Die Cholitas von La Paz.

5 05 2009

Ort: La Paz (BOL)
Zeitunterschied: -6 Std. MEZ
Wetter: Heiter bis wolkig, nachts kalt am Fuß

Nach einer weiteren Übernachfahrt, deren Temperaturen ein gemütliches Kühlschrankniveau erreicht hatten, kamen wir mit dem Morgenverkehr in La Paz an. Boliviens Regierungssitz und damit Evo Morales temporäres Zuhause liegt in einem Talkessel zu Fuße des Illimani Berges auf etwa 3.650 m Höhe. Der Übergang zum benachbarten El Alto ist fließend und eigentlich ist der ganze Kessel bis hoch zum Rand bebaut. Ein Statiker würde hier die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und so kommt es immer wieder zu Erdabgängen, die ganze Häuserreihen in den Abgrund reißen. Trotzdem ist der Anblick nach dem eher gediegenen Sucre überwältigend.

Es ist Samstag morgen und die schönste Hektik bricht aus. Menschenmassen wuseln durch die Straßen der 850.000 Einwohner Metropole, Straßenstände werden aufgebaut und die Fahrzielausrufer aus den Minibussen werben schreiend um Fahrgäste. Hier sind es auch nicht die Nissans, die die Luft verpesten, sondern alte Dodges, die sicher mehr als 40 Jahre auf dem Buckel haben. Die Stadt ist der pure Stress. Die Höhe per se macht es nicht einfacher, dazu kommt das stetige auf und ab, zu beiden Seiten des Prados entlang der Talsohle.

Wir checken ins Hostal Republica ein, einem ehemaligen Wohnsitz der Präsidenten Pando aus dem Jahre 1904. Klingt nach dem ersten Satz ganz schön, wir hatten aber wohl das muffigste und kleinste Zimmer. Der einzige Vorteil war dann aber doch die Größe, da es des Nachts aufgrund der Höhe schweinekalt wird und sich das Zimmer dank mobiler Gasflasche mit entzündbarem Brennaufsatz relativ schnell erheizen ließ. Trotzdem zahlen wir mit 19 US$ den bisher höchsten Preis für ein Zimmer in Bolivien und das auch noch ohne privates Bad. Wucher. Abzocke. Zeter und Mordio.

Wir bleiben drei Nächte und lernen doch ein paar interessante Ecken kennen. Die Plaza Murillo mit Katedrale und Evos schwer bewachten Wohn- und Regierungssitz und Sonntagskonzerte mit Militärkapelle. Dann einen der wenigen kolonialen Straßenzüge im Altstadtformat, Jaén, der zahlreiche interessante Museen, wie das Museo de Metales Preciosos mit Gold- und Silerartefakten beheimatet. Das Sopocachi Viertel mit Geschäftshäusern und Restaurants in eher entspannterer Gegend. Ja und dann natürlich den sogenannten Hexenmarkt, wo crazy Sachen, wie Glücksbringer, Kräuter und Zaubermittelchen jeder Art verkauft werden und man sich auch einen Lama Fötus für eine gemütliche rituelle Beschwörung für Zuhause zulegen kann. Zudem gibt es Unmengen an Kunsthandwerk und Textilien und wir konnten ein paar Preziosen erwerben, die dann im Paket hoffentlich sicher den 3-monatigen Postweg zuerst mit dem Flieger nach Brasilien und dann mit dem Schiff nach Europa überstehen werden.

Und jeden Sonntag gibt es neben dem Nationalsport Fußball noch einen anderen sportlichen Höhepunkt. Lucha Libre, was nicht anderes als Wrestling auf lateinamerikanischen Niveau ist. Einfach nur schräg und ganz klar Kategorie „So schlecht, dass es schon wieder gut ist“. Angepriesen wurde die Veranstaltung als Cholitas Wrestling. Cholitas? So werden die Frauen aus La Paz genannt, die traditionell einen melonenartigen Hut über dick geflochtenen Zöpfen, Rock mit zahlreichen Unterröcken, Bluse und einen viereckigen Umhang namens Manta tragen. Der Umhang ist mit delikaten Stickereien und Old-Shatterhand-Fransen hier in der Region in und um La Paz viel mondäner als noch Sucre, wo die Mantas aus viel grobschlächtigem Material waren und die Muster eine starke indigene Prägung hatten. Auf jeden Fall mit dem Bus nach El Alto ist die Arena und schön erste Reihe direkt am Ring mit Popcorn und Pepsi-Cola. Zuerst gab es ein paar lächerliche Vorkämpfe, wo sich die männlichen Ringer nicht mal die Mühe machten, die augenscheinliche Inszenierung „Guter Ringer vs. Böser Ringer“ zu verbergen. Grundsätzlich war der Gute zuerst unterlegen und selbst der vermeintlich unparteiische Schiedsrichter schlug sich auf die Seite von Böse. Dann wendete sich das Blatt und Gunsten des Guten und der Kampf war vorbei. Wir warten gespannt auf den Kampf Frau gegen Frau. Und nein, nicht im Schlammringformat, halbnackt und dreckbesudelt, sondern anständig bekleidet im Cholitastil. Doch es kam etwas anders. Denn es „kämpften“ nicht Frau gegen Frau, sondern Mann gegen Frau. Und es ging ziemlich zur Sache. Plastikstühle und Holzpaletten wurden auf Köpfen zertrümmert, die metallene Ringbegrenzung miteinbezogen und so lange durch die Luft gewirbelt, bis doch tatsächlich ein Ringer mit blutüberströmten Gesicht ausscheiden musste. Am Ende gewannen aber Yolanda und Jennifer gegen ihre männlichen Kollegen und die johlende Menge war versöhnt.

Wir hatten drei verrückte Tage in La Paz und freuen uns nun auf Coroico, das Idyll in den subtropischen Yungas, drei Stunden nördlich gen Amazonas.