Ein Loch im Sand und faule Eier in der Luft.

15 12 2009

Ort: Von Coromandel nach Rotorua (NZ)
Zeitunterschied: +12 Std. MEZ
Wetter: Sonne, Regen, Schwefel

Nach zwei unterhaltsamen Tagen bei Lozo ging es dann endgültig raus aus Auckland und gen Osten, der Halbinsel namens Coromandel entgegen. Wir tuckerten schön auf dem Pacific Ocean Highway entlang der Küste und genossen die Aussicht. Coromandel gilt noch als recht unberührt und ist noch mit reichlich Wald ausgestattet. Doch vor allem die Strecke entlang der schroffen Westküste wusste zu begeistern. Die See peitscht, die Straße schlängelt sich durch kleine Ortschaften und urige Pohutukawa-Bäume säumen den Wegesrand. Alles in allem also schön entspannt, einfach etwas Natur gucken und die Szenerie genießen.

In Coromandel Town gab es dann frischen geräucherten Fisch. Leider auch nur geräuchert, da es dort neuseeländischen Fischern nicht gestattet ist, Fisch direkt vom Boot bzw. vom Hafen aus zu verkaufen, wie es in Australien noch üblich war.

Auf der Schotterpiste bis hoch nach Port Jackson waren wir dann die so gut wie Einzigen und auf der DoC Campsite vor Ort wurde mit Schwebedeckel (Ostdeutsch für Frisbee, Anm. d. Red.) und Federball relaxed.

Eigentlich wollten wir dann ein Stück auf dem Coromandel Coastal Walkway wandern, allerdings machte uns das Wetter einen Strich durch die Rechnung, denn es windete nicht nur wie an besten patagonischen Tagen, sondern die Himmelsschleusen öffneten sich und es ergoß sich wie aus Kübeln. Dafür war dann aber die Fahrt auf Schotterpiste durch Regen und Dunst ein Erlebnis.

Also nichts wie weg und ab an die mildere Ostküste. So richtig war der Sommer noch nicht angekommen aber es war vertretbar bei der Cathedral Cove mal ins Wasser zu springen. Der ausgespülte Felsdurchgang hatte zwar mit einer Kathedrale recht wenig zu tun, doch „Way through cove“ schien wohl nicht das Potential zu haben, viele Touristen anzuziehen.

Das eigentliche Highlight der Ostküste Coromandels ist aber Hot Water Beach. Die Halbinsel ist vulkanischen Ursprungs und es findet sich 2 Km unter dem populären Hot Water Beach noch immer Magma, die sich zwar abkühlt aber immer noch 170°C heiß ist. Diese Magma erhitzt versickerndes Grundwasser und lässt dieses etwa 60°C als heiße Quellen direkt am Strand erspringen. Wir mussten also nur noch ein flaches Loch zwei Stunden vor oder nach Ebbe im Wattbereich graben. Es war verdammt viel los am Strand und jeder wollte sich seinen eigenen heißen Whirlpool buddeln. Wir hatten Glück und erbten den Pool von zwei Slowaken, doch es hieß ständig nachbessern und Poolmauern sichern. Trotzdem sehr relaxed, obwohl man aufpassen musste, nicht zu nah an der heißen Quelle zu buddeln. Aua, heiß.

Die Dusche danach wurde direkt am Strand genommen. Zurzeit ist das Leben on-the-road schon etwas Hippie-mäßig. Caravanparks oder Campsites sehen wir selten oder gar nicht, Dusche gibt’s entweder kalt, in Flüssen oder Seen oder pipiwarm mit unserer Solardusche, geparkt wird oft auch auf Feldwegen, Rast- oder Picknickplätzen. Mir sind die Haare lang gewachsen und ein 12 Tage Bart. Janis Joplin und The Doors im Radio. Und Rosarka verpestet die Luft mit Dieselabgasen. Jaja, damals dachten wir, wir könnten die Welt verändern.

Und dann Rotorua. Die Stadt die man riechen kann. Überall muckert es nach faulen Eiern. Wat is da denn los, wird der interessierte Bürger fragen? Geothermische Aktivitäten. Mit lecker Schwefelgeruch rund um die Uhr. Wo aber Geothermie, da auch Thermalbäder. Und so sind wir für ein paar Stunden im Polynesian Spa verschwunden und haben die sieben Outdoor-Pools mit Seeblick genossen. Die Temperatur rangierte von 38°-42°C und selbst die Gesichtshaut fühlte sich danach an, als hätte man einen Baby-Popo ins Gesicht verpflanzt bekommen. Ach wat schön.

