No Fast Moves.

12 09 2009

Ort: Agnes Water & 1770 (AUS)
Zeitunterschied: +8 Std. MEZ
Wetter: Strandwetter

Nach Fraser Island und Wale glotzen wollten wir einfach ein paar Tage in Agnes Water bzw. im nur 7 Km entfernten Town of 1770 relaxen. 1770 wurde nach dem Jahr benannt, in dem James Cook als erster weißer Mann Australien betrat. Und der erste Eindruck muss nicht schlecht gewesen sein. Viel grün, malerische Sandbänke und einsame Buchten. Interessanterweise ist das auch heute noch so. In 1770 wohnen permanent nur 30 Leute, es gibt ein paar Ferienhäuser zu mieten und eine kleine Marina. Als Rucksackreisender steigt man aber in den bezahlbaren Unterkünften in Agnes Water ab. Dort gibt es sogar ein paar mehr Einwohner, eine große Bar mit Drive-Through Schnapsladen gleich nebenan und immerhin zwei Supermärkte, aber ansonsten passiert auch dort nicht viel. No Fast Moves (Keine schnellen Bewegungen, Anm. d. Red.) heißt die Maxime und es hält sich eigentlich auch jeder dran. Entspannung pur also. Dachten wir zumindest.

Wir hatten vor vier Nächte im Hostel mit dem uncoolen Namen „Cool Bananas“ einzuchecken, um ein paar lauschige Tage zu verbringen. Das Hostel war zu 90% von deutschen Abiturienten belegt, die noch schnell die Möglichkeit nutzen wollten ins Ausland zu gehen, da man ja während oder nach des Studiums nicht mehr die Möglichkeit haben wird. Gaaaaaaanz, genau. Das sorgte für Schmunzler.

Was nicht für Schmunzler sorgte, war die Tatsache, dass der Reinigungstrupp 4:30 Uhr, das ist halb fünf nachts, mit den Arbeiten begann. Die plausible Begründung war, man wolle doch die geschätzten Gäste nicht mit der Anwesenheit des Personals verschrecken und bis 6 Uhr morgens alles fertig haben. Die Idee, dass man dadurch den Nachtschlaf der Kundschaft stören könnte, lag offensichtlich nicht auf der Hand. Auch auf Nachfrage bei der unfreundlichen Reinigungskraft, bekam man in herrlich patzigem Ton zu hören, dass wenn man schlafen wolle, sich doch ein Hotel suchen möchte. Das hier sei nämlich ein Hostel. Ach, das war uns dann doch neu. Wir hatten eigentlich schon damit gerechnet, dass wir in dem Gebäude mit den Betten auch übernachten könnten. So richtig mit: „Licht aus, kalinixta!“ (für unsere nicht-griechischen Freunde, kalinixta heißt schlicht und einfach Gute Nacht!, Anm. d. Red.). Wir haben uns dann den Ratschlag der netten Dame zu Herzen genommen und sind am nächsten Morgen ausgezogen und haben für die nächsten zwei Nächte im Beachside Backpacker eingecheckt. Dort konnten wir dann allerdings auch nicht unseren Schönheitsschlaf finden, da wir einen schnarchenden Iren als Zimmerkollegen hatten, der wirklich in jeder nur erdenklichen Position unangenehme Geräusche von sich geben konnte.

Naja umgezogen und ab an den Strand, schön in die Wellen springen. Agnes Water ist der letzte Stop gen Norden, wo man noch surfen kann. Weiter nördlich schirmt das über 2.000 Km lange Barriere Riff jede ernsthafte Wellenbewegung in Strandnähe ab und macht somit seinem Namen alle Ehre. Der zweistündige Surfkurs war mit AU$22 schweinebillig und damit wären es nur noch 9.996 Stunden bis zu einem sorgenfreien Profisurfer-Leben mit Piña Coladas und sonnenverwöhnter Haut – ganzjährig.

Aber dieses Australien, irgendwie lässt sich dieser Kontinent immer wieder was neues einfallen. Dieses Mal hatten sie einen großen, scharfkantigen Steinblock so im Wasser drapiert, dass es für unbeschwerte deutsche Besucher nicht zu erkennen war. Dafür aber zu spüren. All das ganze Blut! Naja, es hat zwar erst etwas geblutet aber so schlimm war der Schnitt über dem linken Knie dann doch nicht. Allerdings unangenehm genug, dass es mit dem surfen nichts wurde. Schnief. Dafür sind wir Kayak auf dem Meer gefahren und sind auf den Wellen in der Sonnenuntergang gesurft.

Was noch? Rumgewandert, die lokale Kneipe besucht, Pelikanattacke überlebt, am Strand abgehangen, am Strand gelesen und nochmal am Strand gewesen. Strand ist so ziemlich bei allen Aktivitäten an der Ostküste involviert und wir freuen uns auf die feuchten Tropen im Norden.

Es gibt darüberhinaus ein paar neue Meilensteine im Reiseplan zu vermelden. Am 20.09. fliegen wir von Cairns nach Darwin, wo wir uns den Kakadu NP anschauen wollen, um dann am 29.09. weiter nach Melbourne zu reisen. So sieht das nämlich aus.

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Spaß im Sandkasten.

7 09 2009

Ort: Hervey Bay, Fraser Island (AUS)
Zeitunterschied: +8 Std. MEZ
Wetter: Sonnig mit steifer Brise

Nach unserer Ankunft in Sydney befanden wir uns durch den Preis- und Kulturschock wohl in einem Zustand der zeitweiligen geistigen Umnachtung, denn anders kann man nicht erklären, warum wir so dämlich waren und uns ein Tourpaket für Fraser Island und die Whitsundays aufschwatzen ließen. Beide Orte seien Pflichtprogramm auf einem Ostküstentrip und die Tussi von Wicked Travel versicherte uns, dass beide Touren vor Ort teurer wären und wir noch einen saftigen Rabatt bekommen würden. Dazu wurden uns diverse Hostelgutscheine im Wert von AU$400 als Bonus oben drauf gelegt und ein 2-Tagestrip ins Hunter Valley zur Weinverkostung für lau.

