Das einzige Risiko ist, bleiben zu wollen.

10 07 2009

Ort: Popayán, San Augustín, Tierradentro (COL)
Zeitunterschied: -7 Std. MEZ
Wetter: Warm mit Regenschauern

So, nun also Kolumbien, was wir zunächst nicht auf dem Plan hatten, da der Ruf Land und Leuten voraus eilte. Die politisch motivierten Entführungen durch die FARC (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia, Bewaffnete Revolutionäre Kräfte Kolumbiens, Anm. d. Red.), außer Kontrolle geratene Paramilitärs, Pablo Escobar und das Koks sowie eine unruhige neuere Geschichte haben Kolumbien nicht unbedingt zu einer dicken Empfehlung von der Reisebürotante gemacht. Doch wie das ja immer so ist mit den Medien, wird sensationsträchtigen Nachrichten eine bedeutend höhere Aufmerksamkeit geschenkt als langweiliger, guter Kunde von Friede, Freude, Eierkuchen. Denn Kolumbien hat sich als Reiseland gemacht. In den letzten fünf Jahren ist es bedeutend ruhiger und sicherer geworden, was selbst das Auswärtige Amt anerkennen konnte. Und auch der einheimische Tourismusverband hat reagiert und eine Kampagne lanciert, die über Risiken und Nebenwirkungen eines Aufenthalts im Land informiert.

Ein Plädoyer für Kolumbien in 2:33 Minuten.

Was nach der Grenze auffällt, sind Salsa-Beats im Bus, Fahrradfahrer auf den Straßen, Kaffee löst Bier als großen Werbetreibenden ab und man kleidet sich moderner, luftiger, den Temperaturen entsprechend.

Pasto, unser erster Stop im Land, bleibt nur eine Zwischenstation und wir schlagen unsere sprichwörtlichen Zelte bei Tony und Kim, den Gründern der Hosteltrail.com Plattform, in Popayán auf. Wieder eine sogenannte weiße Stadt. Nach Sucre in Bolivien und Arequipa in Peru hat auch die Universitätsstadt Popayán einen andalusischen Anstrich verpasst bekommen, der in der menschenleeren Nacht von Laternen angestrahlt eine ureigene Ruhe ausstrahlt. Und es war so ruhig, weil mal wieder Feiertag war. Kolumbien hat wohl die meisten in Südamerika und dazu werden alle arbeitsfreien Tage, die auf einen Termin unter der Woche fallen auf den folgenden Montag gelegt, um ein langes Wochenende, “Puente” (Brücke, Anm. d. Red.) genannt, zu garantieren.Und davon gab es gerade drei am Stück. Herr Guttenberg und Herr Steinmeier fänden das sicher auch für unsere blühende Volkswirtschaft toll.

In Popoyán die großen Rucksäcke stehen lassend, sind wir dann für fünf Tage auf eine gemütliche Rundfahrt in die Provinz. Zuerst ging es sechs holprige Stunden nach San Augustín. Und hier mal ein paar Worte zum Thema Busfahren in Kolumbien. In Ecuador haben wir ja schon einen interessanten Fahrstil kennengelernt, der hier aber noch getoppt wird. Überholen bei freier Sicht und warten auf ein entspanntes Überholmaneuver scheint bei den lokalen Busfahrern als unprofessionell oder Mädchenkram zu gelten. Hupe. Gas. Hupe. Gas. Es werden nicht umsonst regelmäßig Kotztüten verteilt. Doch um zu kotzen, muss man in der Regel vorher etwas gegessen haben. Um das zu gewährleisten, wird während der Busreise an einem Imbiss oder Restaurant, das sicher dem Schwager des Fahrers gehört, angehalten. Das geschieht aber meist ohne Vorankündigung, da wird dann einfach gestoppt, wenn der Fahrer Hunger hat. In Deutschland würde so etwas sicher einen Lynchmord nach sich ziehen. Doch wir sind ja hier in Kolumbien und genauer in San Augustín.

Die Vegetation in der Gegend kann man nur mit üppig grün bezeichnen. Gigantische Bananenbäume, die Kaffeesträuchern Schatten spenden, Zuckerrohrfelder, Bambus, der das Dutzend an Metern vollmacht und überhaupt überall Blumen und Pflanzen. Der Boden scheint so nährstoffreich, dass sich die Bäume Parasiten in Form von Orchideen leisten können. So verwundert es kaum, dass Kolumbien das an Orchideen und Palmen reichste Land der Welt und einer der größten Blumenexporteure ist.

