Kaffee mit Clint Eastwood.

17 07 2009

Ort: Salento (COL)
Zeitunterschied: -7 Std. MEZ
Wetter: Sonne mit Regen

Von Popayán ging es zunächst über kurvige Straßen ins Valle de Cauca mit dessen größter Stadt Cali, die neben dem berüchtigten Drogenkartell auch noch für Salsa bekannt ist. Doch Cali blieb nur eine Randnotiz, denn es sollte auf geradem Wege nach Armenia und dann nach Salento in der Eje Cafetera (Kaffeeachse, Anm. d Red.) gehen. Ähm, Armenia? Ja, bemerkenswert sind hier immer wieder exotische Städtenamen. Exotisch zumindest für Kolumbien, wie eben Armenia, das zum Gedenken an die Armenier, die dem türkischen Genozid zum Opfer gefallen sind, benannt wurde. Oder Städte wie Palestina, Nazareth, Montenegro…

Salento ist ein wichtiges Tourismuszentrum, am Wochenende strömen die Kolumbianer aus den umliegenden Städten in das sonst so verschlafene Dörfchen. Kein Wunder bei wieder einmal traumhafter grüner Kulisse im andinischen Tropenwald, dazu in angenehmem Klima. Es gibt viele farbige Häuser im Kolonialstil, die über 100 Jahre Billiardbar „Rio Danube“ (Fluß Donau, Anm. d. Red.) und Kaffee spielt die große Hauptrolle in der Region. Und filmreif war auch Lily, Hostelmutter und Besitzerin der Casona de Lily. Sie ist die personifizierte kolumbianische Lebensfreude und Hilfsbereitschaft, die Dina gerne mit einem herzlichen „Dina Baby, come on!“ zum Frühstück einlud und mich nach dem Genuß des lokalen Leitungswassers mit parasitenvernichtenden Medikamenten versorgte.

Doch kein Salento-Aufenthalt ohne Kaffeefinca. Wir waren also zu Besuch bei Don Elias, der Clint Eastwood unter den Kaffeefarmern. Er sieht aus, wie man sich einen Kaffeebauern vorstellt: Faltendurchzogenes Gesicht, der typische Hut auf schlohweißem Schopf, den für die Gegend üblichen Schnörres, Hände, die von seinem lebenslangen Dasein als Kaffeefarmer zeugen, dreckige Jeans, blaues Flanellhemd und natürlich Gummistiefel. Ein wirklich charismatischer Typ, der jedem Besucher eine andere Altersangabe gibt, er wohl aber irgendwas über 70 sein muss. Er zeigte uns seine organische Kaffeefarm mit einer Jahresernte von etwa 4.000 Kg Bohnen, gigantischen Bananenbäumen und allerlei anderen tropischen Nutzpflanzen, die als Schattenspender fungieren und deren Pflanzenreste als natürlicher Dünger dienen. Und natürlich gab es auch eine Vorführung zur Wertschöpfungskette des Produktes Kaffee. Es wird zuerst geerntet und die rote oder gelbe Schale entfernt, dann in Gewächshausähnlichen Zelten die Bohnen getrocknet, die dann durch waschen von der zweiten, feineren Schale getrennt werden. Entweder hat man nun das schwarze Gold exportfertig oder es folgt die Röstung, die der letzte Schritt vor der Mahlung ist und den bekannten Tchiboduft erzeugt. Wenn das Wetter mitspielt, dauert es von der Ernte bis zur Kaffeetasse nur ganze neun Tage. Und natürlich gab es zum Schluß noch einen frischen Kaffee, der traditionell im Topf mit einem Textilfilter aufgebrüht wird. Eine wirklich schöne Begegnung.

Neben Kaffee, spielen aber Forellen und ihr Ursprungsort, das Valle de Cocora weitere Nebenrollen. In jedem Restaurant Salentos gibt es fangfrische Forellen und das jeden Tag des Jahres. Sie stammen aus dem nahegelegenen Valle de Cocora, das Heimat der bis zu 60 Meter hohen Wachspalmen, dem Nationalbaum Kolumbiens, ist. In der bergigen Landschaft gibt es Kühe auf grünen Wiesen und Bäche plätschern hindurch, nur die Wachspalmen halten das Gefühl zurück, jeden Moment Heidi und den Geißenpeter um die Ecke kommen zu sehen. Ein feines Stück Natur.

Doch von den Auswirkungen des Leitungswasserkonsums gezeichnet und die vielen Wanderkilometer der letzten Monate in den Knochen, haben wir es so langsam satt – dieses Laufen. Wir sind ja auch nicht gerade ausgewiesene Wanderfreunde, haben aber doch viel Spaß an der Erkundung zu Fuß gefunden. Doch so langsam ist die Luft etwas raus und es ruft die Karibik, süßes Nichtstun unter Palmen. Da geht es nämlich mit einem Zwischenstopp in Medellin als übernächstes hin.





Im Cocaland.

14 05 2009

Ort: Coroico (BOL)
Zeitunterschied: -6 Std. MEZ
Wetter: Semihumid und warm

Von der kühlen Cordillera Real La Paz’ kommend kostet es einen nur drei Stunden, um in die subtropischen Täler der Yungas, dem Eingang zum bolivianischen Amazonas, zu kommen. Yungas bedeutet soviel wie „immergrün“, denn im warmen, semihumiden Klima wächst einfach alles. Ein Sprichwort der Region sagt: „Solamente el flojo muere del hambre“ („Nur der Faule stirbt an Hunger“, Anm. d. Red.). Verschiedenste Bananensorten, wie die leckere rote Apfel-Banane, riesige Papayas, Kaffee, dessen rote Schale süß und Bohne eierschalenfarbig ist, Kakao, der im Rohzustand wirklich lila ist und die Milka-Kuh nun also doch ihre Existenzberechtigung hat, Mangos so zahlreich, dass sie Säckeweise zu Spottpreisen verscherbelt werden, Avocados hängen von den Bäumen und Coca wird kultiviert.