Und dann haben wir mal dieses Internet bemüht und einige interessante Infos zu den Touren und den Hostels gefunden. Am besten haben uns die Hostelbewertungen bei Trip Advisor und anderen Plattformen gefallen. Da wurde in den höchsten Tönen geschwärmt: „Dreckloch, dass nach Füßen von 15-jährigen Jungs stinkt“, „nur im absoluten Notfall beziehen“ oder mein Favorit „in dem Bad würde ich nicht mal meinen Hund waschen“. Die Hostelgutscheine verdienten also das Prädikat „wertlos“. Was auch nicht ganz so schlimm war, denn wir mussten da ja auch nicht einchecken. Außer eben vor dem Fraser Island Trip, den man in der Regel von Hervey Bay aus startet.

Wir hatten also eine Selbstfahrer-Tour auf der größten Sandinsel der Welt gebucht. Die 90 Km lange Ostküste von Fraser Island ist ein einzige Autopiste aus Sand, die man mit einem Allradwagen selber befahren kann. Da man als Rucksackreisender aber selber eher selten einen Land Rover Defender im Gepäck hat, schnüren verschiedene Anbieter ein Paket inklusive Jeep, Ausrüstung und Fleischpaket vom Metzger. Das tolle Angebot beinhaltete auch eine Übernachtung vor und nach dem Ausflug im Koala Ressort in Hervey Bay. Das 6-Bett-Dorm stank nach Urin und zu den Flecken auf den Matratzen will ich mich nicht weiter äußern. Toll auch, dass man sich in einigen Hostels zusätzlich Bettlaken und Decke mieten muss. Unfassbar. Als wenn man sich im Restaurant noch zusätzlich den Teller und das Besteck entgeltlich ausleihen müsste. Nach dem nachmittäglichen Briefing hatten wir für einen Umzug keine Zeit mehr und es sollte am nächsten Morgen um 6:00 Uhr der Jeep bepackt werden und weitere Instruktionen folgen. Begleitet wurden wir von einer zweiten Gruppe. Geteiltes Leid ist eben doch halbes Leid.

Unsere Gruppe im elfsitzigen Toyota Landcruiser bestand aus vier nordirischen Medizinstudenten, 2 Taiwanesinnen und uns. Wir waren also nur zu acht und keine Ahnung, wie hier sonst 11 Leute mit Gepäck reingehen, die Karre war voll. Der Landcruiser hatte einen Dachaufbau in dem sämtliches Equipment verstaut und höchst unprofessionell durch poröse Gummiseile vorm herunterfallen „gesichert“ war. Das wussten wir aber erst, als wir mit der Fähre auf die Insel übergesetzt hatten und uns durch die mehr als knöcheltiefen Sandpisten im Inselinneren mühten. Als wir dann mal wieder anschieben mussten und der Toyota über die Huckel knallte, rissen die Gummiseile und die Kiste mit den Gasflaschen und dem Edelstahlgeschirr krachte auf die Sitze herunter. Das wäre sicher recht hässlich geworden, wenn wir im Jeep gesessen hätten. Es blieb mehr als ruppig und wir blieben zahlreiche Male im Sand stecken. Damien, einer unserer nordirischen Fahrer bemerkte hierzu treffend: „This is serious off-road shit!“ (frei übersetzt: „Das ist krasse Allrad-Scheiße“, Anm. d. Red.).

Und Scheiße war auch die Ausrüstung. Die Gangschaltung konnte nur mit Menschengewalt bewegt werden, der Grill triefte vor Fett, die rostigen Zeltstangen kapitulierten in der ersten Nacht dem starken Wind, so dass vier Leute nachts darauf im Jeep schlafen mussten und voller Freude dabei entdeckten, dass der Wagen Kakerlaken infiziert war. Einige unserer Mitfahrer hatten sich im Koalas Schlafsäcke gemietet und dafür eine Reinigungsgebühr von AU$10 bezahlt. Umso größer war die Freude, als einer von den Nordiren einen benutzten Mädchen-Pyjama in seinem Schlafsack entdeckte. Überhaupt war ein gesunder Schönheitsschlaf nur schwer zu bekommen, denn der Wind ließ die ganze Nacht Sand auf die Zeltplane prasseln oder ich musste nachts mehrmals raus und unser Schrottzelt wieder neu fixieren, damit wir nicht ins Meer geweht werden. Die undichten Kühlboxen leckten, was sich nicht so dramatisch anhören mag, allerdings war das nicht verpackte Eis mittlerweile geschmolzen und hatte sich zusammen mit den blutigen Fleischlappen unseres Metzgerpaket und zur Freude Dina’s auch mit ihrem einzigen vegetarischen Burger vermengt und bildete eine schöne lauwarme Blutlauge. Auch die zweite Kühlbox teilte ein ähnliches Schicksal, als sich die Butter im Eiswasser verselbständigte. Es gab auch keine Duschen oder Toiletten auf dem Zeltplatz. Was so schlimm auch nicht war, aber die Spackos von Koala Tours sagten uns noch am Vortag, wir sollten doch genug Kleingeld für die Duschen mitnehmen. Ach, lustig ist das Zigeunerleben, faria, faria, ho.

