Ein Spaceship in den Tropen.

4 10 2009

Ort: Cairns > Port Douglas > Daintree NP > Cooktown > Atherton Tableland > Cairns (AUS)
Zeitunterschied: +8 Std. MEZ
Wetter: Open-air duschtauglich

Australien. Endliche Weiten. Wir melden uns von der Kommandobrücke von Spaceship BELKA unserem Zuhause für sechs Tage im nördlichen Queensland. In Cairns hatten wir uns einen Toyota Estima aus der Camper Van Flotte des Verleihers Spaceship gemietet. 2007er Baujahr, 25cm Bildschirm mit DVD Player und zeltähnlichem Heckanbau für noch mehr Platz und bessere Belüftung zum schlafen. Also eigentlich überhaupt nicht raumschiff-like aber sehr fein und hochwertiger als der Schrott, der hier sonst so durch die Gegend fährt.

Doch der Reihe nach. Am besten einen Kaffee holen oder noch schnell einen Toast mit Vegemite machen, heut wird es etwas länger.

Nach Mission Beach ging es in die beschauliche Großstadt Cairns. Dort sollen ja angeblich 300.000 Leute wohnen, wovon allerdings nichts zu merken war. Auf dem Rusty Markt gab es lecker Frischobst und Gemüse günstig zu erstehen, an der Strandpromenade wurde der öffentliche und zudem auch kostenfreie Pool probiert und einem Sonntagskonzert gelauscht. Aber alles, sehr gemächlich.

Doch in Cairns gab es auch ein großes Hallo mit Dina’s Mama und Jürgen, sowie den zwei Reisebegleitern Michaela und Ullrich. Nach über sieben Monaten das erste persönliche Treffen, das dann auch mit ordentlich Schmaus und Kaltgetränken gefeiert wurde. Unser erster Restaurantbesuch in Australien! Doch das Wiedersehen währte nur von kurzer Freude, denn nicht nur sie, sondern auch wir hatten Reisepläne.

Und so ging es dann an einem Montag im September los. Unser Spaceship abgeholt, dann erst mal an Linksverkehr und Automatik-Schaltung gewöhnen, einen Tramper aufgesammelt und ab nach Port Douglas. Port hatte schon ordentlich Vorschußlorbeeren einsammeln können und konnte diese auch bestätigen. Zwar ist das kleine Kaff recht touristisch, aber optisch ganz weit vorn dabei. Auf der Hafenmole konnte man den Angler im Schein der untergehenden Sonne zuschauen, am 4 Mile Beach abhängen oder im ANZAC-Park einen der öffentlichen Grillplätze nutzen. Wir waren ja erst seit 60 Minuten Camper und hatten daher aus Bequemlichkeit schon mal vorsorglich einen Riesenpott Curry vorgekocht, der dann nur noch warm gemacht werden musste. Auch hier nochmal Anerkennung für die Instandhaltung der öffentlichen BBQs und Toiletten. Sauber, keine stumpfen Graffiti-Tags und nicht verwüstet, wie man es zuhause ja gern mal vorfindet.

Wir hatten dann auch den Tipp von Ben, den von uns in Cairns aufgegabelten englischen Tramper, bekommen, es am rechten Ende des 4 Mile Beach mit wild campen zu probieren. Ein ruhiger Platz, wo keine Pozilei vorbeikommt, denn auf „für lau pennen am Straßenrand“ stehen zwar nicht drei Jahre Kinderbergwerk aber immerhin AU$150 Strafe. Erst am nächsten Morgen bei Tageslicht wurde uns klar, was für ein wunderschönes Plätzchen wir uns da empfehlen lassen hatten. Direkt am Strand. Jaja, schon wieder Strand wird der regelmäßige Leser bemerken, da wurde doch die letzten Male häufig mal gelangweilt gemeckert. Aber dieses Mal anders. Hier oben sind wir nämlich in den Wet Tropics, den feuchten Tropen also, und das heißt Regenwald, der widerum direkt bis an den Strand reicht. Amazing. Awesome. Wonderful. Nachdem uns dann die schwärmerischen Adjektive ausgegangen waren, um diesen feinen Ort zu beschreiben, ging es dann weiter gen Norden. In den Daintree Nationalpark, der für sich den Titel des ältesten Regenwaldes der Welt beansprucht.

Das Gebiet gehört zu einem der touristisch erschlossensten Gegenden in ganz Australien. Daher war es nicht verwunderlich, dass sich die Pfade nicht etwa wild mitten durch den Dschungel bahnten, wie wir das aus Bolivien kannten, sondern schön ordentlich als Wanderweg auf Holzplanken angelegt waren. Also schön für den Massentourismus gemacht, dass auch Oma mit dem Hackenporsche mitkommen kann. Das soll aber gar nicht so negativ klingen, denn die drei Boardwalks (Jindalba, Marrdja und Dubuji) waren wirklich gut gemacht und mit Infotafeln bestückt, so dass man nicht unbedingt dümmer aus dem Busch kam.

Zu den bemerkenswertesten Entdeckungen zählte mit Sicherheit die Würgefeige, die teilweise gigantische Ausmaße annehmen konnte. Es beginnt immer mit einem kleinen Samen, der sich in mehreren Metern Höhe auf einem Ast irgendeines Baumes absetzt. Mit der Zeit wachsen die Wurzeln der Feige nach unten und nehmen im Verlauf den ganzen Baum in Beschlag, was soweit führen kann, dass der Baum, der zuerst da war, wortwörtlich von der Würgefeige stranguliert wird und abstirbt. Faszinierend, was sich die Natur da wieder ausgedacht hat. Auch Mangroven mit ihren Kabel- und Schnorchelwurzeln sind ein erstaunlicher Lebensraum, der bestaunt werden konnte.