Zu Hell’s Gate ging es dann auch noch. Naja, als George Bernhard Shaw im frühen 19. Jahrhundert mal in der Gegend um Rotorua war, hatte sich der bekennende Atheist, so vor den brodelnden Schlammlöchern ins Hemd gemacht, dass er es Tor zur Hölle nannte und danach doch glatt zur Religion übergetreten ist. Wir haben dafür mineralhaltigen Schlamm gegessen und die Feuchtigkeit aus Lehm gepresst, so dass man danach nicht nur weiße Pantomime-Hände hatte, sondern diese auch noch seidig-zart wurden.

Und als vorbildlich interessierte Besucher Neuseelands wollten wir dann etwas tiefer in die Maori-Kultur eintauchen. Bräuche und Sitten kennenlernen, ein Versammlungshaus schnitzen, ein Tattoo über’s ganze Gesicht machen lassen oder einen Kiwi-Vogel auf den Grill tun. Maori-Alltag eben. Und Rotorua ist bekannt für sogenante Maori Village Touren. Wir also hin, die Tour von Tamaki gewählt und uns wurde ein authentisches Erlebnis versprochen. Den anderen 200 Touristen leider auch. Im nachgebauten Maori-Disneyland gab es dann eine Begrüßungszeremonie, der wir in der zweiten Reihen beiwohnen durften. Ganze 15 Minuten hatte man dann für das „Dorf“ selber, bevor man in ein Versammlungshaus getrieben wurde, wo dann ein Konzert und eine Haka aufgeführt wurde. Ein weiterer Bestandteil sollte dann ein Hangi sein, ein warmes Erdofen-Essen. Vor dem Restaurant war zwar ein Hangi nachgebaut, doch der diente wohl nur zu Demonstrationszwecken, da das Essen schön ordentlich in klassischen Catering-Kübel kam. Da gab es dann auch ganz typische Maoriküche wie Lammbraten mit Minzsoße und Hühnchenbrust. Alles in allem recht enttäuschend aber „Kultur“ von tanzenden Grimassenschneidern mit Gesichtstattoo-Fake funktioniert nun mal gut als Gelddruckmaschine.

Dann wurde der Lady Knox Geysir im Wai-O-Tapu Geothermal Wonderland als must-do angekündigt. Pünktlich jeden Morgen 10:15 Uhr bricht er aus, wurde uns angekündigt. Hui, wir waren beeindruckt. Ein pünktlicher Geysir! Wie das denn? Was verursacht denn die Eruption? Und wie ist das mit der Zeitumstellung? Und überhaupt? In Nordamerika soll es ja durchaus Geysire geben, die jeden Tag zu einer ganz bestimmten Zeit ausbrechen. Wir waren also gespannt. Und dann nur noch enttäuscht. Alles Fake, alles inszeniert, alles schön als erste Etappe für die Touribusse konzipiert. Unter dem Lady Knox Geysir liegen zwei verschieden heiße Wassermassen und wenn die Oberflächenspannung des kühleren Wassers bricht, vermischen sich beide und es entsteht Dampf, der sich als Geysir-Fontäne entlädt. Doch das passiert nicht nach einem genauen Zeitplan, sondern in einem Intervall von 24 bis 72 Stunden. Wir saßen also wie im Kino vor dem Geysir mit der ganzen Meute und warteten, dass es 10:15 Uhr wurde. Und dann kam ein Typ vom Wunderland und packt doch allen Ernstes zwei Stück Seife in den Geysir, um die Oberflächenspannung des Wassers zu brechen. Naturgewalt mit Kippschalter. Buuuuuuuuuuuh, Nepper, Schlepper, Tourifänger.

Na wenigstens war das Wai-O-Tapu Wunderland dann echt und wir konnten allerlei geothermische Aktivität an brodelnden Löchern bestaunen. Verschiedene Mineralien und Bakterien verleihen den heißen Pools zudem noch eine schillernde Farbenpracht. Schwefel sieht so aus, wie er riecht, gallig-gelb, Orpiment zaubert ein schönes giftgrün, Permaganat sorgt für purpur und rot und braun entsteht durch Eisenoxide. Lecker Schlammtümpel.