Die Insel haben wir dann aber auch besichtigt. Die Kombination Sand und Insel hörte sich nicht sonderlich lebensfreundlich an, umso erstaunlicher war die Erkenntnis, wie vielfältig das Leben auf der Landmasse doch ist. Eukalyptuswäler und Buschland, kristallklare Süßwasserseen wie Wabby, Birrabeen und Mc Kenzie, riesige Sanddünen, wild lebende Dingos, die ins Meer laufenden Flußarme und natürlich das maritime Leben um die Insel herum. Vom Indian Head konnte man gigantische Rochen anhand ihrer Schatten im Wasser erahnen, Buckelwale ziehen vorbei und an der Küste stehen unzählige Angler auf der Suche nach dem großen Fang. Wir hatten auch das Glück, genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein und Zeuge zu werden, wie ein 1,5 Meter langer Schaufelnasen-Hammerhai nahe des Maheno-Wracks nach einstündigem Kampf an Land gezogen werden konnte. Allerdings wurde dieser dann aber wieder ins heimatliche Meer gelassen, sonst hätte es auch ordentlich Ärger mit Dina gegeben.

Trotzdem waren alle froh nach den zwei Nächten wieder zurück in der Zivilisation zu sein. Wir verzichteten auch gern auf die zweite freie Nacht im Koala-Loch und zogen schnelltsmöglich ins The Friendly Hostel um, wo der Name Programm war und wir endlich den ersehnten Nachtschlaf nachholen konnten.

Ach und übrigens, die Tour hätte bei Koala direkt vor Ort kurzfristig etwa die Hälfte gekostet. Wicked Travel hatte uns dreist ins Gesicht gelogen. Uns voll verarscht. Deswegen heißen die auch ab heute (und die Redaktion lässt den rüden Ton entschuldigen) Wichser Travel.

Naja und weil Dina ja so gern in See sticht, ging es am Folgetag noch Wale schauen, denn Hervey Bay ist die selbsternannte Whale Watching Hauptstadt Australiens und Juli – September die Zeit, wo hunderte Buckelwale, die aus der kalten Antarktis kommen, in den wärmeren Gefilde an der Ostküste Australiens ihre Kälber zur Welt bringen.

Wir hatten das schnellste Boot gewählt, um den Ausflug kurz und schmerzlos zu gestalten. Wir hatten Wind aus Südwest und nach Aussage des Kapitäns die ungünstigste Windrichtung. Das hieß Seegang – und zwar richtig. Mit 40 Knoten heizten wir über den Ozean und verloren dabei einige Male die Wasserhaftung, um kurz danach mit wuchtigem Krachen hart auf den Wellen aufzuschlagen. Buckelwale gab’s dann tatsächlich zu sehen, wenn auch nicht so nah, wie wir es uns gewünscht hätten.

Interessante Zeiten also, hier an der Ostküste. Agnes Water und Town of 1770 unsere nächsten Stationen weiter entlang der Ostküste versprechen da schon entspanntere Tage.





No worries.

1 09 2009

Ort: Noosa (AUS)
Zeitunterschied: +8 Std. MEZ
Wetter: australisch winterlich

Noosa und Umgebung war nett. Die vielen bildhübschen Häuschen entlang des Flusses, wo sich Pelikane gierig die Fischreste der zahlreichen Angler schnappen; die vielen aneinander gereihten Strände und der wirklich schöne Wanderweg entlang der Küste im Noosa Nationalpark, wo neben Pandanus-Bäumen auch Brush Turkeys (Buschhuhn, Anm. d. Red.), eine beachtliche Waranart namens Goanna und allerlei anderes Getier beheimatet sind. Im 12 Km entfernten Eumundi konnten wir auf dem Mittwochsmarkt so verrückte Sachen wie Mango-Macadamia-Muffins und eine deutsche Wurstbude mit Knackwurst with Sauerkraut bestaunen. Man konnte sogar Pony reiten oder einen Drachen steigen lassen. Es war nett. Nicht spektakulär. Nur nett.

Was gab es bisher denn überhaupt Spektakuläres auf diesem fernen Kontinent? Landschaftlich war es bisher keine Offenbarung, da wir momentan entlang der Ostküste unterwegs sind. Und da gibt es eben vor allem Strände. Aber nach dem dritten „schönsten Strand Australiens“ ist ein Strand eben auch nur ein Strand. Bisher also keine Naturwunder.

Und kulturell? Eher dünn. Australien ist ein junges Land mit wenig sichtbarer Historie. Die hellhäutige Bevölkerung des fünften Kontinents mockiert ja zudem gerne mal, dass die Aboriginies ja nüschd geleistet hätten. Nüschd produziert, nüschd imposantes wie z.B. eine crazy Oper gebaut, nüschd entwickelt. Sie haben nur ein paar langweilige Felskrakeleien hinterlassen, dafür aber keine wirklich großartigen Zeugen der Geschichte wie z.B. die Pyramiden der Mayas oder die gigantischen Steinfiguren der Osterinsel. Noch nicht mal den großen roten Felsen namens Uluru haben sie selbst geschaffen. Den ganzen Tag nur aus Spaß Boomerang werfen und faulenzend Didgeridoomelodien hören.

Als dann der weiße Mann nach Australien kam und nur diese wilden Primitivlinge vorfand, wurde der Kontinent kurzerhand als Terra Nullius, als Niemandsland, deklariert und die britische Müllabfuhr brachte die Verurteilten aus den überfüllten Gefängnissen des verregneten Vereinigten Königreichs. Was sie dann selber in reichlich 200 Jahren auf die Beine gestellt haben ist eine Kultur, die vor allem Spaß auf der Fahne stehen hat. Symptomatisch dafür auch das allgegenwärtige „No worries“, was strikt übersetzt „Keine Sorgen“ heißt, hier aber kontextuell eher „Kein Problem“ bedeutet. Vormittags aufstehen, zum Strand gehen, um eine Runde zu surfen, später dann BBQ mit Freunden (das hier mit Barbie sogar einen liebevollen Spitznamen hat), abends im Pub beim Bierchen oder bei Rum aus Bundaberg ruppige Sportarten wie Aussie Rules oder Rugby schauen. Gern mal ein bißchen rumpöbeln und immer schön die Kanne am Hals. „No worries“ eben.

