Es gibt zwar noch über 20 weitere Clubs aber blau-gelb vom Arbeiterclub Boca dominiert die Stadt. Der andere große Club heißt River Plate und den werden wir uns aufgrund der aktuellen Spielansetzung am Sonntag im Spiel gegen Santa Fe anschauen. Fußball ist Glaube. Fußball ist Religion. Fußball ist hier der reine Wahnsinn.

Das könnte auch der Grund sein, warum die Stadt der Porteños, wie die Einwohner der 13 Mio Metropole heißen, auch die höchste Psychoanalytikerdichte der Welt noch vor New York hat. Nach der nahezu durchgängigen Freundlichkeit der Londoner schlägt uns hier in den ersten Tagen eine Mürrischkeit entgegen, die trotz des guten Wetters, einer überlebten Rezession und unseren harten Devisen auf tiefgreifendere Probleme hinweist. Wir werden das beobachten.

Der Argentinier per se gehört ja auch nicht unbedingt zu den beliebtesten Bevölkerungsgruppen Lateinamerikas, da er doch sehr gern und vielleicht etwas übertrieben auf seine europäischen Wurzeln bzw. den großen Einfluß vor allem italienischer Einwanderer auf die eigene Kultur und sein Bewußtsein aufmerksam macht und so seine elaborierte Position gegenüber den anderen Mercosur-Staaten betonen möchte. So verabschiedet man sich eben auch nicht mit „Adios“ sondern mit „Ciao“.

Und trotzdem können die meisten Restaurants keine Pasta. Dafür aber Fleisch. Und zwar gegrillt in allen Variationen, von allen möglichen Tieren, von allen möglichen Körperteilen. Das ganze nennt sich dann Parrilla und erfreut sich breiter Beliebtheit. Die Essenszeiten varriieren hier auch leicht. Viele Restaurant schließen 17 Uhr und öffnen nicht vor 21 Uhr für das Abendmahl und das obwohl der Magen doch schon 18 Uhr schließt. Nach 3 Tagen setzt so langsam eine Fleischsättigung ein, da man ja auch nicht Häppchen vorgesetzt bekommt, sondern Portionen, die Kabel.1 eine XXL Reportage wert wäre und die feurige Salsa auf Dauer nicht sonderlich magenfreundlich ist.

Apropos Salsa (ein sensationeller Delling-Netzer-Übergang übrigens). Neben der besagten Würzsauce gibt es ja noch den gleichnamigen Tanz und wir kamen in unserem Hostel in den Genuss von Tanzstunden für lau. Oder sagen wir mal so, für jeden Außenstehenden war es sicher amüsant einen gestandenen Mitteleuropäer wie mich beim Versuch lateinamerikanische Rhythmen in anmutige Tanzschritte zu übersetzen, zuzusehen. Adriana, unserer Tanzlehrerin aus Kolumbien, konnte man sofort anmerken, dass sie den Salsa im Blut hat. Grazil, geschmeidig, rassig, so dass man sich sofort einen Caipirinha bestellen möchte. Dina ist ja mit südländischen Wurzeln gesegnet, was der Sache nicht unbedingt hinderlich war. Was mir blieb, war die Erkenntnis, das ich den besten Eindruck mache, wenn ich mit besagtem Caipirinha und meinem neuen Panama-Hut an der Bar stehe und unseren lateinamerikanischen Freunden freudig zuproste.

Und wo wir gerade bei rhythmischen Bewegungen sind. Am Samstag ging hier überraschend der Carnaval los. Eine größere Straße gleich bei uns um die Ecke wurde gesperrt, die Karnevalsvereine mit Mitgliedern aus allen Altersklassen wurden mit Schulbussen rangekarrt und es gab einen kleinen Umzug mit ausgelassenem Tanz und Musik. Sensationell. Zudem artete das ganze in eine Schaumschlacht aus, da es wohl zu den größten Vergnügen gehört sich mit dem Schaumschnee anzusprühen und dabei auch keine Passanten zu verschonen. Was für eine Sauerei.

Bis zum nächsten Mal. Ein Update aus BsAs wird es sicher noch geben, bevor es nächsten Samstag nach Feuerland ans Ende der Welt gehen wird.
 
 





No Dancing Queen und eine Menge Schnee.