Unser Garten in der Casa de Nelly ist ein blühender Beweis dafür, vor allem die Helikonien waren sehr beeindruckend. Doch auch die Leute vor Ort waren etwas speziell. Die Französin Nelly, die Kette raucht und immer drei Kippen im BH stecken hat, Julio, der leckeres Essen zauberte und Harry, der eigentlich Harrinson mit Vornamen heißt und uns mit in das älteste Haus des kleinen Dorfes genommen hat. Seit fast 130 Jahren scheint in “El Batan” die Zeit stehen geblieben zu sein und die alte amerikanische Besitzerin versucht nicht weiter an der Uhr zu drehen.

San Augustín hat aber neben schöner Umgebung auch noch einige präkolumbianische Stätten zu bieten. Allerdings mutmaßt man hier nur und hat eigentlich keine Ahnung über die untergegangene Kultur, die skurrile, anthropomorphe Steinsäulen hinterlassen hat.

Nach drei Tagen bei Nelly ging’s dann weiter nach Tierradentro bzw. eigentlich ins klitzekleine Dörfchen San Andrés de Pisimbalá. In Sammeltaxi, Kleinbus und heruntergekommenen Jeep. Hupe. Gas. Hupe. Gas. Und zum Schluß durften wir sogar noch in einer Chiva mitfahren. Das sind jahrzehntealte Monsterbusse mit alten amerikanischen Dodge-Zugmaschinen, angemalt wie Zirkuswagen und oft brechend voll. Und da saß nun Dina mit gefühlten 20 Leuten auf der Bankreihe im Bus und ich oben zwischen Hühnern, Bierkästen und 25 Einheimischen auf dem Dach. Großartig. Tierradentro, “das Land tief drinnen”, wie es von den Spaniern genannt wurde, kann ebenfalls alte archäologische Stätten anbieten und vor allem einzigartige unterirdische Grabkammern. Ein wirklicher schöner Ausflug ins Grüne.

Und dann kam die Rückfahrt nach Popayán. Es war Sonntag und das ganze Wochenende wurde im größeren Nachbardorf gesoffen und getanzt. Montag war natürlich Feiertag. Wir hofften also auf einen nüchternen Fahrer und hatten für die 5 Uhr morgens anstehende 3-Stunden Fahrt einen Platz im geschlossenen Jeep reservieren lassen. Naja, geschlossen hieß hier undichte Plane und kalter Wind. Im Bus hätte es fünf Stunden gedauert, wir wollten es schnell hinter uns bringen. Also wieder Gas. Hupe. Gas. Hupe. Auf Buckelpiste. Nach 30 Minuten brach die Sitzbank, auf der mein Nachbar und ich saßen, aus der Verankerung im Boden. Hätte jemand hinter uns gesessen, wären die Beine gebrochen gewesen. Der Fahrer wollte aber allen Ernstes noch mehr Leute mitnehmen und auf die kaputte Sitzbank setzen. Um das zu verhindern, mussten wir den Ton etwas verschärfen. Allerdings hatte ich für den Rest der Fahrt einen volltrunkenen Partygast neben mir, der so zu war, dass sein Kopf dauernd aus dem Fenster hing und ich ihn am Schlawittchen packen musste, um Schlimmeres zu verhindern. Immerhin hat er nicht gekotzt.

Also wie man merken kann, Kolumbien schickt sich ganz fantastisch an und wir freuen uns auf neue Episoden, nächstes Mal aus der Kaffeeregion bei Salento. Tschüß.





Samstag ist Markttag.

3 07 2009

Ort: Otavalo (ECU)
Zeitunterschied: -7 Std. MEZ
Wetter: Sonntagswetter am Samstag

Otavalo gilt als der wirtschaftlich größte Markt Südamerikas. Bekannt ist vor allem der Samstagsmarkt, wo neben Handwerkskunst aus Ecuador, Peru und Bolivien auch Tiere aller Art, Obst und Gemüse sowie Waren des täglichen Bedarfs den Besitzer wechseln. Es gibt eine Straße mit Wolle-Petry-Freundschaftsbändern, ein ausgewachsenes Meerschwein kostet 12 US$ (natürlich nur zu Verzehrzwecken gedacht, denn mit Essen spielt man ja bekanntlich nicht) und man kann sich an ganzen gegrillten Schweinen laben. Ein Spaß für die ganze Familie.





Die Mitte der Welt.

1 07 2009

Ort: Quito (ECU)
Zeitunterschied: -7 Std. MEZ
Wetter: wechselhaftes Äquatorialklima

Quito war eine der wichtigsten Städte des Inkareiches und ist wie viele andere Metropolen seiner Zeit von den Zerstörungen alles Heidnischen und den darauf folgenden kolonialen Einflüssen und der Spanier gezeichnet. Daher schlug der Reiseführer auch einen Rundgang durch das koloniale Quito vor, das heute UNESCO Weltkulturerbe ist. So haben sich die Dominikaner, die Franziskaner und Jesuiten dicke Tempel ins Tal vor dem Pinchincha Vulkan bauen lassen und die Kirche La Compañia de Jesus ist wohl heute eine der spektakulärsten Sakralbauten auf dem amerikanischen Kontinent und hat zusammen mit der Kathedrale von Santiago de Chile den nachhaltigsten Eindruck hinterlassen.