Okay, dachten wir also, Spaß ist ja prinzipiell eine feine Sache und mal gucken, warum diese Australier dieses Wellenreiten so cool finden. Die ersten Stehversuche auf einem Longboard gab’s in der Surfschule von Merrick Davis, einem wohl bekannten Profi. In den zwei Stunden Grundlagenarithmetik des Wellenreitens konnten wir dann sogar erste Erfolge verbuchen und uns auf ein paar schönen Anfängerwellen ein paar Meter tragen lassen. Und das fetzt schon. Ein wirklich erhabenes Gefühl auf dem Element Wasser zu reiten. Und nur noch 9.998 Stunden Übungszeit im Wasser, um ins Profilager aufzurücken.

Und zum Abschluß hat die Redaktion noch eine Anekdote aus dem immer spannenden Ressort: Hostels und ihre temporären Bewohner. In Südamerika erlaubte uns das Preisgefüge ja fast ohne Ausname, uns ein Doppelzimmer zu gönnen. Im teuren Australien leidet nun also die Privatsspäre aber vor allem unser Schönheitsschlaf, denn wir nächtigen immer öfter in Schlafsäalen mit mindestens noch zwei anderen Personen. Im Chillout Hostel in Noosa hatten wir zwei besonders schöne Erlebnisse, die uns drei schlaflose Nächte bereitet haben. Zuerst waren da Summer und Sunny, zwei 19-jährige Dumpfbacken, die sich selber ihre crazy Namen gegeben haben, wobei sich Sunny aus dem für Australier unaussprechlichen Sonia ableitete und Summer aus dem Namen Lisa Sommerlatt resultierte. Allein dieser Umstand bereitete Schmerzen im Unterleib. Noch mehr Freude brachten ihre Deutschlehrstunden, die sie einem aufgegabelten Australier gaben und wo geistreiche Alltagsfloskeln wie „Geile Möpse“ und andere schöne Worte aus dem Land der Dichter und Denker übermittelt wurden. Nie war ich stolzer auf zwei Landsmänninnen. Noch erquickender aber waren die nächtlichen Aktionen unseres Dorm-Mitbewohners Peter aus Südengland, der im Zweistundentakt anfing lauthals Dialoge mit einem imaginären Gesprächspartner zu führen und uns so jedes Mal sanft aus dem Schlaf weckte.





Urlaubsreif.

28 07 2009

Ort: Taganga & Tayrona Nationalpark (COL)
Zeitunterschied: -7 Std. MEZ
Wetter: 39° C, 1000% Luftfeuchtigkeit, 5 Liter Körpersaft

Taganga ist ein richtiges Backpacker-Nest, nur 5 Km von Santa Marta entfernt. Das erste Mal seit Bolivien trafen wir wieder mal auf Horden von Israelis, denn Taganga hat den Ruf die günstigsten Tauchkurse Südamerikas anzubieten. Und Party. Es war Wochenende, in der Casa Holanda unserer ersten Unterkunft, war Cocktail Happy Hour, es gab Live Musik nebenan, der Sangria wurde mit frischen Früchten gemixt und das alternative Volk wusste mit Jonglage zu unterhalten. Und Krach bis 5 Uhr morgens. Zudem kam dass der superliebe Holländer sich Hochsaisonpreise ausgedacht hatte und daher wechselten wir schon nach einer Nacht ins Hostel Techos Azules, mit einem sensationellen Blick auf die Bucht, wobei der Strand von den einheimischen Wochenendausflüglern nicht sonderlich sauber gehalten wurde.

Das kleine Fischerdorf gilt zudem auch als ein Startpunkt für den 5-tägigen Trek zur Ciudad Perdida (Die verlorene Stadt, Anm. d. Red.), einem der letzten großen Abenteuer in Südamerika oder auch für Ausflüge in den Tayrona Nationalpark, gleich nebenan. Der Park ist nach der alten Tayrona Kultur benannt, war lange Jahre das Schlachtfeld zwischen Guerilla und Paramilitärs und war blieb somit für den Tourismus relativ unerschlossen. Dadurch hat sich eine der schönsten Ecken des Kontinents erhalten und erst seit 2003 wird der Nationalpark als Touristenparadies vermarktet. Und doch, so ein bißchen wie im Garten Eden durften wir uns fühlen.

Mit dem Kleinbus ging es zunächst zum Parkeingang. Unverhofft war da auch ein Guide an Bord, denn wir hatten eigentlich nur den Transport nach Tayrona erworben. Frankie, el Abuelito (das Opachen, Anm. d. Red.), der wohl seit Jahren bei deutschen Touristen als „die graue Eminenz“ bekannt ist und den Ciudad Perdida Trek schon über 500x gemacht hat, fährt heute jeden Tag mit einer Handvoll Touris in den Park, verbringt dort ein paar Stunden am Strand und geht am gleich Tag wieder zurück. Doch die Anreise nach Cabo San Juan ist mühsam. Der Weg führte uns durch den tropischen Regenwald, bei mindestens 39 Grad im Schatten, die Luftfeuchtigkeit schien einen zu erschlagen und man schwitzte gefühlte fünf Liter Körpersaft aus. Zuerst ging es 45 Minuten nach Arrecifes, einer traumhaften Regenwaldkulisse direkt am Strand, wo allerdings die Meereströmung so stark ist, dass es immer wieder Leute schaffen trotz Badeverbot zu ertrinken. Daher ging es weitere 45 Minuten über riesige weiße Felsen, durch Palmenhaine hindurch nach Cabo San Juan. Wir hatten mindestens drei Übernachtungen geplant und uns ein Zelt mit zwei versifften Matratzen gemietet. Es gab frischen Fisch am Strand, der von Kokospalmen gesäumt war und man konnte sich im Wasser relativ gefahrenlos erfrischen – das war schon großes Tennis. Optisch ganz weit vorn. Und Dina hatte schon nach wenigen Minuten die sonnengebräunte Farbe eines Goldbroilers angenommen. Mmmmh, hier also ein paar Tage Pigmente haschen und dem süßen Nichtstun frönen.