Zum berühmten Cape Tribulation ging es dann natürlich auch. Auf dem Weg dahin gab’s einen Stopp im Bat House. Dort werden flugunfähige Flughunde aufgepäppelt und gepflegt. Und wir haben mal wieder etwas für’s Klugscheißen am Frühstückstisch gelernt. Flughunde haben nämlich im Gegensatz zu Fledermäusen kein Sonar und fressen auch keine Insekten, sondern sind Vegetarier. Das gab gab schon mal Sympathiepunkte bei Dina. Ihre nächsten Verwandten sind die aus Madagaskar bekannten Lemuren und gelten hier mittlerweile auch als bedrohte Tierart. Sie haben schon auch einen kleinen Vampirstatus und werden als Überträger von Krankheiten angeprangert, wo es nur geht, obwohl das nicht ganz stimmt. Naja, Old Boy hing auf jeden Fall ganz gemütlich in seinem Netz im Bat House und nachdem er einem Apfelstück den Saft und das Fruchtfleisch entzogen und den Rest ausgespuckt hatte, präsentierte uns der kleine Racker sein überraschend großes Gemächt. In menschlichen Relationen gesprochen, würden wir hier eher von einem Oberschenkel, als von einem Unterarm reden. Jaja, wer lang hat, der kann auch lang hängen lassen. Ein putziges Kerlchen.

Doch genug der Angeberei, es ging wieder zurück in die Zivilisation, nach Port Douglas um genauer zu sein. Am nächsten Tag stand dann der für australische Verhältnisse lächerlich kurze (250 Km) Road Trip nach Cooktown an. Es hatte seit Ende Mai nicht mehr geregnet, alles war trocken und die Klimaanlage im Spaceship bewahrte uns vor dem Hitzetod. So war es auch kein Wunder, als auf einmal ein Buschbrand in nahe Ferne rückte und sich die Rauchschwaden über die Fahrbahn zogen. „Licht an und schön sachte durch die schwarzen Schwaden“ war die Ansage der Brandschutzbeauftragten und es ging weiter nach Norden. Thematisch passend passierten wir dann die Black Mountains, die wie ein überdimensionierter Holzkohlehaufen aussahen. Und jetzt kommt gleich nochmal eine Netzer-Delling-Überleitung, denn das passende Grillgut gab es auch noch dazu. Auf den letzten 50 Km vor Cooktown gab es den Todestreifen, denn alle paar Meter hatte sich ein vormals lebendes Känguruh in Roadkill verwandelt. Überall lagen tote Tiere herum, an den widerum die Raben nagten.

Und so etwas tot kam uns dann auch Cooktown vor, denn aus der einst zweitgrößten Stadt Queenslands, deren Bevölkerungsboom der Goldrausch in den 50er Jahren hervorgerufen hatte, ist heute nicht viel übrig geblieben. Nur noch 3.000 Einwohner wohnen in der Stadt, in der man nur leben kann, wenn man entweder verrückt ist oder bereit ist verrückt zu werden. So jedenfalls erklärte uns das Gernot Jander, ein 72-jähriger pensionierter Aussteiger, den wir über das Couchsurfing Netzwerk gefunden hatten. Und was er für Geschichten erzählen konnte, ganz zu schweigen von seinem selbstgebrauten Bier und der italienischen Torteletta, die er uns am Abend auf den Tisch zauberte. Schade, dass wir nur so wenig Zeit mit Gernot verbringen konnten, denn wir hatten am nächsten Morgen die preisgekrönte Rainbow Serpent Tour von Guurrbi-Tours gebucht. Der 5-stündige Ausflug unter der Führung von Elder Willie Gordon gab uns einen mehr als interessanten Einblick in die Spiritualität und Philosophie der Aboriginies. Wir wurden zur Geburtstätte seines Vaters in den Bergen um Hopevale geführt und haben uns in die darum gewobenen Geburtsriten entführen lassen. Das hier widerzugeben scheint unmöglich, wer mal in der Gegend ist, sollte es sich auf keinen Fall entgehen lassen.

Dank Gernot ging es am nächsten Tag zielgerichtet zur Granite Gorge bei Mareeba im Atherton Tableland. Dort gab es einen entspannten Campingplatz in der Nähe von riesigen Granitfelsen, der das zuhause von handzahmen Rock Wallabies war. Die kleinen Scheißer sehen aus wie eine Zwergenversion eines Känguruhs und springen mit Leichtigkeit von Fels zu Fels, während sie nur darauf warten von Touristen mit speziellen Pellets gefüttert zu werden. 100 Punkte auf der Niedlichkeitsskala, obwohl wilde Tiere füttern eigentlich nicht so unser Ding ist.

Zum Abschluß gab es noch ein paar Abstecher zu Curtain und Cathedral Fig Tree (Vorhangs- und Kathedralen-Würgefeigen, Anm. d. Red.), deren Wurzeln bizarre Ausmaße angenommen hatten, wir haben den kurzen Wanderweg um den Kratersee Lake Eecham gemeistert und beim anderen Maar namens Lake Barrine stopp gemacht. Es wurde natürlich alles angemessen bewundert.

Ja und dann waren die sechs ereignisreichen Tage auch schon vorbei und mit dem Spaceship wurde wieder der Heimathafen namens Cairns angeflogen.

Unsere bisher mit Abstand beste Zeit in Australien. Endlich haben wir das Australien erlebt, dass man in tollen Reisereportagen bewundern kann, das Australien, das mehr als nur shiny-happy people und no worries ist, das erste Mal, dass uns Australien wirklich etwas gegeben hat.

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