Nicht ganz aus kolonialen Zeiten aber aus dem Jahr 1962 stammt die Peluqueria Amazonas, wo man(n) sich für 3 US$ rasieren oder frisieren lassen lassen kann. Da die Stromspannung in Ecuador nur 120V beträgt, funzt mein Bartschneidegerät nicht mehr, da der Saft zum aufladen nicht reicht. Und das war unbestritten eine der besten Erfahrungen der letzten Monate. Die krawattetragenden Herren, die allesamt im Eröffnungsjahr angefangen haben müssen, sind in dementsprechend betagtem Alter und bemühen sich mit teils tattriger Hand um eine blessurenfreie Nassrasur. Es wird nicht gesprochen, sondern ganz professionell geschwiegen, nur im Hintergrund laufen klassische spanische Chansons. Stilecht.

Ja und dann heißt Ecuador ja nicht Ecuador, weil es so schön klingt, sondern weil es am Äquator liegt. Die Mitte der Welt liegt etwa 25 Km von Quito entfernt und es ist erstaunlich, wie fein diese Linie doch ist. 1736 bestimmte eine französiche geodätische Mission die Lage, verrechnete sich aber um 180 m, so dass das heutige Äquatortouridorf “Mitad del Mundo” quasi eine Fälschung ist. Im benachbarten Intiñan Museum konnte aber mit neumodischem GPS die genaue Lage bestimmt werden. Es gab einen schöne Demonstration, wie direkt auf dem Äquator das Wasser ohne Strudel abfließt und nur drei Meter nördlich oder südlich, der Strudel gegen oder mit dem Uhrzeigersinn verläuft. Wirklich beeindruckend.

Tja und dann warteten wir im L’Auberge Inn geduldig auf den Dell-Support, der jeden Tag auf’s Neue ankündigte einen Techniker zu schicken. Dummerweise gab es immer wieder neue Probleme und auch diverse Pöbelmails schienen keinen Erfolg zu bringen, so dass wir nach fünf Nächten in Äquatornähe nach Otavalo aufbrachen, um uns den größten Markt Südamerikas anzuschauen.





Ausnahmeszustand.

23 06 2009

Ort: Latacunga, Zumbahua, Quilotoa, Chugchilan (ECU)
Zeitunterschied: -7 Std. MEZ
Wetter: bedeckt mit Nebel

Die 9-stündige Fahrt von Cuenca nach Latacunga lief recht ereignislos ab. Es gab die übliche Filmvorführung in dem dieses Mal ein Ninjutsukämpfender Affe als Spion die Welt rettete und uns den letzten Verstand raubte. Auch die übliche Schar an fliegenden Händlern und naja nennen wir sie mal Performancekünstlern war wieder bei jedem Stop an Bord. Entweder wird einem etwas über den menschlichen Körper erzählt und dann wundersame Tabletten verkauft, ein schwarzer Costeño gibt eine Rapeinlage zum Besten oder ein Marionettenmann denkt die Leute zum Lachen zu bringen, wenn er ihnen mit seiner Puppe vor den Nase herumfuchtelt. Die Händler wiederum versuchen Hühnchen mit Kartoffeln, frischen Bananenkuchen oder auch Obst zu verkaufen, wobei aber das Geschäftsmodell nicht zu 100% durchdacht zu sein scheint. Es kommen drei Leute rein und alle haben das für den Bus ehrer benutzerunfreundliche Obst Orange dabei. Was sich nun Verkäufer drei für Erfolgsaussichten ausmalt, wenn schon die ersten beiden keinen Erfolg hatten, bleibt ein südamerikanisches Mysterium. Produktdiversifikation ist generell keine Stärke der Südamerikaner, da sich der Verkauf ein und derselben, beliebig austauschbaren Ware oft auf genau einen Punkt konzentriert. Eine Straße wo es nur Fliesen gibt, eine andere wo nur nachgemachte Fußballtrikots feilgeboten werden oder eine Straße mit 20 Internetcafes, was besonders als nichts ganz helle erscheinen mag, wohl aber doch seine Existenzberechtigung zu haben scheint.

So kann auch der Eindruck entstehen, dass alle Welt nach Latacunga zum Frisör geht, denn die Stadt hat das gefühlt höchste Frisöraufkommen pro unfrisiertem Kopf. Aber eigentlich sollte uns die Stadt als Basislager für den sogenannten Quilotoa-Loop in der Nähe des Vulkans Cotopaxi dienen. Im ecuadorianisch-holländisch geführten Hostel Tiana gab’s Infos und eine detaillierte Wegbeschreibung.