Doch es kam alles anders. Am Abend haben wir uns nach dem Dinner eine kleine Süßspeise gegönnt. Kekse mit Creme. Kühl und trocken lagern stand da wohl drauf. Doch irgendwie wurde das wohl falsch verstanden, denn im kleinen Büdchen war es heiß und feucht. Und so haben uns genau diese Kekse eine schlaflose Nacht mit Brechdurchfall (übrigens ein sehr schönes Wort) beschert. Ich bin sicher, dass Adam und Eva oder auch ein islamischer Märtyrer, so weder das Paradies noch die 70 Jungfrauen genießen konnten. So entschieden wir uns schweren Herzens schon nach einer Nacht den Heimweg anzutreten und uns voller Elan, ohne Schlaf und Mahlzeiten, auf den schon beschriebenen leichten Spaziergang zurück zum Parkeingang zu machen. Die Option wäre eine 1-stündige Bootsfahrt in einer Nussschale mit ordentlich Seegang gewesen. Doch wer Dina kennt, weiß, dass das keine wirkliche Option war. Schon gar nicht in diesem Zustand. Also wieder 39 Grad, brachiale Luftfeuchtigkeit und fünf Liter Körpersaft. Ächz.

Vollkommen fertig mit dieser verdammten Karibik ging es zurück nach Taganga und am nächsten Tag gen Süden ins kühlere Landesinnere. Der Trek zur Ciudad Perdida hätte uns in der aktuellen Kondition mit Sicherheit das Genick gebrochen. Die Hitze macht einen fertig. Selbst Dinas südeuropäischen Gene vermochten den Temperaturen nicht standzuhalten, mir als gestandenen Mitteleuropäer entzog sich Schritt für Schritt die Energie. Wir sind urlaubsreif.





Kaffee mit Clint Eastwood.

17 07 2009

Ort: Salento (COL)
Zeitunterschied: -7 Std. MEZ
Wetter: Sonne mit Regen

Von Popayán ging es zunächst über kurvige Straßen ins Valle de Cauca mit dessen größter Stadt Cali, die neben dem berüchtigten Drogenkartell auch noch für Salsa bekannt ist. Doch Cali blieb nur eine Randnotiz, denn es sollte auf geradem Wege nach Armenia und dann nach Salento in der Eje Cafetera (Kaffeeachse, Anm. d Red.) gehen. Ähm, Armenia? Ja, bemerkenswert sind hier immer wieder exotische Städtenamen. Exotisch zumindest für Kolumbien, wie eben Armenia, das zum Gedenken an die Armenier, die dem türkischen Genozid zum Opfer gefallen sind, benannt wurde. Oder Städte wie Palestina, Nazareth, Montenegro…

Salento ist ein wichtiges Tourismuszentrum, am Wochenende strömen die Kolumbianer aus den umliegenden Städten in das sonst so verschlafene Dörfchen. Kein Wunder bei wieder einmal traumhafter grüner Kulisse im andinischen Tropenwald, dazu in angenehmem Klima. Es gibt viele farbige Häuser im Kolonialstil, die über 100 Jahre Billiardbar „Rio Danube“ (Fluß Donau, Anm. d. Red.) und Kaffee spielt die große Hauptrolle in der Region. Und filmreif war auch Lily, Hostelmutter und Besitzerin der Casona de Lily. Sie ist die personifizierte kolumbianische Lebensfreude und Hilfsbereitschaft, die Dina gerne mit einem herzlichen „Dina Baby, come on!“ zum Frühstück einlud und mich nach dem Genuß des lokalen Leitungswassers mit parasitenvernichtenden Medikamenten versorgte.

Doch kein Salento-Aufenthalt ohne Kaffeefinca. Wir waren also zu Besuch bei Don Elias, der Clint Eastwood unter den Kaffeefarmern. Er sieht aus, wie man sich einen Kaffeebauern vorstellt: Faltendurchzogenes Gesicht, der typische Hut auf schlohweißem Schopf, den für die Gegend üblichen Schnörres, Hände, die von seinem lebenslangen Dasein als Kaffeefarmer zeugen, dreckige Jeans, blaues Flanellhemd und natürlich Gummistiefel. Ein wirklich charismatischer Typ, der jedem Besucher eine andere Altersangabe gibt, er wohl aber irgendwas über 70 sein muss. Er zeigte uns seine organische Kaffeefarm mit einer Jahresernte von etwa 4.000 Kg Bohnen, gigantischen Bananenbäumen und allerlei anderen tropischen Nutzpflanzen, die als Schattenspender fungieren und deren Pflanzenreste als natürlicher Dünger dienen. Und natürlich gab es auch eine Vorführung zur Wertschöpfungskette des Produktes Kaffee. Es wird zuerst geerntet und die rote oder gelbe Schale entfernt, dann in Gewächshausähnlichen Zelten die Bohnen getrocknet, die dann durch waschen von der zweiten, feineren Schale getrennt werden. Entweder hat man nun das schwarze Gold exportfertig oder es folgt die Röstung, die der letzte Schritt vor der Mahlung ist und den bekannten Tchiboduft erzeugt. Wenn das Wetter mitspielt, dauert es von der Ernte bis zur Kaffeetasse nur ganze neun Tage. Und natürlich gab es zum Schluß noch einen frischen Kaffee, der traditionell im Topf mit einem Textilfilter aufgebrüht wird. Eine wirklich schöne Begegnung.