2 02 2009

Ort: London
Zeitunterschied: MEZ -1 Std.
Wetter: heiter bis wolkig mit Schneefall, Temperaturen um den Gefrierpunkt
 
 
Für Multitasker als musikalische Begleitung zum Augenzeugenbericht zweier Erstbesucher:
 

 
 
Nach Landung im malerischen Stansted in aller Herrgottsfrühe ging es mit dem Bus gen London, um für 2 Nächte in der Palmers Lodge zu residieren. Victorian elegance for the budget conscious traveller (Viktorianische Eleganz für den budgetbewussten Reisenden, Anm. d. Red.). Es wurde mehrfach unter die besten Hostels gewählt, war dementsprechend frequentiert, Motto: Jubel, Trubel, Heiterkeit. Wir aber immer noch total durch von den letzten Tagen und Wochen, den Umzug von Freitag noch in den Knochen. Daher wurde ganz entspannt, den Blick auf Sonntag zugewandt, nichts gemacht als die Zeit totzuschlagen und Eingeborene zu jagen zu beobachten. Vor allem einheimische Frauen. Knapp bekleidet, trotz guter Ernährung und bei der Wahl der Miss Manchester knapp an der Top 1000 Platzierung vorbei. Dem hinzu kam ein merklicher Kokosduft, der die ohnehin schon exotische Erscheinung noch unterstreichen sollte. Rundum nicht gelungen.

Am Sonntag dann konnte nach Überwindung des einstündigen Jetlags das erste touristische Highlight angepeilt werden. Und so standen wir mit mehreren anderen hundert Leuten und haben uns beim Wachwechsel der Queen am Buckingham Palace den Arsch und besonders die Füße abgefroren. Das war soweit ganz toll, wurde aber dann doch recht abstrus, als die königliche Kapelle „Dancing Queen“ von ABBA angestimmt hatte und gleich noch einen anderen Hit des Schwedenquartetts nachlegte. ABBA? Was bitte ist da denn los? Ist die Queen etwa amused? Soll das dieser britische Humor sein?

Im weiteren Tagesverlauf konnte dann beobachtet werden, dass sich der Picadilly Circus wie ein kleiner Times Square benommen hat, es eine ganze Menge Restaurants gibt, die organisches (oft mit dem Zusatz „und frisches“) Essen anbieten, röhrenartige Vakuumjeans auch 2009 noch topmodisch sein werden, Internationalität mit einem großen Fest am Trafalgar Square zum chinesischen neuen Jahr des Ochsen bewiesen wurde und London wirklich eine spektakulare architektonische Vielfalt mit viktorianischen, modernen oder auch prekären Einflüssen zu bieten hat. Eine interessante Stadt durch und durch. Nur am Wetter kann noch etwas gefeilt werden. Allen stereotypen Bildern zum Trotz hatten wir zwar viel Sonne aber es war bitterkalt was durch den starken Wind nicht gerade angenehmer wurde, geschweige denn durch das mehr und mehr aufkommende Schneetreiben, was am Montag morgen in einer geschlossenen Schneedecke mit mindestens 10cm ausartete.

Daher sollte es auch heute am Montag ins fast 12.000 Km entfernte Buenos Aires in Argentinien gehen, wo man lachend über Wiesen tollen kann, wir Honig aus Flüßen trinken werden und einem Brathähnchen in den Mund fliegen. Der Wetterdienst verspricht 27°C und wir uns eine schöne Zeit.

Wenn da nicht dieser Blizzard in der Nacht von Sonntag zu Montag gewesen wäre, der London komplett lahm gelegt hat. Sämtlicher öffentlicher Personennahverkehr und auch alle Flüge ab Heathrow sind zumindest für heute gecancelled. Nachdem wir Kontakt mit British Airways herstellen konnten, heißt es nun 2 weitere Tage London verweilen, da der Flug Dienstag abend schon ausgebucht ist. Zum Glück konnten wir hier in der Palmers Lodge für 2 Nächte verlängern.

Sagen wir mal so, London ist wirklich eine tolle Stadt und wollte uns vielleicht doch bloß überreden noch 2 Tage zu bleiben. Wir werden wohl gleich die Schneeschuhe schnüren und gen Camden Market aufbrechen.

Dina is not amused. Flip Flops erst am Donnerstag, obwohl sie doch schon heut im Handgepäck waren…