Regen, Sandfliegen und dreckiges Eis.

1 01 2010

Ort: Westküste von Westport zum Fox Gletscher (NZ)
Zeitunterschied: +12 Std. MEZ
Wetter: Nasskalt mit vereinzeltem Sonnenschein

Das Rezept für nasses Wetter an der Westküste der Südinsel Neuseelands lautet wie folgt: Man nehme eine kleine isolierte Insel am Arsch der Welt, Westwinde, die somit lange ohne Hindernis über den Ozean fegen und sich mit Feuchtigkeit vollsaugen können und eine riesige Gebirgskette, die durch das Zusammenschieben der pazifischen und der polynesisch-australischen Platte entstanden ist – die südlichen Alpen. Regennasse Wolken kommen also aus Westen und sind so schwer, dass sie es nicht über die Berge schaffen. Und was passiert? Richtig, sie regnen sich ab.

Heute gibt es überall entlang der Westküste gemäßigten Regenwald mit üppiger Vegetation, viele Seen und Flüsse. Das sieht dann alles toll aus, es gibt aber eben verdammt viel Regentage und Wasser.

Wo wir dann auch schon beim zweiten und eigentlichen Problem wären. Sandfliegen. Die nervtötenden Sandfliegen sind eigentlich weibliche Kriebelmücken (so zumindest übersetzt Wikipedia Blackflies, Anm. d. Red.), die so gierig nach Blut sind, wie ein dehydrierter Vampir. Sie brauchen Süßwasser, um zu existieren und davon gibt es vor allem an der Westküste reichlich. Die kleinen Stechmücken treten auch nicht einzeln, sondern in Schwärmen auf, was die Sache nicht unbedingt entspannter macht. Sie sind die absolute Pest am Arsch (die Redaktion entschuldigt das explizite Französisch, Anm. d. Red.) und auf der Liste mit Insekten, die wir nicht leiden können, ganz oben.

Unser erstes Zusammentreffen gab es bei den Nelson Lakes, die zwar nicht direkt an der Westküste liegen aber eben alle Kriterien für ein schönes Zuhause für Sandfliegen erfüllen. Der pure Hass. Sobald sie einen entdeckt haben, fallen sie in Schwärmen über einen her. Ich hab sogar eine beim Reden verschluckt, weil das kleine Biest direkt in meinen Mund geflogen war.

Es gibt aber auch gute Nachrichten. Sie sind langsam, d.h. man muss in Bewegung bleiben. Das hat uns sogar zwei Stunden Wanderung auf dem Braeburn Track an den Nelson Lakes ermöglicht. Sie mögen keinen direkten Regen, weil sie da nicht fliegen können. Und sie können keinen Wind ab und verschwinden bei Nacht, da sie, um zu stechen, auf ihren Sehsinn angewiesen sind und im Dunkeln nichts sehen können. Ein entspanntes Szenario ohne Sandfliegen wäre dann also: Nachts, bei starkem Regen und Sturm. Super. Genau die Konditionen, die man sich wünscht, um Neuseeland zu entdecken.

Naja Meeresnähe mit etwas Wind reichte zum Glück auch und schon konnten wir in der Nähe von Westport an Cape Foulwind die rauhe Küste bestaunen und den einzigen Sonnentag der Woche genießen. Am Vorabend gab es sogar einen ansehnlichen Sonnenuntergang und der nächste Tag brachte einen kleinen Ausflug zu einer Pelzrobben-Kolonie. Da war vor kurzer Zeit Nachwuchs angekommen und die Racker krakelten wie kleine Menschenkinder aus vollem Halse. Noch bekloppter waren aber die Weka Vögel, die wie eine billige Kiwifälschung aus China aussehen. Statur und Farbe sind sehr ähnlich, nur ist der Schnabel zu kurz und der Schwanz zu lang. Und kleptomansich veranlagt sind sie auch noch. Die Wekas schlichen die ganze Zeit um unseren Tisch und versuchten etwas abzugreifen, wo es nur ging. Aber nicht mit uns.