Neben Kaffee, spielen aber Forellen und ihr Ursprungsort, das Valle de Cocora weitere Nebenrollen. In jedem Restaurant Salentos gibt es fangfrische Forellen und das jeden Tag des Jahres. Sie stammen aus dem nahegelegenen Valle de Cocora, das Heimat der bis zu 60 Meter hohen Wachspalmen, dem Nationalbaum Kolumbiens, ist. In der bergigen Landschaft gibt es Kühe auf grünen Wiesen und Bäche plätschern hindurch, nur die Wachspalmen halten das Gefühl zurück, jeden Moment Heidi und den Geißenpeter um die Ecke kommen zu sehen. Ein feines Stück Natur.

Doch von den Auswirkungen des Leitungswasserkonsums gezeichnet und die vielen Wanderkilometer der letzten Monate in den Knochen, haben wir es so langsam satt – dieses Laufen. Wir sind ja auch nicht gerade ausgewiesene Wanderfreunde, haben aber doch viel Spaß an der Erkundung zu Fuß gefunden. Doch so langsam ist die Luft etwas raus und es ruft die Karibik, süßes Nichtstun unter Palmen. Da geht es nämlich mit einem Zwischenstopp in Medellin als übernächstes hin.





Das einzige Risiko ist, bleiben zu wollen.

10 07 2009

Ort: Popayán, San Augustín, Tierradentro (COL)
Zeitunterschied: -7 Std. MEZ
Wetter: Warm mit Regenschauern

So, nun also Kolumbien, was wir zunächst nicht auf dem Plan hatten, da der Ruf Land und Leuten voraus eilte. Die politisch motivierten Entführungen durch die FARC (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia, Bewaffnete Revolutionäre Kräfte Kolumbiens, Anm. d. Red.), außer Kontrolle geratene Paramilitärs, Pablo Escobar und das Koks sowie eine unruhige neuere Geschichte haben Kolumbien nicht unbedingt zu einer dicken Empfehlung von der Reisebürotante gemacht. Doch wie das ja immer so ist mit den Medien, wird sensationsträchtigen Nachrichten eine bedeutend höhere Aufmerksamkeit geschenkt als langweiliger, guter Kunde von Friede, Freude, Eierkuchen. Denn Kolumbien hat sich als Reiseland gemacht. In den letzten fünf Jahren ist es bedeutend ruhiger und sicherer geworden, was selbst das Auswärtige Amt anerkennen konnte. Und auch der einheimische Tourismusverband hat reagiert und eine Kampagne lanciert, die über Risiken und Nebenwirkungen eines Aufenthalts im Land informiert.

Ein Plädoyer für Kolumbien in 2:33 Minuten.

Was nach der Grenze auffällt, sind Salsa-Beats im Bus, Fahrradfahrer auf den Straßen, Kaffee löst Bier als großen Werbetreibenden ab und man kleidet sich moderner, luftiger, den Temperaturen entsprechend.

Pasto, unser erster Stop im Land, bleibt nur eine Zwischenstation und wir schlagen unsere sprichwörtlichen Zelte bei Tony und Kim, den Gründern der Hosteltrail.com Plattform, in Popayán auf. Wieder eine sogenannte weiße Stadt. Nach Sucre in Bolivien und Arequipa in Peru hat auch die Universitätsstadt Popayán einen andalusischen Anstrich verpasst bekommen, der in der menschenleeren Nacht von Laternen angestrahlt eine ureigene Ruhe ausstrahlt. Und es war so ruhig, weil mal wieder Feiertag war. Kolumbien hat wohl die meisten in Südamerika und dazu werden alle arbeitsfreien Tage, die auf einen Termin unter der Woche fallen auf den folgenden Montag gelegt, um ein langes Wochenende, „Puente“ (Brücke, Anm. d. Red.) genannt, zu garantieren.Und davon gab es gerade drei am Stück. Herr Guttenberg und Herr Steinmeier fänden das sicher auch für unsere blühende Volkswirtschaft toll.

In Popoyán die großen Rucksäcke stehen lassend, sind wir dann für fünf Tage auf eine gemütliche Rundfahrt in die Provinz. Zuerst ging es sechs holprige Stunden nach San Augustín. Und hier mal ein paar Worte zum Thema Busfahren in Kolumbien. In Ecuador haben wir ja schon einen interessanten Fahrstil kennengelernt, der hier aber noch getoppt wird. Überholen bei freier Sicht und warten auf ein entspanntes Überholmaneuver scheint bei den lokalen Busfahrern als unprofessionell oder Mädchenkram zu gelten. Hupe. Gas. Hupe. Gas. Es werden nicht umsonst regelmäßig Kotztüten verteilt. Doch um zu kotzen, muss man in der Regel vorher etwas gegessen haben. Um das zu gewährleisten, wird während der Busreise an einem Imbiss oder Restaurant, das sicher dem Schwager des Fahrers gehört, angehalten. Das geschieht aber meist ohne Vorankündigung, da wird dann einfach gestoppt, wenn der Fahrer Hunger hat. In Deutschland würde so etwas sicher einen Lynchmord nach sich ziehen. Doch wir sind ja hier in Kolumbien und genauer in San Augustín.

Die Vegetation in der Gegend kann man nur mit üppig grün bezeichnen. Gigantische Bananenbäume, die Kaffeesträuchern Schatten spenden, Zuckerrohrfelder, Bambus, der das Dutzend an Metern vollmacht und überhaupt überall Blumen und Pflanzen. Der Boden scheint so nährstoffreich, dass sich die Bäume Parasiten in Form von Orchideen leisten können. So verwundert es kaum, dass Kolumbien das an Orchideen und Palmen reichste Land der Welt und einer der größten Blumenexporteure ist.

