Menschen, Tiere, Sensationen.

21 10 2009

Ort: Melbourne, Grampians, Great Ocean Road (AUS)
Zeitunterschied: +8 Std. MEZ
Wetter: Eine Frechhheit!

Melbourne ist cool. Melbourne ist sogar ziemlich cool. Die bisher spannendste Stadt auf dem fünften Kontinent. Man sagt ja, man mag entweder Sydney oder Melbourne. Wir mögen Melbourne. Denn Melbourne ist seit langer Zeit mal wieder eine Stadt, die mondänes Flair verströmt, Weltstadt ist. Vier Millionen leben mittlerweile hier, vergleichbar also mit Berlin. Doch wer denkt Berlin ist riesig, dem sei gesagt Melbourne ist flächenmäßig etwa 8x größer. Die Stadt ist prall mit Kunst und Kultur, Kneipen und Bars, Sport und Parks. Und nur mal zum Vergleich: Sydney hat 23 Konzert-Locations, Melbourne hat 68. Es gibt also viel zu tun und wir haben in sieben Tagen einiges gesehen.

Den botanischen Garten, in dem man sich gut mal verlaufen kann, die Innenstadt um den Federation Square mit der nationalen Kunstgalerie, den Queen Victoria Markt, ein nachgebautes Flüchlingscamp von „Ärzte ohne Grenzen“ im Treasury Park, einen sonnigen Sonntag an der Strandpromenade von St Kilda, die Schicki-Micki-Läden auf der Chapel St oder das hippe Viertel Fitzroy. Melbourne ist nämlich auch die Modehauptstadt Australiens. Es gibt verdammt viele trendy Melburnians und das ist auch kein Wunder bei der Fülle an Fashion-Outlets, die es an jeder Ecke zu geben scheint. Trotzdem scheint bei der Jugend gerade mal wieder Retro angesagt zu sein. Aktuell: die 80er. Man trägt schwarz, grau und weiß, Leggings und Vacuum-Jeans dürfen nicht fehlen, die Frisur sitzt. In Melbourne ist man eben cool.

Und Melbourne ist auch das Babylon Australiens. Die Zahl der Einwanderer ist so groß, dass der Immigration sogar ein Museum gewidmet ist. Es scheint vor allem Chinesen, Italiener und Griechen zu geben. Man kann durch Chinatown wandern, in Little Italy Pizza essen und im griechischen Bezirk Souvlaki vom Holzkohle-Grill kredenzen gehen.

Melbourne war also eine Stadt, in der wir durchaus länger geblieben wären, wenn nicht wieder eine neue Mission mit einem Spaceship auf dem Programm gestanden hätte. Wir hatten fünf Tage Zeit, um die Grampians und die Great Ocean Road zu erkunden.

Von der bereits mehrfach erwähnten Stadt ging es zuerst durch die viktorianische Perle Ballarat, vorbei an blühenden Raps-Feldern und grünen, saftigen Wiesen direkt nach Halls Gap, dem Touri-Zentrum in den Grampians, einem Sandsteingebirge in einem Nationalpark. Und weil wir ja natürlich etwas vom wertvollen Westgeld sparen wollten, ging es wieder auf die Suche nach einem nicht ganz offiziellen Stellplatz für die Nacht. Meist gibt es ja an den Picknick-Spots Gasgrills und Toiletten für lau, man wird also nicht gerade abgehalten, dort zu campen. So waren wir dann ganz allein in Zumsteins. Naja, ganz allein wäre übertrieben, wenn man zwei Meter große Graue Känguruhs vor sich stehen hat, die sich in der Abenddämmerung den Bauch mit Gras voll schlugen. Die Zeit vom Abend bis zum Morgengrauen ist auch die unentspannteste zum Auto fahren, da immer wieder irgendwelche Beuteltiere am Sraßenrand rumstehen und unangemeldet vor den Kühler springen, was dann eine Riesensauerei hinterlassen würde.