Zuerst sollte es in die 40 Häuser umfassende Metropole Zumbahua gehen, wo am Samstag ein authentischer, lokaler Markt ohne Touri-Schnickschnack stattfinden sollte. Zu Dina’s großer Freude wurden vor Ort auch (hauptsächlich) Schafe geschlachtet. Sehenswert. Danach ging es auf der Ladefläche eines Pick-ups, die wir uns mit drei Spaniern teilten, zur Kraterlagune des Quilotoa-Vulkans, die dann ausführlich bestaunt wurde. Der Weg von der Lagune zum Dorf Chugchilan gilt als einer der schönsten Wandertouren Ecuadors und mit der Wegbeschreibung bewaffnet, machten wir uns auf den Weg. Schon nach 10 Minuten waren wir “lost”, bekamen aber doch noch die richtige Kurve, bevor wir dann nach 1,5 Stunden wirklich kurz vor der Umkehr standen, da wir das Gefühl hatten, dass uns das Gewirr aus zahlreichen Wegen auch wieder nach Peru hätte führen können. Bis plötzlich aus dem Nichts Gonzalo Diaz auftauchte und uns in sein Dörfchen Guayama mitnahm. Die Welt ist nun um einen Fortuna Düsseldorf Fan reicher, denn als Dank gab es einen mundgeklöppelten Aufnäher.

Der weitere Weg nach Chugchilan konnte dann recht problemlos gefunden werden und führte uns durch die neblige Landschaft des ecuadorianischen Andenhochlandes. Nach 4,5 Stunden kamen wir Mama Hilda an, die uns und den anderen Hostelgästen ein kräftiges Abendmahl bereitete und wir wie eine große Familie um den Tisch versammelt waren. Mit Andrea, aus der anderen Stadt am Rhein, konnten dann noch lustige Reisegeschichten von Busfahrten, Diarrhoe und Busfahrten mit Diarrhoe ausgetauscht werden. Schön.

Sonntag wollten wir dann mal eben von Chugchilan zurück nach Latacunga. Wenn da nicht Wahlen des andinischen Parlaments gewesen und ganz Ecuador auf den Beinen gewesen wäre. Hier herrscht Wahlpflicht (bei Nichtantritt drohen 20 US$ Strafe) und die Ecuadorianer wählen nicht im Wahlbezirk ihres Wohn- sondern ihres Geburtsorts, was eine ganze Völkerwanderung zur Folge hatte. Und daher lief die Rückfahrt etwas anders als gedacht.

Der Bus kam und es spielten sich tumultartige Szenen ab, denn auch hier unterlagen die Einheimischen dem weltweit verbreiteten Unverstandsphänomen beim Besteigen des Busses. Anstatt erst mal die Leute im Bus aussteigen zu lassen, stürmte der Pöbel den Bus durch Fenster und Tür. Sogar Kleinstkinder wurden durchs Fenster gereicht und als Platzreservierung benutzt. Nach 25 Minuten hatten sich die Passagiere dann ihren Weg nach draussen gekämpft und auch wir konnten Sitzplätze erhaschen. Die Fahrt war dann auch super. Es ging über eine schlechte Straße, die selbst die Beschreibung Feldweg nicht verdient hatte. Der Bus schwankte einige Mal bedenklich und die am Fenster Sitzenden mit Blick zum Abgrund im ecuadorianischen Hochland wurden einige Male sehr unruhig. Etwas zu unruhig für Leute, die diese Strecke regelmäßig fahren. Die Lage wurde auch nicht entspannter, als einer anfing kleine Jesusbildchen auszupacken. Halleluja. Die immer schlechter werdende Sicht bei dichtem Nebel trug ebenfalls nicht unbedingt zur einer gemütlichen Kaffeefahrt bei. Auch der Busfahrer mit einem verschlagenen Gesichtsausdruck, der bei jedem Grinsen seine Silberumrandeten Schneidezähne entblösste und einen stereotypischen Bart trug, wie man ihn aus südamerikanischen 70er Jahre Räuberpistolen kennt, machte die Sache nicht vertrauenswürdiger. Mich hätte es nicht gewundert, wenn ihm plötzlich zwei Hörner gewachsen wären und wir mit Höllentempo in den Teufelschlund gefahren wären. Das einzige was die Passagiere am Leben hielt, waren wummernde Criollo-Pop-Beats und schmalzige Melodien zu noch schmalzigeren Texten, wie “Yo tengo cuarenta y tu tienes veinte, no importa que dice la gente” (”Ich bin 40 und du bist 20, es ist egal, was die Leute sagen”, Anm. d. Red.). Nach vier Stunden kamen wir dann doch überraschend unversehrt in Latacunga an und wollten uns auf den direkten Weg nach Quito machen.

