Im Land der Riesenarsch-Ameisen.

30 07 2009

Ort: Bucaramanga, San Gil, Barichara (COL)
Zeitunterschied: -7 Std. MEZ
Wetter: angenehm

Eigentlich wollten wir von Taganga über Santa Marta direkt nach San Gil durchfahren. Nach 10 Stunden Fahrt war es aber schon spät und in Bucaramanga wurde Zwischenstop gemacht. Das Industriezentrum hat nicht wirklich viel zu bieten, was Industriezentren wohl so an sich haben. Highlight für uns waren die nächtlichen Temperaturen um die 17 Grad und ein Ausflug ins koloniale Girón, das einen ersten Vorgeschmack auf die kommenden Dörfer sein sollte. Dort war mal wieder eine Rasur fällig. Nicht ganz so stilvoll und old school wie in Quito aber Hauptsache Bart kurz. Der Nachteil an einer Elektrorasur ist allerdings, dass man Strom braucht (wenn man nicht gerade so ein neumodisches Ding mit Akku hat). Und genau der fiel in der Mitte, sprich nachdem die rechte Gesichtshälfte gerade geschoren war, aus. Auf unbestimmte Zeit. Super. Naja, alles halb so schlimm, nach 15 Minuten brummte der Rasierer wieder.

Nach zwei unspektakulären Tagen ging es weiter ins Abenteuersport-Mekka San Gil. Hier gibt es unzählige Möglichkeiten sich einen Adrenalinschub zu verschaffen, wie z.B. Rafting, Abseiling (das heißt wirklich so) oder auch Rapelling, wo man sich in einem Wasserfall abseilen lassen kann. Und uns stand nach den kräfteraubenden Tagen in der Karibik genau danach der Sinn. So wurde das Aufregendste was wir in den folgenden drei Tagen angestellt haben, ein Ausflug in den botanischen Garten, der aber wirklich eine Oase der Erholung war.

Der Garten war liebevoll mit blühenden Helikonien bepflanzt, riesige Ceibabäume spendeten den ersehnten Schatten und an ihren Ästen wuchsen lamettaartige Tillandsien, die wie Bärte alter Männer herunter hingen. Man konnte gemütlich einen Tinto (schwarzer Kaffee, Anm. d. Red.) trinken oder geröstete Riesenarsch-Ameisen essen. Was? Riesenarsch-Ameisen? Ja, richtig gelesen. „Hormigas Culonas“ sind Ameisen mit einem stark vergrößerten Wanst, eine kulinarische Spezialität aus der Region und geröstet, gesalzen und wie Nüsse als Snack zu einem kalten Bier gegessen. Geschmacklich erinnerten sie mich doch an die ebenso gerösteten Heuschrecken (Chapulines, Anm. d. Red.), die ich schon aus meiner Zeit aus Mexiko kannte. Dina ist nach Meerschweichen und Froschschenkeln weiterhin sehr nachsichtig mit mir, wenn auch angewidert.

Und nur 45 Minuten von San Gil, in Barichara, sollte eine noch größere Offenbarung auf mich warten. Im Restaurant „Color de Hormiga“ wird nämlich mit den Riesenarsch-Ameisen gekocht. Vornehmlich in Soßen, zu Rind oder Huhn. Doch Schockschwerenot, die Ameisen wanderten nur am Wochenende in den Topf, unter der Woche ist geschlossen und wir an einem Dienstag im Dorf.

Nichtsdestotrotz war Barichara eine Reise wert. Es wurde wiederholt zum schönsten Dorf Kolumbiens gewählt. So richtig Bilderbuch mit gepflasterten Straßen, 300 Jahre alten Häusern mit vorbildlichen kolonialem Weißanstrich, in allen Rottönen schimmernde Dachziegel aus Ton, einer Kirche am Marktplatz und alles muy tranquilo.

Aber es gibt auch deutsche Spuren in der Region. Geo von Lengerke, Großgrundbesitzer und gebürtig aus dem Königreich Hannover, gilt trotz vieler Schweinereien heute noch als Volksheld. Er hatte im 19. Jahrhundert u.A. einen Weg mit Naturstein angelegt, der Barichara mit dem kleinen Kaff Guane verbindet und für die lokale Bevölkerung somit die Anbindung zur Außenwelt erleichtert hatte. Und genau dieser Weg führte uns 1,5 Stunden durch fast menschenleeres Gelände, bevor wir auf dem Marktplatz von Guane mit dem 10 Häusern ankamen. Bekannt ist die Region für Sabajón, einem Zimteierlikör, die Guane Kultur und die zahlreichen Fossilien, vornehmlich Ammoniten, eine Art Kopffüßer. Wir also vorbildlich Likör gekauft, Kultur bewundert und Museum besucht. Das ganze Programm locker in 50 Minuten absolviert.

Und wenn nicht alle Riesenarsch-Ameisen gegessen worden sind, dann leben sie noch heute.