Und die Grampians waren schon sehr fein. Bizarre Felsformationen, weite Täler mit dichtem Baumbewuchs, obwohl das große Feuer von 2006 seine Spuren hinterlassen hat, und eine umfangreiche Fauna. Im Gebiet um das Brambuk Cultural Centre, wo wir uns in die abermals traurige Aborigine-Historie einführen lassen konnten, gab es Unmassen an freilebenden Känguruhs, Emus, Wallabies, Kookaburras oder auch Kakadus. Immer schön vor vorbildlicher Naturkulisse mit den gerade blühenden Wildblumen, es ist nämlich Frühling. Und Frühling ist auch die Zeit des Nachwuchses. Bei Mutter Känguruh schaut ein kleiner Racker aus dem Beutel, Vater Emu hat zwei Küken an der Seite und kommt man einem Elsternnest zu nahe, sollte man besser flüchten. Diese verdammte Psychoelster hat einen schweren Angriffskrieg geflogen und hat uns mehrere 100 Meter verfolgt. Das erinnerte doch stark an Hitchcocks Vögel.

Und noch eine schöne Episode aus Brehms Tierleben. Wir haben ein Känguruh pissen gesehen. Und nein, dieses hat nicht Pipi gemacht, oder klein, das hier hat gepisst. Zwei Meter Känguruh in aufrechter Position mit einem Strahl, der einen erwachsenen Mann hätte töten können und das unkontrolliert in alle Richtungen. Die Menge hätte ausgereicht, um einen flächendeckenden Buschbrand zu löschen. Wir waren schwer beeindruckt. Doch nicht genug der Attraktionen. Im Hintergrund führten zwei graue Riesen einen zünftigen Boxkampf auf, der an eine Kirmesprügelei erinnerte. Die zwei Opponenten standen im Infight auf ihren Schwänzen und traten mit den Hinterkeulen, dass die Schwarte nur so krachte. Da wurde was für’s Auge geboten. Und weil es so schön war, sind wir gleich in dem Wildpark namens Tower Hill kurz vor Warnambool über Nacht geblieben. Unser Spaceship, in finsterster Nacht, umzingelt von Kaninchen, Roos (liebevoll für Känguruh, Anm. d. Red.), Wallabies, Koalas und Emus. Der letzte Stop, bevor es auf die Great Ocean Road gehen sollte.

Great Ocean Road heißt dann zwischen Peterborough und Torquay hauptsächlich an der Küste Victorias entlang, Felsformationen und Szenerie bestaunen. Am bekanntesten sind ja die „12 Apostel“, acht steil aufragende Felsen direkt vor der Küstenlinie. Angeblich sieht man drei Apostel nicht und einer ist vor ein paar Jahren eingestürzt, aber wenn man uns fragt, ist das mal wieder ein typisches Beispiel für touristische Vermarktung. In Australien wird ja jede Parkbank als „Must-Do“ Attraktion umjubelt und daher wundert es auch nicht, dass man bei den angeblich 12 Apostel, gleich mal drei Augen zugedrückt hat. Es gibt halt nichts cooles mit der Zahl 9. Die Gloreichen waren sieben, die Musketiere zu dritt und auch die Fantastischen Vier waren nicht zu neunt. Ach ja, und eine der „Drei Schwestern“ ist kürzlich erst zusammengefallen, jetzt sind es nur noch zwei. Eine traurige Familiengeschichte.

Nun ja, wir also alle paar Meter angehalten, um Felsformationen, wie „The London Bridge“ oder auch „The Arch“ zu bestaunen. Jacke und Mütze lohnten sich nicht auszuziehen, so nah beieinander hatten die Australier die Felsen gebaut. Denn das Wetter war eine Frechheit. Nix mit Sonne und so. Regen, Wind und nachts 4 Grad. Da schaut man im Vorfeld auf Voxtours Reiseberichte, man sieht Palmen und Riffe aber keiner sagt einem wie schattig es hier werden kann. Da hätten wir auch im herbstlichen Deutschland bleiben können. Nee, nee, also das Wetter war echt ne Frechheit.

Überraschend und gelungen war dann aber dann das Zusammentreffen mit Anja und Pit, zwei ebenfalls Langzeitreisenden, die seit April unterwegs sind und wir hier und da in losem E-Mail-Kontakt standen. Wir wussten, dass wir in etwa zur selben Zeit die Great Ocean Road befahren würden, aber die ist ja nicht nur 2 Km lang. Umso größer also die Überraschung. „Mensch, das gibt’s ja nicht, die Welt ist klein oder ein Dorf“ usw. Zur Feier des Tages gab es auf dem Campingplatz Marengo in Apollo Bay reichlich VB (Victoria Bitter, lokale, trinkbare Biersorte, Anm. der Red.) und Plausch im Camp Kitchen. Danke nochmal für’s abfüllen.