Noch schnell ins Hostel Tiana unsere Klamotten abholen und dann mit dem Taxi zum Busbahnhof, denn ein sintflutartiges Gewitter ergoß sich aus vollen Rohren. So zumindest der Plan. Doch selbst nach dreimaligem Anlauf kam einfach kein Taxi. Ein schlechtes Omen. Am Busbahnhof angekommen sollte sich dieses bewahrheiten. Hunderte Menschen wollten nach der Wahl zurück nach Quito und auch hier spielten sich wieder Tumulte ab. Obwohl die Busse im 5-Minuten-Takt kamen, war der Pöbel außer Rand und Band. Es wurde geschubst, die überforderte Polizei beschimpft, Babys schrien und wir mit vollem Gepäck mittendrin. Ausnahmezustand. Irgendwie sind wir dann in den Bus und gut nach Quito gekommen. Zwar um ein paar Nerven ärmer aber auch um ein paar Erfahrungen reicher. Und selbst die fliegenden Händler hatten es in diesem Chaos geschafft einen Weg in den Bus zu finden. Der ganz normale Wahnsinn eben.





Ein wichtiger Sieg.

18 06 2009

Ort: Cuenca (ECU)
Zeitunterschied: -7 Std. MEZ
Wetter: verregnet

Nach Vilcabamba nun also Cuenca und es gab auf der Fahrt mal wieder ein besonderes Schmankerl aus der Busvideothek: Rocky II, III und IV. Herrlich schlecht synchronisiert und dann lief auch noch die Tonspur hinterher.

Cuenca liegt im andinischen Hochlandbecken und hat so einiges an kolonialer Bausubstanz herumstehen. Das bedeutendste Gebäude ist allerdings noch recht frisch, die 1885 begonnene Neue Kathedrale, die 11.000 Gläubigen Platz bietet und somit eine ordentliche Hausnummer ist. Und dann war da noch Fronleichnam oder Corpus Christi, wie es hier ja heißt. Mit großem einwöchigem Tamtam, Schauspiel und Feuerwerk sowie zahlreichen Ständen mit süßem Naschwerk. Allerdings hatten wir seit Beginn der Reise das erste Mal durchgehend mieses Regenwetter, so dass viele Fronleichnamsfestivitäten gecancelt wurden mussten und man lieber drinnen als draußen war.

Cuenca ist als Zentrum der Hutflechterei bekannt und vor allem für den sogenannten Panamahut, den auch schon der Generalsekretär des Zentralkomitees der SED und Staatsratsvorsitzender der DDR Erich Honecker zu schätzen wusste. Lehrreiches gab es dann im Hutmuseum zur Tradition und Herstellung des Hutes, der trotz seines Namens in Ecuador hergestellt wird. Auch hier mal wieder viele Theorien, warum der Hut aus feinem Toquilla-Stroh eine so irreführende Bezeichnung hat. Bei Kurt Dorfzaun wurde zugeschlagen.

Doch das schlechte Wetter hatte nicht nur Schlechtes, denn bei Sonnenschein kümmert man sich nicht so gern um die nervigen Dinge wie ein kaputtes Notebook. Im Computerladen schauten wir zunächst in ratlose und besorgte Gesichter, was die Rettung unserer Photos, Emails, persönlichen Dokumente wie Bewerbungsunterlagen usw. anging. Nach einigem Hin und Her wurde aber versprochen, dass wenn Ecuador in der WM Quali gegen Argentinien gewinnen sollte, auch unsere Daten gerettet werden würden. Es hieß also Daumen drücken. In ganz Cuenca und wahrscheinlich ganz Ecuador gab es an diesem Nachmittag nichts anderes als Fußball in der Glotze. In jedem Cafe, in jedem kleinen Büdchen, jedem Friseur oder Hutladen, es lief Fußball. Die Stimmung war so, wie im schwarz-rot-goldenen Sommer 2006. Und wir sahen schon schwarz, als Tevez zum Elfmeter für Argentinien antrat, doch der gebürtige argentinische und eingeecuadorianerte Torhüter konnte den Strafstoß vereiteln und Ecuador in der Folgezeit zwei Treffer zum verdienten Sieg erzielen. Unsere Daten und vor allem Photos waren gerettet und konnten auf einer externen Festplatte gesichert werden. Naja fast zumindest, denn Schockschwerenot, alle Outlook-Daten sind hinfort. 2.000 Emails, alle Kontakte mit Post- und Emailadressen, Geburtstage etc. Wer sich also in Zunkunft eine Karte aus fernen Ländern oder Geburtstagswünsche erschleichen möchte, der schicke doch seine Daten an bekannte Email oder via Kontaktform .