Ach, Couchsurfen waren wir mal wieder. Dieses Mal bei Lorraine Turner, einer Dame älteren Semesters, die mit Mann, 2 Pferden, Schafen und allerlei anderem Getier vor den Toren Rotoruas residierte. Und wie der Zufall so wollte, haben wir die Monkeys und Sebastian in der Stadt wieder getroffen und wir haben zusammen im Hause Turner einen geselligen Abend mit gutem Curry und Vino verbracht. Wir haben uns gefreut.

Und rubbeldiekatz, war schon wieder eine Woche vorbei. Die nächste Station sollte Taupo und der Tongariro Nationalpark sein.





Weiße Wüsten und farbige Lagunen.

24 04 2009

Ort: Südwestbolivien (Potosí Provinz)
Zeitunterschied: -6 Std. MEZ
Wetter: Heiter bis staubig

Ostermontag ging’s los. Sollte es zumindest. Denn es gab kleine Verzögerungen wie kein Wasser und auch kein Benzin in ganz Tupiza. In der Nacht hatte es auch schon nach starkem Regen unser Dach durchweicht und uns ein schönes Loch mit tropfenden Wasser in die Decke gezaubert. Irgendwie war das das Bolivien, das wir uns vorgestellt hatten.

Nach eigentlich nicht nennenswerter Verspätung von 1,5 Stunden ging es dann aber wirklich los. Mit uns im Jeep, der Marke Toyota Landcruiser, waren noch zwei andere Erstweltbewohner, nämlich Kate und Mark aus Brisbane, Australien, dann unsere Köchin Delizia, was man wohlwollend von delicioso also köstlich ableiten kann und schlußendlich Juan Carlos, unser Fahrer, Guide und Mädchen für alles. Darüberhinaus begleitete uns ein weiterer Jeep, der mit zwei Londonern und einer Irin sowie einem Neuseeländer bestückt war. Es stellte sich schnell heraus, dass wir die einzigen der spanischen Sprache mächtig waren. Gebürtige Englischsprachler, die wir in den letzten 12 Wochen getroffen haben, verlassen sich oft auf die tolle Weltsprache und ihre Spanischkenntnisse sind oftmals shocking. So wurde z.B. auf ein herzhaftes „Buon Provecho“ („Guten Appetit“, Anm. d. Red.) ein freudestrahlendes „Buenos dias“ („Guten Tag“, Anm. d. Red.) geantwortet. Ihr oftmals hilfloses Gestammel sorgte doch für den ein oder anderen Schmunzler.

Hier ein kleiner Nationalitätenexkurs: Also zuerst mal sind 90% der Leute, die man in Hostels oder immer mal wieder in der Stadt oder auf Touren trifft, Langzeitreisende, die mindestens drei Monate in Südamerika unterwegs sind. Am dominantesten vertreten sind Briten, da in UK ein sogenanntes Gap Year recht populär ist. Man trifft aber auch viele Holländer und Franzosen, immer mal wieder Skandinavier oder Leute von Down Under. Deutsche? Sehr sporadisch. Und dann sind da noch die Israelis, die nach ihrem mehrjährigen Wehrdienst (drei Jahre für Männer, zwei für Frauen) durch Südamerika marodieren. Zumeist in Gruppen, seltener einzeln unterwegs benehmen sie sich wie die Axt im Wald. Wenig Anstand, laut, aufdringlich, ignorant, arrogant, unverschämt. Und das interessante ist, dass diese Meinung von vielen nicht-isrealischen Reisenden geteilt und von Einheimischen ebenfalls bestätigt wird. Israelis wollen immer alles, schnell und billig. Qualität spielt meist eine untergeordnete Rolle. Berichtet wurde u.a. auch von „No Isrealis“ Schildern an Hostels in Nepal. Nichtsdestotrotz sind alleinreisende Israelis nicht dem Gruppengehabe unterlegen und weitaus offener und kontaktfreudiger. Trotzdem, wenn man bedenkt, dass in Südamerika bis zu 100.000 Israelis pro Jahr unterwegs sein sollen, kann man sich kaum schlechtere Botschafter für’s eigene Volk vorstellen. Aber Imageprobleme hatte Israel ja noch nie.