Bevor es dann wieder zurück nach Melbourne ging, habe ich mich noch auf den Otway Fly Treetop Walk getraut. Ich bin ja eher so der Höhenschisser und daher möchte hier nochmal meine Wagemutigkeit und Kühnheit heraustellen. Man wandert auf einem 600m langen Weg in den Baumkronen, 25m über dem Boden. Naja, nicht gerade von Ast zu Ast, eher auf einer Stahlkonstruktion. Der Blick von oben auf Baumfarne und keine Ahnung was noch für Gewächs im gemäßigten Regenwald Australiens war dann aber doch beeindruckend. Mit etwas Pipi in den Augen, war der Matze dann aber wieder froh auf matschigem Waldboden angekommen zu sein.

In Kenneth River gab es dann noch reichlich Koalas zu begaffen. Viele Bäume hatten dort einen Plastikring um den Stamm als Schutz und wir dachten natürlich, dass die Katzen nicht auf die Bäume sollen, um die Grünen Papageien und Crimson Rosellas platt zu machen. Doch der Schutz war für die Bäume gedacht und sollte die gefräßigen Koalas davon abhalten, die Bäume kahl zu fressen. Was aber wenig gebracht hatte, denn die fetten Koala-Bären hingen in jedem zweiten Baum, was doch recht außergewöhnlich war, denn bisher hatten wir in den ganzen 8,5 Wochen erst vier zu Gesicht bekommen.

Und so vergingen die fünf Tage viel zu schnell. Doch zurück in der großen Stadt wurde gerade das Melbourne Festival eröffnet und die französische Performancegruppe Transe-Express hatte eine sensationelle Vorstellungen namens „Mischievous Bells“ in den Abendhimmel produziert. Am besten mal bei Youtube suchen.

Nun heißt es ab auf die australische Hauptinsel, denn die Tasmanier bezeichnen das große Eiland nur als die nördliche Insel Australiens. Symphatisch finden wir. Zwei Wochen Road-Trp stehen auf dem Programm. Spaceships gibt es keine in Tassie, daher werden wir uns nach einer bezahlbaren Alternative umschauen. Bis dahin und tschüß Nordinsel.

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Warum Australier kein Känguruh essen.

23 09 2009

Ort: Townsville (AUS)
Zeitunterschied: +8 Std. MEZ
Wetter: Feucht-fröhlich

In Townsville angekommen hieß es mal wieder Couchsurfen. Mittlerweile haben wir in den ersten fünf Wochen schon immerhin fünf Tage für umme auf diversen Sofas (der inoffizielle Plural von Couch) genächtigt. Und hier sollten es zwei weitere Tage werden. Der routinierte Couchsurf-Papa holte uns vom Greyhound-Busstop ab und es ging in einen Vorort von Townsville. Andy wohnt dort mit seiner phillipinischen Frau Nanie und der 3-jährigen Tochter Asha, für die die wechselnden Couchsurfer eine willkommene Abwechslung und viele Spielkameraden bedeuteten. Sympathisch war auch das T-Shirt der Kleinen, das da sagte: „HELP! These are not my real parents“ („HILFE! Das sind nicht meine richtigen Eltern“, Anm. d. Red.). Doch nicht nur die Familie selber, auch das Haus war sehenswert

Ein altes Queenslander Haus, das traditionell auf Stelzen steht, um eine gute Durchlüftung im feuchtwarmen Klima des australischen Nordens zu gewährleisten, Pool im Garten und natürlich ein Bierkühlschrank auf der großzügigen Holzveranda. Das konnte schon was. Es wurde natürlich bei der Ankunft am frühen Nachmittag eine Pilsette aufgemacht und mit dem Hausherren der gesellige Abend eingeleitet. Er war stolzer Besitzer einer Jim-Beam-Uhr, die er für den Kauf von Jim-Coke im Wert von AU$49,90 bekommen hatte. Mit der Zeit kamen noch ein paar mehr trinkfreudige Mittvierziger und Freunde des Hauses, um am BBQ teilzunehmen. Und es wurde ganz klassisch gegrillt, mit schön fettiger Wurst und Rind auf dem Rost. Ein typischer Aussie-Abend.