Weiter ging es nach Punakaiki im Paparoa Nationalpark, der für die sogenannten Pancake-Rocks (Pfannkuchen-Felsen, Anm. d. Red.) berühmt ist. Bei wolkenverhangenem Wetter sahen die aber gar nicht appetitanregend aus und wir sind lieber durch den mit Nikau-Palmen verzierten Regenwald marschiert.

Der nächste Stopp brachte uns nach Hokitika, einem bedeutenden Zentrum für Jadeschmuck. Jade, oder auch Pounamu (Maori, Anm. d. Red.) oder Greenstone (die Engländer wussten es nicht besser, Anm. d. Red.) genannt. Schon bei den Maoris war der grüne Stein sehr beliebt und es wurden Schmuckstücke oder andere eher nützliche Gegenstände, wie todbringende Äxte, aus dem harten Material gefertigt. Heute gibt es in ganz Neuseeland eine große Schmuckindustrie und kaum ein Neuseeland-Urlauber fährt oher Schmuckstein wieder nach Hause. Aber so einfach wie es klingt, läuft es eigentlich nicht. Erstens hat jede geschnitzte Form eine bestimmte Bedeutung und zweitens kauft man sich nach altem Maori-Brauch den Anhänger nicht selber, sondern bekommt ihn von jemanden geschenkt. Und weil der Matze immer schön artig war, immer schön brav sein Bier ausgetrunken hat und es nach dem projekt365 neue Herausforderungen zu bewältigen geben wird, gab es von der lieben Dina einen Anhänger in Form eines Beils mit intergrierter Spirale. Koru, wie die Spirale in Maori heißt, steht für Neuanfang und ist jungen Farnblättern nachempfunden, die sich im Entwicklungsprozess ausrollen und somit voll entfalten können. Und damit es beim Neuanfang auch alles rund laufen wird, gab es das Beil (Toki in Maori, Anm. d. Red.) gleich dazu, denn dieses steht für Stärke und Kraft und soll helfen Herausforderungen zu meistern. Matze hat sich sehr über das blumenjadene Stück aus der Werkstatt von Luke Leaf gefreut. 2010 kann kommen.

Was dann aber erst mal kam, waren die Gletscher. Wir waren ja schon in Argentinien auf dem Perito Moreno Gletscher, was für uns ein absolutes Highlight der ganzen Reise ist. Herrlicher Sonnenschein, eisblaue Gletscherseen und Whisky on the rocks zum Abschluß. Und am Franz Josef und Fox Gletscher? Regenwolken und dreckiges Eis. Trotzdem war die Tagestour auf dem Fox Gletscher, namens „The Nimble Fox“, schon einzigartig. Zum einen reicht der Regenwald bis an den Gletscher heran und zum anderen gibt es steil aufragende Eisspitzen zu sehen. Und überraschenderweise schimmert das Blau des Eises auch bei geschlossener Wolkendecke. Trotzdem waren wir nicht so von den Socken, wie noch damals auf dem Perito Moreno. Und damals war ja sowieso alles besser.

Feister Sonnenschein wäre schon was feines gewesen aber davon gibt es ja an der Westküste leider nicht so viel. Überhaupt haben wir dieses Jahr einfach Pech mit dem Wetter. Auch der gemeine Neuseeländer jammert, dass es zu kalt und zu regnerisch sei für diese Jahreszeit. Was tröstet sind die Wettermeldungen aus Deutschland. Also dann, immer schön ans Streusalz denken.





On the Rocks.