Unser Garten in der Casa de Nelly ist ein blühender Beweis dafür, vor allem die Helikonien waren sehr beeindruckend. Doch auch die Leute vor Ort waren etwas speziell. Die Französin Nelly, die Kette raucht und immer drei Kippen im BH stecken hat, Julio, der leckeres Essen zauberte und Harry, der eigentlich Harrinson mit Vornamen heißt und uns mit in das älteste Haus des kleinen Dorfes genommen hat. Seit fast 130 Jahren scheint in „El Batan“ die Zeit stehen geblieben zu sein und die alte amerikanische Besitzerin versucht nicht weiter an der Uhr zu drehen.

San Augustín hat aber neben schöner Umgebung auch noch einige präkolumbianische Stätten zu bieten. Allerdings mutmaßt man hier nur und hat eigentlich keine Ahnung über die untergegangene Kultur, die skurrile, anthropomorphe Steinsäulen hinterlassen hat.

Nach drei Tagen bei Nelly ging’s dann weiter nach Tierradentro bzw. eigentlich ins klitzekleine Dörfchen San Andrés de Pisimbalá. In Sammeltaxi, Kleinbus und heruntergekommenen Jeep. Hupe. Gas. Hupe. Gas. Und zum Schluß durften wir sogar noch in einer Chiva mitfahren. Das sind jahrzehntealte Monsterbusse mit alten amerikanischen Dodge-Zugmaschinen, angemalt wie Zirkuswagen und oft brechend voll. Und da saß nun Dina mit gefühlten 20 Leuten auf der Bankreihe im Bus und ich oben zwischen Hühnern, Bierkästen und 25 Einheimischen auf dem Dach. Großartig. Tierradentro, „das Land tief drinnen“, wie es von den Spaniern genannt wurde, kann ebenfalls alte archäologische Stätten anbieten und vor allem einzigartige unterirdische Grabkammern. Ein wirklicher schöner Ausflug ins Grüne.

Und dann kam die Rückfahrt nach Popayán. Es war Sonntag und das ganze Wochenende wurde im größeren Nachbardorf gesoffen und getanzt. Montag war natürlich Feiertag. Wir hofften also auf einen nüchternen Fahrer und hatten für die 5 Uhr morgens anstehende 3-Stunden Fahrt einen Platz im geschlossenen Jeep reservieren lassen. Naja, geschlossen hieß hier undichte Plane und kalter Wind. Im Bus hätte es fünf Stunden gedauert, wir wollten es schnell hinter uns bringen. Also wieder Gas. Hupe. Gas. Hupe. Auf Buckelpiste. Nach 30 Minuten brach die Sitzbank, auf der mein Nachbar und ich saßen, aus der Verankerung im Boden. Hätte jemand hinter uns gesessen, wären die Beine gebrochen gewesen. Der Fahrer wollte aber allen Ernstes noch mehr Leute mitnehmen und auf die kaputte Sitzbank setzen. Um das zu verhindern, mussten wir den Ton etwas verschärfen. Allerdings hatte ich für den Rest der Fahrt einen volltrunkenen Partygast neben mir, der so zu war, dass sein Kopf dauernd aus dem Fenster hing und ich ihn am Schlawittchen packen musste, um Schlimmeres zu verhindern. Immerhin hat er nicht gekotzt.

Also wie man merken kann, Kolumbien schickt sich ganz fantastisch an und wir freuen uns auf neue Episoden, nächstes Mal aus der Kaffeeregion bei Salento. Tschüß.





Ausnahmeszustand.

23 06 2009

Ort: Latacunga, Zumbahua, Quilotoa, Chugchilan (ECU)
Zeitunterschied: -7 Std. MEZ
Wetter: bedeckt mit Nebel

Die 9-stündige Fahrt von Cuenca nach Latacunga lief recht ereignislos ab. Es gab die übliche Filmvorführung in dem dieses Mal ein Ninjutsukämpfender Affe als Spion die Welt rettete und uns den letzten Verstand raubte. Auch die übliche Schar an fliegenden Händlern und naja nennen wir sie mal Performancekünstlern war wieder bei jedem Stop an Bord. Entweder wird einem etwas über den menschlichen Körper erzählt und dann wundersame Tabletten verkauft, ein schwarzer Costeño gibt eine Rapeinlage zum Besten oder ein Marionettenmann denkt die Leute zum Lachen zu bringen, wenn er ihnen mit seiner Puppe vor den Nase herumfuchtelt. Die Händler wiederum versuchen Hühnchen mit Kartoffeln, frischen Bananenkuchen oder auch Obst zu verkaufen, wobei aber das Geschäftsmodell nicht zu 100% durchdacht zu sein scheint. Es kommen drei Leute rein und alle haben das für den Bus ehrer benutzerunfreundliche Obst Orange dabei. Was sich nun Verkäufer drei für Erfolgsaussichten ausmalt, wenn schon die ersten beiden keinen Erfolg hatten, bleibt ein südamerikanisches Mysterium. Produktdiversifikation ist generell keine Stärke der Südamerikaner, da sich der Verkauf ein und derselben, beliebig austauschbaren Ware oft auf genau einen Punkt konzentriert. Eine Straße wo es nur Fliesen gibt, eine andere wo nur nachgemachte Fußballtrikots feilgeboten werden oder eine Straße mit 20 Internetcafes, was besonders als nichts ganz helle erscheinen mag, wohl aber doch seine Existenzberechtigung zu haben scheint.

So kann auch der Eindruck entstehen, dass alle Welt nach Latacunga zum Frisör geht, denn die Stadt hat das gefühlt höchste Frisöraufkommen pro unfrisiertem Kopf. Aber eigentlich sollte uns die Stadt als Basislager für den sogenannten Quilotoa-Loop in der Nähe des Vulkans Cotopaxi dienen. Im ecuadorianisch-holländisch geführten Hostel Tiana gab’s Infos und eine detaillierte Wegbeschreibung.