Wo wir gerade beim Kulinarischen sind, mal eine kleine Einführung in die Australische Küche. Zuerst mal darf man ja nicht vergessen, dass sich der nationale Speisezettel aus dem Englischen ableitet. Und was soll man da schon erwarten? Richtig, Langeweile und Kopfschütteln, hier und da ein leichtes Würgen. Fangen wir mit dem Übelsten an: Vegemite. Der Brotaufstrich einer jeden australischen Kindheit, vergleichlich mit Nutella in Deutschland oder Dulce de Leche in Argentinien. Nur eben ziemlich ekelhaft. Das Zeug ist nämlich nicht süß, sondern salzig und schmeckt wie eingedickte Soyasoße. Oder man stelle sich Maggi-Brühwürfel als streichbare Masse auf dem morgentlichen Toast vor. Uaaaargh, disgusting. Und das sage ich, jemand, der zum Frühstück auch gern mal Ölsardinien mit Haut und Gräten auf den Toast drapiert.

Fisch und Chips sind ein weiteres kulinarisch eher fragwürdigeres Erbe, hier und da aber gar nicht so schlecht gemacht. Ein schmackhafter Fisch-Klassiker ist Barramundi, den es fast überall entlang der nördlichen Ostküste gibt. Als Australier mag man seine Nahrung also gern paniert oder frittiert. Oder in Blätterteig, dann heißt es Pie und man muss sich handtellergroße Blätterteig-Küchlein vorstellen, die mit Rind oder Huhn oder sonst allen möglichen Kombinationen – zu Pampe verarbeitet – gefüllt sind. Macht so pappsatt, wie drei große Löffel Fensterkitt, schmeckt nur nicht so gut. Im krokodilreichen Norden um Darwin gibt es dann auch Krokodil zu essen, was allerdings eher wie ertrunkenes Huhn schmeckt und nicht das Prädikat zart verdient.

Was aber wirklich ganz gut zu essen ist, ist Känguruh. Fett- und Cholesterinfrei und mit einer einladenden Textur gesegnet, erfreut es sich aber überraschenderweise keiner großen Beliebtheit. Der Geschmack ist schon speziell aber nicht unangenehm, sehr zart und saftig, wenn es sachte gebrutzelt wurde. Aber warum mag der gemeine Australier sein Wappentier nicht essen? Moralische Bedenken können es kaum sein. Känguruhs werden jedes Jahr innerhalb einer Quotenregelung zu Tausenden abgeknallt, um die armen Farmer vor den gefräßigen Beuteltieren zu schützen. Ignoranz durch alte britische Gepflogenheiten? Schmeckt Minzsoße nicht dazu? Kann man es nicht panieren? Wir wissen es nicht. Doch eine weitere Theorie besagt, dass das Fleisch einfach minderwertig ist. Ein Supermarktmitarbeiter erzählte uns, dass in seiner Kindheit Känguruhs abgeknallt und den Hunden zum Fraß vorgeworfen wurden. Hundefutter also. Und ein Blick ins Kühlregal im Coles-Supermarkt sprach dann auch Bände. Neben dem Känguruh-Fleisch fand sich was? Oh mein Gott, Hundefutter.

In den letzten Jahren hat sich aber eine, vor allem durch Einwanderer geprägte, neue „australische“ Küche entwickelt. Die ist allerdings dann oft so teuer, dass die zwei armen Reisenden meist nur ihre Nasen an den feinen Restaurantscheiben platt drücken, um dann doch selber zu kochen.