Wir sind hier im Cocaland. Hier herrschen ideale Bedingungen, um Coca ohne Zuhilfenahme chemischer Düngemittel anzubauen. Coca, hat als nationales Kulturerbe Boliviens und Dank Präsident Evo Morales, einem ehemaligen Cocabauer, sogar den Weg in die Verfassung gefunden, was den Cocaleros hier in den Yungas den Anbau legal erlaubt. Coca ist das Premiumprodukt der Region und erwirtschaftet den höchsten landwirtschaftlichen Ertrag. Lassen sich mit dem „heiligen Blatt“ wohl etwa 9.000 US$ pro Jahr machen, würde der Anbau von Guyabas nur etwa 2.000 US$ bringen. Keine Frage, was angebaut wird. Doch machen wir uns nichts vor, die komplette Jahresration der an sich harmlosen Cocablätter, wird nicht nur gekaut, in Tee oder zu Medizin verarbeitet, für die Coca-Cola Company abgestellt (204 t in 1995) oder für den bolivianischen Mojito mit Cocablättern verbraucht, sondern es sollen auch mindestens 30% in die Kokainherstellung gehen. Bolivien ist nach Kolumbien und Peru der drittgrößten Kokainproduzent und man munkelt, dass Evos Wahlkampagne mit weißen Pulver finanziert wurde. Da hat er wohl eine feine Nase bewiesen. Ach und hier noch eine schöne Lach- und Sachgeschichte zum Thema Coca und deutsche Gesetzgebung.

Mit unserem Guide Coco haben wir uns dann auf einem 16 Km Trek entlang von Talhängen zu den terassenartigen Cocafeldern begeben und gelernt, dass Coca 3-4x im Jahr geerntet werden kann und dann für 12 Stunden in der Sonne getrocknet wird, bevor es sozusagen konsumfertig ist. Darüberhinaus haben eine Lehrstunde über die lokale Flora und Fauna bekommen und uns dann am Tag darauf bei der nächsten Tour nach Tocaña in die Geschichte der schwarzen Minderheit Boliviens einführen lassen. Im Zeitalter der Sklaverei wurden Senegalesen nach Bolivien gebracht, um in den Minen zu knechten. Doch unseren Freunden aus Afrika ist die Höhe im Altiplano nicht bekommen und so wurden sie in die Yungas verfrachtet, um für die Minenarbeiter in Potosí Coca anzubauen. Einige wenige Nachfahren leben heute immer noch hier. Und die machen was? Richtig, Coca pflanzen.

Coroico selber ist spektakulär auf einem 1.700 m Hügel gelegen und hat zwar nur 3.200 Einwohner, doch 700 Gästebetten, denn die kurze Distanz zu La Paz und die warmen Temperaturen machen die Stadt zu einem beliebten Ausflugsziel für das Wochenende. Es gab lecker Frühstück in der „Backstube“ bei einem Aussteiger aus Düren, mit Ausblick auf das Tal und die Rabengeier, die sich im warmen Aufwind gleiten lassen. Wir sind sehr entspannt mitten im Grünen in einer eigenen Hütte mit schöner Aussicht, Außenklo und Bad abgestiegen. Das Sol y Luna wird von Sigrid betrieben, einer Deutschen, die schon seit 1984 im Idyll der bolivianischen Subtropen lebt, gerade aber auf Reisen in Deutschland weilte. Direkt vor der Tür wächst Kaffee, die Zikaden zirpen eine schöne Melodie und die Kolibris summen wie dicke Hummeln. Es gab eine heiße Outdoor-Badewanne und Shiatsu-Massage. Manchmal ist das Leben eben doch ein Zuckerschlecken.

Doch wo Licht ist, ist auch Schatten. Denn Sandfliegen machen auch vor dem Paradies nicht halt. Nach den Bettwanzen ist das die neue Pest. Wir wurden böse zerstochen und haben uns noch Tage an den juckenden Stichen erfreuen können. Außerdem gab es mal wieder einen Besuch im Wald- und Wiesenhospital. Ein eitriger Abzess am linken Mittelfinger wollte herausgeschnitten werden. Was dann auch ohne lokale Betäubung gemacht wurde. Ich also schön rumgejammert und Dina fast ohnmächtig geworden. Mit einem zierenden Verband und Antibiotika sollte der Drops aber in ein paar Tagen gelutscht sein. Außerdem merken wir, dass wir nach der Magen-Darm-Geschichte noch nicht 100% fit sind. Die Touren haben ganz schön geschlaucht, die brennende Hitze und das doch zumindest semihumide Kilma hat uns so manche Schweißperle auf die Stirn getrieben.

Nun soll es auf einer entspannenden 15 Stunden Fahrt gen Norden nach Rurrenabaque gehen. Die Fahrt ist als eine der ruppigsten und nicht gerade ungefährlichsten in Bolivien bekannt. Wir freuen uns also auf eine schlaflose Nacht auf Buckelpiste. Und ach ja, unser Reiseführer empfiehlt regelmäßig Nachtfahrten zu vermeiden, da die Wahrscheinlichkeit, dass der Busfahrer bei Tag einschläft oder betrunken ist, deutlich geringer sein soll. Superlieb gemeint, nur leider gab es bisher für längere Strecken keine Fahrten bei Tag. Naja, dann toi toi toi.