Nächste Ausfahrt wird dann Latacunga sein.





Im Tal der Langlebigkeit.

17 06 2009

Unsere Flucht aus Peru entpuppte sich als wahre Ochsentour. Denn zum einen gehört Peru sicher nicht zu den kleinsten Ländern Südamerikas, zum anderen liegt unser Bestimmungsort im ecuadorianischen Vilcabamba nicht unbedingt direkt an der Panamericana.

Zuerst ging es sieben Stunden nach Lima, der Stadt von der wir soviel Gutes gehört hatten, dass wir unseren Aufenthalt auf vier Stunden reduzieren konnten, um dann sofort weiter nach Tumbes weiterzufahren. Die Fahrt dauert nochmals sportliche 19 Stunden und es ging vom Bus direkt ins Taxi, um die 25 Km zur Grenze zu bewältigen. Und für Leute die die Grenze zu Fuß überqueren wollen, hat man sich ein besonders unkompliziertes Prozedere ausgedacht. Das Taxi kann natürlich nicht über die Grenze, also läuft man durch Unmengen von Straßenhändlern, Transitlern und Dieben, die in der Masse ihr Glück versuchen. Danach ging es zum Busbahnhof, der aber nichts anderes als ein “Büro” am Straßenrand war. Zu dem Zeitpunkt war man aber noch nicht offiziell eingereist und die Immigration lag etwa 3 Km hinter der Grenze und wieder ins nächste Taxi. Dann unfassbar langsame Grenzbeamte beobachten müssen und wieder zurück mit dem Taxi. Der Bus sollte dann aber gleich fahren, nur eben nicht die erhofften 2-3 Stunden, sondern erst mal fünf (bei entspanntem Verkehr) bis nach Loja und dann nochmal eine Stunde nach Vilcabamba, dem ersten Ziel unser Reise in Ecuador. Naja, nach 40 Stunden waren wir dann auch schon da.

Und weil die Anreise so gemütlich war, hat es uns die nächsten Tage wieder mal komplett aus den Latschen gekippt und wir verbrachten die ersten Tage mit süßem Nichtstun. Aber wo kann man sich besser erholen als im kleinen Dorf Vilcabamba, dem Tal der Langlebigkeit. Die Region ist dafür bekannt eine überdurchschnittlich hohe Zahl an Mitbürgern mit einem Alter von über 100 Jahren hervorgebracht zu haben. Der älteste Vilcabambero starb angeblich mit 129 Jahren und hat in dieser langen Zeit 238 Kinder produziert. Die Bedingungen dafür stehen auch nicht schlecht. Das Klima ist ganzjährig mild bis warm, die Ernährung durch viel Obst und Gemüse recht gesund und man zeigt ein freundliches Desinteresse am Rest der Welt. Und so sind auch mittlerweile über 700 Ausländer in der Region registriert, die sich hier ein entspanntes Leben fernab von Abwrackprämie, globaler Krise und Piraten vor Somalia versprechen.

Und so konnten wir bei Jean (ein kauziger Franzose, eigentlich ständig fluchend: “Pfffff, le merde!”) im schön begrünten Hostel Rendezvous in der Hängematte liegend und bei sensationellem Frühstück, für sechs Tage nicht nur die Seele baumeln lassen. Es gab einen kurzen Ausflug ins private Rumi Wilco Reserve, einen Rundgang durch die umliegenden Dörfer mit Fluß- und Bananenplantagendurchquerung sowie einen Besuch in einer kleinen Panelafabrik. Dazu gab es gutes Essen, wie z.B. frittierte Amazonas-Froschschenkel und eine 1,5-stündigen Massage bei Lola, die trotz ihres Namens seriös gearbeitet hat.

Der erste Eindruck von Ecuador ist so ganz anders als Peru und läßt auf mehr hoffen.





Ein Herz für Kinder.

12 06 2009

Wenigstens einmal haben die Peruaner Herz bewiesen, denn hier wird Bier an Alt und Jung verkauft. Die Redaktion findet’s toll.

ein herz fuer kinder





Linien in der Wüste.

12 06 2009

Ort: Nasca (PER)
Zeitunterschied: -7 Std. MEZ
Wetter: wolkenlos

Dieses Mal ging es im Luxusbus von Oltursa von Arequipa nach Nasca (Quechua-Schreibweise, Nazca mit z ist die spanische Version, Anm. d. Red.), die Stadt, die nach der bedeutenden präinkaischen Kultur beanannt ist. Die Stadt selber ist hässlich bis potthässlich, man hat eigentlich nur einen Grund hier her zu kommen und zwar die berühmten Nasca-Linien zu bestaunen.