Doch zurück nach Bolivien. Den ersten Tag ging es von Tupiza ins Hochplateau oder auch Altiplano, wie es hier von den Einheimischen liebevoll genannt wird. Es wurde eine neue Strecke befahren, man sollte aber nicht dem Trugschluß erlegen sein, dass neu auch gut bedeutet. Nein im Gegenteil, der Weg war holprig und auf verschlungenen Pfaden. Aber es gab Lamas (domestiziertes Nutztier) und Vicuñas (wildes, elegantes Andentier, begehrte Wolle) zu sehen, hier und da sprang ein Vizcacha, eine Art Andenhase, der mit seinem langen Schwanz wie eine Mischung aus Feldhase und Eichhörnchen erscheint, über den Weg und mächtige Kondore zogen ihre Kreise. Nach mehreren Stunden umfangreichen Bestaunens der Landschaft waren wir in unserer ersten Behausung in einem kleinen Kaff namens Kollpani angekommen. Und wenn ich Kaff sage, dann meine ich Kaff. Nicht so wie Hoyerswerda, sondern ohne fließendes Wasser und Strom nur mit Hilfe eines Generators von 19 – 22 Uhr. Die Matratzen waren auf massiven Betonblöcken gebettet, das Dach war aus Wellblech und es war bitterkalt. Naja so um die 3 Grad Celsius. Besonders für die Australier schockierend, da sie Brisbanes Winter mit Minimaltemperaturen von etwa 15 Grad gewohnt waren. Das Essen war dagegen umso besser und mit voller Plautze ging es in die warmen Daunenschlafsäcke.

Der zweite Tag brachte Lagunen und Flamingos und noch mehr Lagunen mit Flamingos. Durch verschiedene Sedimentablagerungen und Mineralien schimmern diese in verschiedenen Farbtönen und haben so auch ihre Namen bekommen. Grüne Lagune, blaue Lagune, gelbe Lagune, usw. Toll. Es konnte zudem in 35 Grad warmen Quellen gebadet werden, wo mich die bolivianische Klofrau über den Tisch ziehen wollte und die Wüste von Dalí bestaunt werden, deren Name sich von den bizarren Felsformationen ableitet. Highlight des Tages aber waren die heißen Geysire auf 5.000 m Höhe, die recht aktiv vor sich hin brodelten und einen lieblichen Geruch von faulenden Eiern verbreiteten. Dann wieder essen, wieder nicht duschen, schlafen.

Tag drei ging zunächst durch die Wüste Siloli und wir konnten den Arbol de Piedra (Baum aus Stein, Anm. d. Red.) auf Photos und in unseren Herzen verewigen. Dann wieder mit dem Jeep weiter gen Norden zum kleinen Salzsee Chiguana, der uns mit Fata Morganas verblüffen konnte. Der Horizont schien deutlich einen See, wenn nicht einen Ozean, zu zeigen, doch dann fiel es uns wieder ein: Trockenzeit, Binnenland, Salzsee. Mutter Natur hatte uns ein Schnippchen geschlagen. Der letzte Abend wurde dann fein in einem Hostel ganz aus Salz verbracht. Wände, Betten, Tische, Hocker – alles aus Salzblöcken. Und endlich auch eine Dusche mit warmen Wasser. Naja so eher: heiß, kalt, heiß, kalt. Es war verdammt staubig die letzten Tage und die Dusche trotzdem ein Segen. Und nein, es war kein Salzwasser.

Der letzte Tag der Tour führte dann noch vor Sonnenaufgang zum Salar de Uyuni, dem größten Salzsee der Welt, wo man die Erdkrümmung am Horizont erkennen kann. Etwa 160 Km im Durchmesser und in der Trockenzeit mit salinen Kachelmustern bestückt, die das aufsteigende weil verdunstende Wasser formiert. Wie zu erwarten ging dann die Sonne auf. Allerdings unerwartet haben wir eine Insel namens Incahuasi mit Riesenkakteen bewachsen mitten auf dem Salzsee vorgefunden. Dann ne Menge Blödsinnsphotos gemacht, ein altes Salzhotel besucht, Menschen beim Salz schöpfen beobachtet und die Tour in der kleinen, dreckigen Stadt Uyuni beendet. Und eigentlich wäre es ein leichtes gewesen uns mit Brot und Salz zu empfangen, doch die Zeichen standen eher auf Magen-Darm-Viren. Das unschöne Ende einer schönen Tour.

In den vier Tagen hat uns ein vielfältiges Hochplateau mit Wüsten und Lagunen, bizarren Steinformationen und Geysiren so manches Ooooh und Aaaah entlockt. Es war fein. Und ja, wir würden es wieder tun. Doch es muss immer weiter gehen. Und zwar nach Sucre, der verfassungsrechtlichen Hauptstadt Boliviens. Doch das ist eine andere Geschichte.