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Auf der Mauer, auf der Lauer…

24 03 2009

Ort: Chonchi, Insel Chiloé (CHL)
Zeitunterschied: MEZ -5 Std.
Wetter: feucht mit vereinzelt Sonne

2007 hat das Magazin „National Geographic Traveller“ mit Hilfe einer Jury aus Fachleuten ein Ranking von 111 Inselparadiesen gemacht. Chiloé, Chiles zweitgrößte Insel und südlich von Puerto Montt gelegen, erreichte dabei den dritten Platz. Bekannt ist die Insel vor allem durch die zahlreichen Holzkirchen, die mittlerweile UNESCO Kulturerbe sind. Darüberhinaus findet man auch immer wieder die Palafitos (Pfahlbauten, Anm. d. Red.) in tollen Tourismusbröschüren. Also erschien die kleine Inselwelt eine Reise wert.

Chiloé war lange ein isoliertes Eiland, dass es nicht am Wohlstand der Seenregion auf dem Festland weiter nördlich teilhaben ließ. Die Städte wie Ancud oder auch die Hauptstadt Castro sind ziemlich heruntergekommen und nicht weiter ansehnlich. Es gibt viel Arbeitslosigkeit, da sowohl Tourismus als auch die Fischerei Saisonarbeit sind.

Untergekommen sind wir in der Hospedaje Mirador in Chonchi, einem beschaulichen Küstendorf in der Landesmitte – natürlich mit Holzkirche. Und bisher hatten wir ja auch nicht viel Kontakt mit der Tierwelt Chiles, doch das sollte sich ändern. Hm, was für exotische Tierchen könnten uns wohl begegnet sein? Bettwanzen. Der Mensch zählt zu den Hauptwirtsgruppen dieser kleinen nachtaktiven Racker und das konnten wir am eigene Leibe erfahren. Etwa 20 Wanzenstiche zierten meinen geschundenen Körper, die sich in wunderbar juckende Quaddeln verwandelten und ein schönes Andenken an die Insel waren. Manchmal zahlt es sich aus getrennte Betten und ein glückliches Händchen bei der Wahl des selben zu haben, denn Dina war komplett verschont geblieben. Meine Theorie war eher, dass Dina einfach ungenießbar sei. Okay, zumindest für Wanzengeschmäcker.

Doch die eigentlich Schönheit Chiloés liegt nicht in der Fauna, sondern in der schönen Pflanzenwelt. Und das vor allem an der Westküste. Das extrem feuchte Pazifikküstenklima läßt die Insel immergrün erscheinen und hat eine einzigartige Vegetation entwickeln lassen. Im Nationalpark Chiloé konnten wir auf dem Tepual Lehrpfad wandeln und den Urwald der Insel kennenlernen sowie 20 Km Küste mit unzähligen Muscheln und Krabbenpanzern bestaunen. Kolibris laben sich an Fuchsien, es wächst vielerorts eine Art Riesenrhabarber und wir konnten uns an den Unmassen an Wildbrombeeren erquicken. Eine wahre Pracht.

Wenn wir nochmal auf die Insel gehen würden, dann direkt durch bis an die Westküste, wo kleine Orte wie Cucao oder das etwas weiter im Landesinneren an einem schönen See gelegene Huillinco eine gute Ausgangsbasis für Exkursionen in die Natur bieten. Im Parador Darwin, einem Hostal mit Restaurant in Chaquin bei Cucao, betrieben von Susi aus dem Schwabenland, die vor 16 Jahren auf die Insel kam, haben wir wertvolle Tipps bekommen und so ging es entlang der Küste in die einzigartige und gleichsam einsame Landschaft der Berge Rahues. Hat Hemingway von den grünen Hügel Afrikas geschwärmt, können wir das von den mindestens ebenso schönen Hügeln Chiloés tun. Auf dem Weg dorthin wurden wir von Goldwäschern mitgenommen, konnten Fossilien am Strand finden und die Einsamkeit genießen. Die Loberia, einem Küstenabschnitt, wo sich zahlreiche Robben tummeln, konnten wir aus Zeitgründen zwar nicht mehr aufsuchen, aber allein der halbe Weg dorthin war einmalig.

Ach und wir haben unsere ersten Reitversuche getätigt. Meine bisherige Erfahrungen beschränkte sich bisher auf Yul Brunner in „Die Glorreichen Sieben“ zu beobachten, Dina hatte zumindest schon mal ein Pferd gesehen. Naja, der Pferdebesitzer vertraute uns zwei Ahnungslosen zwei Gäule an, die mit viel Schmeichelei als Pferd durchgehen konnten, wohl aber eher die Bezeichnung Pony verdient hatten. Eigentlich hatten wir ja gedacht, dass man uns die zwei Vierbeiner nicht allein überlässt, sondern der Besitzer uns begleiten wird, was dann aber nicht der Fall war. Und Dinas Stute, die Princesa hieß und sich auch wie eine Prinzessin aufführte, war dann nicht sonderlich angetan, sich in irgendeiner Art fortzubewegen und wenn dann eher rück- als vorwärts oder direkt zum Fressen an die Seite. Da Princesa ihren eigenen Willen hatte und partout nicht zum Strand wollte, war die Tour schon nach 40 Minuten vorbei. Und da sagt nochmal jemand, das Leben sei kein Ponyhof.

Mit den Wanzenstichen im Gepäck ging es nun weiter mit dem Flieger von Puerto Montt in die Hauptstadt Chiles wo wir sechs Nächte verweilen werden. Aus der Natur in den Moloch Santiago mit seinen fünf Millionen Einwohnern.