Was es noch nicht auf die Speisekarte geschafft hat, ist die allgemein unbeliebte Aga-Kröte. Sie ist eine der größten Froschlurche der Welt und wieder mal ein Beispiel für unprofessionellen Tierimport auf einem fernen Kontinent mit isoliertem Ökosystem. 1935 wurden die Racker auf dem australischen Kontinent eingeführt, um die Schadinsekten auf den Zuckerrohrplantagen an der Ostküste platt zu machen. Bis das Übel seinen Lauf nahm. Heute ist die fette Kröte eine unaufhaltbare Plage, der man kaum Herr zu werden scheint. Allerdings findet man auf den lokalen Märkten hier und da ein paar einfallsreiche Verwertungsmöglichkeiten. Wer freut sich nicht über ein schönes Kröten-Portemonnaie zu Weihnachten? Oder eine schmückende Bereicherung für die heimische Schrankwand in Form einer aufgeblasenen Kröte im Rambo-Outfit. Bestellungen werden gern aufgenommen.

Ansonsten gab es einen entspannten Sonntagnachmittag an der Strandpromenade. Eines muss man den Australiern ja lassen, Freizeitmöglichkeiten stehen recht umfangreich und oft auch kostenlos zur Verfügung. So gab’s für die Kids ein schönes Spaßbad, für das man in Deutschland mindestens 6€ abdrücken müsste. Selbst öffentliche Toiletten, deren Besuch für viele ja auch eine spaßige Freizeitgestaltung ist, sind grundsätzlich für umme und dafür recht gepflegt. Überhaupt wirken die Städte entlang der Ostküste bisher wie frisch durchgefegt und in Townsville standen sogar ein paar gut erhaltene traditionelle Gebäude herum, darunter Hotels und Pubs aus dem vorletzten Jahrhundert.

Ein schönes Wochenende in Townsville.





Die zwei Seiten der Medaille.

27 08 2009

Ort: Gold Coast, Brisbane (AUS)
Zeitunterschied: +8 Std. MEZ
Wetter: Sonnig

Ach, welch vielversprechende Namen: Gold Coast, Surfers Paradise! Und ach, welch herbe Enttäuschung. Surfers Paradise an der Gold Coast südlich von Brisbane wurde im letzten Jahr zu Australiens #1 Urlaubsdestination gewählt. Man kann hier wunderschöne Hotels und Apartmenthäuser bewundern, die wie Betonklötze in den Himmel ragen, endlich mal wieder richtig viel Asche in den teuren Restaurants oder Shoppingmalls verbrennen oder den Jahreslohn eines indischen Teppichknüpfers an einem Abend versaufen. Warum waren wir also da?

Naja, wir hatten sowieso nur zwei Nächte eingeplant und die für umme auf der Couch zweier Lesbierinnen in einem Vorort namens Coombabah. Wir hatten ja schon gute Erfahrung mit Jaime und Pablo in Santiago machen können und dachten, dass wir der Goldküste mit lokalem Insiderwissen eine Chance geben könnten. Doch wir hätten eigentlich schon stutzig werden müssen, da das einzige Bild im Couchsurfing-Profil der beiden Mädels ein Bild des Eingangs des Movieworld Themenparks war. Naja, wir wurden herzlich empfangen und sogar vom Busbahnhof abgeholt, doch im schnuckeligen Haus mussten wir erst mal schlucken. Delphinpuzzle, herzförmige Spiegel mit rotem Plüschrahmen, karierte Kissen mit Teddybärbildern und ein Malteser-Hund mit Pullover. So ganz die selbe Wellenlänge war das dann wohl doch nicht. Ziemlich trashig. Für Nikki und Stacee war es das erste Mal, dass sie eine Couch oder bzw. ein Zimmer mit eigenem Bad zur Verfügung stellen würden, doch irgendwie fühlten wir uns wie Lückenfüller eines recht langweiligen Lebens zwischen Glotze und Putzjob. Es soll nicht heißen, dass die beiden nicht nett und hilfsbereit gewesen wären, doch irgendwie hatten die zwei nicht wirklich was zu erzählen.

So kannten die beiden auch nicht den Currumbins Wildpark, der inmitten dieser hässlichen Betonwüste ein grünes Refugium ist und einen schönen Querschnitt durch Australiens endemische Tierwelt beherbergt. Wir konnten faule Koalas beim Nichtstun beobachten, da die Racker um die 20 Stunden am Tag schlafen, es gab eine gut gemachte Vogelshow, bizarre Echidnas, monsterhamster-ähnliche Wombats und putzige Känguruhs natürlich. Volle Punktzahl auf der Niedlichkeitsskala gab es für ein vier Monate altes Jungtier, dass noch bei Muddern im Beutel wohnte, sich aber immer wieder für erste Sprungversuche nach draußen wagte.