Wir hatten einen wolkenlosen Morgenhimmel, 8:30 Uhr gab es angenehme Temperaturen, perfektes Flugwetter also. Für 55 US$ hatten wir einen 30-minütigen Rundflug über die bekanntesten geometrischen Formen und Designs wie Kondor, Affe oder auch dem “Astronauten” gebucht. Wir wurden zu fünft in eine Cessna 206 verfrachtet und mit Pilot Richard ging es los. Schon in in der ersten Flugkehre wirkten sich die Fliehkräfte negativ auf Gleichgewichtssinn und Mageninhalt aus, was zur Folge hatte, dass sich unsere Gesichtsfarbe schnell der des Fluggerätes anpasste. Die verschiedenen Geoglyphen konnten wir dann aber doch genießen, waren aber ebenso froh zur Landung anzusetzen, als der 100 Kg Typ vor uns plötzlich anfing in eine Tüte zu kotzen. Wir hatten ja vorsorglich nicht gefrühstückt.

Über den Sinn und Zweck der Linien wird bis heute spekuliert und es existieren zahlreiche Theorien, von astronomischem Kalender über Bewässerungssystem bis hin zu Dänikens Unfug von Außerirdischen. Die realistischste Annahme besagt allerdings, dass die Muster Fruchtbarkeitsritualen in dieser öden, unwirtlichen Gegend gedient haben sollen, der Affe beispielsweise stand für den Regen, der Kolibri fungierte als Botschafter zwischen Mensch und Gottheiten und der Kondor repräsentierte den Gott des Himmels oder der Berge.

Peru hatte mit Machu Picchu und Nasca seine Highlights, hat uns aber keine guten Vibes gebracht. Der Tourismus hat uns kalt erwischt, die südliche Route, ein Klassiker auf dem Gringo Trail, hat zuviele Pinocchios mit Dollarzeichen in den Augen hervorgebracht. So werden aus den geplanten sieben Wochen Peru nicht mal drei und Oltursa wird uns von Nasca nach Lima und von dort direkt und ohne Übernachtung nach Tumbes ganz im Norden bringen.

Somit wird das letzte Highlight von Peru der Grenzübertritt nach Ecuador sein, wo wir uns wieder etwas entspanntere Leute versprechen. Wir freuen uns auf 24 Stunden Busfahrt und die letzten zwei Monate in Ecuador und Kolumbien. Und es sollte jetzt wirklich nur noch tropisch werden. Nach etwa zwei Monaten im Altiplano von Südamerika, dem zweitgrößten Bergplateau nach Tibet, einer Landschaft aus Eis und Feuer, Wind und Salz, erwarten uns nun tropisches Äquatorialklima und weiße Karibikstrände.





Wer Wind säht…

8 06 2009

Als ich etwa 7 Jahre alt war, hatte ich wie viele andere Kinder ein Haustier. Sie sollen helfen zu lernen Verantwortung zu übernehmen und auf die Bedürfnisse anderer einzugehen. Oder man findet es einfach nur putzig. Meins war ein Angora-Meerschwein und hatte den ausgefallenen Namen Mucki. Dann starb Mucki, ohne den Zenit eines Meerschweinchenlebens überschritten zu haben. Böse Zungen sprechen vom Resultat sozialer Inkompetenz. Und Muckis Tod schien nicht ohne Folgen zu bleiben.

So entwickelte ich eine ausgefeilte Meerschweinhaar-Allergie, die sich in ein wirklich atemberaubendes Asthma steigern kann. Doch ich spührte, dass auch für mich irgendwann der Tag der Vergeltung kommen würde. In den Anden gehört Meerschwein, oder auch Cuy, zu den wenigen domestizierten Tieren und ist seit Jahrhunderten eine Delikatesse auf den Märkten und den Speisekarten traditioneller Küchen. Cuy Chactado, ein ganzes Tier mit krokanter Kruste auf einem Tomaten-Zwiebelbett mit Kartoffeln. In Mario Puzos Klassiker “Der Pate” kann man lesen, dass “Rache ein Gericht ist, das am besten kalt serviert wird”. Nun in diesem Fall wurde das Cuy warm bereitet und es mundete ganz deliziös auch wenn der kleine Racker nicht viel Fleisch hatte. Die Wachtel unter den Nagern sozusagen, geschmacklich aber dem Kaninchen nahe.

Doch Muckis Fluch schien noch nicht erschöpft. Beim Versuch die Photos des Cuy-Festmahles auf mein Notebook zu ziehen, um mich an meiner Vergeltung zu ergötzen, verabschiedete sich die Festplatte meines noch recht jungen Dell-Rechners. 2:1 für Mucki.