2 03 2009

Ort: El Calafate (ARG)
Zeitunterschied: MEZ -4 Std.
Wetter: heiter mit wenig Wind

Farbtöne in violett bestimmten die Szenerie bevor die Morgensonne El Calafate mit dem Lago Argentino und den vielen Zypressen in ein goldenes Licht tünchte. Geo Saison würde wohl „Magisches Argentinien“ titeln oder andere blumige Adjektive wie verzaubernd oder atemberaubend verwenden. Wobei ich noch nie erlebt habe, dass jemand beim Anblick „Atem beraubender“ Landschaften an Atemnot gestorben ist. Das Elfmeterschießen im Viertelfinale der WM 2006 in Berlin – Deutschland gegen Argentinien – war atemberaubend. Lohmi und ich im Olympiastadion und Jens holt den Zettel raus.

Aber ach ja, dieses Argentinien. Da sind wir jetzt nämlich wieder. Und zwar im nicht gerade beschaulichen Städtchen El Calafate, was übersetzt soviel wie buchsblättrige Berberitze heißt, ein Symbol für Patagonien ist und gern an gestörten Standorten wächst. Wegweisend. Das Tourismuszentrum besteht aus gefühlten 80% Hotels oder ähnlichen Unterkünften, der Rest sind Souvenirshops, Restaurants und das übliche Casino. Rundherum nur trockene Steppe. Und in 80 Km Entfernung der Perito Moreno, ein riesiger Gletscher des südlichen Eisfeldes. Nicht fälschlicherweise mit „braunes Hündchen“ zu übersetzen, sondern der Name eines argentinischen Geographen, Anthropologen und Entdecker, wie Wikipedia zu berichten weiß. Und eben nach ihm wurde der Gletscher benannt, obwohl der alte Name „Bismarck-Gletscher“ eigentlich viel schneidiger klingt.

Wie auch immer, deswegen waren wir hier. Hielo y Aventura (Eis und Abenteuer, Anm. d. Red.) hält hier das Monopol für Exkursionen zum Gletscher und wir hatten uns für eine Tour namens Big Ice entschieden, die 4 Stunden Gletscherwanderung im Kreis von maximal 20 Personen versprach, inklusive Verzehr selbstmitgebrachter Lunchpakete auf dem Eisfeld. Man setzt mit dem Boot über den Brazo Rico, wandert etwa 45 Minuten, bevor man sich die Steigeisen anlegt und wie am Bindfaden aufgereiht über das Eis spaziert. Und so richtig beschreiben läßt sich gar nicht, was wir dort erleben durften. Die Bilder können zwar einen Eindruck vermitteln aber wie es sich anfühlt auf dieser eisigen Mondlandschaft zu wandern, läßt sich schwer in Worte fassen. Versuchen wir es mal: Über Gletscherspalten und Eisbäche springen, vom Guide Stufen ins Eis geschlagen bekommen, das Krachen sich abspaltender Gletscherstücke zu hören bevor man es sieht, zu wissen, dass man auf bis zu 700 m dickem Eis läuft, einfach für ein paar Stunden ein Teil dieser sich täglich verändernden Eismasse sein. Einmalig. Und zum Abschluß gabs noch Whisky „on the Rocks“, standesgemäß mit 300-400 Jahre altem Gletschereis. Salud.

Am Vorabend gab es im Hostel America del Sur, unserem temporären Zuhause, das allabendliche Grillfest und es wurde gut auf den Rost gelegt. Wurst und Steaks, die ob des Gargrades Hannibal Lector ein Fest gewesen wären und Dina beim Anblick der blutigen aber durchaus leckeren Rindfleischstücke fast die Linsen im Hals steckengeblieben sind. Das wäre dann wirklich atemberaubend gewesen.

Und weil hier sonst nicht viel mehr zu holen ist, sind wir auch gleich nach 2 Nächten wieder auf dem Weg gen Norden. Es geht ins 1.400 Km entfernte San Carlos de Bariloche. Wir freuen uns auf 36 Stunden Busfahrt und hoffen, dass ein paar schöne Truck Stop Kassetten den Weg ins Radio finden werden.