Auf dem Rückweg fiel uns dann ein, dass wir uns gar nicht die Adresse unserer Gastgeber haben geben lassen und uns auch beim besten Willen nicht mehr an die Bushaltestelle erinnern konnten, an der wir am Morgen den Bus genommen hatten. Wir, zwei erwachsene Mitteleuropäer mit höherer Schulbildung, im Bus, irrend durchs Dunkel der Nacht im Dschungel der Vororte der Gold Coast. Jedes Mal die selben Fragen der sehr hilfsbereiten Busfahrer und Passagiere. Jedes Mal unsere gleiche peinliche Erklärung: Wir waren „lost“. Totale Erniedrigung. Was wir in sechs Monaten Südamerika nicht geschafft haben, passierte uns hier schon nach zwei Wochen. Doch dank Google Maps auf einem Rechner im Medical Center eines großen Einkaufszentrums konnten wir uns wieder orientieren und ein verständnisvoller Herr fuhr uns dann wieder zu den karierten Kissen mit den Teddybären, wo Nikki und Stacee schon drauf und dran waren eine Vermisstenmeldung rauszuschicken.

Und verlaufen hatten wir uns dann am nächsten Tag schon fast wieder, denn wir waren mit den beiden im Nationalpark direkt hinter dem Haus unterwegs, den die beiden bisher nicht weiter als 500m betreten hatten, obwohl sie schon fast ein Jahr in der Gegend wohnten. Aber das Areal war wirklich sehr schön, mit freilebenden Känguruhs, Koalas in Eukalyptushainen und Mangrovensümpfen. Nach zwei Stunden unaufgeregten Spaziergangs meinten die beiden nur noch, dass sie am Abend gut schlafen werden würden. Na dann.

Danach ging es nach Brisbane, das eigentlich den Ruf einer langweiligen, gewöhnlichen Großstadt ohne Sehenswürdigkeiten hat. Doch selbst die vermeintlich uninteressanteste Stadt kann ganz spannend werden, wenn man die richtigen lokalen Kontakte hat.

Wir hatten mal wieder Asyl auf einer Couch eingereicht und fanden uns in einem 130 Jahre alten Holzhaus im viktorianischen Stil mitten im coolen West End wieder. Das Haus und seine Bewohner hatten durch und durch Charakter, im Wohnzimmer stapelten sich tausende von Schallplatten, die Couch und zwei Sessel waren aus den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts und der Stil ließe sich wohl am besten mit „charmantes Chaos“ beschreiben. Andrew, der Freund von Lysandra, war leider nicht da, dafür aber Patricia, ein in der Schweiz lebendes Mädel mit spanisch-brasilianischen Wurzeln, die genau wie wir Couchsurf-Gast des Hauses war. Zusammen ging es am Freitag Abend auf ein Konzert von drei australischen Bands im Troubadour, das wir wohl so einfach nicht selber gefunden hätten. Samstag vormittag ging es auf Empfehlung zum bunt gemixten Markt im West End, wo wir doch tatsächlich Clara wieder getroffen haben, die wir im Tayrona Nationalpark in Kolumbien kennengelernt hatten. Am Nachmittag gab es dann wieder ordentlich was auf die Ohren, denn der lokale Radiosender 4ZzZ hatte zum Livegig im Innenhof des Senders geladen. Das hieß Garagenrock zum Nulltarif, billiges Essen und Bier aus dem Schnapsladen nebenan. Sonntag dann noch etwas Brisbane mit Sciencentre und Art Gallery. Alles in allem ein ziemlich gutes Wochenende mit einer guten Gastgeberin, die so ganz anders war als unsere zwei Schnuckis an der Gold Coast.

Wir haben sie gesehen, die zwei verschiedenen Seiten der Couchsurfing-Medaille und eine wichtige Lektion gelernt. Nie die Katze im Sack kaufen und bei jemanden die Couch surfen, der kein Photo von sich im Profil hat. Auch wenn man sich natürlich nicht ein 100%iges Bild machen kann, sagen Photos doch oft mehr als 1000 Worte.