Zuerst sollte es in die 40 Häuser umfassende Metropole Zumbahua gehen, wo am Samstag ein authentischer, lokaler Markt ohne Touri-Schnickschnack stattfinden sollte. Zu Dina’s großer Freude wurden vor Ort auch (hauptsächlich) Schafe geschlachtet. Sehenswert. Danach ging es auf der Ladefläche eines Pick-ups, die wir uns mit drei Spaniern teilten, zur Kraterlagune des Quilotoa-Vulkans, die dann ausführlich bestaunt wurde. Der Weg von der Lagune zum Dorf Chugchilan gilt als einer der schönsten Wandertouren Ecuadors und mit der Wegbeschreibung bewaffnet, machten wir uns auf den Weg. Schon nach 10 Minuten waren wir „lost“, bekamen aber doch noch die richtige Kurve, bevor wir dann nach 1,5 Stunden wirklich kurz vor der Umkehr standen, da wir das Gefühl hatten, dass uns das Gewirr aus zahlreichen Wegen auch wieder nach Peru hätte führen können. Bis plötzlich aus dem Nichts Gonzalo Diaz auftauchte und uns in sein Dörfchen Guayama mitnahm. Die Welt ist nun um einen Fortuna Düsseldorf Fan reicher, denn als Dank gab es einen mundgeklöppelten Aufnäher.

Der weitere Weg nach Chugchilan konnte dann recht problemlos gefunden werden und führte uns durch die neblige Landschaft des ecuadorianischen Andenhochlandes. Nach 4,5 Stunden kamen wir Mama Hilda an, die uns und den anderen Hostelgästen ein kräftiges Abendmahl bereitete und wir wie eine große Familie um den Tisch versammelt waren. Mit Andrea, aus der anderen Stadt am Rhein, konnten dann noch lustige Reisegeschichten von Busfahrten, Diarrhoe und Busfahrten mit Diarrhoe ausgetauscht werden. Schön.

Sonntag wollten wir dann mal eben von Chugchilan zurück nach Latacunga. Wenn da nicht Wahlen des andinischen Parlaments gewesen und ganz Ecuador auf den Beinen gewesen wäre. Hier herrscht Wahlpflicht (bei Nichtantritt drohen 20 US$ Strafe) und die Ecuadorianer wählen nicht im Wahlbezirk ihres Wohn- sondern ihres Geburtsorts, was eine ganze Völkerwanderung zur Folge hatte. Und daher lief die Rückfahrt etwas anders als gedacht.

Der Bus kam und es spielten sich tumultartige Szenen ab, denn auch hier unterlagen die Einheimischen dem weltweit verbreiteten Unverstandsphänomen beim Besteigen des Busses. Anstatt erst mal die Leute im Bus aussteigen zu lassen, stürmte der Pöbel den Bus durch Fenster und Tür. Sogar Kleinstkinder wurden durchs Fenster gereicht und als Platzreservierung benutzt. Nach 25 Minuten hatten sich die Passagiere dann ihren Weg nach draussen gekämpft und auch wir konnten Sitzplätze erhaschen. Die Fahrt war dann auch super. Es ging über eine schlechte Straße, die selbst die Beschreibung Feldweg nicht verdient hatte. Der Bus schwankte einige Mal bedenklich und die am Fenster Sitzenden mit Blick zum Abgrund im ecuadorianischen Hochland wurden einige Male sehr unruhig. Etwas zu unruhig für Leute, die diese Strecke regelmäßig fahren. Die Lage wurde auch nicht entspannter, als einer anfing kleine Jesusbildchen auszupacken. Halleluja. Die immer schlechter werdende Sicht bei dichtem Nebel trug ebenfalls nicht unbedingt zur einer gemütlichen Kaffeefahrt bei. Auch der Busfahrer mit einem verschlagenen Gesichtsausdruck, der bei jedem Grinsen seine Silberumrandeten Schneidezähne entblösste und einen stereotypischen Bart trug, wie man ihn aus südamerikanischen 70er Jahre Räuberpistolen kennt, machte die Sache nicht vertrauenswürdiger. Mich hätte es nicht gewundert, wenn ihm plötzlich zwei Hörner gewachsen wären und wir mit Höllentempo in den Teufelschlund gefahren wären. Das einzige was die Passagiere am Leben hielt, waren wummernde Criollo-Pop-Beats und schmalzige Melodien zu noch schmalzigeren Texten, wie „Yo tengo cuarenta y tu tienes veinte, no importa que dice la gente“ („Ich bin 40 und du bist 20, es ist egal, was die Leute sagen“, Anm. d. Red.). Nach vier Stunden kamen wir dann doch überraschend unversehrt in Latacunga an und wollten uns auf den direkten Weg nach Quito machen.

Noch schnell ins Hostel Tiana unsere Klamotten abholen und dann mit dem Taxi zum Busbahnhof, denn ein sintflutartiges Gewitter ergoß sich aus vollen Rohren. So zumindest der Plan. Doch selbst nach dreimaligem Anlauf kam einfach kein Taxi. Ein schlechtes Omen. Am Busbahnhof angekommen sollte sich dieses bewahrheiten. Hunderte Menschen wollten nach der Wahl zurück nach Quito und auch hier spielten sich wieder Tumulte ab. Obwohl die Busse im 5-Minuten-Takt kamen, war der Pöbel außer Rand und Band. Es wurde geschubst, die überforderte Polizei beschimpft, Babys schrien und wir mit vollem Gepäck mittendrin. Ausnahmezustand. Irgendwie sind wir dann in den Bus und gut nach Quito gekommen. Zwar um ein paar Nerven ärmer aber auch um ein paar Erfahrungen reicher. Und selbst die fliegenden Händler hatten es in diesem Chaos geschafft einen Weg in den Bus zu finden. Der ganz normale Wahnsinn eben.