Wer Wind säht, wird Sturm ernten.





Die Stadt in der Stadt.

8 06 2009

Ort: Arequipa (PER)
Zeitunterschied: -7 Std. MEZ
Wetter: agradable

Und die peruanische Verarsche ging weiter. Statt der angekündigten 10 Stunden brauchten wir 13, um von Cusco in die andere große Kolonialstadt Perus, nach Arequipa zu kommen. 22 Uhr abends war somit unser eigentlich reserviertes Zimmer schon vergeben, weil angeblich ein kranker Tourist das Zimmer vollkotzte. Genau, und ich war der König von Spanien. Zum Glück stellte sich die Alternative als die bessere Option heraus. Wir residierten kolonial für einen proletarischen Preis im Samana Wasi. Die Gewölbedecke war 6 m hoch, es gab einen schön begrünten Patio und eine Sonnenterrasse. Frühstück kostete 1€ für uns zwei Hanseln.

Wie viele Gebäude der Stadt war auch unser Gebäude aus weißem, vulkanischen Sillargestein gebaut, was Arequipa auch den Beinamen “Die weiße Stadt” eingebracht hat. Das wichtigste Zeugnis kolonialer Architektur ist aber zweifellos das über zwei Hektar große Kloster Santa Catalina. Eine Stadt in der Stadt. Das Babylon der Klausurnonnen, wo sich die Frauen einrichteten, nie wieder ins normale Leben zurückzukehen. 1970 wurde es nach 430 Jahren Isolation geöffnet und der Öffentlichkeit zugängig gemacht. Fein, fein.

Doch nicht nur für ihr koloniales Vermächtnis ist Arequipa bekannt, sondern auch für die gute Küche. Rocoto Relleno, mit Hackfleisch gefüllte scharfe Paprikaschoten, Chupe de Camarones, leckere Garnelensuppe und Queso Helado, was übersetzt soviel wie Käseeis heißt, aber der beste Nachtisch der Welt, bestehend aus verschiedenen Milchsorten, geraspeltem Kokos und Zimt, ist. Überhaupt Eis, wir laben uns an phantastischen Sorten aus verrückten Früchten wie Chirimoya, ein Schuppenapfelgewächs aus der Familie der bedecktsamigen Pflanzen auch bekannt unter dem appetitanregenden Namen Ochsenherz oder auch Papaya Arquipeña, Algarrobina, Grenadilla und Membrillo. Da kann selbst der geschätzte Leser die Exotik schmecken, anstatt sich von einem geheimnisvollen Weichspüler in fremde Welten entführen zu lassen.

Und einmal in Arequipa, kommt man um einen Besuch des Colca Canyons nicht herum. Publikumswirksam als der tiefste Canyon der Welt verkauft, was natürlich nicht stimmt, aber hey wir sind in Peru, dem Land der südamerikanischen Münchhausens, wohl aber wirklich doppelt so tief wie der Grand Canyon in dem großen Land etwas weiter nördlich. Der erstbeste Touroperator wollte für 3 Tage/ 2 Nächte 170€ pro Nase wonach uns erst mal der Kitt aus der Brille fiel, denn nach Kalkulation bei Durchführung auf eigene Faust lagen die Kosten bei weniger als 1/4.

Wir also mit dem lokalen Bus via Chivay nach Cabanaconde in den Canyon rein und uns leichtfertig vom Tourismusbüro übers Ohr hauen lassen. Es wurde mal wieder ein Touriticket fällig, dass einzig und allein dazu diente, uns das Geld aus der Tasche zu ziehen. Wir hätten es besser wissen müssen. Dann etwa drei Stunden in die Oase abgestiegen, die ein grüner Vegetaionsfleck im sonst so staubigen und heißen Canyon ist. Aufgrund blasengeplagter Füße und der Hitze blieben wir dann auch am Pool hängen, anstatt weiterzuwandern. Für den Rückweg genehmigten wir uns dann auch den Luxus des steilen Aufstiegs auf dem Rücken von Mulis. Mulis sind wirklich robuste Lasttiere und eine Mischung aus Pferd und Esel, sowohl Größe als auch Aussehen betreffend, wobei ein Muli deutlich mehr Traglast weggeschafft bekommt (80 Kg, ix 160 vs Esel). Leider vertrug Juana, Dinas Muli und Erste in unserer kleinen Karawane, das Oasenwasser nicht sehr gut und erfreute mich als Dahinterreitenden volle zwei Stunden mit beachtlichem Stuhlgang und ausschweifenden Flatulenzen.

Zurück in Arequipa wurde noch zwei Tage die lokale Küche genossen, bevor es mit Oltursa acht Stunden gen Nasca gehen sollte.